Das fünfte Capitel.

Ein Mägdlein von sechzehen Jahren wird verdammet, weilen sie ihre Sünd verschwiegen.

[903] P. Martinus Delrio Tom. 1. lib. 1. q. 28. Sect. 5. In der Beschreibung von denen zauberischen Nachforschungen, gedruckt zu Lion in Franckreich, 1604. erzählet folgende Geschicht, gezogen aus den Jahr-Brieffen der Gesellschaft JEsu, im Jahr 1590. in dem Königreich Peru. Dieses wird hoffentlich den jungen Leuten, forderist denen Mägdlein sehr nutz- und dienlich seyn, aus fremden Schäden witzig zu werden.

Jetzt obgenennter Scribent setzet zu seiner Erzehlung, daß dermassen [903] vielfältige Bezeugnuß dessen seynd beygebracht worden, daß daran mit nichten zu zweiflen. GOttes Vorsichtigkeit hat dieses zugelassen, damit die neuglaubige Christen wohl zu Sinn und Hertzen fasseten die vollkommene Bekanntnuß aller Todsünden in der Sacramentalischen Beicht, welches zu thun die Indianer, als Inwohner jenes Königreichs, ein grosse Beschwärnuß haben: und weilen dieses Mägdlein die Sünd, welche sie in der Beicht verschwiegen, ihren Gespäninen mit Lust erzählet, hat der gerechte GOtt gemacht, daß die billiche Straf eben jenen vor das Angesicht gestellet, vor welchen die Sünd so unverschamt ist gerühmet worden. Felix, quem faciunt aliena pericula cautum. Glückseelig die, welche mit fremden Schaden witzig werden. Die Geschicht hat sich also zugetragen.

In jenen Länderen ware ein indianisches Mägdlein, in blühender Jugend, von sechzehen Jahren, die diente bey einer hochadelich vornehmen Frauen, welche mit ihrem frommen auferbäulichen Wandel, und heylsamen Rath diese ihre Dienerin auf den Christlichen Glauben gebracht, sie tauffen, und mit dem Nahmen Catharina nennen lassen. Es wachset mit dieser, bey ihren jungen Jahren die Freyheit auf, und wurde gar zu frey, ja gantz frech in ihren Gebärden: wiewohlen sie von der Herrschaft deswegen scharf vermahnet, und zu Zeiten auch gestraft worden. Die böse Anmuthung hat also überhand genommen, daß sie gar zu lieblich gehandlet, und freymüthig zugehalten mit etlich gar zu vermessenen und kecken Jünglingen: sie unterliesse doch nicht die gewöhnliche öftere Beicht und Geniessung des hochwürdigen Sacraments: fleißig haltet sie die hochheilige Zeiten zu beichten, aber allzeit verschwig sie die mehriste, nemlich ihr schändliche Lieb und Unzucht, zu scheinen vor dem Beicht-Vatter als ein reine Jungfrau. Den ersten Tag des Monats Augusti wird Catharina von einer Kranckheit angegriffen, im Jahr 1590. bald schickt sie um den Beicht-Vatter, und gleich wie sonsten verrichtet sie ihr Beicht geschwind mit Verschweigung der groben fleischlichen Sünden: welches in währender Kranckheit in die neunmahlen ebenfalls geschehen. Nachdeme sie auf diese Weiß ungültig gebeichtet, und der Beicht-Vatter nach Haus gekehret, ruft sie ihr Gespännin zu sich, und triebe ein Gespött aus dem, was der Beicht-Vatter mit ihr abgehandlet: freylich wohl, sprach sie, ich hab gewiß nichts zu thun als den Pfaffen meine Geheimnuß zu offenbaren, ich war gleich recht darzu gerichtet? was ist das so vielfältige Fragen? ich hab mich wohl behütet, daß ich mich nicht hab verrathen: dergleichen Spott-Reden mehr gosse sie aus, daß ihre Gespänninen sich darüber geärgert, und alles der Frauen angezeiget. Die Frau erschrack, eylet doch der Krancken zu, verweiset ihr erstlich mit scharffen Worten ihr Boßheit, dann dieses zu thun stehet zu einer jeden Frauen, der Dienst-Leut Sünd abzustraffen, [904] damit sie nicht fremden Sünden theilhaftig werde) hernach spricht sie ihr zu mit sanft- und liebreichen Worten, sie bittet sie inniglich mit freundlichen Angesicht, ein rechtschaffene General-Beicht zu machen, sie fragte auch, was für Sünden sie dem Beicht-Vatter verschwigen hätte: die Krancke fanget an, ohne Scheuh alle ihre in der Beicht verschwiegene Sünd der Frauen zu erzählen, mit diesem Zusatz, daß, so oft sie in diesem ihrem Zustand gebeichtet, sie allenmahlen einen abscheulichen Mohren zu ihrer lincken Seiten stehen gesehen, welcher sie beredet hat, jene Sünden nicht zu beichten, daran wäre nicht viel gelegen, es wären keine hochwichtige Sachen, allein wann sie es beichten solte, wurde sie bey dem Beicht-Vatter ihren guten Namen verliehren, er wurd sie nimmer in guter Meynung, als die tugendliche Beicht-Tochter, sondern als ein boshaftes Laster halten: entgegen zur rechten Hand habe sie scheinbar gesehen die H. Büsserin Maria Magdalena, welche inständig ihr zugesprochen, ein vollkommene Beicht von gantzem Verlauf ihres Lebens anzustellen. Als die Frau dieses gehöret, befahl sie also balden den Beicht-Vatter zu beruffen, deme sie allen Verlauf ordentlich zu bester Nachricht erzählet: der gute Pater, damit er allein mit der Krancken reden, und sie aus den Maschen des Teufels erretten konte, schaffet alle ab, bemühet sich vielfältig mit beweglichen und eyfrigen Zusprechen: aber härter als ein Marmel-Stein war ihr Hertz, je mehr der Pater sie ermahnet, je weniger sie wolte bekennen, also halsstärrig, daß sie den heiligsten Namen JEsus nicht wolte aussprechen: ja die Bildnuß des Gecreutzigten wurde ihr vorgehalten, sie wolte doch dieses verehren, und bedencken, wie unser HErr Christus der ewige Sohn GOttes für sie, und ihre Sünd gelitten: sie erzörnet darüber, und sprach zornmüthiglich: weiß dieses alles zuvor, was wolt ihr mich plagen? ihr Frau antwortet darauf, mein Catharina, wir wollen euch nicht plagen, sondern wir begehren von euch nichts als ein bußfertiges Hertz, und ein aufrichtige Beicht: mein Frau, sprach entgegen die Krancke, bemühet euch nicht umsonsten, ich bitte euch, laßt mich zu frieden. Darauf gieng die Frau kümmerlich hinweg, die Krancke aber fienge an unzüchtige Buhl-Lieder zu singen.


