Sechs und sechtzigstes Exempel.

Hermenegildi, eines Königlichen Printzens, gründliche Verantwortung gegen seinem Herrn Vatter Leovigildum, König in Spanien, wegen falscher Beschuldigung, als strebte er ihme nach der Cron: der aber dannoch, ohne Ansehen seiner Unschuld; und zwar fürnemlich um des Catholischen Glaubens willen hat müssen das Leben lassen.

Großmächtigster König, allergnädigster Fürst, und Herr Vatter!

[352] Die Erweisung meiner Unschuld ist viel leichter, als der Betrug meiner Ankläger. Ich hatte zwar nächst GOTT all meine Hofnung auf Euer Königliche Majestät, als meinen Herrn Vatter, gesetzt; damit ich dem grossen Neid, der mich in diesen armseligen Stand gesetzt, entgehen möchte. Ich vertraue mich Dero Gewalt, Weisheit, und Verwaltung der Gerechtigkeit, bey welcher ich Hilf wider meine Ankläger finden solte. Nun aber sehe ich, daß Ihro Majestät selbsten wider mich seynd. Sie haben mich von der Königlichen Tafel lassen hinwegführen, in Verhaft nehmen; des Königlichen Purpur-Kleids berauben, und als einen Leibeigenen, so das Leben verwirckt, mit eisenen Banden beladen. Dahero ich in Sorgen stehe, daß, indem ich mich rechtfertige, ich Euere Majestät selbsten anklagen, und der unbillichen Gewaltthätigkeit bezüchtigen [352] müste: welches ich für die gröste Peyn, die ich sollte ausstehen, halten würde. Weilen es aber Euer Majestät mir befehlen, will ich meine Beschwerden mit wenig Worten vorbringen; nicht zwar, daß ich verhoffe etwas hierdurch zu erhalten, dann die Sachen also beschaffen seynd, daß ich die Billigkeit zu erlangen schlechte Hofnung hab; sondern allein darum, damit solche Euer Majestät recht erkennen, und ich meinem Gewissen ein Genügen thue. Geschehe alsdann, was GOtt der HErr über mich aus billichen Ursachen verhänget hat. Wann meine Ankläger allein mir das Leben zu benehmen suchten, wollte ich es ihnen willig gestatten. Weilen sie aber mich durch falsche Beschuldigungen meiner Ehr und guten Namens zu berauben sich unterstehen, so bitte ich Euer Königl. Majestät unterthänigst, Sie wollen Ihro belieben lassen, mich ein kurtze Zeit mit Gedult anzuhören.


Die Klag, so man wider mich führt, ist kein neue, sondern ein alte, so Gorzintha, Euer Königl. Majestät Gemahlin unsere Stief-Mutter vor vielen Jahren angesponnen, damit sie mich samt meinem vielgeliebten Bruder Neccaredo aus dem Weeg raumen, Euer Majestät der Männlichen Erben berauben, und sich in den Königlichen Thron setzen möchte. Wollte GOtt, ich könnte meine Frau Mutter, mildseeliger Gedächtnus von den Todten erwecken, damit sie dieser Klag beywohnen, und für mich reden könnte, ich wollte ihr gern stillschweigend zuhören. Sie wurde Euer Majestät zu Gemüth führen, was Gestalten sie eine kurtze Zeit vor ihrem Hintritt mich, samt meinem Herrn Bruder hertzlich umfangen, und Euer Majestät durch die eheliche Treu und Liebe gebetten, Sie wollen uns Ihro lassen bester massen anbefohlen seyn. Ich befande mich damals in einem solchen Alter, daß ich mein Elend nicht erkennte. Nichts destoweniger, als ich sahe, daß Euer Majestät die Zäher vor Schmertzen vergossen, thate ich es auch, und wußte nicht, warum. Euer Majestät nahmen mich beyseits, und verbotten mir das Weynen, trösteten mich, und versprachen, sie wollen mir forthin an statt meiner Frau Mutter seyn. Nachdem ich etwas erwachsen, haben mich Euer Majestät zum Mitgehülffen des Reichs gnädigst angenommen. Niemand ware damahls lieber als Hermenegildus. Alles mußte durch ihn versichert werden. Wann ein Krieg zu führen war, mußte Hermenegildus der Feld-Obrist seyn. Sollte ein Fried beschlossen werden, da waren dessen Articul dem Hermenegildo übergeben. Niemand zweiffelte, Hermenigildus, als der Aeltere, und Liebste, wurde mit der Zeit dem Herrn Vatter in dem Reich nachfolgen. Was Ihro Königl. Majestät nur redeten, und thaten, da war Hermenegildus die Ursach ihrer Ergötzlichkeit. Was für ein Sorgfältigkeit hatten Ihro Majestät nicht angewendet, daß sie mich mit einer ansehnlichen Printzessin möchten vermählen; bis sie endlich eine erkundiget,[353] welche eines Königs Tochter in Franckreich ware. Um diese bewarben Sie sich um mein Person mit grossen Unkösten, und Königl. Scheinbarkeit. Ach armseelige Printzessin, was hättet ihr gesagt, wann ihr gewußt, daß ihr einmahl einem solchen kläglichen Schau-Spiel müßtet zusehen? man hielte mich damahls für den glückseeligsten Fürsten dieser Welt, weilen mir ein solche Gemahlin zu Theil worden, ab deren Tugenden, guten Eigenschaften, und schöner Gestalt sich Niemand genug verwunderen konnte. Ich muß es bekennen, daß ich sie hertzlich lieb habe, nicht allein wegen ihrer ehelichen Treu, sondern vielmehr wegen ihres grossen Eifers, durch welchen sie mich von dem Arianischen Irrthum zu dem wahren Catholischen Glauben gebracht hat.


