CAP. XLIV.

[204] Den folgenden Tag gieng Florindo in der Stube hin und wieder, als er auff dem Simse eines Buches gewahr ward, welches forne am Titul seiner intention sehr bequem schiene. Denn es hiesse die närrische Welt. Er nahm es mit grosser Begierde vor sich, und befand zwar, daß die Sachen ohne allen Unterschied gantz confuß unter einander geworffen waren, doch notirte er folgende Sachen darauß.

Einer wolte dem andern eine Heimligkeit vertrauen, und bat höchlich, er möchte sie bey sich behalten, und keinem Menschen davon gedencken, da sagte dieser: du Narr, wenn ich schweigen sol, warumb schweigstu nicht, so bistu am sichersten. Oder meynestu, daß mir das Schweigen möglich ist, da es dir unmöglich ist?

Einer hätte gerne ein Weib genommen, es war ihm nur keine schön genug, da sagte sein Schwager: ihr närrischer Kerle, nehmt doch eine, die eures gleichen ist, deßwegen lässet GOTT auch häßliche Männer leben, daß er damit gedenckt die häßlichen Jungfern zu verthun.

Einer hielt um ein recommendation-Schreiben an, damit er an andern Orten möchte vor fromm gehalten werden, zu diesem sagte der Patron: Ihr wunderlicher Mensch, mein Schreiben wird euch nicht fromm machen, ihr aber könnet mich wol zum Lügner machen, ein rechtschaffener Kerle recommendirt sich selbst.

Einer beschwerte sich, es wäre Schande, daß keine Land-Kinder mehr befördert, und hingegen lauter Fremde vorgezogen würden, dem antwortete ein ander, du Narr, wenn man keine Pferde zu Hause hat, muß man freylich Esel von andern Orten hohlen.

Einer wündschete, daß er brav sauffen könte, so wolte er wohl in der Welt fortkommen, zu diesem sagte ein ander: du Narr, wünsche dir, daß du klug wirst, so kömmstu noch besser fort.

Ein Kauffmann hatte sich an der Messe in den Weinkeller gesetzt und soff einen Rausch über den andern, diesen fragte einer, ob er auch wüste, was dieses heisse: wer in[205] der Erndte schläft, der ist ein Narr. Ein Student saß darneben, der gab es Lateinisch also: Bibite vos Domini, ne Diabolus vos inveniat otiosos.

Einer wolte nirgend hingehn, da er nicht oben an sitzen durffte, diesem gab einer die Lehre: du Narr, zeuch auffs Dorff und geh in die Schencke, da lassen die Bauern einen Bürger oben an sitzen.

Ein junger Stutzer kauffte eine Kutsche mit zwey kostbahren Pferden, zu diesem sprach sein alter Tischwirth: Ihr thut wohl, daß ihr die Beine schont, im Alter werdet ihr gnug müssen zu Fusse lauffen.

Einer wolte ein Pferd miethen, und gab einen Thaler drauff, als er nun meynte, es wäre gewiß, war der Pferdhändler davon geritten. Zu dem sagte einer: Du Narr, ein andermahl gib das Geld mehr vorauß.

Ein Verwalter bat seinen Edelmann zu Gaste, und hatte herrlich zugeschickt, des Edelmanns Narr wolte nicht mitgehn, denn er sagte: Zween Narren vertragen sich nicht. Nun muß der Verwalter ein Narr seyn, daß er sich so läst in die Karte gucken. Ich frässe mein Wildpret allein, und bestreute das Gesichte mit Bohnen-Meel, daß ich nur vor dem Juncker elend gnug außsehe. Aber wenn man fallen sol, so wird man zuvor ein Narr.

Einer ließ sich von etlichen Sauff-Brüdern einen grossen Schmauß außführen. Gefragt, warum er solches liedte? sagte er, ich thue es, daß ich wil Friede haben; doch er muste die Antwort hören: du Narr, wenn du mit Bratwürsten unter die Hunde wirffst, so wirstu ihr nicht loß, wiewol er retorquirte: du Narr, wer keine Knüttel hat, muß wohl Bratwürste nehmen.