Dieser Streit des Beichtvatters, und der Frauen mit der widerspenstigen Krancken, damit sie doch zu einer vollkommenen Beicht beweget wurde, hat gewehret bis auf ein gewisse Nacht, in welcher sie ihre Frau und ihre Gespänninnen eylends geruffen, in folgende Wort heraus gebrochen: wehe mir Unglückseeligen! Ach wie naget mich das Gewissen. Was für eine tödtliche Traurigkeit ängstiget meine arme Seel, dieweilen ich diese gantze Zeit, welche ich gehabt, nicht hab wollen recht beichten. Darauf schwiege sie still, verbliebe unbeweglich ohne [905] Zeichen des Lebens, bis in die halbe Nacht, daß sie für todt gehalten worden, und man redete schon von dero Begräbnus. Als sie aber wiederum zu sich kommen, ruffet man den Beichtvatter. Sie beichtet, doch nicht besser als vor diesem, dann sie diejenige Sünd abermahlen verschwiegen. Nach dreyen Stunden, eine kleine Zeit vor ihrem Tod wurde sie von ihren Gespänninen ermahnet und gebetten, sie solle die Bildnus des Gecreutzigten in die Händ nehmen, und den HErrn JEsum anruffen. Sie aber fraget, wer ist JEsus? Ich kenne ihn nicht. Darnach setzte sie sich auf in dem Beth, und fangt an gegen den Füssen mit einer unsichtbarlichen Person zu reden, und weilen auch in jenem Zimmer eine andere Dienst-Magd kranck gelegen, bate sie die Frau anzubefehlen, anderst wohin getragen zu werden, weilen sie greuliche und abscheuliche Sachen vor ihren Augen gesehen, welche ihr einen solchen Grausen verursachen, daß sie in jener Kammer nicht könnte verbleiben.

