CAP. VII.

[47] Florindo hatte alle die Erzehlungen mit grosser Lust angehöret, Gelanor auch ließ sich die artlichen Begebenheiten nicht übel gefallen, doch hatte dieser etliche Lehren darüber abgefast welche dem Florindo gantz in geheim communicirt worden, also daß kein Mensch solcher biß auf diese Stunde habhafft werden kan. Derhalben wird der geneigte Leser auch zu frieden seyn, daß hier etwas mit Stillschweigen übergangen wird. Es möchten sich etliche Leute der Sache annehmen, die man nicht gern erzürnen will: Und wer will sich an allen alten Gasconiern das Maul verbrennen. Wir gehen in unserer Erzehlung fort, und geben unsern narrenbegierigen Personen das Geleite. Diese hatten sich auf des Wirths Einrathen in einen berühmten Lustgarten verfügt, und wolten die Herrligkeit desselben Ortes auch mitnehmen. Aber Gelanor sagte den halben Theil von seinen Gedanken nicht, dann so offt der Gärtner mit seinen frembden Gewächsen herpralte, wie eines 10. das andere 20. das dritte 50. das vierdte gar hundert Thaler zu stehen käme, hielt er allzeit eine schlechte Feldblume dargegen, die an vielen Stücken, sonderlich[47] in Medicinischer Würckung weit besser war, und machte den Schluß: STULTITIAM PATIUNTUR OPES. Doch sagte er nichts laut, weil ihm als einem Narren-Probirer wol bewust war, daß kein ärger Narr in der Welt sey, als der alles sage, was er dencke. Immittelst erblickte er einen Mann, welcher in der Galerie spatzieren gieng, und dem äusserlichen Ansehen nach vor einen stattlichen Minister bey Hofe passiren möchte, zu diesem verfügte er sich, und fieng von einem und dem andern an zu reden, vornehmlich verwunderten sie sich über die arbeitsame Natur, welche dem Menschlichen Fleisse sich so unterthänig macht, daß alle Rosen, Nelcken und andere Blumen, welche sonst mit wenig Blättern hervor kommen, durch fleißiges und ordentliches Fortsetzen leicht vollgefüllt, und zu einer ungemeinen Grösse gebracht werden. Von solchen natürlichen Dingen geriethen sie auf Politische Fragen, und Weil sich Gelanor in dieses unbekandten gute Qualitäten etwas verliebete, giengen sie zusammen in das Garten-Haus, und setzten sich in den Schatten, da druckte dieser frembde Gast loß, wer er wäre, und führte folgenden Discurs. Es ist eine wunderliche Sache, daß man dem Glücke in dieser Welt so viel nachgeben muß; wie mancher zeucht von einem Orte zum andern, und sucht Beförderung, doch weil er den Zweck nicht in acht nimmt, darauff sein Glücke ziehlt, geht alles den Krebsgang. Hingegen wer dem Glücke gleichsam in die prædestination hinein rennt, der mag es so närrisch und so plump vornehmen, als er will, so muß er doch erhoben, und vielen andern vorgezogen werden. Wie viel habe ich gekennt, die wolten entweder auf ihrer Eltern Einrathen, oder auch wol auf ihr eigen plaisir Theologiam studiren: allein es gerieth ins Stecken, biß sie das Studium Juris vor die Hand nahmen, darzu sie von dem Glücke waren gewidmet worden. Und alsdann muste man sich verwundern, wie alles so glücklich und gesegnet war. Andere haben die Medicin ergriffen, welche bey der Juristerey verdorben wären, und was ist gemeiner, als daß ein Mensch, der mit Gewalt will einen Gelährten bedeuten, sich hernach in das Bierbrauen, in die Handlung, in den Ackerbau und[48] in andere Handthierungen stecken muß, welcher ohn allen Zweiffel besser gethan hätte, wann er Anfangs dem Glücke wäre entgegen gangen. Und gewiß, ist iemand auf der Welt, der solches an seiner eigenen Person erfahren hat, so kan ich wohl sagen, daß er mir nicht viel nehmen soll. Ich war von Lutherischen Eltern gebohren und erzogen, vermeynte auch, ich wolte bey eben derselben Religion leben und sterben. Allein wie mir das Glücke dabey zuwider gewesen, kan ich nicht sagen. Numehr als ich auf Zureden vornehmer und verständiger Leute zu der Catholischen Religion geschritten bin, hab ich noch nichts unter die Hände bekommen, daß mir nicht mehr als erwünscht wäre von statten gangen. Ich habe mein reichlich und überflüßig Außkommen, ich sitze in meinem Ehrenstande, und welches das beste ist, so darff ich nicht befürchten, als möchte die Zeit schlimmer werden. Solches alles nun muß ich dem blossen Glücke zuschreiben, welches mich bey keiner andern Religion wil gesegnet wissen. Gelanor wolte auch etwas darbey geredt haben, drumb sagte er: Es wäre nicht ohne, der Menschen Glücke hielte seinen verborgenen Lauff, doch meynte er, man müsse die endliche direction solcher wunderbahren Fälle GOtt zuschreiben, welcher das Gemüthe durch allerhand heimliche inclinationes dahin zu lencken pflegte, daß man offtermahls nicht wisse, warumb einer zu diesem, der andere zu jenem Lust habe. Was aber die Religion betreffe, meynte er nicht, daß man mit so einem göttlichen Wercke gar zu liederlich spielen solte. Ey, versetzte der Weltmann, was soll man spielen, die Sache ist noch streitig, und so lange nichts gewisses erwiesen wird, bleibt die Cathol. als die älteste, noch immer in possessione. Und darzu, man sehe nur was die Lutherische Lehre denen von Adel vor Herrligkeit macht. Sie heyrathen alle und vermehren sich wie die Ameißhauffen, und gleichwohl vermehren sich die Güter nicht, ich lobe es bey den Catholischen, da gibt es stattliche præbenden, die werden denen von Adel eingeräumt, und bleiben indessen die Lehngüter unzertrent; dürffen die Geistlichen nicht heyrathen, so haben sie andere Gelegenheit, dabey sie die Lust des Ehstandes geniessen,[49] und der Plage überhoben seyn. So höre ich wohl, antwortete Gelanor, man lebt nur darumb in der Welt, daß man wil reich werden. Mich dünckt, das ist ein starck Argument wider die Catholischen, daß sie gar zu groß Glücke haben. Und er wird ohn Zweifel den Spruch Christi gelesen haben: wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb, weil ihr aber nicht von der Welt seyd, so hasset euch die Welt. Derhalben schätze ich die vor glückselig, welche durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen, und also nach Christi Befehl am ersten nach demselben Reich Gottes trachten. Es hat sich wohl getracht, fieng jener hingegen an, wann man seinen Stand führen soll, und hat nichts darzu. Gelanor fragte, welche Lutherische von Adel hungers gestorben wären? sagte darbey, er könne nicht läugnen, daß etlichen das liebe Armuth nahe genug wäre: doch wolte er hoffen, die Catholischen Edelleute würden auch ihre Goldgülden nicht mit lauter Kornsäcken außmessen, es wäre eine andere Ursache, dadurch die Meisten in Armuth geriethen. Dann da hielte man es für eine Schande, auf bürgerliche Manier Geld zu verdienen, und wann ja etliche das Studiren so hoch schätzten, daß sie dadurch meinten empor zu kommen, so wären hingegen etliche hundert, die nichts könten als Fische fangen und Vogel stellen. Derhalben wäre auch die Republic nicht schuldig, ihnen grössere Unterhalt zu schaffen, als den Fischern und Vogelstellern zukäme. Mit dem Geschlechte und dessen fortpflantzung hätte es ja seinen Ruhm: doch würden die Ahnen nur geschimpfft, wann man ihre Wappen, und nicht ihre Tugenden zugleich erben wolte. Man solte auch nur in andere Republicqven sehen, wie sich die von Adel weder der Kauffmanschafft noch der Feder schämeten, der Hertzog von Churland, der Groß-Hertzog von Florentz, ja die Venetianisch- und Genuesischen Patritii würden durch ihre Kauffschiffe im minsten nicht geringer; Und sie selbst, bey den Catholischen, machten auß ihren Grafen und Hn. Doctores und Professores. Dem guten Herrn wolte die Rede nicht in den Kopff, stund derhalben auf, mit vorgeben, er müsse nothwendig einem andern[50] hohen Prælaten auffwarten, recommendirte sich in seine Gunst, bat alles wohl auffzunehmen, und gieng hiermit zum Garten hinaus. Da ließ nun Gelanor seine Gedancken etwas freyer herauß, ach sagte er, ist diß nicht Blindheit, daß, ehe man sich etwas drücken und bücken wolte, man lieber Gott und Himmel vor eine Hand voll Eitelkeit versetzen und verkauffen darff. Gesetzt die Catholische Lehre wäre so schlim nicht, daß alle in derselben sollen verdammt seyn: so frage ich doch, ob ein solcher abgefallener Sausewind nicht in seinem Gewissen einen Scrupel befinde, der ihm die Sache schwer mache. Dann die Lehre, darinn er gelebt hat, kan er nicht verdammen. Und gleichwohl gehört ein grosser Glaube darzu, zwey gegenstreitende Sachen gleich gut zu heissen, Conscientia dubia nihil est faciendum. Endlich was den Handel am schlimsten macht, so nehmen sie ja die Enderung nit etwan vor, Gottes Ehre zu befördern, oder ihre Seligkeit gewisser zu machen: sondern weil sie meynen, ihre zeitliche Glückseligkeit bestens außzuführen, das ist mit derben deutschen Worten so viel gesagt, weil sie an Gottes Vorsorge verzweiffeln, als sey er nicht so Allmächtig, daß er einen in der armseligen Religion ernehren könte, nun überlege man den schönen Wechsel. Ein Kind wird außgelacht, wann es nach einem Apffel greifft, und einen Rosenobel liegen läst. Eine Sau ist darum eine Sau, weil sie den Majoran veracht, und mit dem Rüssel in alle weiche materie fährt. Aber der wil vor einen klugen und hochverständigen Menschen gehalten seyn, der das Ewige verwirfft, und auf das Zeitliche siehet, welches in lauter kurtzen Augenblicken besteht, die uns eher unter den Händen entwischen, als wir sie recht erkennet haben. Doch wer will sich wundern, Christus hat die Thorheit alle zuvor gesehen, drum sagt er auch: das Evangelium sey den Unmündigen offenbahret, aber den Klugen und Weisen verborgen.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 47-51.
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