Zwey und zwantzigste Begebenheit.

Ueberaus harte, und Mitleydens-würdige Prob, so ein Graf mit seiner Ehegemahlin vorgenommen, um zu erfahren, ob sie sich gäntzlich nach seinem Willen schicken werde.

[659] In Piemont (so ein Fürstenthum in Welschland ist) ware vor Zeiten ein vornehmer Graf mit Nahmen Gualterus, welcher viel Dörffer und Schlösser unter sich hatte. Und wie er ein junger Herr war, hatte er sein eintzige Freud im Jagen. Deswegen fragte er dem Frauen-Zimmer wenig nach; ja er liesse ihm nichts wenigers traumen, als daß er sich einstens verheurathen wolte. Also lieb ware ihm der freye Leib. Bey dem aber ware denen Unterthanen nicht geholffen; als welche gern von ihm einen Erben gesehen hätten, von dem sie mit der Zeit möchten regiert werden. Deswegen verordneten sie aus ihrem Mittel einige Abgesandte an ihn, mit demüthigster Bitt, er wolte sich doch belieben lassen, eine Braut zu erwählen, mit welcher er zum Trost der Unterthanen einen Erben erzeugen möchte Gualterus, wie er das gute Absehen seiner Unterthanen erkennt, sagte ihnen zu; jedoch mit diesem Beding: er möchte ihm eine Braut erwählen, wie es ihm gefiele, dero solten sie allen Respect er weisen, und wider diese Wahl im geringsten nicht klagen. Wie sie ihm nun diese Bedingnuß zugesagt, war er auf nichts anders bedacht, als wie er eine Braut finden möchte, die sich in allem nach seinem Willen schicken wurde. Nun, wie solle es gehen? Er ritte einstens spatzieren auf eines seiner Dörfferen hinaus. Da erblickte er ungefähr bey einem Bronnen ein Bauren-Mägdlein, das eben jetzt ein Gelte mit Wasser nach Haus tragen wolte. Wie er sie nun genau ins Gesicht fassete, wurde er in sie dergestalten verliebt, daß er sich entschlosse, dieses Bauren-Mägdlein für sein Braut zu erwählen, und kein andere. Dann ausser dem, daß sie schön von Angesicht, zeigte sie zugleich in ihren Gebärden eine solche Zuchtbarkeit, daß man sie nicht ansehen konte, ohne sie zu lieben.


