CAP. III.

[23] So reiset nun die Narrenbegierige Compagnie dahin, und wußte sich sehr viel, daß sie ein Recommendation-Schreiben von dem Priester mit nehmen kunten, an einen vornehmen Mann, welcher in der nechsten Stadt vor den Gelehrtesten im gantzen Lande gehalten wurde. Sie sahen sich auch unterwegens ümb, aus Furcht, die Häscher und Landknechte möchten hinten nach galloppirt kommen; und legten also die vier Meilen glücklich zurücke, daß sie vor der Sonnen Untergang in die Stadt gelangten. Sie fragten nach dem besten Wirthshause, und als sie ein Losament gefunden, auch die Abend-Mahlzeit bestellen lassen, kam ein fremder Kerle, der von aussen Ansehens genug hatte, einen Candidatum Juris, oder wohl gar einen Gräfflichen Gerichts-Verwalter zu bedeuten, diesen hieß der Wirth alsobald wilkommen seyn, fragte ob er nicht[23] seinen Verrichtungen so viel abbrechen könnte, den vornehmen Gästen Gesellschafft zu leisten. Er wegerte sich anfangs, es wäre gleich Post-Tag, da er warten müsse, ob nicht Brieffe von seinem Principalen ankämen: Doch habe er seinem Secretario Befehl gegeben, im Posthause nach zufragen, und könne er endlich so lange, und nicht weiter verziehen. Hierauff bat der Wirth, sie möchten sich nicht lassen zuwider seyn, daß, in dem er selbst ab und zugehen müsse, er einen andern zum Wirth gemacht hätte. Nun schiene der Kerle anfangs trefflich reputirlich, daß dem Hoffmeister selbst angst war, ob er den stattlichen qualificirten Menschen hoch genug respectiren würde. Er schwatzte von lauter Staats-Sachen, und setzte zu allen Erzehlungen solche artige Politische Regeln, wuste darneben höffliche Schertzreden mit einzumischen, daß man gemeynet hätte, er müste einen Reichs-Rath in dem Leibe haben. Niemand aber hatte das Hertze zu fragen, was er vor eine Charge bediente, weil er alle seine Reden so einrichtete als solte man an seinem Maule ansehen, was er vor ein Miraculum hujus seculi wäre. Endlich als er etliche Becher Wein auf das Hertz genommen hatte, gab er sich bloß, daß er einen Sparren zu wenig, oder mehr als einen zu viel, haben müsse. Denn da ließ er sich in wunderliche discursen heraus. Ich lache, sagte er, wenn ich die Schwachheiten ansehe, die in den vornehmsten Republiqven vorgenommen werden. Zwar die Potentaten sind selbst Ursache daran. Einen Kerlen, der nicht weiß was vor ein Unterscheid ist inter Rempublicam Laconicam aut Æsymneticam, und der nicht einmal speculiert hat, an Aristocratia prævaleat Monarchiæ, den setzen sie oben an geben ihm Geld über Geld, daß sie ihn nur gewiß behalten, hingegen wenn sie ein qualificirt Subjectum meines gleichen nur mit geringer Bestallung begnadigen sollen, so ist kein Geld vorhanden. Es tauret mich; daß ich dem Könige in Engeland so viel Ehre angethan, und ihm einmal auffgewartet habe, weil ich nun befinde, daß meine guthertzige Meynungen so liederlich verworffen worden. Was gilts, hätte er mir gefolget, Holland und halb Franckreich solte sein seyn, ich rieth, man solte einen Damm[24] durch den Canal machen, und nur bey der Insul Wicht eine kleine Durchfarth lassen, etwan so groß als der Sund in Dennemarck. Zwar die Narren lachten darüber, und gaben also ihren Verstand an den Tag; daß sie nicht gelesen, wie der Cardinal Richelieu eben auf solche Masse die unüberwindliche Stadt Rochelle bezwungen. Ach ihr stoltzen Hamburger, hättet ihr mich zu eurem Bürgemeister gemacht, ietzt wäre die Farth von Lübeck bis in die Elbe fertig, und solten die Polnischen Korn-Schiffe den Zoll, der sonst im Sunde abgeleget wird, bey euch bezahlen. Was hilffts? Serò sapiunt Phryges. Ich wolte euch nun nicht kommen, wenn ihr mir die vier Lande darzu schencken wolltet. Der Marquis Caracena, das war ein braver Herr, der wuste was hinter mir war, hätten mich seine Pagen nicht bey ihm verkleinert, ich wolte ietzt Niederländischer præsident seyn: Es solte auch ein bißgen besser umb die Spanische Armee stehen. Denn ich weiß, daß die Catholischen und Calvinischen Kinder ohne dieß nicht in den Himmel kommen, drumb hätte