Einer wolte vor den andern Bürge werden, da sagte sein Vetter: du Narr, fühle doch zuvor an den Hals, ob du kützlich bist, denn es heist: Bürgen sol man würgen.

Einer wolte mit keinem Freundschafft halten, der geringer war, als er, zu diesem sagte ein ander: du Narr, wenn deine Höhern auch so gedächten, mit wem wollestu umbgehen?

Einer rühmte sich, als wär er wegen seines losen Mauls allenthalben im Beruff, diesen fragte einer, ob er[206] auß den Worten Salomonis könte einen Syllogismum machen: Wer verleumdet, der ist ein Narr. Ein Narren-Maul wird geschlagen.

Einer konte keinen Anschlag heimlich halten, diesen erinnerte ein ander, du Narr, wenn du wilst das Netze außwerffen, daß die Vögel zusehn, so wirstu langsam auf den Vogelmarckt kommen.

Einer fieng mit etlichen Grossen an zu zancken, da sagte sein Bruder: du Narr, haue nicht über dich, die Späne fallen dir in die Augen.

Einer kandte sich nicht vor Hoffart, von diesem sagte einer: Der Kerle ist ein Narr; doch möchte ich seyn, was er sich einbildt.

Einer draute dem andern, wo er ihm kein Geld liehe, wolte er sein Feind werden. Der sagte: Immer hin, die erste Feindschafft ist mir lieber, als die letzte, wenn es zum bezahlen kömmt.

Einer sagte, es ist natürlich, daß Männer und Weiber einander lieb haben, dem begegnete ein ander: Du Narr, wenn dich der Teufel holt so ist es auch natürlich.

Einer klagte die Zeit wäre ihm lang, den fragte ein ander: Du Narr, warumb klagstu denn, daß dir das Leben kurtz ist.

Ein Student wolte alle Handwercke begreiffen, dem schrieb ein ander ins Stammbuch: Wer unnöthigen Sachen nachgeht, der ist ein Narr. Prov. 12.

Einer hielt einen andern hönisch, weil er einen Buckel hatte, diesen schalt einer: Du Narr, was kan er davor, daß ihn GOtt so buckelicht haben will, ficht es mit seinem Schöpffer auß.

Einer muste in der Gesellschafft sein Maul allzeit forne fürhaben, diesen erinnerte ein ander: Du Narr, schweig doch still, so halten dich die Leute auch vor einen Philosophum.

Einer trotzte auff seine Erbschafft, die doch in lauter papiernen Schuld-Verschreibungen bestund, zu diesem sagte ein Kauffmann: du Narr, hebe die Zettel auff biß an den jüngsten Tag, da gelten sie so viel als baar Geld.

Einer rühmete sich, er hätte auff der Franckfurter[207] Meß über sechs hundert Tahler außgegeben, und wüste nicht wovor, diesem halff ein ander auß dem Traum: Wenn Narren zu Marckte ziehen, so lösen die Krämer Geld.

Einer praalte mit vielen Geschencken, die ihm hin und wieder wären verehret worden, diesem gab ein ander folgende Antwort: Du Narr, du hast deine Freyheit viel zu wohlfeil verkaufft.

Einer lachte den andern auß, weil er in eine Pfütze fiel, doch muste er dieses hören: Du Narr, du lachst, da mir es übel geht, und erschrickst nicht, da dir es auch begegnen kan.

Einer sagte, das kalte Fieber diente zur Gesundheit, diesen wiederlegte ein ander: Du Narr, das ist eine elende Artzney, wo man der Gesundheit halber kranck wird.

Einer lobte seinen Patron gar zu sehr, doch dieser rieff ihm zu: Du Narr, was schimpffstu mich, lieber schilt mich auf das hefftigste, so glauben es die Leute nicht, und ich werde gelobet.

