CAP. IX.

[54] Den andern Morgen gieng Gelanor in seiner Stuben hin und wieder, und weil ein Schubkästgen unten am Tische war, trieb ihn seine Curiosität zu sehen, was drinnen wäre. Nun waren allerhand Rechnungen und andere Acta drinnen verwahret, an welchen man schlechte Ergetzligkeit haben kunte, daß auch Gelanor den Kasten wieder hinein schieben wolte. Allein Florindo ward eins Seitenkästgens gewahr, und als er solches öffnete, lagen etliche Brieffe mit Bändergen und bunter Seide bewunden, daß man leicht schliessen mochte, es würden Liebes Brieffe seyn. Sie waren auch in solcher[54] Meinung nicht betrogen, denn also lauteten die hertzbrechende Complimentir-Schreiben:


Der erste Brieff.


Mein Herr etc.


Sein Schreiben habe ich wohl gelesen; ersehe, daß er auß seiner überflüßigen Höflichkeit mir solche Sachen zuschreibet, deren ich mich nicht anmassen darf: Doch nehme ich alles an, nicht anders, als eine günstige Erinnerung, wie nehmlich dieselbe solle beschaffen seyn, welche sich dermahl eins seiner Affection werde zu rühmen haben. Ich verbleibe inzwischen in den Schrancken meiner Demuth, und verwundere mich über die Tugenden, welche ich nicht verdienen kan. Und zwar diß alles in Qvalität.

Seine

getreue Dienerin

Amaryllis.


In Wahrheit sagte Florindo, mit diesem Frauenzimmer möchte ich selbst Brieffe wechseln, so gar zierlich und kurtz kan sie ein Complimentgen abstechen, also daß man weder ihre Höflichkeit tadeln, noch auß ihrer Freymütigkeit einige Liebe öffentlich schliessen kan.


Der andre Brieff.


Mein Herr, etc.


So offt ich seine Hand erblicke, so offt muß ich mich über meine Gebrechligkeit betrüben, welche mir nicht zuläst, daß ich seinen Lobes-Erhebungen statt geben kan. Und in Warheit, ich zweifle offt, ob der Brieff eben mich angehe, und ob nicht eine andere mich eines unbilligen Raubes beschuldigen werde, welche diese angenehme Zeilen mit besserem Rechte solte gelesen haben. Geschicht diß, so leb ich der gewissen Hoffnung, er werde mich helffen entschuldigen und den Irrthumb der Außschrifft das Versehen beschützen lassen, alsdenn werde ich mit doppelter Schuldigkeit heissen

Seine

N.N.


Das heist bey der Nasen herumb geführt, sagte Gelanor, man mag die Worte außlegen wie man will, so heist alles, wasche mir den Peltz und mache mir ihn nicht naß. Ich halte davor, daß sie eine von den qualificirtesten Personen seyn muß.


[55] Der dritte Brieff.


Mein Herr, etc.


Nunmehr will ich zugeben, daß auf dieser Welt nichts vollkommen ist, nachdem ich in seiner vollkommenen Tugend, diese Unvollkommenheit befinde, dadurch er veranlasset wird, mich höher zu loben, als ich verdient habe. Ob ich aber solche Würckung der Liebe zuschreiben soll, kann ich eher nicht urtheilen, als biß ich durch seinen außführlichen Bericht erfahre, was Liebe sey. Inzwischen lasse er sich meine Kühnheit nicht mißfallen, daß ich mich nenne


Meines unvollkommenen Herrn

unvollkommene Dienerin

Amaryllis.


Scheint doch der Brieff als ein halber Korb, sagte Florindo, ich wolte mir dergleichen Zierligkeit nicht viel wünschen. Dem guten Menschen muß gewiß viel daran gelegen seyn, daß er Brieffe außgewürckt, die nichts geheissen.


Der vierdte Brieff.


Mein Herr, etc.


Ob sein Glück auf meiner Gunst beruhe, kan ich dannenhero schwerlich glauben, weil er schon vor langer Zeit glückselig gewesen, ehe er das geringste von meiner Person gewust. Doch trag ich mit seinem betrübten Zustande Mitleiden, daß er mich umb etwas zu seiner Hülffe ansprechen muß, welches ich alsdenn geben könte, wenn ich es verstehen lernte. So weiß ich nicht, was Gunst oder Liebe ist, und sehe auch nicht, welcher Gestalt man solche den Patienten beybringen muß. So lange ich nun der Sachen ein Kind bin, muß ich wieder meinen Willen heissen

Seine

Dienstbegierig-ungehorsame

Dienerin

Amaryllis.