ich dieselben nicht tauffen lassen, sondern hätte das gewöhnliche Patengeld an die Soldaten verwendet. O Franckreich! wo hättestu bleiben wollen. Aber ô ihr Christen wie glückselig seyd ihr, daß ich ein Gewissen habe, sonst, wann ich auf vielfältiges Ansuchen deß Türckischen Käysers wäre Grandvezier worden, so wolte ich in der Stephans Kirche zu Wien dem Mahomet zu Ehren die künfftige Pfingst-Predigt halten lassen. Doch der Hencker hat die Jesuiten erdacht, die mich keinmahl vor ihre Käyserliche Maj. gelassen haben. Ich wolte ein Mittel vorgeschlagen haben, daß dem Bluthund in Constantinopel solte angst und bange worden seyn. Denn wie leicht wäre es gethan, daß ein Befehl ausbracht würde, alle Mönche und Nonnen solten etliche mal beysammen schlaffen, und Kinder zeugen, darauß in 20. Jahren eine vollständige Armee könte formirt werden. Es schiene, als könte der possierliche Sausewind kein Ende finden, so sehr hatte er sich im discurse vertieffet, doch machte Gelanor einen Auffstand, welcher einen Boten wegen aussenbleibendes Wechsels noch vor Tages abfertigen solte. Inzwischen machte sich Florindo,[25] nach dem er etwas freyere Lufft bekommen, über den Politicum her, verwunderte sich über die sonderbahre Weisheit, und wünschte ihn zum Hoffmeister zu haben. Dem Kerln wackelte das Hertz vor Freuden und weil er ihn vor einen jungen Fürsten hielt, ließ er sich desto eher zu solcher Charge behandeln. Da gieng es nun an ein Vexieren, er muste etliche grosse Humpen auf deß Fürstlichen Hauses Wohlergehen außsauffen, und dabey mit dem Mahler und etlichen Pagen auf den Tisch steigen, biß es endlich auf Nasenstüber und Kopffstösse hinaus lieff, welche der Auffschneider schwerlich würde vertragen haben, wenn ihm Florindo nicht ein paar Reichsthaler an den Hals geworffen hätte. Doch schnitten ihm die Jungen unterschiedene Löcher in die Kappe, pinckelten ihm in die Degen-Scheide, heffteten ihm Hasen-Ohren an die Krempe, mit einem Worte, sie thaten alles was man bey einem perfecten Hof-Narren nicht zu vergessen pflegt. Mit solchen Ceremonien schafften sie auch die volle Sau von sich, und meynte Florindo, er würde bey seinem Hoffmeister grossen Danck verdienen, wenn er ihm früh Morgens die artige Action erzehlen würde. Aber er muste wider sein Verhoffen einen dichten Filtz mitnehmen. Was meynt ihr wohl! sagte Gelanor, welcher die gröste Thorheit begangen. Der gute Mensch hat freylich in das Hasen-Fett tieff genung eingetütscht; aber wer klug seyn will, hat billich mit dessen Unglücke Mitleiden, daß er seine Vernunfft nicht besser anwenden kan. So habt ihr das Widerspiel erwiesen, und habt euch von diesem Narren selbst lassen zum Narren machen. Und dazu was wollet ihr euch einer solchen Vexiererey berühmen, da ein schlechter und einfältiger Gümpel durch gute Worte berücket worden. Diese Kunst hätte der schlimste Handwercks-Junge gleich so gut zu practiciren gewust: wer Auffzüge machen will, der wage sich an verständige Leute, die vor übriger Klugheit das Gras wachsen hören; und hat er da was erhalten, so will ich helffen mit lachen, und wil sagen, daß die Probe gut abgeleget sey. Diese Predigt hätte ohn allen Zweiffel noch länger gewähret, wenn Eurylas nicht erinnert hätte, ob sie bald ihr recommendation-Schreiben an den vornehmen[26] gelehrten Mann übergeben wolten. Gelanor war willig darzu, allein Eurylas gedachte, er hätte den Priester bey Vollendung des Brieffes lachen sehen, und zweifelte also nicht, es müste was lächerliches darinn enthalten seyn. Wenn es ihnen gefiele, er wolte durch ein sonderliches Kunststücke den Brieff auff und wieder zumachen, daß niemand etwas daran mercken solte. Nun wolte sich Gelanor schwerlich darzu verstehen, wenn er nicht diß zum Stichblat behalten, auf allen Fall, Wenn der Brieff verderbet würde, könte man ihn ohne Schaden gar zurücke laßen. Also befanden sie folgends:


Vir Clarissime.

Mitto tibi vulpem; mitto tibi leporem; utriusque curam sic habueris, ut intelligant, meam apud te valere recommendationem. Cura ut valeas.


