CAP. XXXVI.

[168] Im Wirths-Hause war etliche Stunden zu vor eine Kutsche von 6. Personen ankommen, also daß der Wirth eine grosse Taffel decken ließ. Nun befand sich unter den Gästen ein junger Kerl, der wolte mit gantzer Gewalt ein Narr seyn, denn da mochte man vorbringen, was man wolte, so hatte er einen Possen fertig, zwar bißweilen kam es so uneben nicht heraus: doch gemeiniglich klang es so lahm, daß den andern das Weinen so nahe war, als das Lachen. Weil er aber bloß dahin zielte, daß die Compagnie lachen solte, nahm Eurylas seine Gelegenheit in Acht, als der vermeynte Pickelhering in der Küche war, und der Köchin den Planeten lesen wolte. Ihr Herren, sagte er, wir können diesen Abend keine bessere Freude haben, als daß wir den lustigen Menschen vor uns nehmen. Er wil uns mit aller Gewalt zum Lachen zwingen; wir wollen ihm den Possen thun, und allzeit sauer sehen, so offt er einen[168] Schnaltzer fahren läst. Dessen waren sie alle zu frieden und satzten sich zu Tisch, da kam der gute Hans Wurst auß der Küche gelauffen, und dachte die Suppe wäre schon versäumet, halt, halt ihr Herren, schrie er, nehmt mich auch mit, ich sehe wol, wenn ich den grünen Scharwentzel nicht besetzt hätte, ich wäre auf drey Däuser Labeth. Darauff sahe er sich um und verwunderte sich, daß niemand lachte, doch sagte er, botz tausend, es geht scharff, es geht gewiß vor vier und zwantzig Pfennige, wie Eulenspiegel einmal gefressen hat, doch des Schwanckes ungeacht, sassen sie alle vor sich, und machten saure Gesichte. Er satzte mit an, und aß seinen Theil auch mit. Endlich, als er so viel Händel vorbrachte, und gleichwohl nicht einen zum Lachen bewegen kunte, schämte er sich, daß ihm seine Kunst nicht besser ablauffen solte, und grieff sich derhalben auß allen Kräfften an. Ihr Herren sagte er, wir sitzen da an der Taffel zu trocken und zu stille. Ich muß euch etwas von meinem Lebens-Lauffe erzehlen. Der Wirth, der von dem abgelegten Karren nichts wuste, bat ihn gar sonderlich, er möchte es doch erzehlen, und die Gäste lustig machen, darauff fieng er also an. Es sind nun vier Jahr, daß mich mein Vater an einen fremden Ort schickte, da hatte ich mir vorgenommen, mit dem Frauengezieffer recht bekand zu werden, und wolte so lange auf die Courtoisie gehen, biß ich ein wichtig Weiber Stipendium zusammen bringen könte; Aber wie ich eingeplumpt bin, das ist unbeschreiblich: Wie ich mich aber revengirt, das ist unerhört. Meine erste Liebe warff ich auf ein Mädgen, die kam mir vor als ein Meerkätzgen. Denn gleich wie dieses halb ein Affe, und halb eine Katze ist, so war jene auch halb eine Magd, und halb eine Jungfer. Unter dem Gesichte sahe sie ein Bißgen auß wie ein abgeklaubter Kirmeß-Kuchen, sonsten mochte sie in ihren essentialibus noch gut genug seyn. Da lieff ich nun mit der Latte, und wuste nicht, wo ich den Rosenstock solte angreiffen. Ich mochte thun, was ich wolte, so war es vergebens, biß mir das Glück die Gedancken eingab, daß ich sie anbinden solte, da deuchte mich, als hätte sich der[169] böse Sinn umb ein paar Querfinger gebessert. Zwar das Angebinde an sich selbst, bestund in einer Teute Zucker, und einem Stück Band vor acht Groschen, nebenst diesen hertzbrechenden Versen, die ich halb und halb auß einer gedruckten und flüchtigen Feld Rose sehr künstlich nach machte.


