CAP. XXXVIII.

[177] Den andern Tag wolten sie weiter reisen, allein Florindo befand sich so übel, daß sie, grössere Gefahr zu vermeiden, zurück blieben. Gelanor zwar bildete sich so grosse Noth nicht ein, und ließ ihn etwas von der tincturâ Bezoardi einnehmen, darauff er schwitzen solte. Doch die Artzney war zu schwach, also daß sich in wenig Tagen ein hitziges Fieber anmeldete. Und da muste Gelanor lachen, so wenig als er Ursach darzu hatte, denn der Wirth solte einen Medicum schaffen, der dem Ubel im Anfang zuvor käme: So brachte er nicht mehr als ihrer drey zusammen, die curirten alles contra. Einer kam, und sagte, ich bitte euch um Gottes willen, gebt dem Patienten nichts zu trincken, weil er den Paroxysmum hat, es ist so viel, als wenn im Bade Wasser auff die heissen Steine gegossen wird, und es wäre kein Wunder, daß er die Kanne im Munde behielte und gählinges Todes stürbe. Der andere kam: Was wolt ihr den Menschen quälen, gebt ihm zu trincken, was er haben will, Kofent, gebrande Wasser, Julep, Stärck-Milch etc. wenn er trinckt, wird die Hitze præcipitirt, und darzu das Fieber muß etwas angreiffen. Ist nichts im Magen, so greiffts die Natur an, wird es schaden, so will ich davor stehen. Der Dritte sagte: Mann lasse es gehn, und beschwere den Patienten mit keiner überflüssigen Artzney, wir wollen vor sehen, wie sich der neunte Tag an läst. In dessen verschrieben die[177] andern brav in die Apothecken. Einer verordnete große Galenische Träncke, der andere hatte kleine Chymische Pulver, und gewiß es lieff contrar durch einander. Ja es blieb bey dem nicht, es meldeten sich auch alte Weiber an, die wolten ihre Wunderwercke sehen lassen, eine hatte eine Ruthe auß einem alten Zaun gebrochen, die hatte neun Enden oder Zweige, und damit solte sich der Patient beräuchern lassen. Eine andere lieff in eine Erbscheune und hohlte ungeredt und ungescholten vom Boden etliche Hand voll Heu, und mischte andern Quarck darunter, das solte zum Räuchern gut seyn. Die dritte gab vor, er hätte das Maß verlohren, er müste sich auf das neue Messen lassen. Andere machten andere Gauckelpossen. Gelanor und Eurylas hätten gerne das beste herauß genommen: doch sie waren so klug nicht, die Heimligkeit der Natur außzuforschen. Gleichwol aber hielten sie sein Leben zu köstlich, daß er durch solche contraria solte zum Tode befördert werden. Nun es lieffen etliche Tage dahin, ohn einige Anzeigung zur Besserung. Endlich gerieth Florindo auf einen possierlichen appetit, und wolt einiger Nöthen Sauerkraut essen. Es widerriethen solches zwar alle, mit Vorgeben die Speise wäre offt gesunden Leuten gleichsam als eine Gifft, was solte sie nicht einem Krancken schaden können: Doch dessen allen ungeacht, blieb Florindo bey seinem Sauerkraute, und bat seinen Hoffmeister Himmel hoch, wenn er ja nichts davon essen solte, er möchte ihm doch etwas bringen lassen, daran er nur riechen könte. Wiewol es blieb darbey, der Patiente solte kein Kraut essen. Aber was hat Florindo zu thun? er kriegte einen Pagen auff die Seite, bey dem vernimmt er, daß die Köchin einen grossen Topff voll Sauer-Kraut gekocht, und in den Küchen-Schranck gesetzt habe: Damit als es Abend wird, und ein Diener nebenst einer alten Frau bey ihm wachen, schickt er den Diener in die Apothecke nach Julep; der alten Frau befiehlt er, sie solte noch ein Hauptküssen bey der Wirthin borgen, und wenn sie auß dem Schlaffe müste erwecket werden. Nachdem er also allein ist, schleichet er auß allen Leibeskräfften zur Stuben hinauß, und die Treppen hinunter zur Küchen zu[178] und über den Kraut-Topff her, fristu nicht, so hastu nicht, die Frau und der Diener kommen wieder, und weil der Patiente nicht da ist, vermeinen sie, er sey mit Leib und Seele davon gefahren. Machen derohalben einen Lermen und ruffen alle im Hause zusammen. Es weiß niemand, wie es zugeht, biß die Köchin zugelauffen kömmt, und rufft, sie möchten nur in die Küche kommen, da lag er und hatte den Topff so steiff in die Arme gefast, als wäre alle Gesundheit daran gelegen, und schmatzte etlich mahl mit der Zunge, als hätte es noch so gut geschmeckt. Gelanor wuste nicht, was er darzu sagen solte, bald wolte er sagen, er wäre ein Mörder an seinem eigenen Leibe worden, bald furchte er sich, die harte Zurede möchte ihm am letzten Ende ein böß Gewissen machen, weil er es doch nicht lang mehr treiben würde. Das rathsamste war, daß sie ihn auffsackten und wieder hinauff trügen, und da erwartete Gelanor mit Schmertzen, wie es den künfftigen Tag ablauffen würde. Und weil er in solchen Gedancken biß gegen Morgen gelegen, gerieth er in einen matten und annehmlichen Schlaff, also daß er vor neun Uhr nicht wieder erwachte. Indessen hatte er viel schwere und verdrießliche Träume, wie es bey denselben kein Wunder ist, die sich in der Nacht müde gewacht haben. Bald dauchte ihn, als käme ein Hund, der ihn beissen wolte: bald fiel er ins Wasser, und wenn er umb Hülffe ruffen wolte, so kunte er nicht reden: bald solte er eine Treppe hinan steigen und kunte die Füsse nicht auffheben. Bald gieng er im Schlamme, bald in einem unbekanten Walde. Und gewiß wenn solches einem andern vorkommen wäre, der hätte sich in allen Traumbüchern belernen lassen, was die Händel bedeuten solten.