Gualterus liesse weiters nichts vermercken, sondern ritte wiederum nach Haus, und liesse gleich einen Schneider kommen, welchem er befahle, ein hochzeitliches Kleid zu verfertigen für ein Jungfrau, ohngefähr von achtzehen Jahren, von solcher und solcher Postur. Und damit er das Maaß recht nehmen könnte, liesse er eine Jungfrau von seiner Hofstatt herbey ruffen, welche just die Statur, Länge, [659] und Rane zu haben schiene, wie das von ihm ersehene Bauren-Mägdlein. Wie nun das hochzeitliche Kleid verfertige war, liesse er sich gegen seine Dienerschaft verlauten, sie solte an einem Nachmittag in Bereitschaft, ihm seine Braut abholen zu helfen. Das ware nun an dem Hof etwas neues, und erwartete jederman mit gröster Begierd, von wannen dann diese Braut müßte abgeholet werden. Nun Gualterus reutet mit seiner gantzen Hofstatt, unter welcher viel ansehnliche Herren, wie auch einiges Frauen-Zimmer war, auf das Dorf hinaus, in welchem er das Bauren-Mägdlein das erstemahl ersehen hatte. Und nachdem er sich erkundiget, wer ihr Vatter seye, laßt er ihn samt der Tochter zu sich kommen. Nun diese erscheinen: und nachdem beyde vor dem Grafen, als ihrem rechtmässigen Herrn die gebührende Reverentz gemacht, fragte Gualterus den Bauren: ist das nicht dein Tochter? ja, Ihro gräfliche Excellentz, (antwortete der Baur) das ist mein Tochter. Was befehlen sie weiters? da nahme ihn Gualterus auf ein Seiten, und sagte: Wisse, daß ich in dein Tochter verliebt bin. Wie? (fragte der Baur) Ihro gräfliche Excellentz sollen in mein Tochter verliebt seyn? Ja. In ein Bauren-Mägdlein? das hindert nichts. Und sie noch für ein Braut erwählen? Zweifle nicht daran Ey! das kan ich nicht fassen. Ich glaube, Ihro Excellentz schertzen mit mir. Nein: es ist mir ernst. Nun (sagte der Baur) wann es ernst ist, so hab ich nichts zu sagen, als daß ich mich unwürdig schätze, einen solchen vornehmen Herrn für einen Tochter-Mann zu haben. Wie heißt aber dein Tochter? (fragt hierauf Gualterus) Griseldis, (antwortete der Baur) Nun, Griseldis (fahrt Gualterus fort) bist du zufrieden, wann ich dich für meine Braut erwähle? das gute Mägdlein stunde da voller Schamhaftigkeit, und wußte anfänglich nicht, was sie antworten solte. Nachdem sie sich aber in etwas erholet, sagte sie: Ihro Excellentz, Herr Graf! sie seynd mein hochgebietender Herr; ich aber ein armes Bauren-Mägdlein. Wie solte ich mir können einbilden; daß ich ihnen lieb seyn könnte. Der Unterschied zwischen ihnen, und mir ist viel zu groß. Du hast es schon gehört (sagte Gualterus) ich verlange dich, und kein andere. Wann es ihnen ernst ist, Herr Graf (antwortete das Mägdlein) so kan ich ihnen nicht widersprechen. Allein, ich weiß mich selbst nicht zu finden. Es kommt mir vor, als wann es ein Comödi wär. Nun, nun, jetzt ist alles richtig (sagte Gualterus) allein, das begehre ich von dir, wann du mein Gemahlin seyn wirst, daß du mir in allem dem, was ich dir sagen werde, gehorsam seyn, und in keiner Sach widersprechen sollest. Ja, Ihr Excellentz (sagte das Mägdlein) weil ihr mich euerer Liebe würdiget, ist es billig, daß ich euch in allem gehorsame, und in keiner Sach widerspreche. Da habt ihr mein Wort. So ist es recht (sagte Gualterus) jetzt verlange ich nichts weiters. Draufhin [660] liesse er seine Hof-Herren, und Frauen-Zimmer herbey kommen, und sagte zu ihnen: Sehet! dieses Bauren-Mägdlein habe ich mir zu einer Gemahlin auserwählet. Jetzt, wann ihr mich lieb habt, sollet ihr gegen sie allen Respect tragen, als gegen euere rechtmässige Gräfin. Und, nachdem alle, dem Befehl des Grafen nachzukommen angelobt, befahle er dem Frauen-Zimmer, so zugegen war, dem Bauren-Mägdlein die Kleider aus- und darfür das gräfliche Hochzeit-Kleid anzuziehen. Wie nun das geschehen, steckte ihr Gualterus einen goldenen Ring an den Finger; umfienge sie hertzlich; setzte sie hernach auf einen weissen Schimmel, und ritte mit ihr in Begleitschaft seiner gantzen Hofstatt seinem Schloß zu, auf welchem das hochzeitliche Fest unter Glückwünschung und Frolocken des gantzen Hofs feyrlich begangen worden.


