Fünf und fünftzigstes Exempel.

Einer Tochter wird der unterschiedliche Zustand ihrer verstorbenen Elteren in der andern Welt gezeigt.

[301] Es lebte vor Zeiten in einer Einöde ein zimlich alte, und in der GOttes Forcht wohl gegründete Jungfrau. Als diese einstens von einem frommen Alt-Vatter besucht, und gefragt wurde, wie, und was gestalten sie zu einem so guten Wandel gelangt wäre? gabe sie ihm mit vielem Seufzen folgende Antwort:


»Ehrwürdiger Vatter! als ich noch jung war, hatte ich einen gar ehrbaren, sanftmüthigen, und sittsamen Vatter; welcher aber fast jederzeit kranck und schwach war. Er lebte so eingezogen, daß er gar selten von seinen Mitburgern, welche in eben demselben Dorf wohnten, gesehen wurde. Er bauete seine Felder gar fleißig an, und brachte sein gantze Lebens-Zeit in Mühe und Arbeit zu. Wann er Gesundheit halber konnte, trug er seine Früchten gemeiniglich auf dem Rucken nach Haus. Jedoch war er die meiste Zeit kranck, und Bethliegrig. Dem Stillschweigen war er dermassen ergeben, daß er von denjenigen, so ihn nicht kenneten, für einen sprachlosen, und stummen Menschen gehalten wurde.«


»Hingegen hatte ich zur Mutter ein über die massen fürwitziges, und unkeusches Weib. Sie war so geschwätzig, daß es schiene, als wäre ihr gantzer Leib, und alle Glieder nichts anders, als ein lautere Zung. Sie zanckte mit jedermann. Dem Wein- und Vollsauffen wie auch denen Gesellschaften leichtfertiger Manns-Personen war sie starck ergeben. Alles, was wir im Haus hatten, verschwendete sie, als ein leichtfertiges Weib; also daß unser wiewohl zimlich grosses Vermögen, nicht erklecken möchte: dann das gantze Haus-Weesen war ihr von meinem Vatter anvertraut, und überlassen. Ihren schnöden Leib thate sie dergestalten mißbrauchen, und feil bieten, daß wenig Männer im gantzen Dorf waren, welche nicht von ihrer Geilheit zum Fall gebracht wurden. Sie wußte nichts von keiner Kranckheit, oder Schmertzen; sondern ihr Lebtag war sie allzeit frisch und gesund. Endlichen aber hat es sich begeben, daß mein Vatter, nach einer langwürrigen Kranckheit, dieses zeitliche Leben geseegnet hat. Nun war er kaum todt, da erhube sich ein solcher [301] ungestümmer Wind, ein solches Donnern und Blitzen, mit untermengten Platz-Regen, daß es Tag und Nacht niemahlen aufhörte; also daß mein armer Vatter drey gantzer Tag unbegraben mußte auf seinem Bethlein liegen. Die Leut im gantzen Dorf schüttelten die Köpf darüber, und hielten darfür, dieser Verstorbene müsse ein gottloses Leben geführt haben; weil ihn die Erde nicht einmahl zur Begräbnuß wolte aufnehmen. Nichts destoweniger, damit der Leichnam nicht auf dem Beth verfaulete, und durch seinen Gestanck die, so im Haus waren, vertriebe, haben wir endlich mit harter Mühe, in allem Regen, und bey noch währenden ungestümmen Wetter, meinen Vatter, so gut als wir konnten, zur Erden bestattet.«