So war Gelanor in dergleichen zweiffelhafften Sachen schon durchtrieben, daß er wuste, ob gleich etliche Träume einzutreffen schienen, dennoch etliche tausend dargegen zu fehlen pflegten, und daß hernach die gewissen gemercket und fleissig auffgeschrieben; die ungewissen hingegen leichtlich vergessen würden. Drum ließ er sich solche Grillen nicht viel anfechten, und, nachdem er erwachte, fuhr er auß dem Bette herauß, und wolte sehen, was er seinem[179] untergebenen vor einen Leichen-Text bestellen würde. Doch siehe da! Florindo hatte seine Unter-Kleider angelegt, und gieng nach aller Herrligkeit in der Stube spatzieren herum. Wäre iemand anders hinein kommen als Gelanor, der hätte geglaubt, er wäre schon todt, und fienge schon an umbzugehen oder zu spücken. So fragte er doch, warumb er nicht im Bette bliebe. Allein er muste sich berichten lassen, daß er vom Sauerkraute so weit restituirt wäre, und endlich keines schlimmern Zufalls sich besorgen durffte. Gleich indem stellete sich ein guter Bekandter ein, der dem Patienten die visite geben, und Abschied nehmen wolte. Mit diesem überlegte Gelanor die wunderliche und gleichsam übernatürliche Cur; Doch wuste er bald seine Ursachen anzuführen, denn sagte er, Leib und Seele stehen in steter Gemeinschafft mit einander, und wie es einem geht, so gehts dem andern auch, doch ist die Seele mehrentheils am geschäfftigsten, und dannenhero auch am kräfftigsten, also daß sie so wohl ihre Freude als ihre Betrübnüß dem Leibe weiß mit zutheilen. Drum heist es, die Einbildung ist ärger, als die Pestilentz, und drum sagen auch die Doctores, keine Artzney wircke besser, als da man den Glauben darzu habe. Weil nun dieser Patiente sich das Sauerkraut heilsam eingebildet hat, ist der Leib der Seele nach gefolget, und hat sich eben dieses zur Artzney dienen lassen, was sonst vielleicht sein Gifft gewesen wäre. Gelanor dachte dieser Sympathetischen Cur etwas nach; Eurylas aber fieng an zu lachen, gefraget warumb? sagte er, ich erinnere mich eines jungen Doctors in Westfahlen, der hatte den Brauch, daß er allzeit eine Schreib-Tafel bey sich führte, und also bald eine Artzney glücklich angeschlagen, solches mit sonderbahrem Fleisse einzeichnete. Nun solte er einen Schmiedt am viertägichtem Fieber curiren, dieser wolte ohne des Henckers Danck, Speck und Kohl fressen, der gute Medicus hatte seine Bücher alle auffgeschlagen, doch fand er kein gut votum vor den Kohl, darum bat er die Frau, so lieb sie ihres Mannes Leben hätte, so fleißig solte sie sich vorsehen, daß er keinen Speck mit Kohl zu essen kriegte. Was geschicht da die Frau nicht wolte, bat der Meister[180] seinen Schmiedknecht, er möchte ihm was bey dem Nachbar zu wege bringen. Der ist nicht faul und trägt ihm unter dem Schurtzfell eine Schüssel zu, daran sich drey Meißnische Zeisigmagen hätten zu tode gessen, die nimmt der arme Krancke, schwache Mann auff das Hertze, den Tag hernach, als der Medicus in seiner Erbarkeit daher getreten kömmt, und mit grosser Bekümmernüß der gefährlichen Kranckheit nachdenckt, siehe da, so stehet der Schmied wieder in der Werckstadt, und schmeist auff das Amboß zu, gleich als hätte er die Zeit seines Lebens kein Fieber gehabt, der Doctor verwundert sich über die schleunige Veränderung, und als er sich berichten läst, fährt er geschwind über seine Schreibtaffel, und schreibt, Speck und Kohl sind gut für das viertägige Fieber.

In kurtzer Zeit bekam der wohl und hocherfahrne Practicus einen matten Schneidergesellen, der eben mit dem Fieber behafftet war, nun schien er nicht von sonderlichen Mitteln zu seyn, daß er viel aus der Apotecke hätte bezahlen können, drumb gab er ihm das Hauß-Mittel, er solte nur fein viel Speck und Kohl zu sich nehmen, doch der gute Mensch starb wie er noch den Kohl in Zähnen stecken hatte. Da wischte er noch einmal über seine Eselshaut, und Schrieb: Speck und Kohl helffen vor das viertägige Fieber; aber nur einem Westphälischen Schmiede.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 177-181.
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