Wie geht es weiters? Griseldis wußte sich nach und nach dergestalten in die Hof-Manier zu schicken, daß sich Jedermann verwunderte. Mit ihrer Sittsamkeit, und freundlichen Gebärden zoge sie nicht allein aller Liebe, sondern auch Ehrenbietigkeit an sich. In Summa: man liebte, und ehrte sie. In solchem Stand, als sie fast ein Jahr zugebracht, gebahre sie ihrem Herrn ein Töchterlein von solcher Schönheit, daß man es nicht genug anschauen konte. Da gedachte es nun den Grafen, Zeit zu seyn, Griseldin zu probiren, und zu erfahren, ob sie sich, ihrem Versprechen gemäß, nach seinem Willen schicken werde; oder nicht. Er nahme sie also auf ein Zeit, da sie das Kind von der Milch entwöhnt hatte, beyseits, und redete sie mit ernsthaftem Gesicht also an: Griseldis! du weißt, was Gestalten ich dich aus dem verächtlichen Bauren-Stand zu einer Gräfin erhebt, und zu meiner Gemahlin genommen hab. Nun kan ich sagen, daß ich dich inniglich liebe, und die geringste Klag wider dich nicht hab. Allein der Adel, und meine Unterthanen können sich dazu nicht verstehen, daß sie das von dir gebohrne Fräulein mit der Zeit für ein rechtmässige Erbin erkennen sollen. Also wanckelmüthig seynd sie unterdessen worden; da sie doch meiner Vermählung gantz anderst geredt haben. Was ist jetzt zu thun? ich muß halt sehen, wie ich das Kind aus dem Weeg raume; sonst möchten mir mit der Zeit viele, und grosse Ungelegenheiten auf den Hals kommen. Was sagst du darzu? wirst du dich wissen, drein zu schicken? erinnerst du dich, was Gestalten du mir bey dem Heuraths-Contract versprochen, du wollest dich in allem nach meinem Willen schicken, und mir keineswegs widersprechen, es möchte auch seyn, was es wolte? Freylich ja (antwortete Griseldis) weil es dem Herrn Grafen gefällig, also zu disponiren, so habe ich nichts darwider. Meine Schuldigkeit ist, daß ich mich unterwerfe, und ihn schalten und walten lasse nach seinem Gefallen. Auf diese Antwort liesse der Graf durch einen seiner Dieneren das junge Fräulein von der Mutter [661] abforderen; die es ihme auch ohne Seuftzen überliesse, wiewohl sie ihr nichts anders einbilden konte, als das unschuldige Kind werde etwann ertränckt werden. Ehe sie aber selbiges dem Diener überliesse, sahe sie es eine Weil hertzlich an, gabe ihm alsdann einen süssen Kuß, bezeichnete es mit dem heiligen Creutz, und sagte mit unverändertem Angesicht: Behüte dich GOtt, mein Liebes! das ist das letzte mahl, daß ich dich sehe.


O GOtt! was für einen Gewalt brauchte es, die mütterliche Lieb und Affection zu überwinden, daß Griseldis weder seuftzete, noch das Angesicht veränderte? Gualterus liesse das Kind in einer Wiegen eingemacht nach Bononien, einer Stadt in Welschland, übertragen, allwo sein Schwester war, die einen Grafen, mit Namen Panicius, hatte. Diese ersuchte er durch ein Schreiben, sie wolte ihr das Kind also lassen angelegen seyn, als wann es ihr eigenes wäre; solte es auch, als von hochadelichen Elteren gebohren, auferziehen; aber niemand das geringste offenbaren, wessen Kind es wäre, noch woher es ihr überschickt worden.

Unterdessen konte Gualterus an seiner Griseldis keinen Abgang weder an voriger Liebe, noch Gehorsam vermercken, also, daß er sich hierüber höchstens verwunderte. Mithin verflossen in solchem Zustand vier Jahr, da Griseldis gesegneten Leibs war, und ein Söhnlein gebahre von ungemeiner Schönheit, mit grossem Frolocken der Unterthanen, denen von allem dem, was sich mit dem erstgebohrnen Fräulein zugetragen, das geringste nicht bewußt ware. Nachdem dieses junge Herrlein nach und nach auferwachsen, und nunmehr das zweyte Jahr erreicht hatte, wolte Gualterus seine Griseldin auf ein neues probieren, ob sie im Gehorsam, und Gleichförmigkeit mit seinem Willen noch beständig wäre; oder nicht. Er thate also dergleichen, als wann ihm zu Ohren kommen wäre, wie daß seine Unterthanen sich in heimlichen Gesellschaften verlauten liessen, sie wolten auch das junge Herrlein keineswegs für einen rechtmässigen Erben der Grafschaft erkennen; indem die Ungleichheit zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin dem Stand nach viel zu groß wäre. Er sehe also nichts anders vor, als einen gefährlichen Aufstand, welchem vorzukommen nichts rathsamers wäre, als wann auch das junge Herrlein auf die Seiten geraumt wurde: Welches er ihr hiemit habe anzeigen wollen, damit der Schmertz in ihr nicht vergrössert wurde, wann sie vorher nichts davon gewußt hätte.


Ach! was ware dieses wiederum für ein bitterharte Prob? aber Griseldis veränderte weder das Gesicht, noch das Gemüth, sondern sagte: Herr Graf! ich wiederhole noch einmahl, was ich schon längst gesagt hab: Daß ich nemlich nichts wolle, als was ihm beliebet. Gualterus sich über diese Beständigkeit verwunderend, gienge mit ernsthaften Gesicht von ihr hinweg, und schickte gleich einen Diener, [662] welcher das junge Herrlein von ihr solte abforderen. Griseldis nahme es in ihre Arm, sahe es eine Weil lieblich an; druckte es an ihre Brust; bezeichnete es mit dem heiligen Creutz, wie sie bey Abforderung des ersten Kinds gethan; gab ihm zuletzt einen süssen Kuß, und überliesse es dem Diener ohne einiges Zeichen, daß sie deswegen betrübt wäre. Welches, als es Gualterus vernommen, überschickte er das junge Herrlein gleichfalls nach Bononien, damit es allda solte auferzogen werden, ohne jemand davon etwas zu offenbaren, wessen, und woher dieses Kind wäre.

Es thate zwar Gualterus nachgehends, wann er bey der Tafel sasse, oftermahls Meldung von beyden Kinderen. Griseldis aber gabe nicht einmahl hierüber ein Zeichen von sich, daß sie hierüber betrübt wäre. Mithin kame ein Geschrey aus, als wann Gualterus einen Eckel ab der Griseldis bekommen, und beyde Kinder hätte erträncken lassen, damit er sich von ihr könnte scheiden lassen. Gualterus bediente sich dieser Gelegenheit, und liesse unter das Volck aussprengen, wie daß er würcklich einen Expressen nach Rom an Ihro Päbstl. Heiligkeit abgeschickt, und wegen besorglichem Aufstand seiner Unterthanen hätte lassen anhalten, damit er von der Griseldis möchte geschieden werden, und sich mit einer anderen gräflichen Stammens verheurathen därfte. Ja das Geschrey gienge, die Erlaubnuß wäre würcklich erhalten worden: welches aber alles erdichtet ware.

Wie meinen wir, daß der guten Griseldis werde zu Gemüth gewesen seyn? sie bezeugte sich hierüber gar nicht bestürtzt; sonderen erwartete, was ihr Gualterus in solchen Umständen befehlen werde. So liesse er dann selbige in Beyseyn seiner gräflichen Anverwandten vor sich kommen, da er sie mit folgenden Worten angeredt: Griseldis! ich gestehe es, daß ich dich allzeit geliebt hab, als meine Gemahlin. Allein ich werde gezwungen, mich von dir scheiden zu lassen, um dem Aufstand meiner Unterthanen vorzukommen; als welche verlangen, daß ich mich mit einer anderen Person vermählen solle, die gleiches Stands mit mir seye. Und ist solche schon auf dem Weeg; die ich auch stündlich erwarte. Hoffe also, du werdest dieser weichen, und dich wiederum in deines Vatters Haus begeben. Ich kan es nicht laugnen: das ist für dich ein überaus harter Streich. Allein ich kan die Sach nicht änderen. Darum mache aus der Noth ein Tugend, gedencke, daß auf dieser Welt kein beständige Glückseligkeit zu finden seye. Auf diese Wort sagte Griseldis: Herr Graf! ich gedachte allzeit, daß zwischen euch und mir ein gar grosser Unterschied wäre, und ich also vielmehr euere Magd, als Ehegemahlin seyn solte. Im übrigen bin ich bereit, auf eueren Befehl, wiederum in meines Vatters Haus zu kehren. Man bringe mir nur meine vorige Bauren-Kleider, so lege ich diese gräfliche wiederum ab. Auf diese Starckmüthigkeit der Griseldis konte sich Gualterus des [663] Weinens nicht enthalten. Also nahme sie ihren Weeg gantz alleinig nach ihres Vatters Haus zu, über die offentliche Strassen, und in Ansehung vieler Menschen, die ein hertzliches Mitleiden mit ihr hatten, und sich der Zäheren nicht enthalten konnten.


