CAP. XXXIX.

[181] Die lachten darüber, doch hatten sie ihre gröste Freude daran, daß Florindo so leicht darvon kommen. Nur dieß besorgten sie es möchte leicht ein recidiv zuschlagen, wenn sie gar zu bald die Lufft verändern wolten, drumb beschlossen sie, weil ohn dieß der Winter einbrechen wolte, und darzu der Ort so unannehmlich nicht war, etliche Monat außzuruhen. Da lieffen nun viel Thorheiten vor, doch waren die meisten von der Gattung, derer oben gedacht sind, also daß sie nur mehr Exempel zu einer Thorheit antraffen. Eines kan ich nicht unberühret lassen. Es kam die Zeit, da man die[181] Weynacht Feyertage zu begehen pfleget, da hatten sich an dem vorhergehenden heiligem Abend unterschiedene Partheyen bunt und rauch unter einander angezogen, und gaben vor; sie wolten den heilgen Christ agiren. Einer hatte Flügel, der ander einen Bart, der dritte einen rauchen Peltz. In Summa, es schien als hätten sich die Kerlen in der Fastnacht verirret, und hätten sie anderthalb Monat zu früh angefangen. Der Wirth hatte kleine Kinder, drum bat er alle Gäste, sie möchten doch der solennität beywohnen. Aber Gelanor hörete so viel Schwachheiten, so viel Zoten und Gotteslästerungen, die absonderlich von denen also genanten Rupperten vorgebracht worden, daß er mitten in währender action darvon gieng. Den andern Tag als sie zu Tische kamen, sagte Gelanor, ist das nicht ein rechtes Teufelswerck, daß man in der heiligen Nacht, da ein iedweder sich erinnern soll, was vor einen schönen und tröstlichen Anfang unser Heil und unsere Erlösung genommen, alles hingegen in üppigen und leichtfertigen Mummereyen herum läufft. Ich halte mancher trägt es einer Magd das gantze Jahr nach, biß er sie bey dieser anständigen Gelegenheit auff die Seite bringen, und die Beschwerung mit ihr theilen kan. Darnach gehts, wie mir die Gotteslästerliche Rede einmahl vorgebracht worden. Ich weiß nicht wer (Gott vergebe mirs, daß ich es nur halb vorbringe) habe der Magd ein Kind gemacht. Ja es geschicht daß der Nahme bey etlichen bekleibt, und also einer oder der andere etliche Jahr der heilige Christ heissen muß. Wie man nun darbey den hochheiligen Namen, davor die Teufel erzittern, mißbraucht, ist unnoth viel zu erzehlen. Ja bey dem gemeinen Volcke sind so grobe unbedachtsame Redens-Arten im Schwange, darbey die Kinder von Jugend an sich liederlicher und Gottsvergessener Reden angewehnen. Ein Schuster, wenn er seinen Kindern ein paar Schuh hinleget, so ist die gemeine Redensart, der heilige Christ habe sie auß dem Laden gestohlen, gleich als wären die Kinder nicht so klug, daß sie könnten nachdencken, darff der stehlen, der heilig ist, und den ich anbeten muß, so darff ichs auch thun. Dergleichen thun[182] andere Leute auch. Der Wirth hörte ihm zu, endlich sagte er: Ey wer kan alle Mißbräuche abschaffen; Die Gewonheit ist doch an sich selbst löblich. Es wird den Kindern eine Furcht beygebracht, daß sie desto eingezogener leben, und auß Begierde der Christbescherung sich frömmer und fleißiger erweisen. Gelanor versetzte dieß, mein Freund, sagte er, das ist auch das eintzige Mäntelgen, darunter die Papistischen Alfentzereyen sich verdecken wollen. Doch gesetzt, es wäre ein Nutz darbey, weiß man denn nicht, daß der Nutz kein Nutz ist, wenn er einen grössern Mißbrauch nach sich zeucht. Es ist ein eben thun umb die Furcht und um die Freude, die etwan drey oder vier Tage währet. Ist die Furcht groß, so ist die Verachtung desto grösser, wenn sie hernach den heilgen Christ kennen lernen, da haben sie ein gut principium gefast, sie dürffen nicht allem glauben, was die Eltern von der Gottesfurcht vorschwatzen. Ja weil sie noch in ihrer Einfalt dahin gehen, sehen sie augenscheinlich, daß der heilige Christ seine Gaben nicht nach der Gerechtigkeit außtheilet. Reicher Leute Kinder sind die muthwilligsten, und die bekommen das Beste. Die Armen haben bißweilen den Psalter und den Catechismus etliche mahl auß gelesen, und müssen mit ein paar Krauthaupten und etlichen Möhren oder Rüben vorlieb nehmen. Mich dünckt der Eltern Ruthe ist der beste Ruppert, und ihr Zucker oder was sie sonst Jahr auß Jahr ein pflegen außzutheilen, ist der beste heilige Christ. Dieses muß 360. Tage kräfftig seyn. Warumb will man einen solchen Lermen auf fünff oder sechs Tage anfangen, der niemanden zuträglicher ist, als den Puppen-Krämern. Ich besinne mich, sagte er ferner, daß in einer vornehmen Stadt ein gelehrter Mann war, der sich mit den Gauckel-Possen nicht wohl vertragen kunte, der ließ die Kinder kaum drey Jahr alt werden, so sagte er ihnen den gantzen Handel, und stellte ihnen an dessen Statt die Ruthe für, die operirte mehr als bey den Nachbarn ein vermumter Küster-Junge. Drumb als sich auch die Andern beschwerten, es hätten dessen Kinder ihre verführt, und ihnen den heiligen Christ kennen lernen, lachte dieser und[183] sagte, warumb seyd ihr nicht so klug und sagts ihnen selbst, so dürfften es meine Kinder nicht thun. Hier gab der jenige, von dem wir cap. 37. gedacht haben, daß er in die Compagnie auffgenommen worden, und der ins künfftige Sigmund heissen soll, sein Wort auch darzu. Die Gewonheit, sagte er, ist so weit eingerissen, daß man schwerlich eine Enderung hoffen kan, und über diß scheint es zwar, als wären die Mummereyen den Kindern zu gefallen angestellt. Doch die Alten thun es ihrer eigenen Ergetzlichkeit wegen, indem sie auß übermässiger Liebe den Narren an den Kindern fressen, und dannenhero in ihren Affecten nie besser vergnügt sind, als wenn sie dergleichen Auffzüge vornehmen sollen. Drumb worzu die Leute ingesamt Lust haben, das läst sich schwerlich abbringen.

