Zwey und viertzigstes Exempel.

Unsinnige Lieb eines Ehe-Brechers, und einer Ehe-Brecherin.

[265] Um das Jahr Christi 1191. unter der Regierung Philippi Augusti, Königs in Franckreich, lebte ein Edelmann, mit Namen Reginald: der verliebte sich in die Frau Gemahlin eines andern Edelmanns (den man den Herrn von Fayel hiesse) mit solcher Heftigkeit und Innbrunst, daß er schier darüber zu einem Narren worden. Die Frau (wollen sie Cordula nennen) ware ihrem Buhler mit nicht geringer Gegen Lieb gewogen. Lebten also diese beyde ein Zeitlang im Ehe-Bruch; doch also heimlich, daß es Niemand wußte, als der allwissende GOtt: der auch schon die Straf zubereitete, die er mit nächsten beyden zu Haus schicken wurde. Mit der Zeit (vielleicht aus Beysorg, der Herr von Fayel möchte den Braten riechen) faßte Reginald andere Gedancken, und entschlosse sich, in den Krieg zu ziehen. Cordula wolte ihn, als den anderen Theil ihrer Seel, ohne ein Denck-Zeichen nicht von sich ziehen lassen. Verehrte ihm demnach, zu Bezeugung ihrer beständigen Treu, einen von zarter Cammer-Leinwath, mit Perlein gestickten Schleyer, samt einem aus ihren Haaren geflochtenen Knopf, mit diesen Worten: Hab dir das; und vergisse meiner nicht. Diesen nahme Reginald an, als das liebste Kleinod von der Welt, und zoge damit freudig in den Krieg. Es stunde nicht lang an, da geriethe er in einen feindlichen Hauffen, mit dem er sich [265] schlagen mußte. Er setzte zwar tapfer hinein; wurde aber gähling verwundet; und das tödtlich: also, daß er selbst vermerckte, daß er sterben müßte.


Ohne Zweifel wird er jetzt in sich selbst gangen seyn; seine unsinnige Buhlschaft verflucht; um einen Beicht-Vatter geschickt; mithin das mit so vielen Todsünden befleckte Hertz mit bitteren Buß-Zäheren abgewaschen, und seinem Schöpfer, dem er es so lange Zeit entzogen, mit einem tief-geholten Seufzer wiederum eingehändiget haben. Wenigst hätte er also thun sollen; wolte er anderst seiner Seelen Heil nicht verschertzen. Aber der verzweiflete Mensch gienge mit gantz anderen Gedancken um. Vernehme man ein Frevel-That, ob welcher billich die schamlose Frechheit selbst schamroth werden solte. Er berufte seinen Diener zu sich für das Beth, und redete ihn mit folgenden, oder dergleichen Worten an:


»Was es für ein Beschaffenheit mit mir habe, das siehest du. Die Artzten haben mich verlassen; die Schmertzen und Leibs-Schwachheiten nehmen zu, und verspühre ich bey mir selber wohl, daß mein Stündlein bald schlagen werde. Wie aufrichtig du es jederzeit mit mir gemeinet; wie treulich und fleißig du mir gedienet, das erkenne ich mit Danck: und ist mir nur leid, daß ich von dem Tod übereilet, dein Wohlverhalten nicht genugsam belohnen kan. Bishero hab ich dir, als ein Herr, gebotten; jetzt aber, als ein Tod-Krancker, bitte ich dich, daß du mir nur den letzten Dienst noch erweisen, und in einem Stuck willfahren wollest.«

Als nun der Diener mit nassen Augen zu allem sich urbietig, was sein Herr befehlen wurde, erzeigt, fuhre der Edelmann ferners fort.


»So bitte ich dich derohalben; ja ich beschwöre dich, daß du folgendes gewiß werckstellig machest. So bald ich werde tod seyn, so schneide meinen Leib auf; nimme das Hertz heraus; wasche es sauber, und balsamire es, damit es nicht stincke: mache es alsdann samt diesem Haar-Knopf, und Hand Brieflein zusammen in ein Trüchlein ein; nimme den Weeg gerad nach der Cordula; überliefere ihr dieses letzte Pfand meiner Liebe, und versichere sie, daß gleichwie ich bey Lebs-Zeiten ihr getreuer Diener allzeit verblieben, also auch in beständiger Treu gegen ihr gestorben sey. Das übrige wird das Hand-Brieflein geben.«


