Das neunte Capitel.

Die in der Beicht verschwiegene Sünden werden von GOtt mit grosser Schand geoffenbahret.

[918] Ich beschreibe diese Geschicht aus Ursach, weilen allezeit dero Erzählung sehr nutzlich gewesen, daß ein wohlerfahrner Prediger zu sagen pflegte, Kraft dieser seyen vielmehr Früchten der Seelen, als durch viel hundert Fasten-Predigen, eingebracht worden. Dahero ist ein Geistlicher und eyfriger Vorsteher beweget worden ein gewisses jährliches Einkommen zu machen, damit dieses Exempel zu gewissen Zeiten in Versammlung des Volcks in seinem Gotteshaus mit nachdrucklichen Worten nach aller Wahrheit erzählet oder abgelesen wurde.

P. Antonius Daurultius, parte 3. tit. 48. erzählet samt anderen Bücher-Schreibern, welche er anziehet, von einer Frauen, welche viele Jahr lang einen Ehebruch in ihren Beichten verschwiegen. Es begab sich aber, [918] daß ungefehr alldorten, wo dieser Frauen wohnhafte Behausung war, zwey Religiosen Dominicaner Ordens vorüber ihren Weeg genommen: Einer aus diesen war ein päbstlicher Gewaltstrager, oder Pœnitentiarius, der andere ein geistlich-gottsförchtiger Mann. Diese Gelegenheit lasset diese Frau ihr wohl gefallen, alsobalden nimmet sie ihr vor, alle ihre Sünd rechtmässig zu beichten, dann sie vermeinte, es werde zum besten seyn, ein fremden unbekannten, der sich nicht über einen Tag aufhalten wird, zu erbitten, ihr Beicht mit Gedult anzuhören. Die Frau beschickt den Patrem Pœnitentiarium, sie laßt ihn darumen gar demüthig erbitten. Er weigert sich mit nichten, sondern gutwillig kommet er, und höret sie an, und sie beichtet ihme ordentlich fort. Aber unter währender Beicht brachte der geistliche Reißgespann des Beichtvatters sein Zeit im Gebett zu, nicht weit von dem Beichtstuhl befande er sich in der Kirchen, und nahme augenscheinlich wahr, wie von dem Mund der beichtenden Frauen, viel Krotten eine nach der andern heraus, und in der Kirchen herum gesprungen; darnach ersiehet er, wie ein geflüglete Schlang auf der Zung der Beichtenden mit dem Kopf heraus wolte, aber wiederumen sich zuruck hinein gezogen: Geschwind kehreten die heraus gesprungene Krotten wiederum um, und springen auf die beichtende Frau, dringen sich in den Mund hinein, woher sie kurtz zuvor seynd ausgangen. Nach vollendter Beicht, saumet der Pönitentiarius sich nicht, sondern setzet mit seinen geistlichen Gefehrten die Reiß fort. Auf dem Weeg, ezählet dieser dem Pater Beichtvatter alles, was sich in währender Beicht augenscheinlich zugetragen. Wunderlich, und zugleich kümmerlich war dieses dem Pater Beichtvatter zu hören, sein Hertz kräncket sich, indem er muthmasset, daß die Frau nicht rechtschaffen alles gebeichtet, er förchtet sehr, ein Todsünd seye verschwiegen worden. Der geschwind geschloßne Rath war, umzukehren und dieser armen Seel heilsame Hülf zu leisten. Aber leider! als diese zwey Dominicaner dahin geeilet, und ankommen, befanden sie diese Frau eines gähen Tods verschieden. Wie wehmüthig war ihnen dieses zu hören und zu sehen: drey Tag wolten sie weder essen noch trincken, hielten also ein strenge Fasten, und ein inständiges Gebett, GOtt wolle der Seel dieser gähling verstorbenen Frauen Barmhertzigkeit erzeigen, oder ihnen kund machen, wie es mit ihr in der Ewigkeit ergehe. Nach verflossenen dreyen Tagen erscheinet die unglückselige Frau auf einem erschröcklichen Drachen sitzend, zwey giftige Schlangen umschweiffeten ihren Hals, und zerbeisseten ihre Brüst: ein grimmige Viperen sitzet ihr auf dem Kopf, die Augen waren von zwey Krotten eingenommen, feurige Pfeil durchdrungen ihre Ohren, aus dem Mund schlugen heraus die Flammen: zwey rasende Hund zerbeisseten und nageten die Finger. Sie aber mit entsetzlichem Seuftzen fanget an zu reden: Ich bin jene [919] Unglückselige, welche du vor drey Tagen Beicht gehöret; dieselbige bin ich, aus dero Mund so viel Krotten gesprungen, so viel Sünd ich gebeichtet: die geflüglete Schlang, welche von deinem Gespann, da sie vom Mund heraus wolte, gesehen worden, war mein Unzucht, welche ich niemahlen gebeichtet: deswegen sie, samt allen vorhero übergebenen Krotten wiederum in mich eingangen: Bald darnach hat mir GOtt gähling mein Leben genommen, und mich in alle Ewigkeit verdammet. Von der Viperen auf dem Haupt wird gepeiniget mein hoffärtig- gekraust- und geschmucktes Haar; die Krotten, welche auf den Augen sitzen, peinigen meine freche Augen-Winck, und fürwitzig-verliebtes Umsehen: die feurige Pfeil, die meine Ohren durchgehen, peinigen das boßhaftige Anhören unehrbarer Reden, und Lieder, wie dann auch das Anhören der Ehrabschneidung: Die Flammen, welche aus meinem Mund herausschlagen, quälen mein üppiges Küssen, und Murmlen: Die zwey Schlangen, die meinen Hals umschweiffen, und meine Brüste zerbeissen, seynd die Straf, weilen ich mich mit unziemlicher Lieb hab lassen umhalsen: die schwartz- und hungerige zwey Hund, welche meine Händ zernagen, peinigen das unzüchtige Berühren, und Greiffen, samt aller meiner üblen Würckung zu meiner Pein: der Drach, auf welchem ich sitze, dieser ist mein gröste Straf, er quälet meine schändliche Belustigung, ermarteret unaufhörlich das innerste meiner Seelen. Wehe! mir Elenden, kein Mittel, kein Gnad, kein Barmhertzigkeit ist übrig, mir zu helfen: nichts als Qual, und ewige Pein haben mich festiglich ergriffen. Ach! unvorsichtige Weiber, wie viel werden aus euch verdammet, und zwar meistentheils aus Ursach vielerley Sünden, welchen ihr ergeben. Erstlichen, aus Ursach euer unkeuschen Empfindlichkeit: Zum andern, wegen eures gar zu übermüthigen Prachts, und Aufbutzens: Drittens wegen etlicher aberglaubischen Zauber-Künsten: Viertens wegen gewisser in der Beicht verschwiegenen Sünden. Kaum hat sie diese Wort ausgeredet, da eröfnete sich die Erden, und der Drach stürtzet sie in Abgrund der Höllen, allwo sie immerdar wird gepeiniget werden. Denen schwangeren Frauen, welche gewaltig hart ihre Kinder gebähren, pflegt man also zuzusprechen: Mein Schwester, entweder gebähren, oder sterben: eben dergleichen Wort sage ich zu einer jeden schamhaftigen Seel, welche gleichsam schwanger ist vom Last der Sünden, und hart darzu kommet, daß sie recht alles beichte, mein Christliche Seel, da heißt es entweder gebähren, oder sterben? gebähren durch ein vollkommene Beicht, oder sterben des ewigen Tods.


