Das fünfzehende Capitel.

Mehrmahlen und bald nach der Beicht in eine gewisse Sünd fallen, ist zum öftermahlen ein Zeichen, daß der Vorsatz sich zu besseren kein kräftiger Vorsatz gewesen.

[976] Wohl ein erschröcklicher Spruch Christi ist derjenige, in Andencken dessen allzeit die Haut schauret, Nemo mittens manum suam ad aratrum, & aspiciens retro, aptus est regno Dei. Was ist es den Pflug ergreiffen, als beichten? dann gleichwie der Pflug die Erden, also zerschneidet das Hertz die wahre Reu, eröfnet und bereitet es den Saamen der göttlichen Gnad zu empfangen. Nun folget aus dem Ausspruch Christi unsers HErrn, daß derjenige, welcher jetzund beichtet, und bald umsihet zu den vorigen Sünden, solche wiederum begehet, nicht tauglich sey das Himmelreich zu überkommen; warum diß? weilen ein solcher Büssender keinen wahren Vorsatz gemacht sein Leben zu verbesseren. Jeremias der Prophet erkläret dieses, und fragt: ob dann ein Mohr sein Haut verändern kan? oder ein Tigerthier seine Gespreckel? Si mutare potest Æthiops pellem suam, aut pardus varietates suas? ein Tigerthier hat eine gesprenckelte [976] Haut schwartz und weiß, gleichwie ein Brettspiel, dadurch der viel bemacklete Sünder wird angedeutet, er beichtet zwar, und verlangt sich zu reinigen, aber die üble Gewohnheit zu sündigen ist ihme wie ein gesprenckelte Tieger-Haut angewachsen; die Haut wird nicht abgezogen, die böse Gewohnheit wird nicht abgestreiffet, gleich wiederum lassen sich die Sprenckel und Mackel sehen, nemlich der Vorsatz ist unkräftig gewesen, und die Beicht ungültig. Das ist die Frag des Prophetens, ist es möglich einem Leoparden oder einem Tieger seine Haut zu benehmen, alle Sprenckel abzuwaschen, das ist: ist es möglich einem Sünder die üble Gewonheit der mehrmalen begangnen Sünden abzuziehen, und ihn zu reinigen? bey den Lateinern ist ein Sprüchwort über das, wo alle Müh und Arbeit verlohren, was man umsonst sich bemühet zu verrichten, Æthiopem lavat, sprechen sie: oder Æthiopem dealbat, er waschet einen Mohren, der wird doch nicht weiß; also ein Sünder, welcher ein Mohren-Haut durch viele wiederhohlte Boßheiten bekommen, wann er beicht und doch sein Haut nicht ausziehet, wie eine kluge Schlang, so ist alles Waschens vergebens, seine Beicht wird ihne nicht reinigen, aus Abgang des rechtschaffenen Vorsatz.


GOtt beklaget sich durch den Ezechiel capite 8 als er in den Tempel zu Jerusalem geführet worden, da war ein Götzen-Bild Baal, oder Belzebub genannt, welches durch den heiligen Kirchen-Lehrer Hieronymum verdolmetschet wird, Deus Muscæ, Gott der Mucken. Was ist dies für ein Abgott der Mucken, der den wahren GOtt so hoch beleidiget? wann er sich beklagte über die Wepsen, welche mit ihrem Angel, wo sie etwann hinsitzen, stechen und verwunden, so wurde es kein verwunderliche Sach seyn; aber daß ein Mucken, welche nicht sticht, GOtt beleidige, über das ist es sich zu verwunderen. Bedencke man eben dieses reisser, so befindet man den Grund. Was ist es, daß ein Wepsen mit ihrem Angel sticht, einmahl allein, und nicht öfter, thut sie dieses: Entgegen die Mucken ist unverschamt, sie kommet gleich und vielmahl wiederum, sie kützlet und peiniget gar zu oft. Jene Sünder, welche gleich denen Wepsen, einmahl allein GOtt beleidigen, und darnach büssend nicht mehr solche begehen, seynd kein Greul GOtt dem HErrn: aber jene, welche gleich den Mucken, nachdem sie einmahl gesündiget, und durch die sacramentalische Beicht vertrieben worden, dannoch gleich wiederumen das andere, zehende, und hundertmahl zuruck kommen, und fort und fort sündigen, über diese beklagt sich GOtt, die seynd GOtt zu einem Greul.