Gelanor sagte, wir kommen nicht auß dem Handel, wir müssen suchen, ob nicht ein Concept vorhanden,[56] welches der unglückselige Liebhaber stylisiret. Und zu allem Glücke fanden sie etliche Bogen Papier, darauff die hertzbrechende inventiones gestellt waren. Und sahe man wohl, daß der gute Gümpel alle Worte etlichemahl auf die Goldwage gelegt, weil hin und wieder etliche Zeilen mehr als dreymahl außgestrichen waren. Also brachten sie auch mit genauer Noth folgendes zu wege.


Schönste Gebieterin.


Glückselig ist der Tag, welcher durch das glutbeflammte Carfunckel Rad der hellen Sonnen mich mit tausend süssen Strahlen begossen hat, als ich in dem tieffen Meere meiner Unwürdigkeit, die köstliche Perle ihrer Tugend in der Muschel ihrer Bekandschafft gefunden habe, dazumahl lernte ich der Hoffart einigen Dienst erweisen, in dem ich die schöne Himmels-Fackel mit verächtlichen Augen ansah, gleich als wäre sie nicht würdig, bey dem hellblinckenden Lustfeuer ihrer liebreitzenden Augen gleichscheinend sich einzustellen. Die Venus hat ihr vorlängst den güldenen Apffel geschickt, und durch ihr eigenes Bekäntniß den Ruhm der Schönheit auf sie geleget. Juno eiffert nun wieder mit ihrem Jupiter, als möchte er sich auffs neue in etwas anders verwandeln und ihrer theilhafftig werden. Diana will nicht mehr nackend baden, weil sie weiß, daß sie das Lob ihres schneeweissen Leibes verlohren hat. Apollo wünschet sie unter den Musen zu haben, wenn das Verhängniß nicht den Schluß gemacht hätte, daß sie solte lieben und geliebet werden. Inzwischen freuen sich die Gratien, daß in ihrer angenehmen Persohn alle Liebligkeit gleichsam als in einen Mittelpunct zusammen läufft. Minerva schämet sich, daß sie in Tugendhafften Treffligkeiten nicht mehr die vortrefflichste ist. Ach wertheste Schöne, sie vergebe meinem Kiel, daß er die Feuchtigkeit seines Schnabels an ihrem Ruhm wetzen will. Hier ward Gelanor ungeduldig, und warff das Papier an seinen Ort. Es verlohnt sich nicht der Müh, sagte er, daß wir über dem Ratten-Pulver die kalte Pisse kriegen. Nun muß ich erst das Frauenzimmer loben, daß sie dergleichen abgeschmackte Narrenpossen mit so einer höflichen Freundligkeit hat auffnehmen und beantworten können.[57] Ich hätte so einen höltzernen Peter gleich in den Kuhstall gewiesen, da hätte er seine Liebes-Gedancken in die Pflaster-Steine eindrücken mögen. Doch ist es nicht eine Thorheit, sagte er weiter, daß ein junger Mensch mit solchen Eitelkeiten kan schwanger gehen. Da fressen sie den Narren an einer Person, und wissen darnach nicht, was sie haben wollen; sie lauffen und wissen nicht wohin, drum ist es auch kein Wunder, daß solche schöne Brieffe an den Tag kommen, die keinen Verstand in sich haben. Ich weiß nicht wer der verliebte Schäferknabe seyn muß: aber das will ich mich verwetten, er soll selbst nicht verstehen, was der Brieff heissen soll. Und also wird es wahr; Stultus agit sine fine. Florindo hörete es mit an, und furchte sich, der Hoffmeister möchte eine Application machen auf das Liebes-Brieffgen, welchen er neulich von seiner Liebsten erhalten. Drum machte er eine division und suchte das Papier wieder hervor, begehrende, Gelanor möchte doch weiter nachsuchen. Es war aber so untereinander geschmiert, auch so offt verändert, daß man schwerlich etwas daraus nehmen konte. Eines war noch mit Müh und Noth zu lesen, welches auch Gelanor mit seinen Glossen vermehrte, wie folget:

Schöne Grausame, deswegen heist sie grausam, weil sie aus seinen confusen Schreiben nicht errathen kan, was der Narr haben will: Es wundert mich, daß er nicht geschrieben: schönes Ungethüm oder schöne Bestie.

Nach dem ich in dem Spittal einer ungewissen Hoffnung kranck liege, und die Schmertzen der Verzweiffelung alle Tage zunehmen, wird es umb mich geschehen seyn, wo ich das Pflaster ihrer Gunst und ungefärbten Liebe nicht umb meine lächzende und durstige Seele schlagen darff. Hans spann an und führe den Kerl in den Narren-Spittal. Sind das nicht Worte, und wird die angefangene allegorie nicht schön außgeführt? Denn eben darumb wird ein Pflaster auffgelegt, daß man den Durst vertreiben will. O du elender Brieffsteller! wie viel Ursachen hast du zu verzweifeln? Es geht fast wie beym Poeten steht:[58]


Ich weiß nicht was ich will, ich will nicht was ich weiß

Im Sommer ist mir kalt, im Winter ist mir heiß.