Es geschieht zu Zeiten, daß ein ehrbare Jungfrau, ein Tochter hochgeehrter Elteren, von einer kuplerischen Gespannin oder Dienstmagd bethöret, in böse Gesellschaft kommet, und verspühret wird, daß sich endlich diese [920] ehrbare Jungfrau schwanger befindet; sie verblümlet es, wie sie immer kan, doch kommet sie in einen Verdacht. Die Frau Mutter macht ihr seltsame Gedancken, dann sie siehet, daß die Tochter immerzu erbleichet, daß sie den Lust zum Essen verliehret, sie ruffet sie beyseits in die Cammer; komme her mein schönes Züchtl, was ist dein Anliegen? wie empfindest du dich? vertrau es mir, als deiner lieben Mutter, mein Kind, kein Mensch soll etwas darvon wissen, dein Vertrauen soll ein gewisse Hülf finden; auch deinem Herrn Vatter will ich nichts darvon sagen. Mein Frau Mutter! was vermeint, oder glaubt die Frau Mutter von mir? Ich wolt daß der Donner und Hagel zerschlagten, daß mich die Teufel hinführten: Halt dein loses Maul, schweig und schwör nicht, spricht die Frau Mutter. Aber was wird endlich daraus werden? GOtt weißt, ich weiß es nicht, spricht die Tochter; vielleicht seynd es Verstopfungen, oder ich hab etwann ein Kirbeskoch geessen, das mich also aufblähet: oder in die Nüchter hab ich zuviel Wasser getruncken. Nun so sey es, nimm Artzney ein, brauch den Stahelsaft, darauf übe dich im Gehen: Es geschiehet alles, und die Zeit dieser Tochter kommt nahend herzu. Auf ein Freuden-Fest wird sie eingeladen, und geführet, da spielet man und tantzet, aber es ergriffen sie die Schmertzen, welche sie zwar verbeisset, Meinungs, solche zu vertuschen: Es dringet ein tödtlicher Angstschweiß heraus, sie findet jetzund kein Rath, sie weiß nicht, was sie thun solt; die Schmertzen nehmen zu, und weilen sie diese nicht kan erdulten, noch verbergen, schreyet sie vor Wehe. Das Freuden-Fest wird zerstöhret, alle lauffen zu, vermeinend, ein tödlicher Zustand hätte sie überfallen, aber da alle in mitleidender Sorg herum stehen, hören sie das Weinen eines neugebohrnen Kindleins. Darüber verwundern sich alle, die Befreundte werden schamroth, die Eltern zu Schanden. Vor Hertzenleid fallt die Mutter ohnmächtig zu Boden, dem Vatter kommet es zu Ohren, er zürnet darüber, gleich einem grimmigen Löwen, er eilet dahin, als ob er in einer Schaubühn vorstellen wolte die verlohrne Ehr, welche ihm durch die Schandthat jener Tochter entgangen: er zuckt einen Dolch, und weilen ihn niemand kan erhalten, stosset er ihr diesen in den Leib, und bringt sie um ihr junges Leben. Die Frau Mutter kommet wiederum zu sich, und da sie ansiehet die ermordete und verblichene Tochter, heulet und weinet sie, als wolte sie zerrinnen. Ach! unglückselige Tochter, wie übel hast du deiner Eigensinnigkeit gefolget: du hast deiner treuen Mutter nicht wollen glauben, hab ich dir nicht alles gutmeinend vorgesagt? wie viel besser wäre es gewesen, wann du mir alles hättest bekennet: mütterlich hätte ich für dein Ehr gesorget, und die so grosse Unehr unsers Hauses vehütet. In was für einen Schandfleck, und Unglück hast du dich gestürtzet, um viel besser wäre es gewesen, wann du mir allein in Vertrauen deinen Zustand [921] hättest geoffenbaret: ich hätte leichtlich ein gutes Mittel gefunden, dich aus aller dieser Noth, und Elend zu erretten: jetzund ist es umsonst, indeme die gantze Stadt ärgerlich davon redet, deine Elteren zu schanden stehen, und dein Unglück mit deinem so unglückseeligen Tod bezahlest.