Bald hierauf fienge Gorzintha an, Euer Majestät Hertz zu besitzen, sich in alle Geschäft einzumischen, und durch ihre listige Griff dergestalten zu verändern, daß sie in kurtzer Zeit Dero Freundschaft in einen Haß, die Verträulichkeit in ein Mißtrauen, die Sicherheit in eine Unruhe, und die Mildigkeit in eine Gewaltthätigkeit verkehrt hat. Diese hat mich dermassen verfolgt, daß ich an Dero Hof keine Ruhe, kein Geschäft, keinen Fried ohne Gefahr haben können. Dieses konnte ich alles mit Gedult übertragen. Weilen sie sich aber einer That, so besser einem wilden Barbaren, als einer Königin anstunde, unterfangen; bekenne ich, daß ich solche vor Schmertzen nicht vorbringen kan. Genug ist es, daß ich es mit einem Wort andeute, daß nemlich sie meine Gemahlin, so eine Königliche Printzessin ist, ohne Ursach hat auf den Boden werffen, mit Füssen tretten, bey den Haaren hin- und herziehen, blutig schlagen, der Kleider berauben, binden, und bey kalter Winters Zeit in das Wasser tauchen lassen, damit sie ein solche Peyn ausstehe, deren die alte Tyrannen kein grössere dem weiblichen Geschlecht zur Marter erfinden könnten. Wann ich nun solche unmenschliche That mit dem Schwerdt hätte rächen wollen, wurde mir dieses kein Mensch für übel ausgelegt haben. Jedoch hab ich mich des gewöhnlichen Stillschweigens bedienet, und dieselbe von Hof nach der Stadt Sevilien, die mir Euer Majestät zu meinem Heyrath-Gut überlassen, abgeschickt, damit ich im Frieden leben könnte.


Sie aber Gorzintha, als hätte ich mich schwerlich vergriffen, indem ich nicht länger gedulden mögen, daß man mich gäntzlich um das Leben bringe, fienge an Lärmen zu blasen und mich durch das gantze Reich als einen Feind, Verräther, und Verbannten auszuruffen. Wollte GOtt, daß Ihro Majestät damals Ihro nicht zu viel geglaubt, und mich Unschuldigen hätten lassen zur Verantwortung kommen, so würde ohne Zweifel alles besser hergangen seyn. Weilen sie aber alsbald ein grosses Kriegs-Heer zusammen gezogen, und mich in meiner [354] Stadt Sevilien belagert, hab ich aus Nothwendigkeit dasjenige Mittel ergreiffen müssen, welches so gar die unvernünftige Thier aus natürlicher Neigung gebrauchen, sich wider den Gewalt zu beschützen. Ich hab die Waffen ergriffen, nicht Euer Königl. Majestät damit anzufallen, sondern allein mich wider die Stief-Mutter, die mich tod haben wollen, zu erretten. Da ich endlich auch gesehen, daß ein Schlacht geliefert, und beyderseits viel unschuldiges Blut müßte vergossen werden, hab ich mein Recht beyseits gesetzt, und den Schluß gefaßt, mich auf Euer Majestät Gnad und Ungnad zu ergeben. GOtt und die Engel wissen es, was massen ich mich mit Zäher überronnen, vor einem Crucifix niedergeworffen, damit ich einmahl bey Ihro in Gnaden möchte aufgenommen werden.


Hierauf haben Ihro Majestät mir meinen lieben Herren Bruder zugesandt, mich Dero Gnaden zu versichern, deme ich Glauben zugestellt, und mich als bald zu Ihro verfügt, vor Dero Füssen niedergeworffen, meine Gebrechen erkennt, um Gnad demüthigst gebetten, von Ihro selbst vom Boden aufgehebt, und mit solcher Freud und Höflichkeit empfangen worden, daß ich zu fernerer Versicherung mehr nicht hätte erforderen können. Nun seye mir gnädigst erlaubt Euer Königl. Majestät meinen geehrtisten Herren Vatter in aller Unterthänigkeit zu befragen, woher diese grosse Veränderung erwachsen seye? wer diese Freud in ein Leyd, diesen Frieden in einen Krieg, und diese Verträulichkeit in einen bösen Argwohn verändert habe? wann Sie dieses, was Sie in Ihrem Gewissen befinden, eröfnen wollten, müßten Sie nothwendiger Weiß bekennen, daß aller solcher Ueblen Gorzintha unsere Stief Mutter, die einige und wahre Ursach seye; dann, weilen sie mich durch die Waffen nicht hat können unterdrucken, will sie mich allbereit unter dem falschen Schein der Gerechtigkeit hinrichten. Dieses ist mein Verbrechen, um dessenwillen ich in diesem Buß-Kleyd allhier in schweren Ketten beladen, alle Augenblick auf den scharfen Befehl, so über mich ergehen solle, mit Verlangen warte.


