Das erste Capitel.

Der Vorsatz entgehet der Gefahr zu sündigen.

[838] Babilas, Cometa, und Nicosia Comödianten.


Der steiffe Vorsatz deren, welche beichten, wird in der Geschicht des ansehnlichen Babiä, und zweyer wohlgestalten Frauen Cometä, und Nicosiä, vorgestellet.

Die Comödi fanget an: und zwar im Vorspiel singet die ewige Weißheit zum angestimmten Harpfen-Klang. O ihr Menschen Kinder, warum liebet ihr die Eitelkeit, und suchet das Lugenwesen?


O ihr Menschen! O ihr Sünder!

O ihr blöd, und böse Kinder!

Wo denckt ihr doch einmahl hin?

Ach! wie schwinden Tag, und Zeiten,

Nur im Schertz, und Eitelkeiten:

Wo habt ihr doch Witz, und Sinn?


Zu Tarso in Cilicia trittet Babilas zum öftern in der Schau-Bühne hervor: deme folgen Nicosia, und Cometa vielfärbig angethan, und geschmucket: sie lassen sich sehen, und hören, werden also allem Volck mit ihren Gauglereyen in ihren Comödi-Spiel singend, und tantzend bekannt, angenehm, und beliebet. Der Fürwitz wird theur bezahlet, Babilas wird in einfliessenden Gelds-Mittlen reich: der Reichthum verursacht üppiges Wohlleben nach Belieben. Das gewähret Jahr, und Jahr: sie zwar alle drey waren nach dem Catholischen Glauben Christen, führten doch keinen auferbäulich, Christlichen Wandel. GOtt, welcher nicht begehrt den Tod des Sünders, ist langmüthig in seiner Gedult: ach wie lang wartet er, bis daß er endlich erwartet den Sünder zur Buß. Babilas befand sich einsmahls am Feyertag in der Kirch: da wird im Heil. Evangelio mit durchtringender Stimm gesungen: thut Buß, dann das Himmelreich ist nahe herbey kommen. Matth. 3. Diese Wort klingeten ihm in Ohren, und wurden ihme zu einem zweyschneidenten Schwerd, welches Hertz und Seel verwundet. Alsobald erwecket er innerlich einen kräftigen Vorsatz nicht mehr zu sündigen, alle gefährliche Gelegenheiten zu meyden, sich zu entfernen von jenen Personen, welche ihne mit ihrer Lieblichkeit bezaubert haben. Fort mit allen Gauglereyen, und Comödien! bishero bin ich ein Schau-Spiel gewesen der thorrechten Welt, ein Augen-Lust des menschlichen Fürwitz, ein Abscheuen des Himmels, ein Greul der Englen, ein Werckzeug des Teufels: hinführo aber werd ich ein Schau-Spiel werden der Bußfertigkeit;[838] ein immerwährender Feind meiner Gelüsten, ja ein geschlachter Bock meiner Sünden: nimmermehr werde ich umkehren zum Schwein-Trog der Unreinigkeit, wann ich nur einsmahls zugelassen werde zum Ursprung der Gnaden.

Mit dergleichen Anmuthungen gehet er nach Haus, erkläret denen Frauen seinen unverhinderlich gefaßten Vorsatz; Dieser unverhofte Entschluß erwecket in beyden jämmerlichen Platz-Regen vieler Zäher, welcher demnach er vergangen einen heitern Himmel gebracht, indeme sie gleichsam aus einem Mund und Hertzen erwählet und gesprochen: seynd wir mit dir den breiten Weeg, welcher zum Verderben führet, geloffen; so wollen wir nun mit dir den engen, welcher durch Bußfertigkeit zur Seeligkeit begleitet, eingehen. Babilas ware vor diesem ein Stein der Aergernus, diesen Frauen zu manchem Fall, nun aber ein Grundstein zur Aufrichtung. Sein Vorsatz bleibt fest, doch nicht sicher genug, so lang er sich von diesen nicht entscheidet, und entfernet. Dann der Vorsatz sich zu besseren ist eine gleißnerische Spiegelfechtung, wann er nicht die sündliche Gemeinschaft hinweg raumet. Nicosia du warest meines Hertzens Scylla, Cometa aber meiner Seelen Charybdis, Sturm und Würbel seyd ihr gewesen, darinnen ich mehrmahlen Schifbruch gelitten, euch liebend, liebte ich die Gefahr meines Untergangs; der gnädigste Vatter der Barmhertzigkeit seye hinführo euer Vatter, und GOtt, der euch behüte, begleite mich auf das Gestatt der Seeligkeit.