Einer befließ sich sehr obscur und unverständlich zu schreiben, diesem ruffte ein ander zu: Du Narr, wilstu nicht verstanden werden, so schreib nichts: so hastu deinen Zweck gewiß.

Es kriegte einer Gäste, und wolte eine Henne abwürgen lassen, doch als die Henne auff die Scheune flog und nicht herunter wolte, sagte er, ich wil dich wohl herunter langen, und schoß damit die Henne von dem Dache weg. Allein das Dach brennete an, und gieng das gantze Haus zu Grunde, da sagte sein Gast, du Narr, wenn du in Stroh schiessen wilst, mustu eine Windbüchse nehmen.

Eine vornehme Frau hatte eine krancke Tochter, auff welche sie viel gewendet. Als sie aber der guten Wartung ungeacht sterben muste, und nunmehr in den letzten Zügen lag, gieng die Mutter hin, gab ihr eine dichte Maulschelle, und sagte du ungerathenes Teufelskind, das hab ich nun vor meine Müh und vor meine Wohlthaten, daß du mir stirbst. Darüber fielen unterschiedene Judicia. Einer[208] sagte, in diesem Hause ist übel zu leben, aber noch übeler zu sterben. Der andere sagte: Wer bey dieser Frauen sterben will, muß eine Sturmhaube auffsetzen. Der dritte: Je lieber Kind, je schärffer Ruthe. Der vierdte: die Tochter kriegt eine Ohrfeige, wo der Mann stirbt, der kriegt gar einen Schilling. Der fünffte: Ich halte wenn sie sterben wolte, sie kriegte dessentwegen keine Maulschelle Der sechste: Es ist Wunder, daß der Medicus keine Wespe davon getragen hat: doch sie hat sich gefürcht, er möchte sich mit einem bißgen Hütterauch revengiren. Der siebende: Die Frau soll den Teuffel vom Todtbette vertreiben. Der achte: Es ist ein Dieng, ob der Teufel da ist, oder ob er seinen Stadthalter da hat. Der neundte: Wenn die Frau mein wäre, ich liesse sie vergülden und mit Roßmarien bestecken, gebe ihr eine Pomerantze ins Maul, und verkauffte sie dem Hencker vor ein Spanferckel. Der zehnde: Vielleicht hat sie die Seele wollen erschrecken, daß sie solte drinne bleiben. Der eilffte: Die liebe Jungfer hat gewiß gedacht, S. Peter schlegt sie mit dem Schlüssel vor den Kopf. Der zwölffte: Wenn ich solte eine Grabschrifft machen, so liesse ich eine Hand mahlen, und schriebe darüber: Die mütterliche Verlassenschafft.

Einer wolte fallen, und hielt sich an ein Bierglaß, zu dem sagte einer, du Narr, das Bier hilfft wider den Durst, aber nicht wider das Fallen.

Einer wolte Geld borgen zu spielen, da sagte der ander, du Narr, was ich dir leihe, das nehme ich dir, und was ich dir nicht leihe, das schenck ich dir.

Einer sagte: Ich habe es verschworen, ich wil dich nicht mehr grüssen, dieser gab zur Antwort: du Narr, ist das was sonderliches? Ein Esel grüsset mich nicht und hat es doch nicht verschworen.

Einer sagte: Es verdreust mich, daß ich den Mann respectiren muß, dem antwortete ein ander: du Narr, ich weiß ihrer zehen, die verdreust es, daß sie dich respectiren müssen:

Einer erzehlte etwas, und sagte darbey, es wäre gewiß wahr, er habe es von einem vornehmen Manne gehört. Ein ander versetzte, du Narr, ein vornehmer Mann hat gut reden, er weiß, daß du ihm glauben must.[209]

Ein Causenmacher verwunderte sich, daß er zu nichts kommen könte, da sagte einer: Du Narr, was mit Drummeln kömmt, geht mit Pfeiffen wieder weg.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 204-210.
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