Denn was hast du zu hoffen, was wilst du verzweifeln, und was soll dich die eitele Einbildung der Gegenliebe helffen? Doch weiter in den Text. Die gehorsamsten Dienstleistungen welche ich ihrer Gottheit gewidmet habe, müssen in meiner verliebten Seele sterben, in dem mir die Gelegenheit ermangelt solche herauß zu lassen. Mich dünckt ich habe die hertzbrechende Complimente in einem Buche gelesen, darauß der Liebhaber seine Invention wird außgeschrieben haben. Sonsten halt ich davor, es wird trefflich umb den Menschen stincken, wo die Dienstleistungen alle in der Seele verfaulen sollen. Mein Rath wäre, er legte sich eine Quantität von Bisemküchlein zu, damit er den übeln Geruch bey der Liebsten verbergen könnte, daß es nicht hiesse, Jungfer riecht ihr was, es kömmt von mir her. Ach wie glückselig wolt ich mein Verhängiß preisen, wenn ich als ihr geringster Sclave, ihre Schuhbänder auffzuknüpfen gewürdiget, oder sonst durch ihren hochmögenden Befehl in dero würckliche (werckliche) Dienste angenommen würde. Pfuy über die Berenheuterey, ist dieß nun die Höffligkeit alle, daß ein Kerle, der den lieben GOtt dancken solte, weil er ihn zu einem Mannsbilde erschaffen, sich gleichwohl nicht schämet, einem schwachen Werckzeuge fußfällig zuwerden. Pfuy daß man dir nicht die Fleischsuppe über den Grind herab giessen soll. Ich liege vor ihren Füssen, habe ich durch meine Kühnheit gesündiget, so trette sie mich: hab ich Mitleiden verdienet, so erzeige sie nur durch ein sachtes Anrühren, daß ich Gnade erhalten habe. Ich will gerne sterben, ich will gerne leben, sie erwehle nur, welches sie mir am liebsten gönnen will. O du barmhertziger Courtisan! ist dir das sterben so nahe, und schreibst noch Brieffe? Mein Rath wäre, du stürbest, und liessest dich per μετεμψύχωσιν Pythagoricam in dasselbe Bret verwandeln, welches die Liebste täglich mit dem Hintertheil ihres Leibes zu beküssen pfleget.[59] Sonst soltest du dich ehe zu tode complimentiren, ehe du so weit kämest. Sie wolten weiter lesen: doch kam der Haußknecht und ruffte zur Mahlzeit, da legten sie die Sachen an ihre Stelle, und sagte Gelanor diese kurtze Lehre: Ach studiere davor, mein armer Kerle, als denn wirst du ohne dergleichen Weitläuffigkeit Liebsten genug finden. Wilst du aber ietzt lieb haben und die nothwendigen Sachen versäumen, so will ich wetten, du wirst einmal bey deinem Unverstande kein Mädgen antreffen, welches dir den Hindern weisete. Bey Tische brachte er es nun durch weitläufftige Fragen herumb, wer etwan vor diesem in der Stube gewohnet hätte, da sagte der Wirth, es hätte sie ein Tantz-Meister gehabt, und wäre der junge Stutzer gegenüber gleichsam als sein Stuben-Geselle gewesen, welcher auch unterschiedene Sachen, die seiner Groß-Mutter Erbschafft betreffen, annoch oben verwahret hätte, aus Beysorge, der Vater möchte ihm sonsten eine unangenehme Visitation anstellen. Damit hatte Gelanor genug, und wunderte sich nicht mehr, warum der elende Galan die Gassen auf und nieder gestutzt, ohn daß ie einer Jungfer würcklich zu gesprochen wäre. Doch wolte er gerne das Frauen-Zimmer kennen, welche unter dem Nahmen Amaryllis sich so manirlich bezeuget hatte. Drumb brachte er den Wirth besser auf die Sprünge, und erfuhr nicht allein die Person, sondern hörte auch, es würde ehistes Tages eine Zusammenkunfft ihrenthalben angestellet werden. Hiermit ließ er es gut seyn, und sagte nur dieses darzu, er hoffe alsdenn das Glücke zuhaben, mit so vornehmen Leuten bekand zu werden.

Quelle:
Christian Weise: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Halle an der Saale 1878, S. 54-60.
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