Nicht anderst ergehet es denen, die ihr Todsünd in der Beicht vertuschen, oder verschweigen: peccatum, cum conceptum fuerit, generat mortem, wann die Sünd empfangen wird, alsdann gebähret sie den Tod. Dann wiewohl die empfangene oder begangene Todsünd verschwiegen wird, so laßt sie sich doch nicht verbergen, durch ein gewisse Traurigkeit wird sie gespühret von denen, bey welchen man wandlet. Die treueste Mutter aus allen, ist die göttliche Barmhertzigkeit, diese beredet uns Mütterlich, wir sollen alle unsere Tod-Sünd dem Beicht-Vatter in Geheim vertrauen, es wird alles auf das beste vermittlet werden. O wie unrecht! handleten wir, so wir dieser mütterlichen Treu nicht wolten nachkommen. Am jüngsten Tag in Zergehung Himmels und Erden, da alle Menschen in dem Thal Josaphat werden versammlet, und vorgestellet werden, alsdann werden die Schmertzen der Gebährenden ankommen, dolores parturientis venient ei: alle vermäntlete Tod-Sünd und vertuschte Schand-Thaten werden entdecket, zu ewig währendem Spott und unendlicher Straf der Sünder, der gantzen Welt geoffenbahret werden.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 918-922.
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