Halt, halt Cupido halt, du Schelme,

Du thust mich gar zu sehr quälen.

Ich schwere bey deinem offenen Helme,

Und bey deiner armen Seelen,

Läst Du mein Hertz in liebes-Feuer verlodern,

So will ich dich auf den Hieb und auf den Stoß wie einen andern etc. herauß fodern.

Siehst du nicht meine abscheuliche Liebe,

Ach weh mir armen Schäffer-Knaben!

Mein Hertz sieht auß wie eine welche Rübe,

Da die Mäuse den Zippel abgebissen haben,

Und ie länger ich muß hoffen und harren,

Je mehr werd ich zum klugen Menschen.

Galathee die Schönste von unsern Nimpfen,

Besitzt mein Hertze und thut mich erhitzen,

Nun kan sie mich nicht leichtfertiger schimpfen,

Als wenn ich ihr Hertze nicht soll wieder besitzen,

Ich seh euch schon so wacker,

Wie eine vierzehn-tägige Kuhblum auf dem Acker.

Viel Glücks zu deinem erwünschten Nahmens-Feste,

Ich wünsche dir von Gold ein Häusgen,

Das Dach von Pfefferkuche auf das allerbeste,

Und die Latten von Zuckerstengeln, mein liebstes Mäußgen

Von Roßmarin Fensterlein

Und von Zimmetrinde Scheiben drein.

Biß der Ochse wird Filtz-Stiefeln tragen,

Biß der Quarck wird die Sau fressen,

Biß die Kuh wird auf der Theorbe schlagen,

Als denn will ich deiner vergessen,

Biß der Esel seinen Schwantz hat forne,

Und die Ziege auf dem Steiß ein Horne.