Endlich ist in Verlauffung dieser Nacht, die armseelige Catharina gestorben, und jenes Zimmer dermassen mit Gestanck eingenommen, daß so gar das gantze Haus darvon erfüllet worden, also daß nothwendig gewesen den Leichnam unter den freyen Himmel zu stellen. Bald darnach ist der Frauen ihr Herr Bruder bey dem Arm ergriffen, und aus seiner Kammer mit unsichtbaren Gewalt gerissen worden. Eine Dienstmagd ist dermassen schwehrlich, unwissend von wem, an ihren Rucken geschlagen worden, daß etliche Täg lang die Streich der empfangenen Schläg sichtbarlich geblieben. Es war in dem Haus ein leitsames frommes Pferd, dieses ist also sehr tobend worden, daß es ausgerissen, wütend hin und wieder ausgeschlagen, und alles über und über geworffen. Die Hund, als ob sie wütig wären, verbrachten ein jämmerliches und erschröckliches Geschrey. Demnach der todte Leichnam zu der Erden bestättiget worden, gienge ein Fräule in das Zimmer der Catharinä, die sahe niemand, doch wurde ein Geschirr, welches auf dem Kasten gestanden, auf sie geworffen. Viele Leut aus der Stadt haben gesehen Dach-Ziegel und andere Ziegel hin und wieder werffen, daß etliche Ziegel-Trümmer in die 2. welscher Meil-Weegs ausgeflogen, und mit erschröcklichem Sausen, ohne Vermerckung eines Handwurfs ausgesprenget worden. Ein andere Fräule in Gegenwart mehrer Personen ist niedergeworffen, und bey einem Fuß geschleiffet worden. Niemand war zu sehen, doch geschahe dieses eine ziemliche Weil.

Den 7. Sept. wolte eine Gespahnin der Verstorbenen ihre eigne Kleyder aus dem Kasten nehmen, und selbige anlegen, da ersihet sie lebhaft vor sich die Catharinam stehen, welche die Hand ausstrecket, ein Geschirr zu ergreiffen, wie sie dieses sihet, entlauffet sie eylends voll des Schröckens, und höret nach sich einen gewaltigen [906] Wurf, daß das geworffene Geschirr in tausend Stucken zersprungen. Nachfolgenden Tag unter dem Abendmahl, welches nach Befehl der Frauen im Lustgarten geschehen, wird ein Ziegel-Trumm mit grossem Gewalt in ein Richt geworffen, daß aus Forcht und Schröcken allen Umsitzenden, der Lust zum Essen vergangen. Dieser Frauen vierjähriges Söhnlein fanget einsmahls an heftig zu schreyen, Ach! meine Frau Mutter, meine Frau Mutter, die Catharina troßlet mich, sie will mich erwürgen; dieses Knäblein wurde von diesem Quälen erlöset, demnach ihme Heiligthum angehänget worden. Alle diese Begebenheiten waren eine nothzwingende Ursach, daß die Frau in Verlassung dieser eine andere Behausung angetretten, bey ihrer Frau Muhme wolte sie wohnen: doch ihren Dienst-Leuthen, welche etwas behertzter waren, befihlt sie die Obsicht aller Sachen, und liesse dieselbe in Verwaltung des Haus.

Den zehenden Tag dieses obgenennten Monaths befand sich eine aus diesen in einem Gewölb des Haus, die höret sich dreymahl von der Catharina ruffen, sehr verzagt wurde sie in Anhören dessen, wird doch von ihren Mit-Gespänninen aufgemunteret, ein Hertz zu fassen; die reichten ihr dar eine gesegnete angezündete Wax-Kertzen, sprechen ihr zu, sie soll GOttes Hülf und Beystand anruffen, und nicht abweichen. Sie verbleibt samt zweyen Jungfrauen in dem Gewölb, aber die Catharina, deren Stimm von allen gehört und erkennet worden, wolte niemand mit ihr leyden, begehret derowegen, die andere zwey sollen abtretten, mit ihr allein hatte sie Geheimnussen abzureden, die geweyhte Kertzen soll sie ablöschen, weilen diese ihr peinliche Schmertzen mitbringen.

