Eilfte Begebenheit.

Ein barbarischer Sclav rächet sich grausamlich gegen seinem Herrn.

[642] Ein reicher und wohl begüterter Herr hatte einen gefangenen Jüngling aus der Barbarey, welcher, damit er nicht entfliehen könnte, in des Herrn Schloß mit Schellen, und eisenen Banden bey seiner Arbeit herum gehen mußte, welches ihn dann sehr hart ankame. Und ob er schon öfters auf allerley Weis und Weeg sich besonnen, wie er etwann aus seinem Elend entrinnen möchte; so wolte ihm doch kein rechte Gelegenheit hierzu die Hand bieten. Und wann er den Herrn ersuchte, daß er ihm die Freyhet schencken; oder doch wenigst der eisenen Feßlen befreyen, noch mit gar zu harter Arbeit beladen, und auch sonst gnädig halten möchte, so erhielte er nicht nur allein keine Linderung; sondern bekame öfters wohl empfindliche Schläg, und wurde sein Elend nur verdopplet: Welches dann das Gemüth des Jünglings höchstens verbitterte: und weilen er neben der Arbeit immerhin in dem Unwillen so wohl, als in dem Alter zunahme, auch endlich zu mannbarem Alter und Stärcke kame, so fienge bey ihme an die Rach und Verzweiflung sich einzufinden. Dann, weilen er sein junges Alter, wie auch die schwere Arbeit von Tag zu Tag mehr behertzigte, und hiervon keine Erledigung zu hoffen hatte, so machte er den Entschluß, daß er lieber verzweiflend einmahl sterben, als länger in so beschwerlichem Ungemach leben wolte. Derohalben dann gedachte er, seinem Herrn auch zugleich einen solchen Schaden [642] zuzufügen, durch welchen er die von ihm erlittene Schmachen, und Unbilden rächen möchte. Weilen er dann in dem Schloß, wann sein Herr mit anderen seinen Dieneren auf die Jagd, oder sonst spatzieren ausgienge, zum öfteren bey der Frauen, denen Kindern und Mägden gantz alleinig zu Haus gelassen wurde, und niemand von ihm, sonderlich, weil er in Band geschlossen war, etwas Ubels besorgte, als gedachte er einstens, wann sein Herr wiederum ausgienge, ein schöne Gelegenheit zu haben, sich an seines Herrn Frau und Kinderen zu rächen. Erwartete also mit grossem Verlangen auf ein recht bequeme Zeit.


Dieweilen nun der Herr nicht weit von dem Schloß einen sehr lustigen, und wohl erbauten Mayerhof hatte, und die Witterung bey schöner Sommers-Zeit so wohl den Herrn, als die Frau auf den Mayerhof hinaus einlude, auch alle andere Bediente mit der Herrschaft sich hinaus begaben, und nur allein der barbarische Sclav samt der Kinds-Magd, und zwey jungen Herrlein zu Haus gelassen wurden, da gedachte er, sich zu rächen die beste Gelegenheit zu haben. Weilen nun das Schloß rings um mit einem tiefen Wasser-Graben umgeben war, und nur ein eintzige Bruck zum Eingang hatte, welche man von innenher aufziehen, und den dabey stehenden Thurn verschliessen konnte, zoge der Sclav vor allen die Bruck auf, und versperrte das Schloß, daß niemand weder aus-noch eingehen möchte. Alsdann lauft er nach der Kinds-Stuben, und reisset der Kinds-Magd beyde junge Herrlein aus den Händen, eilet auch damit zu dem Thurn, welcher die Bruck- und das Schloß-Thor verwahrte. Die Kinds-Magd voller Schröcken und Angst heulete, und schrye jämmerlich, wolte auch eilends zum Schloß hinaus, Hülf zu suchen. Allein die Bruck war aufgezogen, und konte aus dem Schloß nicht hinaus kommen; mußte also gleichwohl mir Schmertzen erwarten, was der Sclav noch weiters anfangen wurde, bis die Herrschaft nach Hauskäme.