Gelanor ruffte hierauff den Florindo auff einem Ort allein, hielt ihm den Brieff vor, er solte nun sehen, ob sein Thun von allen Leuten gebilliget würde, und ob es eine sonderbahre Ehre geben würde, wenn er mit einem solchen prächtigen Hasen-Titul auffgezogen käme: bat ihn darneben inständig, er solte sich der übermässigen Künheit entschlagen, und vielmehr in modesten und höfflichen Sitten seine Ehre suchen: Zwar die rechte Warheit zu bekennen, Florindo hätte den geistlichen Vater gerne auf die Klinge fordern lassen, wenn er gekunt hätte. Also fraß er die kurtze Lection mit aller Gedult in sich, und begehrte nur, man möchte den Brieff zurücke lassen. Nein, sagte Gelanor, wie hätten wir thun müssen, wenn der Brieff uns nicht wäre geöffnet worden, und über dieß wird er weder klüger noch närrischer, ob ihm ein ander einen verächtlichen Titul auf solche Weise anhängt, er trachte vielmehr dahin, daß er den übel informirten Brieffsteller zum Lügner mache. Diese Zurede nun würckte so viel, daß sie den Brieff durch einen Diener hinschickten, mit vermelden, es wären etliche frembde Leute im Wirthshause, welche inständig bitten liessen eine Stunde zu benennen, an welcher sie ihm ohn grosse verhinderniß auffwarten könten. Der Gelehrte Mann nahm so wol den Brieff, als die beygefügte Complimente mit aller Höffligkeit[27] an, und sagte, es wäre ihm allezeit gelegen vornehmen Leuten dienstfertig auffzuwarten, doch solte es ihm lieber seyn, wenn sie nach Tische umb 1. Uhr sich einstellen wolten. Solche Stunde nahmen sie in Acht, und gieng Gelanor mit dem Florindo allein dahin, da sie denn mit vielfältigen Ehrbezeigungen in die wolangelegte Studierstube geführet worden, und mit Verwunderung ansehen müssen, wie alle Wände mit den schönsten repositoriis bekleidet, die Bücher in lauter Frantzösischen Bänden mit vergüldten Rücken außgebutzet, und sonst alles so zierlich außgeführet war, daß man vermeynte, wenn Apollo selbst da residiren wolte, so würde ihm das Quartier nit schimpflich oder geringe seyn. Dazu wuste der ruhmräthige Besitzer die curieusen Gäste in ihrer Verwunderung wohl zu unterhalten, denn da zeigte er auf seine Bücher: dieses habe ich erst vor 8. Tagen aus Franckreich bekommen: dieses ist in Irrland gedruckt, und bin ich versichert, daß nur zwey Exemplaria davon in Teutschland gebracht worden. Dieses ist aus Rom verschrieben worden, und kömmt mich ein iedweder Bogen auf einen halben Reichsthaler zu stehen. Hier hab ich etliche unbekante Rabinen, die in Amsterdam gedruckt sind. etc. Diese demonstration währete länger als eine Stunde, und vergnügte sich Gelanor an den kostbahren und gelehrten Raritäten, welche er als einen Kern von allen Weltberühmten Büchern heraus strich. Ach sagte er, ist es auch möglich, daß in einem solchen Gemach etwas kan verdrießlich seyn. Ach wohl dem, der mit so schönem Zeitvertreib sein Leben geruhig und selig durchbringen kan. Hierauff begunten sie des herum Spatzirens müde zu werden, und satzten sich an eine kleine Tafel nieder, da brachte nun Gelanor etliche Fragen auf die Bahn, welche dem grossen Bibliothecario gnug zu schaffen machten. Und erkennete dieser schlaue Fuchs endlich, daß der Mann alle seine Kunst in dem erwiese, wie er Historicè von diesem oder jenem Buche reden könte, was vor ein Autor solches hervorgegeben, wo er gelebet, in was vor einem Ehren-Stander gesessen, wo es gedruckt worden, ob einer darwider geschriben etc. hingegen befand er in dem fundament[28] selbst so einen Mangel, daß wenn man ihm die Pralerey mit der grossen und abscheulichen Bibliothec benommen hätte, er kaum einem Dorff-Schulmeister wäre ähnlich gewesen. Drum als Gelanor wieder ins Wirths-haus kam, und Florindo sich über den weltberühmten Mann trefflich verwunderte, bat ihn der Hoffmeister, er möchte seine Verwunderung biß auf andere Gelegenheit lassen versparet seyn. Denn, sagte er, ist das nicht eine hauptsächliche Thorheit, daß einer mit etlichen 1000. Büchern die Erudition erzwingen will, gleich als wenn dieser ein perfecter Medicus seyn müste, der seine Simse mit lauter Apothecker-büchsen besetzet hätte. Die Bücher sind gut, aber von den außwendigen Schalen wird kein Doctor. Ich weiß auch, daß der Türckische Keyser viel Gelt hat, aber darum bin ich nicht reich: Also kan ich wohl wissen, wer von dieser oder jener Sache geschrieben; unterdessen folgt es nicht daß ich die Sach selbst verstehe. Ach wie wahr wird das Sprichwort: Mundus vult decipi. Denn wo die Frantzösische Bände gleissen, da fallen die Judicia hin: Ungeacht, ob mancher vielmehr mit seinem papiernen Hausrath außrichte als ein Esel, der einen Sack voll Bücher auff dem Rücken hat. Diese Leute gehören inter claros magis, quàm inter bonos. Wie Tacitus redet, oder wie Salustii Worte sind. Magis vultum quàm ingenium bonum habent.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 23-29.
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