Solche Discurse wurden continuirt, biß sie auf etwas anders fielen. Da war ein vornehmer Hoffrath mit am Tische, welcher sich der Ferien zu gebrauchen, etliche Meilen von dar auf eine Gevatterschafft begeben wolte. Der hatte an den Gesprechen ein sonderlich Gefallen, und damit er auch etwas von dem seinigen möchte beytragen, sagte er: Ihr Herren, ihr habt viel Sachen auf die Bahn gebracht, ich wil auch etwas vorbringen, darin ich eure Meynung gern hören möchte. Unlängst war ein ansehnlicher Pfarrdienst ledig worden. Zu diesem gaben sich unterschiedene Candidati tàm Ministerii quàm Conjugii an. Unter andern waren etliche Supplicationen sehr possierlich eingericht, die ich abschreiben ließ, in Hoffnung, ich könte mich auf der instehenden Zusammenkunfft nicht lustiger machen, als wenn ich die Händel mit guten Freunden belachen solte. Ich muß sie doch communiciren, und hören, welchen sie wohl am ersten befördert hätten, wenn sie an des Fürsten Stelle gewesen.


Die erste Supplication.


P.P. E. Fürstl. Durchl. besinnen sich gnädigst, daß ich schon vor sechs Jahren in dero Consistorio examinirt und unter die Expectanten eingeschrieben, auch bißhero auf gewisse promotion vertröstet worden. Ob ich nun[184] wohl gemeinet, ich würde in so langer Zeit meines Wunsches gewähret werden, daß ich meine wohlhergebrachten Studia, GOtt und der Christlichen Kirchen zu Ehren hätte können an den Mann bringen, so will es doch fast scheinen, als hätte ich meine fünff Disputationes auf der Universität, und meine hundert und fünffundsiebentzig Predigten in währender Expectantz gar umbsonst gehalten. Sonderlich weil andere, die mir nicht zu vergleichen, gantz auf unverantwortliche Weise vorgezogen worden, also daß andere Leute an meiner Erudition zu zweiffeln anfangen, da es doch denen, so mich examinirt, am besten wird bekant seyn, daß ich nicht in einer Frage die geringste Satisfaction bin schuldig blieben. Und dieses hab ich etliche mahl so hefftig ad animum revocirt, daß ich gäntzlich beschlossen, nicht einmahl anzuhalten; weil sie doch meine Qualitäten wüsten: und bey vorfallenden Bedürfftniß mich leicht erlangen könten. Jedennoch solches hätte bey etlichen passionirten Gemüthern, dergleichen ich mehr als zu viel wider mich habe, vor eine Verachtung mögen außgeleget werden, gleich als hielte ich E.F. Durchl. nicht so würdig, daß sie ein unterthänigstes Supplicat von mir sehen solten. Uber diß hätte sich E.F. Durchl. einmahl entschuldigen mögen, als hätte ich mich nicht zu rechter Zeit angegeben, daß sie also bey dero hochwichtigen Angelegenheiten meiner vergessen. Drumb wil ich mein letztes Bitten hier in optimâ formâ ablegen. E.F. Durchl. wolle gnädigst geruhen, mir das verledigte Pfarrdienst zu NN. vor andern zu gönnen, und in gnädigster Versicherung zu leben, daß ich keine Stücke von meiner Erudition werde unangewendet lassen. Ist keine Schande mehr in der Welt, daß ich über Verhoffen solte darhinter hingehen, so will ich auch die Zeit meines Lebens nicht mehr anhalten, und wil meine schöne studia aller Welt zu schimpffe verderben lassen. Nun ich versehe mich noch des Besten, und wünsche dannenhero etc.

