Das sechste Capitel.

Ein andere Fräule wird verdammt, aus Ursachen einer schamhaftigen Sünd, welche sie in der Beicht verschwiegen.

[908] Umsonst seynd alle gute Werck zu Vermehrung der göttlichen Gnaden, und untauglich zu Erwerbung des Himmelreichs, wann die Sünden in beichtlicher Bekanntnuß können, und sollen gebeicht, und dannoch verschwiegen werden. Wann ein Kercker-Meister vergewiset, daß der Gefangene wohl verschlossen, da tragt er die Schlüssel an seiner Gürtel, er achtet es nicht, daß jener in eiserne Band geschlagen, oder handvest von Henckers-Knechten gehalten werde, es gilt ihm gleich, der Gefangene singt oder springt, er spiele und lache, alles dieses macht dem Kerckermeister kein Sorg. Mercke wohl, dieser Kerckermeister ist der böse Feind, der Sünder ist der Gefangene, die Schlüssel des Kerckers seynd das Sacrament der Buß, so lang als die Porten verschlossen, man bette tausend und tausend Rosenkräntz zu Ehren Mariä, man gebe reiches Allmosen zu Trost der Nothleidenden: man höre an die heilige Meß-Opfer zur Bekanntnuß des Glaubens: dieses alles achtet der böse Feind nicht, weilen er kein weitere Sorg hat, dann er ist versichert, so lang als die Porten verschlossen, so lang wird der Sünder nicht entgehen. Dieses wird hell erkläret in nachfolgender Geschicht, welche erzählet wird von P. Alphonso de Andrada in seinem Weegweiser der Tugend im 2. Buch, c. 12. §. 3.

Als P. Johannes Ramiretz ein Priester aus der Gesellschaft JEsu, und Lehr-Jünger des geistreichen Magister Johann Avila, in einer spanischen Stadt, mit inbrünstigem Eyfer nach seiner Gewohnheit das Predig-Amt verrichtete, war er einmahls zu einer Fräulein, welche von ihrer Frau Mutter von Kindheit auf sehr tugendlich erzogen worden, die Beicht zu hören beruffen. Die Mutter und die Tochter beichteten gemeiniglich bey den Patribus Jesuiten, wochentlich alle Samstag zu Ehren der hochgelobten Jungfrau, und Mutter GOttes Mariä, alsdann empfiengen sie das hochwürdige Sacrament des Altars. Nachdem die Frau Mutter gestorben, verbliebe die Tochter nicht allein in gewöhnlicher Andacht, sondern ergabe sich anderen Bußwercken, dem Fasten und Allmosen: hörete vielmahlen an die Predigen des P. Johan. Ramiretz, mit welchen sie nicht wenig im Gemüth entzündet, und zur Tugend beweget worden. Ein grosses Verlangen hatte sie ihm zu beichten, GOtt schicket es, daß sie kranck worden, da wurd der Pater beruffen, der eilends in ihr Behausung kommen, sie redet ihn gleich an mit diesen Worten: Ehrwürdiger Pater, mein Kranckheit ist zwar der Zeit nicht gefährlich, doch verlange ich bey Zeiten das Heyl meiner Seelen zu versichern; ich bitte den Pater mit [909] demüthigen Hertzen, es beliebe ihme meine Beicht mit Gedult anzuhören, dann mein Verlangen ist von einer ziemlich langen Zeit dem Pater mein Gewissen zu eröfnen: Alsbald war der Pater gutwillig wohl zufrieden. Die Fräule fanget an zu beichten, sie erzeigt auch grosses Hertzenleid mit Vergiessung vieler Zäher, darob sich der Pater verwundert, und sehr getröstet befunden: Er absolvirt sie in Kraft seines priesterlichen Gewalts von ihren Sünden, redet ihr mit geistlichen Worten gantz trostreich zu, und macht ihr ein gutes Hertz, darnach nimmt er die Erlaubnuß nacher Haus zu gehen. Es begabe sich aber dazumahlen etwas