Als nun der Herr und die Frau sich mit Spatzieren genugsam erlustiget haben, und mit ihrer Dienerschaft nach Haus eileten, auch zur Bruck des Schlosses ankommen, fanden sie wider alles Verhoffen, die Bruck aufgezogen Hörten mithin die Magd erschröcklich heulen, und jammeren, auch ihre zwey Kinder sehr laut schreyen und weinen, daß sie also gantz erschrocken eines das andere ansahen, und nicht wußten, was dieses bedeuten solle. Bis endlich der Sclav zu oberst des Thurns herab schauete, und ihnen bedeutete, daß er nicht gesinnt wäre, sie in das Schloß einzulassen.

Der Herr ergrimmte hierüber, drohete dem Sclaven allerley Straf und Pein, wann er ihne nicht alsobald in das Schloß einlassen wurde; dieweilen aber der Sclav zu den Drohungen nur lachte und spottete, und ihme entgegen versetzte, daß er ihn nimmermehr einlassen wurde, so schwure der [643] Herr dem Sclaven den Tod. Der Sclav aber entgegen fragte den Herrn spöttlend, und lachend, was er ihm versprechen und geben wolte, wann er ihn in das Schloß einlassen wurde. Weilen ihm aber der Herr nichts, als Schläg, jo so gar den grausamsten Tod für seine Schalckheit zusagte, so verletzte der Sclav, er glaube, daß der Herr bald andere Saiten aufziehen, und ihm gar gern, weiß nicht was, versprechen wurde, wann er wußte, was ihm bevor stunde, da wurde der Herr in dem gefaßten Grimm und Zorn dermassen bestättiget, daß er alsobald Befehl ertheilt, von allen Orten und Enden, grosse Bäum, Holtzwerck, und Leiteren herbey zu bringen, damit man also mit Gewalt das Schloß besteigen könnte.

Aber unterdessen, als der Herr alle Anstalten machte, das Schloß mit Gewalt zu besteigen, da liesse sich der Sclav auf dem Thurn wiederum sehen, welcher in seinen Armen ein kleines Söhnlein des Herrn und der Frauen hielte, und ihnen solches hinaus zeigte. Da dann das unschuldige Kind seine Elteren ersehend, erbärmlich zu Vatter und Mutter schrye, und die Handlein zusammen schluge.


Als nun die Elteren dieses ersehen, gedachten sie gleich, daß solches auf eine Rach gemeint wäre, und daß nunmehr der Sclav, wegen bishero gegen ihm geführten harten Verfahren, sich an diesem unschuldigen Kind zu rächen gedencke. Derohalben fielen so wohl der Herr, als die Frau, samt dem gantzen Haus-Gesind auf ihre Knie, schryen und bathen mit aufgehobenen Händen er wolte doch dem unschuldigen Kind verschonen, so solle er nicht allein seine verlangte Freyheit, sondern auch ein ansehnliche Summa Gelds also gleich zur Vergeltung haben. Allein solches Bitten erweichte den Sclaven im geringsten nicht; sondern der ausgekochte Grollen, den er bishero in seinem Hertzen verborgen hatte, brache nunmehr mit allem Gewalt heraus. Und weilen er sahe, daß nunmehr diejenige auf ihren Knien lagen, und ihme die beste Wort gaben, auch flehendlich um Gnad bitten mußten, welche vorhin so unbarmhertziglich über ihn geherrschet hatten, übernahme er sich dergestalten, daß er dem Herrn und der Frau mit den allerschmählichsten Worten begegnete, ihnen ihre so unbarmhertzige Gemüther mit trotzigem Ernst vorruckte, und ihren Schmertzen desto empfindlicher zu vergrösseren, endlich auch das grössere Söhnlein hervor nahme, und solches ihnen von dem Thurn herab zeigte, mit dem Bedrohen, daß er gleich jetzt beyde von dem Thurn in den Schloß-Graben hinunter werfen wolte.

