Ein und zwantzigste Begebenheit.

Heller Spiegel Christlicher Starckmüthigkeit in Trübsal.

[655] Dieser ware Justus Ucondon, so herstammete von dem vornehmsten Geschlecht in gantz Japon, einem aus vielen Insulen bestehenden Land im äussersten Asien. In dem 13ten Jahr seines Alters wurde er von seiner gottseeligen Frau Mutter für den Altar in die Kirchen geführt, [655] allwo, er sich mit einem Gelübd verbunden, die Abgötterey nach allen Kräften zu verfolgen, und auszureuten. Die Blühe seiner Jugend brachte er in unterschiedlichen Höfen der Fürsten zu, und erhielte in diesem gefährlichen Saltz-Wasser vieler fleischlichen Menschen das Perlein der Unschuld und Keuschheit gantz, und unversehrt; worüber sich ja höchstens zu verwunderen. Unter seinem Gebiet zählte er bey 30000. der Unterthanen; aber keinem Unglaubigen gestattete er einigen Wohn-Sitz. Wegen seiner Tapferkeit und mannlichen Faust wurde er von seinem Kayser zur obersten Feld-Herren-Stell erhoben; und glantzete also in dem Japonischen Reich, wie die helle Mittag-Sonn an dem Himmel. In einer Nacht war alles aus. Jacuinus Kayserlicher Leib-Artz, und geschworner Christen-Feind hebte Ucundonum bey dem Kayser unter währender Tafel, als dieser mit Portugesischem Wein was unmäßigers sich angetruncken dermassen hinein, als ob er die meiste Schuld hätte, daß der Christen-Töchter des König-Reichs Arima sich nicht nach Hof begeben wolten, seiner Majestät nach Belieben aufzuwarten, etc. Worüber der Kayser dermassen ergrimmet, daß er noch dieselbe Nacht einen seiner Bedienten geschickt, Ucundono die Ungnad anzukünden, und die Wahl zu lassen, unverzüglich entweder den Christlichen Glauben fahren zu lassen; oder mit Verlurst aller Ehr und Güter das Elend zu erkiesen. Die Antwort des theuren Ritters Christi ware diese: kehret wider zu dem Kayser, meinem allergnädigsten Herren, sprach er: meldet ihm meinetwegen, daß ich das Elend erwähle vor dem gottlosen Irrthum. Was anbetrift mein Haab und Gut, Ehr und Ansehen, ja mein eigenes Leben, das will ich sammentlich ehe tausendmahl in die Schantz schlagen, als den wahren Glauben, so ich angenommen, wiederum verwerffen, oder meinen Heyland JEsum Christum verlaugnen. Etliche vermelden, er habe sich selbst zu dem Kayser verfügt, und mit freymüthiger Innbrunst sein Leben für den Christlichen Glauben dargebotten. Da aber der Tyrann das Schwerdt gezuckt, habe er dasselbe liebreich umfangen, gekußt, und den Hals dargestreckt. Bey welcher Großmüthigkeit der Kayser erstaunet zwar ingehalten; aber ihne von sich geschaft, und ernstlich anbefohlen ohne Verzug das Land zu raumen.


Anbey ist zu mercken, daß das Elend in Japon viel beschwerlicher falle, als bey uns Europäern. Dann erstlich wird der Schuldige aller Ehren und Aemter entsetzt. Fürs ander dessen Güter in Beschlag genommen: welcher Verlurst sich auf die Elteren, Ehegemahl, Kinder, Bluts-Verwandte, ja auf alle Bediente erstreckt, unangesehen sie des Verbrechens die geringste Schuld nicht haben. Drittens wird der Sententz des Tods beygesügt: dessen Vollziehung der Vertriebene zu jederzeit, da es dem Kayser [656] beliebig, muß gewärtig seyn. Lebt also in steter Beysorg einer unglücklichen nachkommenden Bottschaft: das ist, er stirbt täglich. Ein solches Elend bezoge dann auch Justus Ucondon, und kame ehender in der Stadt Agasci an, als seine Verwandte dieses Orts, davon Luft überkommen. Sein schlechte Kleydung verursachte bey allen ein Verwunderung; absonderlich bey seiner Ehegemahlin, Herren Vatter Darius, und Herren Bruder Tarojemondon: fragten demnach, was diese unverhofte Aenderung auf sich habe? Als sie nun berichtet wurden, wie daß er Catholischer Religion halber durch Kayserlichen Befehl ins Elend verwiesen seye, etc. wurde das gantze Haus nicht mit Jammeren und Weheklagen; sonderen mit Frohlocken erfüllet. Der alte Vatter erhebte Händ und Augen gen Himmel, sagte dem Allmächtigen GOtt innbrünstigen Danck, daß er sein Geschlecht würdig geachtet, in welchem vor gantz Japon ein helles Kenn-Zeichen Christlicher Standhaftigkeit erwiesen wurde. Demnach fiele er seinem geliebten Sohn um den Hals, hertzigte ihn mit zarter Umfahung, und rufte überlaut: O liebster Sohn! du bringst uns eine erwünschte Zeitung. Es geht allerdings wohl. Seye nur behertzt; wir folgen dir mit Freuden. Wohlan! laßt uns alsbald dahin gehen wohin wir von GOtt beruffen werden. O daß uns dieses Glück begegne, daß wir nach Verlurst unserer Güter auch das Leben für Christum aufsetzen mögen! gleiche Freudens-Zeichen erzeigten die übrige Haus-Genossene alle, samt hätten sie einen fröhlichen Ehren-Tag zu begehen. Eilten darauf sammentlich in die Kirchen: sangen das gewöhnlicke Lob Gesang des Heil. Ambrosii: Herr wir loben dich, und wünschten einhellig, für Christum ihr Leben darzu geben.