Der Diener neigte das Haupt; und gelobte seinem Herrn theur an, daß er alles bey einem Pünctlein ausrichten wolle. Reginald aber ward bald hernach ein Leich. Wie er werde gefahren seyn, kan ihm ein jeder leicht einbilden. Dann was für ein Gottlosigkeit ware es, im letzten Sterb-Stündlein, im letzten Augenblick, da man mit dem Tod ringt, sein Hertz einem losen Schleppsack vermachen? O unerhörter Frevel! unter dessen [266] kommt der Diener dem Befehl des Herrn nach; nimmt das Hertz aus dem Leib; balsamirts, machts ein, reiset damit der Behausung Cordulä zu. Er ware auch nicht weit mehr davon; da begegnete ihm zu allem Unglück Fayel der Cordulä Gemahl, in einem Wald. Und weil man ihn stracks erkennet, wurde er auch gleich angepacket, und gefragt: Woher kommst du? wie so gar allein? wo ist Reginald? wo willst du weiter hin? was führst du in dem Felleifen? Der Diener gabe auf alles ordentlich Antwort: weil er aber auf die letzte 2. Fragen mit der Sprach nicht recht heraus wolte, sondern einige Zeichen der Forcht spühren liesse, merckte Fayel gleich, daß er nichts guts im Schild führte. Bedrohete ihn demnach, bey dem Kopf zu nehmen, und gleich in die Gefängnuß zu setzen, wann er nicht alsobald die Wahrheit bekennen wurde. Weil nun der Diener auf frischer That erwischet ware, fienge er an, um Gnad zu bitten; zoge das Trüchlein samt dem Hand-Brieflein heraus; lieferte solches dem Fayel ein, und zeigte beynebens an, wie daß er von seinem verstorbenen Herrn hätte Befehl empfangen, selbiges der Frauen Cordulä, als ein Erb-Geschänck, einzuhändigen. Wie Fayel den gantzen Handel verstanden, liesse er den Diener seinen Weeg fort reiten; er aber kehrte mit dieser so unerwarteten Beut wiederum auf das Schloß zuruck.

O Cordula! sauset dir das lincke Ohr noch nicht? So rüste dich doch zu einem harten Strauß. Du bist verrathen; deine schandbare Liebsstücklein seynd am Tag: dein Herr Gemahl kochet schon an der Rach. Feurige Augen; Blitz- und Donners-Wort, Schwerdt, Strang, Gift, oder noch ein härterer Tod wartet auf dich. O hättest du dich bey deinem Nehe-Kiß, Stick-Nadel, Spinn-Rocken, oder Garn-Haspel zu Zeiten erinnert jenes Sprüch-Worts:


Nichts ist so klein gesponnen,

Es kommt einmahl an die Sonnen.


Wie wurdest du in dich selbst gangen seyn, und der verfluchten Buhlschaft aufgekündet haben! aber jetzt ist es zu spat. Willst du es laugnen? das geht nicht an. Man hat dir die Hand schon im Sack erwischt. Allein Fayel ist nicht so wild, als man wohl hätte sorgen können. Wie geht er dann die Sach an? Er kommt nach Haus; trittet beyseits in ein Zimmer; eröfnet das Trüchlein; erhebt den schönen Schatz; liset den Buhlbrief; und hat nunmehr handgreifliche Zeugnuß der Untreu seiner Frauen. Nachdem er sich lang hin und her bedacht, mithin die Gall schon mächtig aufbranne, und der rechtmäßige Zorn allerhand hitzige Vorschläg thate; beschlosse er doch zuletzt, die Sach glimpflich anzustellen, und die Verantantwortung [267] des schuldigen Theils auch noch anzuhören. Gienge darauf mit fröhlichem Gesicht zu der Cordula, deutete ihr an, wie daß ihm heut ein sonderbahres Glück wiederfahren, und er gedacht wäre sich lustig zu machen. Er wolle selbst in der Kuchel alles anschaffen, sie solle sich unterdessen aufmunteren, und der grösten Freud, die ihr auf Erden könnte zu Theil werden, zu ihrem gäntzlichen Vergnügen geniessen. Was aber? und wie? das wolle er ihr hernach offenbahren.