Wie bey dieser Sach denen höchstbetrübten Elteren werde zu Gemüth gewesen seyn, kan ihm niemand leichter einbilden, als der selbst liebe Kinder hat, und weißt, daß sie ihm so lieb, als sein eigenes Hertz seynd. Weilen dann diese adeliche Elteren ihr eintzige Hofnung auf diese zwey Söhnlein [644] gesetzt hatten, als welche mit der Zeit das adeliche Geschlecht vermehren, und die eintzige Erben ihrer Reichthumen seyn wurden, so ware ihnen dieses Bedrohen des Sclavens ein härterer Streich, als wann man sie zum Tod verurtheilt hätte. Die Mutter risse ihr selbst die Haar aus, schluge die Händ ober dem Kopf zusammen, heulete und weinete, daß man unter ihre Zäheren die Händ hätte waschen können. Unter welchen erbärmlichen Gebärden sie den erbitterten Sclaven mit so demüthigen und beweglichen Worten bathe, dem armen und unschuldigen Kind zu verschonen, daß auch ein harter Stein hätte sollen erweicht werden. Der Vatter aber warfe sich auf den Boden, weltzte sich vor Unmuth und Leid, als der verwirflichste Sclav vor dem Angesicht des grimmigen Barbaren, und demüthigte sich dergestalten, als ob er der verächtlichste Knecht; der Sclav aber der gröste Monarch der Welt wäre. Bekennte auch beynebens alle seine Fehler, daß er den Sclaven so hart gehalten hätte, und bathe mit tiefester Unterthänigkeit um Verzeihung; sagte auch, daß, wann er doch eine Rach wegen deren Unbilden, so ihm angethan worden, nehmen wolte, so solle er ihn, seinen Herrn, als den schuldigen, und nicht die unschuldige Kinder, ermorden; betheurte auch mit einem hohen Schwur, GOtt und die gantze Welt zum Zeugen nehmend, daß, wann er vor diesmahl denen unschuldigen Kinderen verschonen wurde, so wolte er ihn aller seiner Reichthumen theilhaftig machen, und die Zeit seines Lebens für seinen allerliebsten Freund halten.


Der barbarische Sclav das grosse Leid und Schmertzen der höchstbetrübten Elteren ersehend, wurde im geringsten nicht erweicht, sondern vielmehr in seinem Vorhaben gesteift; weilen er sahe, daß er ein solches Mittel, sich an seinen Beleidigern zu rächen, erfunden hätte, welches ihnen tiefest zu Hertzen drange. Derohalben dann, so gedachte er solches würcklich zu vollziehen, und damit den Anfang zu machen. Nahme also erstlich das kleine Söhnlein in seine lincke Hand, hebte solches in die Höhe, daß es die Elteren recht sehen konten; ergriffe alsdann mit der rechten Hand ein scharf geschliffenes grosses Messer, und schnitte darmit dem unschuldigen Kind die Gurgel ab: fangt das warm herausfliessende Blut gantz blutdurstig mit der Hand auf, besprengt und wascht sich selbst darmit in Ansehen der Elteren, dardurch zu zeigen, daß das unschuldige Blut ihrer Kinder nunmehr ihme zu einer Abkühlung dienen müsse vor die so lange Jahr ausgestandene Beschwerden und Trangsalen. Und, damit er die Tragödi gäntzlich zu End bringen möchte, so nahme er das nunmehr ermordete Söhnlein, und stürtzte es von dem hohen Thurn mit Gewalt in den tiefen Wasser-Graben hinunter. Worauf er mit dem grösseren, und zweyjährigen Söhnlein auf gleiche Weis verfahren: Welches dann die Elteren dergestalten [645] schmertzte, daß sie vor Leydweesen nichts mehr um sich selbst wußten. Ihre Bediente aber hatten unterdessen von der Nachbarschaft unterschiedliche Bäum und Leiteren zusammen gebracht, und machten allbereit die Anstalt, das Schloß zu besteigen, und an dem grausamen Mörder durch die schröcklichste Peinen sich zu rächen.


Aber der in Verzweiflung gantz vertiefte Sclav, welcher wohl wußte, daß nunmehro keine Gnad vor ihn zu hoffen wäre, sondern die grausamste Pein und Straf auszustehen hätte, gedachte, sein Leben durch einen kürtzeren Weeg zu endigen. Derohalben dann warffe er nochmahlen seinem Herrn und Frauen ihre Unbarmhertzigkeit, die sie gegen ihm verübet, sehr nachdrucklich vor; frolockte hierauf, und erzeigte grosse Freud, daß er sich zu rächen so schöne Gelegenheit gefunden hätte; nahme alsdann das blutige Mord-Messer, stache solches durch seinen eigenen Leib, und stürtzte sich alsdann selbst von dem hohen Thurn in den Wassergraben hinunter Unerhörte Rach! entsetzliche Verzweiflung! Bidermann S.J.l. 2. Acroamat.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 642-646.
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