O üble Mucken! ihr wiederkehrende Sünder, die ihr euren GOtt so vielmahl beleidiget, und seinen Zorn immerfort erwecket, ad provocandum æmulationem, wie oft? wie oft werdet ihr zu eurem Luder wieder umkehren? Höret an, wie der goldene Mund St. Johannes Chrysostomus mit [977] brinnendem Eifer straffet und ermahnet den Muthwill eines solchen Sünders, also sprechend: Noli peccare post veniam, vulnerari post curam, noli sordidari post gratiam. Cogita graviorem causam esse post veniam, renovaturum vulnus pejus dolor post curam, molestius hominem sordidari post gratiam. Servo pejor est, qui patronum post partam libertatem offendit. Nicht sündige nach der Versöhnung, nicht werde verwundt, nachdem du geheilet bist, nicht werde häßlich nach der Gnad. Gedenck, daß die Sünd grösser sey, welche begangen wird nach der Verzeihung, daß die Wund sey schmertzlicher, und gefährlicher, welche erneuert wird, und daß es sey abscheulicher, wann du nach dem Baad der Gnad besudelt bist. Der ist ärger als ein Sclav und Leibeigner, welcher nach empfangener Freyheit seinen Herrn beleidiget.

Wie wunderlich ist das, was der Ehefrauen des Loths geschehen, diese gieng mit ihrem Ehemann aus der Stadt Sodoma, wendet aber auf der Reiß fürwitziger Weis ihr Haupt zuruck, die verlassene, und nun von wilden Feur angezündte Stadt Sodoma noch einmahl zu sehen, da wird sie urplötzlich in ein steinerne Saltz-Bildnuß verändert, und auf dem Weeg stehend gelassen. Vera est in statuam salis, Gen. 19. Der heilige Cyrillus von Alexandria verwundert sich darüber, in Bedenckung, daß dies Weib vorher wohnhaft gewesen in dieser Stadt, sie pflegte der Gesell- und Gemeinschaft jener gottlosen Innwohner, und wiewohlen GOtt dieses wohl gewußt, so ist er doch wider sie nicht erzürnet, und hat ihren Wandel nicht gestraffet; nun aber weilen sie den Kopf gewendet gegen dem, was sie verlassen, wird ihr das Leben genommen, und wird verstaltet in ein steinerne Saltz-Bildnuß. Wolte GOtt! die Sünder, welche zu ihren verlassenen Sünden wieder umsehen, wurden mit diesem Saltz eingesaltzen. Ach! wie viel sündliches Fleisch wurde nach eingesaltzener sacramentalischer Beicht, und Buß nimmer in das Gestanck, oder in die Fäule vorher begangener Sünden kommen: kein Maden oder Wurm, welcher des Sünders Gewissen stäts naget, wurde daraus erwachsen. Zuvor, ehe als du jene Todsünd gebeichtet, warest du in Mitten der gottlosen Stadt Sodoma, und GOttes Zorn hat deiner verschonet, demnach du aber diese rechtschaffen gebeichtet, wende dein Haupt, und deine Augen nicht mehr zuruck auf die sodomitische Brunst, aus welcher dich GOtt barmhertzig errettet hat: wende dich nicht mehr um, vom Berg gegen Sodoma zu sehen, das ist, wende dich nicht mehr um von der Buß, zu voriger Sünd, von GOtt, zu der verübten Gottlosigkeit: dann die Stund, von welcher du nicht vermeinest, wird gähling ankommen, und dich aus diesem Leben abfordern, und vielleicht unversehens mit Gewalt überfallen, daß dir kein Stund, oder viertel Stund übrig seyn wird, deine sündliche Verwürckung abzubüssen.