Cordula, so den geringsten Argwohn von dem, was in dem Handel war, nicht hatte, willigte in alles ein, was ihrem Herrn beliebig wäre. Darauf hin rufte er den Koch zu sich; befahle unter Betrohung höchster Ungnad, wann er anderst thun, oder von solchem Geheimnus das geringste offenbahren wurde, das Hertz des Reginalds in kleine Stücklein zu zerhacken; ein Gehäck von bestem Gewürtz, so gut er könnte, daraus zu machen, und neben anderen Speisen aufzusetzen. Es geschiehet. Fayel sitzt zu Tisch, und die Cordula auch. Man tragt auf, schenckt ein, beyde essen, trincken, und seynd guts Muths. Und als man das bewußte Gehäck auf die Tafel brachte, setzte solches Fayel seiner Gemahlin vor, mit Vermelden, wie daß er ihr solches zu sonderbahren Ehren, und aus grosser Liebe hätte lassen zubereiten; solle ihrs also geschmecken lassen, werde hoffentlich kein böse Speiß seyn. Cordula nahme solches mit höflichem Danck an, wußte nicht, woher diese ungewöhnliche grosse Freundlichkeit ihres Herrns käme; griffe zu, und asse alles aus. Der Herr fragte darauf, ob es gut gewesen? in allweeg antwortete Cordula: die Zeit meines Lebens hat mir kein Speiß bessr geschmecket. Auf diese Antwort eröfnete der Herr das Trüchlein, zeigte ihr den Haar-Knopf, den Cammer-Schleyer, die daran hangende Perlein; befahle ihr den Brief zu lesen, fragte sie, ob sie die Handschrift auch kennete, und ob diß nicht das Pittschaft des Reginalds wäre? Als nun hierüber die Frau gantz im Angesicht erbleicht, und vor Schrecken schier in ein Ohnmacht gesuncken, verwiese ihr der Herr erst mit aufgezogenen Runtzlen an der Stirn, feurigen Augen, erhebter Stimm, u. den schärffisten Worten ihr Untreu, u. sprache: Freylich ja, du Ehr-Pflicht-Vergessene! kennest du diese Hand, und diese Haar, hab ich solches um dich verdient? haltest du also die so theur angelobte und geschworne eheliche Treu? nimmest du also meine und deines adelichen Hauses Ehr in acht, daß du mit Hindansetzung aller Gebühr deinen Leib einem andern, einem doll-kühnen, unsinnigen Edelmann, der nunmehro tod ist, geschenckt hast? Recht so, du hast aber deinen Lohn zum Theil schon empfangen, die noch übrige verdiente Straf will ich mir vorbehalten. Weißt du auch wohl, was du gefressen hast, das Hertz des Reginalds, dieses ehebrecherischen, [268] verfluchten Bößwichts, das dir lieber, als mein Hertz ware, das hast du gefressen. Und weil es dir so wohl geschmeckt hat, so nimme für dißmahl vorlieb mit einer solchen Speiß, bis etwas bessers hernach komme.


Cordula vor Angst, Traurigkeit, Lieb, Gift und Zorn wußte lang nicht, was sie sagen sollte. Nachdem sie sich aber ein wenig erhohlet, gabe sie gantz unverschamt folgende verzweiflete Antwort: Habt Danck, Herr! sprache sie: für ein so kostbares Tractament. Ich bekenne mein Schuld, diese Speiß hab ich mehr geliebt, als mein Leben, als mein eignes Hertz! O süsse Speiß, wann jemahlen zwey Hertzen eines gewesen, so seynd sie es jetzt; indem ich das Hertz meines aller liebsten Reginalds genossen, und meinem Hertzen einverleibt hab. Weilen er aber nun tod, will es sich nicht geziemen, daß ich länger lebe. Ihr habt mir sein Hertz zu essen geben; das solle auch mein letzte Speiß geweßt seyn; dann es wäre ein Schand, wann ich auf ein so gute Speiß etwas schlechters mehr versuchen sollte. Dieses geredt, begabe sie sich in ihr Zimmer mit vielem Weinen und Weheklagen, wegen des unglückhaften Todfalls des Reginalds. Und obschon ihr Herr sie tröstete, und ihr Verzeyhung anerbotte, im Fall sie forthin treu verbleiben wollte, so ware doch alles vergebens. Dann sie verharrete auf ihrem Schluß; und kein Mensch konnte sie mehr bereden, einige Speiß zu sich zu nehmen, sondern gantz rasend vor bitterem Unmuth, und mithin verzweiffelte gottlose Reden ausstossend, hungerte sie sich selbst aus, verschmachtete nach etlichen Tagen, und fuhre besorglich demjenigen nach, sich mit ihme in der Höllen zu zerreissen, den sie also thorecht und eydbrüchig auf Erden geliebt hatte. Claudius Fauchetus, ex quadam Chronica Franciæ, ad Annum 1191.


Verfluchte Unzucht, was wirst du nicht noch ersinnen, die Leut in die Hölle zu stürtzen, wie ist es aber möglich, daß man diesem Laster sein Hertz ergebe, welches doch von GOtt erschaffen worden, daß es ihn allein lieben sollte? O wie hat diese Blindheit nach seiner Bekehrung bedauret der H. Augustinus, da er also aufschreyt: Mich armseeligen! mein Hertz, das dich O GOtt! allein hat lieben sollen, hab ich leyder auf die Eytelkeit gewendet Soliloq. c. 1. Was ist aber eytlers? was schnöders? ja, was schandlichers, als die unzüchtige Lieb? und wegen dieser soll der Mensch sein Hertz von GOtt dörffen abwenden? O der höchsten Unbild, die man ihm anthut, wahrhaftig derjenige ist nicht werth, daß er ein Hertz habe, welcher selbiges GOtt entziehen, und herentgegen einer schnöden Creatur schencken darf.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 265-269.
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