Der gute Vatter, als er wider alles Verhoffen seine Tochter gantz alleinig, und zwar in vorigen Bauren-Kleyderen dem Haus zugehen sahe, fienge an hertzlich zu weinen, und endlich in diese Wort auszubrechen: Du armes Kind! was ist das? in was für einem Aufzug kommst du daher? was soll das bedeuten? Ach! ich komme auf die Gedancken, du seyest von deinem Grafen verjagt worden Griseldis antwortete, ja, mein lieber Vatter, deme ist also: warum aber (fragte dieser weiters?) gelt, du bist ihm nunmehr verleydet, und sihet er ein andere lieber, als dich? Nun in GOttes Namen. Was wollen wir machen? Gewalt geht vor Recht. Wo werden wir klagen dörffen? der Herr ist zu vornehm. Allein es ist mir gleich anfänglich die Sach verdächtig vorkommen, und bin deswegen in Sorgen gestanden, diese Liebe werde nicht lang dauren. Darum hatte ich gewunschen, daß dich der Graf niemahlen gesehen hätte. Man sagt ja nicht umsonst, wilst du heyrathen, so heyrathe deines gleichen. Dieses geredt, umhalsete er die Tochter, und sagte: mein liebes Kind, komme nur wiederum in dein vorige Wohnung, ich will dich schon erhalten, daß dir nichts abgehen solle. Bist du mir jemahls lieb gewesen, so bist du es jetzt noch mehr. Griseldis sagte! mein liebster Vatter, ich kan dir nicht genug dancken für die Liebe, so du gegen mir tragst. Gleichwie ich vorhin dein gehorsame Tochter gewesen, also werde ich es auch forthin seyn. Ich überlasse mich unterdessen gäntzlich der göttlichen Vorsichtigkeit, dero es beliebt hat, also mit mir zu disponiren. Mittler weil gienge das Gerücht, daß die neue Braut des Grafens innerhalb wenig Tagen von Bononien in Begleitschaft eines jungen Herrn Grafens, der sich für ihren Vetter ausgabe, ankommen, und das Hochzeitliche Fest ohne Anstand werde vollzogen werden. Der Graf befahle demnach, daß Griseldis sich unverzüglich zu ihm nach Hof verfügen, und mit anderen Mägden des Hofs (Odes unverhoften, und überaus harten Befehls) das Schloß auskehren sollte. Griseldis saumte sich nicht, sondern gesellte sich zu anderen Mägden, nahme einen Beesen in die Hand, und halffe ihnen alle Zim mer des Schlosses auskehren.


O was für ein Schauspiel, Griseldis, vorhin die Gräfin, vor welcher das Hof-Gesind gewohnt war die Knye zu biegen, steht jetzt da mit einem Beesen in der Hand, gleich einer verächtlichen Dienst-Magd: Ach! wer sollte diese Veränderung ohne Vergiessung der Zäher können ansehen? Als nun der Graf nach vollendeter [664] Vermählung (so aber nur dem Schein nach geschehen) samt der neuen Braut sich an die Tafel gesetzt, und gesehen, was gestalten Griseldis der neuen Gräfin aufgewartet, und die Knye vor ihr gebogen, fragte der Graf: nun, Griseldis, wie gefallt dir diese meine neue Braut? ist sie nicht ausbündig schön, ziehet sie nicht aller Augen auf sich? ja, Herr Graf (antwortete Griseldis) sie ist ein Muster aller Schönheit, und wünsche ich nur, daß ihr lange Jahr mit ihr in allem Vergnügen lebet, welches ich auch hoffe, weilen sie gleiches Stammens mit euch ist. Und also werdet ihr kein Ursach haben, einen Eckel ab ihr zu schöpfen, wie ich hab erfahren müssen. Da konnte sich der Graf in Ansehung dieser Starckmüthigkeit nicht länger enthalten, sondern aus Mitleyden entdeckte er ihr das gantze Spiel, das er angestellt hatte. Fiele ihr also um den Hals, und sagte: meine liebste Griseldis, ich hab deinen Gehorsam lang genug probiert. Jetzt ist es Zeit, daß ich anderst mit dir rede. Du allein bist mein liebste Ehegemahlin, und ich weiß von keiner anderen. Dann diese Person, so du vor meine Braut ansihest, ist dein leibliche Tochter. Und dieser junge Herr, der sich für ihren Vetter ausgegeben, der ist dein leiblicher Sohn. Du hattest bishero geglaubt, als wären Beyde ertränckt worden. Aber nein, es ware nur ein angestelltes Spiel. Die sihest du vor dir lebendig, und in bester Gesundheit. Ueber diese Erzählung hatte es wenig gefehlt, Griseldis wäre vor Verwunderung und Freuden in eine Ohnmacht dahin gesuncken. Als sie sich aber aus der Verwunderung erhohlet, fiele sie der Tochter und dem Sohn um den Hals, kußte und druckte sie unter Vergiessung der Freuden-Zäher an die Brust, mit solcher Zärtigkeit, daß sie kaum von ihnen konnte geschieden werden.


Von dieser Zeit an lebte der Graf mit Griseldis noch viel Jahr, in höchster Lieb und Zufriedenheit; ihren alten Vatter aber nahme er zu sich an seinen Hof, liebte und hielte ihn in Ehren, als seinen Schwäher, so lang er lebte. Petrarcha de obedientia & fide uxoria.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 659-665.
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