seltsames, welches des jetztgedachten Pater sein Gespann von weitem zusehend vermerckt: nemlich, unter währender Beicht kommet ein schwartz- und rauhe Hand von der Maur heraus, ergreift die Gurgel, und würgete die beichtende Fräule, gleich als wolte sie diese ertroßlen. Dieses Gesicht verursachet dem Gespann des Paters vielfältiges Nachdencken, und grossen Schröcken, bis daß er endlich nach Haus kommen, da berichtet er den Obern alles dessen, was er augenscheinlich gesehen. Der Obere befraget ihn zwey, dreymahlen, ob dem also sey, und ob er dieses mit seinem Eydschwur bezeugen wolte? Er antwortet, dieses was ich ausgesagt, ist also wahr, als es jetzt wahr ist, daß ich mich allhier befinde: Erstlichen zwar, sprach er, zweiflete ich, ob es nicht ein Blenderey und Spiegelfechtung, aber darnach hab ich mit grösserer Aufmercksamkeit dahin gesehen, und augenscheinlich vermerckt dieses, was ich ausgesagt, bin auch willig solche Wahrheit mit einem Eydschwur zu bekräftigen. Der Obere liesse alsobald den Pater Ramiretz zu sich ruffen, und wiewohlen schon die vierte Stund in der Nacht abgeloffen, schickt er den Pater wiederum, die krancke Fräule zu besuchen, berichtet ihm allen Verlauf dessen, was der Gespann gesehen, und ausgesagt, der Pater wolle mit guter Weis die Krancke bereden, sie solle erforschen, ob sie etwas im Gewissen habe, welches sie ängstiget, sie wolle doch dasselbige ohne Scheu beichten. Der Pater Ramiretz feyret nicht, sondern in Gesellschaft gemeltes Gespann verfügte sich flux wiederum zu der Krancken, ehe aber, als er in jene Behausung kommen, höret er ein klägliches Geschrey, und gleich da er zum Eingang gelanget, begegnet ihm ein Diener, welcher die traurige Post gebracht, daß die Fräule gestorben seye: Bald nach der Beicht ist ihr alle Kraft zu reden, und alle Empfindlichkeit entgangen, daß sie nimmer konte das hochwürdige Sacrament, als die Weegzehrung zur Ewigkeit empfangen. Der Pater gieng dannoch hinauf, besichtiget die Verstorbne, und nicht mit kleinem Hert zen-Leid kehret er wiederum nacher Haus in das Collegium, und erinneret den Obern alles dieses, was sich zugetragen. Alle Patres bestürtzten sich darüber, forderist der Pater Ramiretz beweinet bitterlich diesen Todfall und vor Leid verwundet in seinem Hertzen gieng er zu [910] dem allerheiligsten Sacrament des Altars, inbrünstig für die Seel der verstorbenen Fräule zu betten. Demnach er etlich Stund mit grossem Eifer gebettet, höret er ein erschröckliches Getümmel, nicht anderst, als wann eiserne Ketten zersprenget wurden, und indem er seine Augen erhebt, siehet er ein Person mit vielen Ketten eingeschlossen, umgeben mit Feur-Flammen, welche ein tümperes Liecht von sich wurfen, tiefe Traurigkeit, und jämmerliche Betrübnuß mitbrachten. Der Pater, weilen er mit GOtt vereiniget war, nahme darüber kein sonderes Abscheuen, stehet behertzt von seinen Knien auf, redet sie an, und fraget, wer sie seye? Sie beantwortet die Frag, sprechend: ich bin die unglückselige Fräule, dero Beicht du heut angehört, ich bins, um welche du GOtt vergeblich bittest: dir muß ich es jetzt bekennen, daß, nachdem mein Frau Mutter gestorben, ein junger Herr, deme all mein Thun und Lassen sehr wohl gefallen, in mich verliebt gewesen, dieser hat mir so vielfältig