Diese Verantwortung war so wohl gegründet, daß, wann der König nicht allbereit von seinen unordentlichen Anmuthungen völlig wäre eingenommen gewesen, er die Unschuld seines Sohns leichtlich hätte er sehen können. Allein, weilen die Religion die fürnehmste Ursach war, welche Hermenegildum verhaßt machte, fragte ihn der König, ob er Catholisch sey? in allweg (antwortet Hermenegildus) bin ich Catholisch; und zu diesem allein seeligmachenden Glauben bekenne ich mich freywillig, und offentlich. Dieser Glaub ist es, ab welchem die Richter erschröckt werden, die darüber Beklagte sich erfreuen, und alle Peyn gedultig ausstehen. Ich zwar hielte es für die gröste Ehr, wann ich [355] für diesen glorwürdigen Namen tausendmal könnte sterben. Derohalben, wann es Euer Majestät beliebt, daß man mich deßwegen mit aller erdencklichen Marter umbringe, will ich durch göttliche Gnad gestärckt, alles mit Gedult und Freuden ausstehen, verhoffend, durch solche Marter in den Himmel zu kommen.


Diese Antwort nun ware dem König, als einem, der mit dem Gift der Arianischen Ketzerey angesteckt war, Antrieb genug den Sohn tödten zu lassen. Nachdem er ihn dann wiederum in die Gefängnus zu führen Befehl ertheilt, schickt er über ein kurtze Zeit bey nächtlicher Weil (so eben die Oster-Nacht ware) zu ihm einen Befehlshaber samt dem Scharfrichter in den Kercker, und lasset ihm sagen, mithin habe er die Wahl, aus zweyen eines zu erwählen; entweders den Königl. Scepter, oder aber das Schwerd. Den Scepter zwar, wann er sich zu der Arianischen Religion bekennen; das Schwerd aber, wofern er in der Catholischen verharren werde.


Hermenegildus antwortet, er habe dißfalls seinen Willen allbereit genugsam erkläret, er wolle tausendmahl lieber sterben, als die Catholische Religion, welche er mit genugsamen und wichtigen Vorbedencken angenommmen, wieder verlassen. Da sprach der Befehlshaber, den der König zu Hermenegildo in den Kercker geschickt: Es haben uns Ihro Königl. Majestät, Dero Herr Vatter anbefohlen, im Fall, daß ihr auf dem Catholischen Glauben würdet verharren, wir seinen Befehl an euch vollziehen sollten. Was für einen Befehl? (fraget Hermenegildus) daß ihr (antwortet der Befehlshaber) diese Nacht, und an diesem Orth sollet enthauptet werden. Hierauf knyete Hermenegildus nieder, und sprach Ach GOtt! mein HErr! ich sage dir ewigen Danck, daß du mir an statt eines gebrechlichen, elenden, und mühseeligen Lebens allbereit durch diesen Befehl ein edles, glückseeliges und glorwürdiges in alle Ewigkeit mittheilen willst.


Alsdann begehrte er von dem Befehlshaber eine Gnad, er wolle ihm nemlich einen Catholischen Priester zulassen, damit er beichten, und die H. Communion, als die letzte Wegzehrung empfangen möchte. Hierauf antwortet ihm der Befehlshaber: dieses seye ihm von seinem Herren Vatter vor allem aufs höchste verbotten. Wann es ihm aber beliebe, werde alsbald ein Arianischer Bischof zugegen seyn. Behüte mich GOtt (sprach Hermenegildus) vor einem Arianischen Bischof, dessen falsche Sect und Irrthum ich allbereit verflucht hab, und selbige bis in den Tod verfluchen werde. Weilen mir aber mein Herr Vatter diese Gnad (so man auch dem grösten Uebelthäter wiederfahren [356] laßt) abschlagt, beruffe ich mich auf die Zeugnus meines Gewissens.


Hierauf thate er seine Beicht vor GOtt. Fienge an eine gute Weil für seinen Herren Vatter, seine Stief-Mutter, und alle seine Verfolger zu betten. Alsdann befahle er GOtt, seinem Schöpfer die Seel. Rufte die seeligste Mutter GOttes, die heilige Engel, samt allen Auserwählten zu Fürbittern an, und bate dem Scharf-Richter das Haupt dar, welches er ihm mit einer Axt in einem Streich abgeschlagen, die Seel aber floge mit dem Marter-Cräntzlein geziert dem Himmel zu. Causini S.J. Heil. Hofhaltung erster Theil.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 352-357.
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