[978] Wie wahrhaft ist der Ausspruch St. Augustini, solche Leut, welche bald nach geschehenen Verbrechen sich zu vorigen Sünden umwenden, non rumpunt, sed interrumpunt peccata, sie beichten nicht, sondern unterbrechen die Sünd, sie unterlassen zwar das sündliche, aber verlassen es nicht gantz und gar, weilen sie über ein kleine Zeit solches wiederum in ihrer Boßhaftigkeit üben. Mich beduncket, diese seynd gleich denen Menschen, welche auf einem offentlichen Jahrmarckt kauffen, und verkauffen: Der Platz ist voll mit Leut, einer beklagt sich und wurret, der andere schwört und flucht, dieser lüget und betrüget: gähling wird das heiligste Sacrament des Altars vorbey getragen, man läutet und singet nach Gebrauch, kaum höret man dieses, alles Volck schweiget, fallet nieder auf die Knie, klopfet an das Hertz, und bettet an in denen Gestalten des Brods den verborgenen GOtt; aber kaum ist es vorüber getragen worden, stehen alle auf, die Andacht ist aus, der vorige Handel gehet wiederum an, weder dieser, weder jener lasset sein Murren, sein Schwören, sein Lügen, sein Betrügen fallen: man murret, man schwöret, man lüget und betrüget, wie zuvor: dann sie haben ihren Handel nicht brochen, sondern unterbrochen. Also gehet es mit vielen zur Boßheit gewohnten Leuten: einer in Schelten, der ander in Ehrabschneiden, jener in verharter Feindschaft, dieser in unziemlicher Lieb, etc. solche hören den Namen der Fasten, oder des Jubiläums. Auf, auf, schreyen sie, die heilige Zeit ist verhanden, lasset uns vollkommentlich beichten und büssen: Ach! wir wollen doch an das Hertz klopfen, und es zum Guten aufmunteren. Demnach aber die heilige Zeit verwichen, nimmt ein jeder den Ruckweeg zu seinen argen Gelüsten, da heißt es, non rupit, sed interrupit peccata. Nimm wahr, GOtt ist vorüber getragen worden, in Anhörung des Glöckleins hast dein Schuldigkeit erzeigt, an dein Hertz klopfet, ein Beicht verrichtet, aber dein Vorsatz von allen Sünden abzuweichen, erstreckte sich nicht weiter, als auf die heilige Zeit, ist diese verwichen, da verweichet auch dein Vorsatz Gutes zu thun.


Wie wahrhaftig, und wohl mercklich ist der Ausspruch Tertulliani, welcher hieher sehr tauglich ist, er spricht in dem Buch von der Buß, daß diejenigen, die dem bösen Feind durch die sacramentalische Beicht entgangen, und sich mit Christo dem HErrn versöhnet haben, aber bald auf den alten Weeg der Sünden umkehren, faciunt pœnitentiam pœnitentiæ, es reuet sich ihrer Reu: nemlich sie betauren, daß sie ihre Sünd betauret haben. Als ob sie mit ihrem Thun worten sagen: Zweyer Herren Dienst hab ich versucht, ich hab GOtt gedienet und dem Belial: Christus war mein HErr, und ein andersmahl der Teufel, doch hab ich befunden, daß wohl lustiger, und annehmlicher seye dem Belial oder dem Teufel, als GOtt, und GOttes Sohn zu dienen. Was [979] kan lasterhafters gedacht oder ausgesprochen werden? Was die jüdische Halsstärrigkeit am Gerichts-Tag Christi aufgeschryen, das schreyt die christliche Boßheit auf: Es lebe bet Mörder Barabbas, Christus aber soll sterben an dem Galgen des Creutzes.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 976-980.
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