nachgestellt, wiewohlen mein Widerstand anfänglich starck war, ist doch nach und nach so schwach worden, daß ich endlich in sein Belieben verwilliget. Diese von mir begangene Sünd war über diemassen schwer meinem Gewissen, so war dannoch mir viel schwerer die Schamhaftigkeit, mit welcher der stumme Teufel mein Hertz eingenommen, daß ich diese nie konte beichten; ängstige Forcht der höllischen Pein nagete stets mein Gewissen, und nun mit meinem höchsten Schaden empfind ich, was ich hab geforchten. Vielmahlen nahm ich mir vor, mich darvon zu erledigen, und recht zu beichten, aber die Schamhaftigkeit und die Forcht haben mich allzeit abgehalten: mein Sorg war, ich wurde bey dem Beichtvatter meinen guten Namen verliehren, und gleichwohl genosse ich das Heil. Sacrament des Altars, ich unterliesse nicht gute Werck zu üben, auf die Weis, wie mich mein Frau Muter auferzogen, und wohl unterricht. Meiner Frauen Mutter Andacht hat GOtt angesehen, und deswegen euch in diese Stadt gesendet, damit ich in Anhören eurer Predig meiner Seelen Heyl solte würcken. Ich hab zwar euren Predigen zugehöret, welche gleich denen durchdringenden Pfeilen mein Hertz verwundet, kräftig hab ich mirs fürgenommen euch zu beichten, dahero hab ich euch zu mir zu kommen beruffen lassen, aber mein Beicht allein mit Bekanntnuß meiner kleinen und läßlichen Sünden verrichtet. Ach! hätte ich auch meine grobe Todsünden gebeichtet. Vielmahl seynd sie mir zwar in Mund, und auf die Zungen kommen, aber die Schamhaftigkeit hat mich überwunden: Und leider, das ist die Ursach meiner Gefangenschaft in der ich bin, und werde in der ohne alles End in peinlichem Feur verbleiben, wie ihr mich nun ansehet, also wird unendlich mein Elend mich quälen. Euer Gebett ist umsonst, lasset es nur seyn, dann es kan mir niemand mehr helfen. Was ist aber, sprach und fraget der Beichtvatter, was euch zum mehresten peiniget? darauf [911] antwortete sie, wehe mir, weilen ich so gar mit leichter Mühe meine Sünd hätte können beichten, und also die ewige Seeligkeit erwerben, dieses hab ich nicht gethan: da ich es jetzt bekenne, so hilft es mich nichts mehr, wehe mir ewiglich! demnach sie dieses geredet, ist sie in erschröcklichem Ketten-Geräusch verschwunden. Der Pater Ramirez verblieb im Grund seines Hertzens betrübt, verschwig doch alles dieses viel Jahr dem adelichen Geschlecht dieser Fräulein zu verschonen. Dann gleichwie ein grosser Schand-Fleck ist einem adelichen Geschlecht, wann jemand wegen grosses Verbrechen zum Galgen verurtheilet, viel mehr wann jemand aus gerechtem Urtheil GOttes zum ewigen Feur verdammet worden. Nach verloffenen viel Jahren eröffnet er endlich ohne Benennung der Person allen Verlauf, allen forderist der Jugend zu einer Lehr, damit aus keinem Bedencken, einige Todsünd jemahlen in der Beicht verschwigen werde. O ihr alle, die ihr dieses leset, oder anhöret, gehet doch in euer Gewissen, durchsuchet fleißig, ob nicht etwas darinn zu finden, was euch drucket, oder ängstiget. Ach beichtet es kecklich: dann was hat dieser Fräulein geholffen? ihr Fasten, Betten, Allmosen und Buß-Werck? war alles vergebens, aus Ursach, weilen sie nicht vollkommentlich gebeichtet.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 908-912.
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