»Nach dem Tod des Vatters gebrauchte sich meine Mutter einer noch grösseren Freyheit, als zuvor. Dann sie mißbrauchte ihren Leib dergestalten, daß sie unser Haus zu einem gemeinen Huren-Haus machte, und so fort in allen unziemlichen Wollüsten lebte. Unterdessen da ich noch jung, unser Vermögen aber im starcken Abnehmen war, ist endlich auch mein Mutter ohn alle Forcht GOttes dahin gestorben, und hat gleichwohl eine so ansehnliche Leich-Begängnuß gehabt, daß es schiene, als wolte ihr der schöne Himmel, und das gute Wetter selbst mit der Leich gehen. Nach ihrem Tod als ich nun zimlich erwachsen war, und mich die fleischliche Begierden zu bestreitten anfiengen, thate ich eines Tags gegen Abend hin und her gedencken, und mich besinnen, welchem aus beyden verstorbenen Eltern ich in meinem Lebens-Wandel solte nachfolgen. Ich lobte zwar meinen Vatter, daß er so züchtig, nüchtern, und sanftmüthig gelebt; weilen er aber all sein Lebtag nichts Gutes genossen, sondern die gantze Zeit in Kranckheit und Trübsaal hatte müssen zubringen, ja nach seinem Tod kaum konnte begraben werden, sagte ich bey mir selbsten: wann sein Wandel GOtt so gefällig gewesen, wie kommt es dann, daß ihn so viel Ubel überfallen? wer möchte Lust haben, fromm zu leben wann er nichts anders, als Kranckheit, und Trübsaal zu gewarten hat? ist ja besser, ich lebe, wie mein Mutter gelebt hat. Sie gestattete ihrem Leib allen Wollust: kein Laster ware so groß, das sie nicht wagen durfte: und dannoch wiederfuhr ihr nicht allein nichts Widerwärtiges bey Lebzeiten, sondern auch nach dem Tod bliebe ihr das Glückgünstig. So will ich dann ihr nachfolgen, und mir lassen wohl seyn, so lang ich kan. Wie mir nach dem Tod gehe, soll mich nicht viel anfechten. Da ich mich nun auf solche Weis zu einem leichtfertigen Lebens-Wandel entschlossen hatte, kame die Nacht herbey; und mit dieser überfiele mich ein tiefer Schlaf. [302] Gleich darauf sahe ich neben mir stehen einen grossen langen Mann, und erschröcklich von Angesicht. Dieser sahe mich gantz zornig an, und fragte mich mit ernsthafter Stimm: sage her! was führest du für Gedancken in deinem Hertzen? über diese Frag wurde ich dergestalten erschröckt, daß ich ihn nicht mehr därfte anschauen; will geschweigen eine Antwort geben. Er aber hiesse mich, bälder als bald zu bekennen, wessen ich mich entschlossen hätte. Widrigenfalls solte es mir übel genug gehen. Diese Schröck-Wort machten mich nicht allein am gantzen Leib zitteren; sondern verwirrten mich dermassen; daß ich mich meiner vorigen Gedancken nicht mehr erinneren konnte. Wußte ihm also nichts anders zu antworten, als daß ich gar nichts wußte. Er aber, da ich laugnete, führte mir alles wider zur Gedächtnuß, was ich vorher in meinem Hertzen gedacht hatte. Nachdem ich also überwiesen war, nahme ich mein Zuflucht zum Gebett; bath um Verzeihung, und erzählte ihm die Ursach, welche mich zu solchen Gedancken verleitet hatte. Er aber sprache zu mir: Komme her! und siehe vorher deinen Vatter und Mutter: und erwähle hernach einen Lebens-Wandel deines Gefallens. Dieses geredt, nahme er mich bey der Hand, und führte mich davon. Und erstlich zwar kame ich auf ein grosses Feld, allwo viel herrliche Lust-Gärten, köstliche Früchten, allerhand Bäum, und (kurtz zu sagen) eine unbeschreibliche Anmüthigkeit war. Dorten begegnete mir mein verstorbener Vatter mit fröhlichem Angesicht; welcher mich umfienge kußte, und seine Tochter nennte. Ich meiner seits fiele ihm ebenmässig um den Hals, und bathe ihn, daß er mich an diesem Ort bey sich behalten wolte. Er aber gabe mir zur Antwort: anjetzo, mein Tochter! kan es nicht seyn. Wirst du aber meinen Fußstapfen getreulich nachfolgen, so sollest du über eine kurtze Zeit hieher beruffen werden. Indem ich nun in meinem Bitten verharrete, und mit Gewalt allda verbleiben wolte, nahme mich mein Führer abermahlen bey der Hand, und sprache; komme her! jetzt will ich dir auch deine Mutter zeigen, welche dort im Feur sitzt, auf daß du dein Leben darnach anzustellen wissest. Er brachte mich also von dannen in eine finstere ud forchtsame Höle. Allda zeigte er mir einen feurigen Ofen, mit angezündeten Schweffel und Pech: und ober dem Ofen etliche abscheuliche Gespenster. Als ich nun hinunter schaute, erblickte ich alsobald meine unglückselige Mutter, welche bis an den Hals in dem Feur-Ofen versenckt war. Sie kirrete mit den Zähnen vor Schmertzen, heulte und schrie so erbärmlich, daß es mir durch Marck und Bein trunge. So bald sie mich ersehen, schrie sie mir zu, und nennte mich ihre Tochter Wehe mir (sagte sie) mein Tochter! wehe [303] mir! dieses alles leide ich wegen meinen sündigen Wercken: dieweil ich nemlich dasjenige, was man mir von dem nüchteren und vernünftigen Leben sagte, verachtet, und für eine lautere Narrethey gehalten. Ich glaubte nicht, daß mir mein Huren und Ehebrechen eine solche Straf; meine Vollerey und Geilheit ein solche Pein solte auf den Hals ziehen. Aber anjetzo erfahre ich es mehr, als viel. Ach! wie muß ich die genossene kurtze Süssigkeit so saur bezahlen! ach! wie wird die Verachtung GOttes an mir so peinlich abgestraft! dann es haben mich alle, und zwar die ewig währende Ubel ergriffen. O mein Tochter! jetzt ist es Zeit zu helfen. Gedencke, was gestalten ich dich auferzogen, und ernährt habe. Seye nun erkanntlich darum, und erbarme dich deiner armseligen Mutter, die in diesem Feur brinnet, und bratet. O der unerträglichen Schmertzen! O der grausamen Pein! O Feur! O Feur! wie brennest du! wie marterst du! wie durch dringest du Marck und Bein! Seel und Leib! ach! reiche mir doch dein Hand her, und ziehe mich aus diesem feurigen Ofen. Eile, eile, mir zu helfen! dann ich kan es nicht mehr ertragen. Als ich mich nun entschuldigte, wie daß ich ihr wegen denen anwesenden greulichen Gespensteren nicht helfen könnte, schrie sie noch erbärmlicher, als zuvor: ach, mein Tochter! lasse doch deine Mutter nicht umsonst so erbärmlich weinen und schreyen. Gedencke der Schmertzen, welche ich bey deiner Geburt erlitten, und verachte nicht mich elende, die ich vor Pein und Marter verschmachte. Auf dieses Zuschreyen meiner Mutter empfande ich ein so hertzliches Mitleiden, daß ich nicht allein die häufige Zäher vergosse, sondern auch erbärmlich zu heulen anfienge. Weilen nun die Leut im Haus darüber erwacht stunden sie auf, zündeten ein Liecht an, und kamen mich zu fragen, warum ich doch ein so erbärmliches Heulen angefangen hätte? ich aber erzählte ihnen alles, was ich gesehen hatte. Und darauf hab ich mich entschlossen, dem Lebens-Wandel meines verstorbenen Vatters nachzufolgen, dann ich nunmehr durch die Barmhertzigkeit GOttes genugsam unterrichtet worden, was für Peinen auf diejenige warten, welche auf dieser Welt ein gottloses Leben führen. Damit sagte ich der Welt ab, und begabe mich in diese Einöde, um darin GOtt zu dienen, und meiner Seelen-Heyl abzuwarten; damit ich nicht meiner unglückseligen Mutter, und ihres gleichen, in jenem peinlichen Ort beygesellt werde.«