Das war ungefehr meine herrliche Erfindung, die mich so beliebt machte, daß ich den Tag darauff zu ihr[170] in das Haus bestellt ward. Ich war gehorsam, und folgte meiner Gebieterin, wie der Kuhschwantz dem Hornbocke: doch, als ich angestochen kam, erinnerte sie mich, ich möchte ja kein grossen Lermen machen, sie hätte einen Vater, bey dem sie nicht des Lebens sicher wäre, wenn er hinter die Sprünge kommen solte. Ich zischelte meine Complimenten so heiser zu, als hätte ich den Wolff tausendmahl gesehen, doch meiner stillen Music ungeacht, knasterte was an der Thür, und wolte in die Küche: da war mein Hertze wie eine gefrorne Pferde-Qvitte. Die Liebste bat mich, ich möchte sie nicht in Leibs- und Lebens-Gefahr bringen: Ich bat sie wieder, sie möchte mir eine Außflucht weisen. Nach langem Nachdencken muste ich in ein Wasserfaß steigen, und etliche Brete darüber legen lassen, da saß mein Narr frisch genug. Und ich werde es mein Tage nicht vergessen, wie sich meine lederne Hosen an dem Leib anlegten, darumb dachte ich auch, und wenn dich alles verläst, so halten die lederne Hosen bey dir. Aber als ich das kalte Wasser etwas schärffer empfand, ward mir die Zeit allmählich lang, doch es wolte mit dem herumblauffen in der Küche kein Ende werden. Nach drithalb Stunden ward es still, und da kam meine Liebste geschlichen, und fragte mich, ob ich meine Liebes-Hitze abgekühlet hätte? Aber ich bat umb schön Wetter, daß ich nur zum Fasse und Hause hinauß kam. In meinem Quartier zog ich mir den Possen erst zu Gemüthe, und wuste nicht, was ich der untreuen Seele vor einen Schimpff erweisen wolte. Nach langem Nachsinnen erfuhr ich, die Jungfer würde auf eine Hochzeit gehen, und ihre Mutter würde Tutsche-Mutter seyn, da bewarb ich mich bey dem Bräutigam, daß er mich auch bitten ließ. Nun wolte sich keiner zum Vorschneiden verstehen, ich aber bot mich selbst an, die Jungfer Tafel zu versorgen, da muste die gute Jungfer einen Verdruß nach dem andern einfressen, denn ich legte ihr alle Keulen, und sonst nichts rechtes vor; wann die andern Schmerlen kriegten, muste sie auf ihrem Teller mit Petersilge vor lieb nehmen. Summa Summarum, ich machte sie trefflich böse, doch dieses alles war mir noch nicht genug: sondern ich ließ meinen Jungen[171] unter die Tafel kriechen, und ließ gleich unter die Jungfer ein groß Glaß Bier gantz sachte außgiessen, daß es nicht anders außsahe, als hätte das liebe Mensch garstig gethan. Als denn nahm ich meine Gelegenheit in Acht, als die Tutsche Mutter in die Stube kam, und zum rechten sehen wolte, da ruffte ich sie zu mir, fieng mit ihr an zu schwatzen, fragte sie, ob es ihr sauer würde, und ob sie ein Stück Marcipan haben wolte? Indem entfiel mir das Messer, da war die gute Frau höfflich, und nahm das Licht vom Musicanten-Tische weg, und wolte das Messer suchen. Allein wie sie der grossen Katz-Bach unter dem Tische ansichtig ward, und den ersten Qvell bey ihrer Tochter abmerckte, überlieff sie eine schamhafftige und boßhafftige Röthe, daß sie außsah wie ein Zinß-Hahn, und der Tochter alsobald befahl, sie solte auffstehn. Die gute Schwester wuste nicht, was die Mutter in der Küchen- Kammer so heimlich mit ihr zu reden hätte, ich halte sie stund in den Gedancken, weil keine Hochzeit vorbracht würde, da man nicht eine andere erdächte, so würde sie nun die Reihe treffen, und würde ihr die Mutter Instruction geben, wem sie am höfflichsten begegnen solte. Aber mich deucht, sie kriegte die Instruction, daß ihr die Ohren summten, und daß ihr das Geschmeide vom Kopffe fiel. Da war kein erbarmen, da halff keine Entschuldigung, da folgte ein Schlag auff den andern; das beste Glück war, daß eine kleine Seiten-Treppe zur Hinter-Thüre zu gieng, da diese geputzte Venus mit der Magd heimlich fortschleichen kunte. Es hat mir auch ein guter Freund, der neben anwohnte, erzehlt, daß der Bettel-Tantz zu Hause erst recht angangen, und daß man auß allen Umständen hätte schweren sollen, das liebe Kind von neunzehen Jahren wäre umb das hinterste Theil ihres Leibes mit der Ruthe verbrämet worden. An diesem Unglücke hätte ich sollen besänfftiget werden; doch die unbarmhertzigen Angst-Läuse stacken mir in Haaren, daß ich die Historie in der gantzen Stadt außbreitete, und das Mensch in einen unerhörten Schimpff brachte. Ja, weil ich eine sonderliche Vene zu teutschen Versen bey mir merckte, setzte ich folgendes Lied auf, und ließ es vor ihrer[172] Thür absingen. Ihr Herren, daß ihr die Melodey mit begreiffen könnet, so will ichs auch singen im Thon: Ach traute Schwester mein, etc.


1.

Bullé Bullé Bullé

Ach weh, ach weh, ach weh!

Hättestu die Stube nicht naß gemacht,

So hätten wir dich nicht außgelacht,

Bullé Bullé Bullé :,:


2.

Bullé Bullé Bullé

Ach weh, ach weh, ach weh!

Wie schmecken dir die Kuchen fein,

Die in der Kuchen-Kammer zum besten seyn,

Ach weh, ach weh, ach weh :,:


3.

Bullé Bullé Bullé

Ach weh, ach weh, ach weh :,:

Hättestu nicht zu tieff in das Bier getütscht,

So hätte dich die Mutter nicht mit der Ruthe geklitscht,

Ach weh, ach weh, ach weh :,:

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 168-173.
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