Gelanor sagte hierauff: der Kerle muß ein vielfältiger Narr seyn, erstlich weil er seine Erudition so hoch rühmet, da sie doch allen Umbständen nach nicht viel über das[185] mittelste Fenster wird gestiegen seyn: darnach weil er vom Fürsten und Herren eine Gnade abtrotzen wil. Es heist ja ex beneficii negatione nulla est injuria. Und wie würde der Mensch beten, wenn er sich in Gottes horas & moras schicken solte, da er in sechs Jahren an allem Glücke verzweifeln wil. Wäre ich Fürste gewesen, ich hätte ihm an statt des Dienstes eine Expectantz auf zwölff Jahr gegeben, mit angehängter Vertröstung, wenn er nach verflossener Zeit, höflicher würde, und sich gebührlich angebe, solte er nach Befindung seiner meriten accommodirt werden.


Die andere Supplication.


P.P. E. Durchl. haben viel Brieffe zu lesen, drumb muß ich meinen kurtz machen. Es hat sich zu N.N. das Pfarrdienst verlediget, das möchte ich gern haben. Nun weiß ich, wer nicht supplicirt, bekömmt nichts: Aber ich sehe, daß viel suppliciren, die auch nichts bekommen. Dannenhero ist an E.F.D. mein unterthänigst gehorsamstes Bitten und Flehen, sie wollen doch dero angebohrnen Gnade nach, mir einen Weg an die Hand geben, darbey dero Hochfürstlichen Gemüthe ich gewinnen, und den Dienst darvon tragen möchte. Solche, etc.

Gelanor sagte, wo dieses dem Fürsten zur guten Stunde ist überreicht worden, so ist kein Zweiffel, er wird sich an der artigen Invention ergetzt, und desto lieber in des supplicanten Begehren eingewilligt haben: hat er aber die Zeit nicht getroffen, so möchte er eher eine Vocation zur Superintendentur, in der Narren-Schule, als zu diesem Kirchendienste bekommen haben, ich wolte es keinem rathen, der nicht Patronen auf der Seite hätte, die es bey vorfallender Ungnade, mit einer milden und angenehmen Außlegung entschuldigen könten.


Die dritte Supplication.


Ehrnvester, Hochweiser und Allmächtiger Hr. Fürst.


Euer Ehrentugenden thue ich mich gantz und gar befehlen, und bitte euch gar sehr, macht mich doch zum Pfarr in NN. Ich habe predigen gelernt, ich kan auch die Lateinischen Bücher verstehn, ich weiß auch das [186] Examen eorum qui gantz außwendig, und ich halte nicht, daß sich einer so hübsch an den Ort schicke als ich, ach gnädiger Juncker, laßt euch nicht andere Leute überreden, die grosse Complemante machen, ihr sollet so einen rechtschaffenen Mann an mir haben, der alle Wochen acht Buß-Psalmen vor euch beten soll. Nun lieber Herr, meint ihr, daß ich mit dem Dienste versorget werde, so schreibt mirs doch fein bald wieder. Im Gasthoffe zur güldenen Lauß ist ein Fuhrmann Karsten Frantze, der kan den Brieff biß auf die halbe Meile nehmen, da will ich auf ihn warten, daß er meiner nicht verfehlt. Unterdessen Gott befohlen.