Es geschieht alles nach ihrem Begehren, sie verbliebe allein, und Catharina kommet sichtbarlich zu ihr in einem erschröcklichen Brand von unten bis oben, mit stinckendem Feur, umgürtet mit einer acht oder zehen Finger breiten Gürtel, welche auch als ein Vortuch abgehangen, dieses war das Zeichen der quälenden Peyn des unzüchtigen Wandels, den sie unbußfertig verbracht. Die gute Jungfrau zitterte aus Forcht am gantzen Leib in Ansehen dieses verdammten Geists, GOtt aber gab ihr die Stärcke, daß sie die Verstorbene in dieser erschröcklichen Gestalt sehen, und was diese reden wurde, anhören konnte. Komm her, sprach Catharina, gehe näher zu mir, warum versagest du mir die Antwort, demnach ich dich mehrmahlen hab geruffen? Mein JEsus (antwortete die Jungfrau gleichsam ausser sich selbsten) wer solte nicht erstummen und erschröcken vor dir, die du mit Feur umgeben? Da sie diese Wort geredet, erscheinet ihr ein holdseeliges Knäblein weiß bekleydet, dieser entnimmt ihr allen Schröcken und Forcht, macht ihr ein tapferes großmüthiges Hertz, und ermahnet sie, sie wolle mit Fleiß anhören, was die Unglückseelige aussagen wird, damit dieses alles der [907] Welt offenbahrt werde; nach der Verhör aber soll sie sich nicht saumen eine vollkommene General-Beicht mit demüthigen und zerknirschten Hertzen zu verrichten.

Nach dem fangt die Catharina an zu reden mit diesen Worten: du sollst wissen, daß ich immer und ewig verdammt bin in das höllische Feur, weilen ich in meinen Beichten verschwiegen hab meine schwehre Sünden, und mich allein von läßlichen angeklagt; meine kleine Ungeduld, mein Murren und vergebliche Wort, und dergleichen hab ich gebeichtet, entgegen meine Unzucht und böse Begierden, und schwehre Todsünden hab ich verschwiegen. Dahero gebe Achtung auf dich, was du thust, verrichte deine Beichten vollkommentlich, verschweige nichts, schäme dich nicht deine Sünd dem Beichtvatter zu bekennen. Wisse aber, daß GOtt mir auferlegt deßwegen dich zu ermahnen, und dich zu erinnern, du wollest eben dieses deinen Gespanninen offenbahren, damit mein unersetzlicher Schaden andern zu einer nutzlichen Lehr gereiche. Unterdessen gieng der Tag in den Abend, und es wurde zum Englischen Gruß nach Gewohnheit gelitten, da ist das augenscheinliche Ansehen dieser Verstorbnen verschwunden, und das zierliche Knäblein gewißlich ein Engel GOttes sprach zu der Jungfrau, sie soll dahin gehen, wo ihre Gespännin waren, und ihnen ordentlich den Verlauf erzählen, in allem was sie wahrhaftig gesehen und gehöret.

Diese Geschicht ist im gantzen Land erzählet und ausgeschrieben worden, darvon viele Seelen, welche in Verschwiegenheit ihrer Sünden gesteckt, grossen Nutzen die Sünd recht zu beichten empfangen.

Nun aber möchte jemand einwerffen und sprechen: es ist gar zu schwehr dem Beichtvatter alles, auch das innerste und verborgniste zu beichten, und bey diesem alle gute Meynung verliehren. Ich antworte, was Wunder ist es, daß ein Feigenbaum eigentliche Frucht bringe, nichts als Feigen, und ein Dornbusch nichts als Dornen; die Natur neiget sich darzu, männliche und weibliche Personen, welche in gefährlichen Gelegenheiten und boßhaften Anfechtungen leben, was für ein Wunder ist es, wann diese dergleichen üble Früchten bringen, je grösser der büssende Sünder, je grösser ist die Freud des Beichtvatters. Gleichwie der Weidmann sich sehr erfreuet, in Ueberwindung eines tapferen Wildstuck, und der Fischer wann das Netz so sehr erfüllet, daß ihm auch der Arm zitteret. Dannenhero hat ein Beichtvatter dieses Sprüchwort gehabt, niemahlen sprach er, hab ich grösseren Trost und Freud meiner Seelen, als wann ich mich befnde gleich dem H. Ertz-Engel Michael mit einem Teufel, das ist: mit einem grossen Sünder zu meinen Füssen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 903-908.
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