Rosweidus in Vitis PP. l. 6. libello 1. de Prævidentia, seu Contemplatione. §. 15.

Warum GOtt vielmahl denen Gottlosen Glück gebe, die Fromme aber leiden lasse, ist ein Geheimnuß seiner unendlichen Vorsichtigkeit. Er [304] thut nichts, laßt auch nichts zu ohne höchste Weisheit, und Gerechtigkeit. Er belohnt zu seiner Zeit das Gute; straft aber auch zu seiner Zeit das Böse. Darum solle man denen Gottlosen um ihr Glück und Wohlfahrt nicht neidig seyn: weil sie es theuer genug, und zwar ewig werden büssen müssen. Dann wie der Heil. Bernardus sagt: welche nicht auf dieser Welt mit denen Frommen gegeißlet werden, müssen dort in der Höll mit denen bösen Geistern gegeißlet werden. O wie förchtig ist dieses! hingegen wie trostreich, wann der Heil. Paulus sagt Hebr. 6. Welchen der HErr liebet, den züchtiget er! er sucht ihn heim mit Armuth, Kranck heit, Verfolgung, und anderen Trübsalen; und das aus vätterlicher Liebe: damit er ihn dardurch verbessere, von Sünden reinige, und ihm Gelegenheit zur Gedult, und anderen Tugenden an die Hand gebe.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 301-305.
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