Euer guter Freund, und wann ihr

wollt zukünfftiger Pfarr.

N.N.


Sigmund sagte, dieses muß ein blöder einfältiger Schöps seyn, der sich vielleicht besser zu einem Schweintreiber, als einem Seelsorger schickte, da möchte man seinen Namen auf die Schweinkoben schreiben, und darzu setzen Pastor hujus loci.


Die vierdte Supplication.


Serenissime Princeps.


Vacat in oppido N.N. munus Ecclesiasticum, quod Te agnoscit Patronum. Proinde ut locum suppleas, necessitatis est; ut è multis unum eligas, clementiæ tribuitur, cujus utinam ego tam fierem particeps, quàm hactenus egens fui. Nulla hominum est gratia, quæ me commendet: sed eâ nec opus est in divino munere. Splendidam & superciliosam non profiteor doctrinam; sed sine quâ Deo placere possumus. Paupertas me premit; sed quæ Christum & Apostolos non oppressit. Deum veneror in cujus manu corda Principum. Sanè quid rogare debeam? ignoro: quid cupiam, scio. Tu quid faciendum, judicaveris. Id saltem oro, si Deo visum fuerit eam mihi committere provinciam, nolis paterne ejus directioni resistere, An vicem exsoluturus sim, non addo. Beneficium quippe quod refundi postulat locatum videtur opus. Neque indiget Princeps[187] subditorum praemiis, nisi præmiorum loco ponere velis obedientiam, precesque ad Deum pro incolumitate tuâ indefessas, quam quidem solutionem plenis tibi manibus offero. Vive Pater Patriæ & Vale.

Gelanor hatte wieder seine Gedancken darbey. Der gute Mensch mag seine Lateinische Autores wohl gelesen haben. Doch weiß ich nicht, ob man allzeit auf die alte Manier schreiben darff. Die Welt will sich lieber in abstracto, anreden lassen, und es scheint annehmlicher tua serenitas, als tu, ob man gleich nicht leugnen kan, daß viel Redens-Arten bey solchen weitläufftigen abstractis zu schanden werden. Sonst leuchtet eine affectirte Art zu schreiben herauß, die einer kleinen Theologischen Hoffart ähnlich sieht. Er hätte seine Meynung viel deutlicher können von sich geben, so hat er was sonderliches wollen vorbringen. Gott gebe daß er nicht einmahl im Ministerio mit hohen Worten auffgezogen kömmt. Darzu ist es nicht unrecht, daß man einem Fürsten, sonderlich zu der Zeit, wenn man umb Gnade bitten wil, mit demütigen und unterthänigen Worten begegnet.

Der Hoffrath hatte gedultig zugehöret. Endlich sagte er, der andere hätte das beste Glücke davon getragen. Dem vierdten wäre anderweit Beförderung versprochen worden. Die übrigen hätte man schimpflich abgewiesen. Eines referirte er von den Prob-Predigten, daß einer ohne die beyde noch dazu begehret worden, der eine prächtige aber nicht allzu trostreiche Predigt gehalten. Doch wäre ein Juncker in der Kirche gewesen, der hätte ihn verrathen, daß sie von Wort zu Wort auß einem Frantzösischen Jesuiten übersetzt, und dannenhero von wenig Trost und geistlicher Erquickung gewesen. Drumb hätten die Censores auch sich verlauten lassen. Sie wolten lieber einen blossen Postillen-Reiter haben, der fromme und geistreiche Männer imitirte, als einen solchen Hülsen-Krämer, der unter dem Schein einer sonderlichen Wissenschafft und eines unvergleichlichen Fleisses nichts als Spreu und lehre Worte vorbrächte. Man hätte auß der Erfahrung, daß solche Prediger zwar delectirten, doch bey den Zuhörern, sonderlich bey einfältigen Leuten, auf welche man vornehmlich sehen solte, gar schlechten Nutz schafften.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 181-188.
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