Mit solcher Urlaub wiche er ab von ihnen, gienge zur Beicht, schlieft in einen härinen Rock, erhaltet einen Stadt-Thurn zur Wohnung, und läßt sich darein mit eisenen Rieglen und dicken Gemäuer verschliessen. Da hielt er gefangen den Muth seines Fleisches, und fande die Ruhstatt seines Geistes.

Die also verlassene zwey Frauen wolten von Gauglereyen und Comödien-Spiel nichts mehr wissen noch hören; giengen derowegen ein den heylsamen Rath, gleichwie einsame Turtel-Täublein zu weinen und zu klagen, daß sie so sehr gesündiget, so schändlich Leib und Seel verunehret haben.

Sie machen den Vorsatz die zarte Kleyder, und mit diesen die böse Gewohnheiten abzuziehen, die und alles schätzbares zu verkauffen, den nothleydenden Armen zu vertheilen. Es geschicht. Folgends unterreden sie sich mit einem geistreichen Beichtvatter, deme bekennen sie reumüthig ihre Missethaten, vertrauen doch nicht ihren jetzt entzündten Eyfer, sondern dessen Bescheidenheit. Zur Bestättigung ihres Vorsatzes erwählen sie also in der Stadt, als ob sie in der Einsidlerey in einer Wüsten wären, zu leben; erhalten auch neben dem Stadt-Thurn, allwo Babilas verschlossen, zwey schlechte Zellen aufzubauen, ihr übriges Leben darinnen zuzubringen. Es wurde also alles werckstellig, daß Babilas gar wohl, was der Römische Wohlredner sagen konnte: dummodo [839] murus inter me & te inter sit: Cicero sagt diese Wort seinem Gegentheil, Babilas diesen Frauen, mir ist und bleibt es gar recht, wann nur eine unzerbrechliche dicke Mauer mich von euch entscheidet.

Im lustigen Blumen-Feld unterschiedlicher Geschichten weiset Sophronius auf diesen büssenden Babilas, Cap. 32. und erzählet, daß er mit ihme geredet, und gefunden, daß er demüthig, in seinem Vorsatz unbeweglich seye.

Derohalben wann ihr etwann heut die Stimm des HErrn hören werdet, verstocket nicht eure Hertzen, sondern thut Buß, dann das Himmelreich ist nahe herbey kommen.

Eine Römische Fräule hatte eine grosse Verträulichkeit mit einer jungen Schlangen, die Schlang schleichet ihr nach, sie wicklet sich in ihre Füß, und liebkoset sie, daß sie angegriffen, ihr keinen Schaden viele Zeit zugefüget; einsmahls ungefehr, als die junge Schlangen die Fräule schlaffend zu Beth gefunden, schlinget sie sich ins Beth, umwicklet sich nach Gewohnheit um die Fräule, wird aber gedruckt, alsbald ergiftet, beisset und verletzet sie diese Fräule dermassen, daß kein Artzney die giftige Wunden heylen, keine menschliche Hülf vom Tod erretten konnte. Also gehet es denen, welche mit der Sünd gar zu grosse Gemeinschaft und Verträulichkeit gebrauchen. Besser hat ihme gethan jener, welcher in Oesterlicher Beicht sich vorgenommen die Sünd, wie das Angesicht einer Schlangen zu fliehen; dem begegnet sein Buhlschaft, begrüsset ihn mit gar zu grosser Verträulichkeit, sprechend: erkennet er mich nicht, ich bin seine Geliebte, abgewendet ihr geantwortet hat, ich bin nicht mehr der, welcher ich vor meiner Beicht vor Ostern gewesen, hinführo werde ich sie nimmermehr erkennen. Also recht. Der gute Vorsatz nicht mehr zu sündigen entfernet sich von der Gefahr und Gelegenheit, indem er vom Himmel den antreibenden Geist GOttes anhöret: Fuge dilecte mi! fliehe, fliehe mein Geliebter! Cant. S. Sicut à facie colubri fuge peccatum: fliehe für den Sünden, wie für dem Angesicht einer Schlangen. Eccl. 12. v. 2.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 838-840.
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