Nach vollendten Danck-Opfer kehrten sie wiederum nach ihrer Behausung; banden etwas von nothwendigen Haus-Geräth zusammen, und machten sich fertig zum Abzug. Dazumahl hatte die Stadt Agasci nicht Augen genug, ein so wunderliches Schau-Spiel anzusehen. Darius ein alter Greis, der seine weisse Haar mit ungewöhnlichen Frolocken erjüngerte. Ucondon, und Tarojemondon, seine beehlichte Söhn samt ihren Gemahlinnen und Kindern: gestern Fürsten; heut Bettler; zuvor die vornehmste des Lands; nun verworffene ins Elend, giengen daher zu Fuß durch die Gassen, beurlaubten sich von dem zulauffenden Volck, und zogen alle samtlich zur Stadt hinaus. Ihnen folgte ein grosse Anzahl der Bedienten, so die angelobte Treu bey ihren Herren und Frauen mit dem Leben zu vollziehen gedacht waren. Die Männer waren beladen mit kleinen Reis-Bündelein, das Weiber-Volck mit den unmündigen Kindern; welche sie lieber im Elend Christlich erziehen, als im Heydenthum begehrten glückseelig zu sehen. Das ware ja ein so klägliches Spectacul, daß [657] auch die harte Felsen zum Mitleyden hätte können bewegen; sie aber giengen mit so scheinbarer Freud des Hertzens daher, als solten sie ein herrliches Sieg-Gepräng mit ihrer Gegenwart zieren. Nach langem Umschweif durch rauhe Weeg, Berg und Thal, finstere Wälder und Einöde, liessen sie sich letztlich in einer dem Fürsten Augustine zu gehörigen Landschaft nieder, die er ihnen selbst zum Wohnsitz anerbotten: baueten allda auf offenen Feld ein schlechtes Hüttlein auf, worinnen dieses gottseelig Haus-Gesind ein zwar armseeliges, doch mit viel himmlischen Tröstungen untermengtes Leben in 20. Jahr lang geführet.

Nachmahlen, als nach dem Tod des Wütterichs Taycosama, dem Nachfolger im Reich Daifusama, wiederum ein Gedancken an Ucondon, und dessen Elend kommen, berufte er ihn zu sich nacher Meaco, zu sehen, ob dieses nunmehr durch so viel Ungemach abgemattetes, aber dannoch beständiges Felsen-Hertz nicht dermahlen eins zu gewinnen wäre. Der gottseelige Held stelte sich zwar nach langer mühsamer Reis und ausgestandener Gefahr bey Hof gehorsamlich ein; gabe aber auch diesem Tyrannen so wenig Hofnung seiner Aenderung, als wenig ihm der vorige in der That selbst abgewunnen hatte. Wurde demnach zum 2tenmahl des Lands verwiesen, und nach Hangazaqui in ein neues Elend verjagt. Er aber nach kurtzem Aufenthalt allda entschlosse sich aus gantz Japon zu weichen, damit dieses sein gottloses undanckbares Vatterland nach seinem Ableiben auch seine Gebein nicht besitzen solte. Mit diesem Vorhaben gienge er samt seiner Gemahlin, Kindern und Enckeln zu Schif im Jahr 1614. und segelte mit gutem Wind nach Manila einer Spanischen Meer-Stadt ab. Der Ertz-Bischof, Statthalter, Adel, und gantze Gemeind zogen ihm entgegen, und empfiengen Justum, wie einen Engel, der vom Himmel gesandt. Man botte ihm auch im Nahmen Philippi Königs in Spanien ein jährliches Einkommen an, sich und die Seinige nach Erforderung seines hohen Stands besser durchzubringen. Er weigerte sich aber mit demüthigen Danck unter Vor wand, daß einem des Glaubens halber vertriebenen Christen kein Pracht gezieme, sondern zustehe, in Armuth zu leben. Diesem zu folg schafte er durch Hand-Arbeit ihme, seinem Weib und Kindern die tägliche geringe Nahrung; 40. Tag nach seiner Ankunft ist er den 13. Tag Hornung im 1615ten Jahr von GOtt durch einen seeligen Hintritt aus dem Elend in das himmlische Vatterland beruffen worden. Hat den Seinigen, und uns allen anstatt der zeitlichen Güteren recht heroische Christliche Tugenden, bevorab ein innbrünstige Lieb zum Creutz, und unüberwindliche Standhaftigkeit in Trübsal zur Nachfolg hinterlassen. Sein Leib ruhet in der Kirchen der Societät JEsu zu Manila; [658] die Seel aber in der ewigen Wohnstatt des Himmels. Hazart S.J. in seinen Japonensischen Kirchen-Geschichten.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 655-659.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Die Familie Selicke

Die Familie Selicke

Das bahnbrechende Stück für das naturalistische Drama soll den Zuschauer »in ein Stück Leben wie durch ein Fenster« blicken lassen. Arno Holz, der »die Familie Selicke« 1889 gemeinsam mit seinem Freund Johannes Schlaf geschrieben hat, beschreibt konsequent naturalistisch, durchgehend im Dialekt der Nordberliner Arbeiterviertel, der Holz aus eigener Erfahrung sehr vertraut ist, einen Weihnachtsabend der 1890er Jahre im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon