Zweytes Gespräch.

[411] Schutz-Engel. Wie gefallet dir die erzählte Begebenheit? verstehest du nicht genugsam, daß der Mutter GOttes nichts angenehmers seye, als wann man sie mit dem Englischen Gruß verehret?

Pfleg-Kind. Ich verstehe es freylich, und ich dancke dir, daß du mir solche Begebenheit erzählet hast. Ich werde mir selbige zu Nutzen machen. Unterdessen höre ich, daß ein unzahlbare Menge der Catholischen die Mutter GOttes verehre mit einem Gebett, das man den heiligen Rosenkrantz nennet, woher hat dieses Gebett seinen Ursprung?

Schutz-Engel. Von der Mutter GOttes selbst. Diese hat es gelehrt den Heil. Dominicus, den Stifter des Prediger-Ordens, und hat ihm befohlen, solches Gebett allen Catholischen Christen zu verkündigen, wie er dann auch gethan hat; und das mit unaussprechlichem Nutzen vieler 1000. Menschen. Mit der Zeit ist wegen solchem Gebett eine Bruderschaft entstanden, in welche sich viel 1000. und aber 1000. Hauffenweis haben einschreiben lassen, und ist heut zu Tag wohl die vornehmste Bruderschaft in der Catholischen Kirchen.

Pfleg-Kind. Warum wird aber dieses Gebett ein Rosenkrantz genennet?

Schutz-Engel. Dieweil aus so vielen Ave Maria, als schöne und wohlriechende Rosen der Mutter GOttes ein Krantz geflochten wird, mit welchem man sie zu crönen, und zu verehren verlangt. Und zwar seynd diese Rosen von dreyerley Farben, nemlich weisse, rothe und gelbe. Die weisse bedeuten die freudenreiche Geheimnussen, deren man die Mutter GOttes bey jedem Englischen Gruß, oder Ave Maria, erinnert. Die rothe bedeuten die schmertzhafte, und die gelbe die glorreiche Geheimnussen.

Pfleg-Kind. Ich möchte diese Geheimnussen wohl wissen.

Schutz-Engel. Die Freudenreiche seynd diese. 1. Daß Maria den Sohn GOttes empfangen hat von dem Heil. Geist, und also ohne Verletzung ihrer Jungfrauschaft. 2. Daß, als sie mit dem Sohn GOttes schwanger gehend ihre liebe Baas Elisabeth heimgesucht, von dieser aus Eingebung des Heil. Geists, ist gepriesen worden, daß sie unter den Weibern, die Frucht aber ihres Leibs JEsus über alles gebenedeyt seye, was im Himmel und auf Erden ist. 3. Daß sie als ein unverletzte Jungfrau den Sohn GOttes auf die Welt gebohren. 4. Daß sie ihne dem himmlischen Vatter im Tempel aufgeopfert. 5. Daß sie ihne, nachdem er von ihr verlohren worden, in dem Tempel nach 3. Tagen wiederum gefunden hat.

Die schmertzhafte seynd diese: 1. Daß Christus ihr liebster Sohn, wegen unseren Sünden am Oelberg[412] Blut geschwitzet, hat. 2. Daß er eben dieser Ursach wegen grausamlich gegeißlet. 3. So schimpflich als schmertzlich mit Dörneren gecrönt worden. 4. Daß er sein eigenes Creutz hat müssen auf die Richtstatt hinaus tragen. 5. Daß er für uns an das Creutz mit Näglen geheftet, in höchsten Schmertzen, und äussersten Verlassenheit daran gestorben ist.


Die glorreiche Geheimnussen seynd diese: 1. Daß Christus aus eigener und göttlicher Kraft glorreich von Todten auferstanden. 2. Daß er aus selbst eigener Kraft triumphierlich gen Himmel gefahren. 3. Daß er den versprochenen Heil. Geist in Gestalt feuriger Zungen nicht allein über die Apostel, sondern auch über seine liebe Mutter gesendet. 4. Daß er seine liebe Mutter mit Leib und Seel in Himmel aufgenommen. 5. Daß er sie im Himmel, als eine Königin gecrönet, und über alle 9. Chör der Englen erhoben hat.

Pfleg-Kind. Was für eine Meinung machen diejenige, welche in der Bruderschaft des Heil. Rosenkrantzes seynd; ehe sie diesen zu betten anfangen?

Schutz-Engel. Sie sprechen etwann also: Zu deiner Ehr, O heiligste Jungfrau, und Mutter GOttes! will ich jetzt betten den Heil. Rosenkrantz. Erstlich für alle lebendige und abgestorbene Brüder und Schwestern aus der Bruderschaft des Heil. Rosenkrantzes. Andertens, daß du mir bey Christo JEsu, deinem Sohn, wollest erlangen Gnad und Barmhertzigkeit, Besserung des Lebens, und ein seliges Sterbstündlein. Nun verlange ich ein jedes Ave Maria auszusprechen mit solcher Ehrerbietung, wie solches ausgesprochen hat der Ertz-Engel Gabriel, da er dich grüssete im Namen der heiligsten Dreyfaltigkeit.

Pfleg-Kind. O wie angenehm ist dieses alles anzuhören! unterdessen bin ich begierig, von der Würckung dieses Gebetts eine Begebenheit zu vernehmen.

Schutz-Engel. Aus vielen ist folgende die merckwürdigste.


Begebenheit.

Um das Jahr nach Christi Geburt, als man zählete 1604. befanden sich zu Löwen, einer Stadt in denen Niederlanden, zwey adeliche Jüngling, dero Namen wegen ihrem Geschlecht verschont wird. Wir wollen unterdessen den einten Castor; den andern aber Pollux heissen, diese lagen auf der allda weit berühmten hohen Schul dem Studieren, und zwar der Rechts-Gelehrtheit ob. Da sie noch in den untern Schulen waren, seynd sie zu aller Gottsforcht und Zuchtbarkeit auferzogen worden; also daß sie den andern Studenten zu einem Exempel der Unschuld und Auferbäulichkeit[413] dienten. Wie sie aber in die hohe Schul daselbst kommen, mithin keine Aufseher mehr hatten, von denen sie in den Schrancken der Zucht und Ehrbarkeit, wie in den untern Schulen zu geschehen pflegt, gehalten wurden, gewohnten sie nach und nach des freyen Lebens dergestalten, daß sie in kurtzer Zeit allem Muthwillen liessen den freyen Zaum schiessen, ja in allerhand Schandthaten und Lastern sich herum weltzten, und mehr dem Luderleben, als studieren oblagen. Eines Tags setzten sie sich zu einer nassen Bursch ins Wirthshaus, um sich lustig zu machen, und die schwermüthige Gedancken im Wein zu ertrincken. Man sitzet also zu Tisch: lasset nach der Schwere auftragen; wechselt Gläser,und ist guts Muths. Und damit nur an diesem Freuden-Tag nichts abgienge, berufte man auch Spielleut, die sich mit ihren Instrumenten tapfer hören liessen. Und weil man auch Täntzerinnen dabey vonnöthen hatte, triebe einer aus ihnen etliche freche Mägdlein auf, denen nicht allein die Schuhe zum Tantzen, sondern um ein schlechtes auch ihr Ehr feil ware. Weilen ihnen aber der Tag nicht klecken wollte, den Durst zu löschen, und ihre böse Gelüsten zu ersättigen, knipften sie auch die Nacht daran; und brachten also mit Sauffen, Spielen, und Tantzen, und anderem Muthwillen die edle Zeit zu. Nach und nach aber, da es nicht mehr weit von Mitternacht ware, wurden unsere saubere Gesellen allgemach müd; bevorab Castor, als welcher in dieser Weis zu leben nicht so wohl, als die andere geübt war, gienge derohalben zur Stuben hinaus, sich in etwas abzukühlen. Da setzte er sich dann in einem Gang auf einen Banck hin, und trocknete mit dem Fazinet den vom Tantzen erweckten häufigen Schweiß ab. Er hatte sich aber kaum niedergesetzt, da überfiele ihn, weis nicht was für eine Melancholey, welche je mehr zunahme, je länger er allda verharrete, und aber kein Wunder, dann sein Gewissen gabe ihm einen Schupf über den anderen, und stellte ihm durch schwermüthige Gedancken die Abscheulichkeit der verübten Sünden vor. Weilen nun Castor seinen Cameraden zu lang ausbliebe, nahmen sie ein Liecht, suchten und fanden ihn an gedachtem Ort; aber gantz verändert, langweilig, verdrossen, und voller schwermüthigen Gedancken; sie wußten nicht, wie sie es verstehen sollten; sie munterten ihn also auf, und absonderlich Pollux, der ihm also zusprache: Nun, was ist das, Castor? was bedeutet dieses Maulhängen? du wirst ja den guten Muth nicht erst auf die Letzte verderben wollen: allegro stehe auf, und gehe wiederum in die Stuben hinein, und halte auch mit. Ey Bruder, nur noch eins. Allein Castor wollte sich nicht überreden lassen; sondern entschuldigte sich, wie daß ihm nicht recht wohl wäre. Nahme also gute Nacht, und gienge nach Haus. Wie er dort ankommen, und sich allgemach zur Ruhe begeben wollte, da fiele ihm [414] ein, wie daß er sein täglich und gewöhnliches Gebett noch nicht verrichtet hätte. Sehe man doch, was die gute Gewohnheit thut! Castor hatte noch in denen untern Schulen oftermahls gehört, daß nicht leichtlich einer seye zu Grund gangen, welcher täglich (und also mit beständiger Andacht) unser liebe Frau, als eine Zuflucht der Sünder verehrt habe. Von selbiger Zeit an nahme er ihme vor, diese Andacht zu verrichten, und alle Tag dieser Himmels-Königin zu Ehren etwas gewisses zu betten. Es ware aber ein Rosenkrantz, welchen er bishero noch niemahls unterlassen, ob er schon etwann den Tag übel zugebracht hatte. Weilen er sich dann erinnerte, daß der heutige Rosenkrantz noch ausständig, machte er den Schluß, sich nicht schlaffen zu legen, er hätte dann vorhero seine Andacht gegen der seeligsten Mutter GOttes abgelegt. Nahme derohalben den Rosenkrantz in die Hand, und machte dem Gebett den Anfang mit diesen Worten: Heiligste Jungfrau! würdige mich, daß ich dich lobe. Es ware aber wohl ein armseeliges Gebett: weilen er theils schläfferig, theils trümlich im Kopf, die Stuben auf und abgienge. Und dannoch (O wunderliche Güte GOttes!) dannoch sage ich, hat das schläfferige Gebett des Castors die Wolcken des Himmels durchdrungen, und durch die Fürbitt der seligsten Jungfrauen bey GOtt Gnad und Barmhertzigkeit erlangt. Er hatte aber das Gebett noch nicht zu End gebracht, da hörte er an der Stuben-Thür klopfen. Er fragte demnach (wie gewöhnlich) Wer ist draussen? der, so geklopft hatte, gabe zur Antwort: Ich bins. Allein Castor fuhre im Gebett fort, sagte aber vorher: bist du draussen: so bin ich herinnen, du kanst eine Weil warten, bis ich dir aufmache, jetzt ist es mir nicht gelegen, ich muß vorhero mein Gebett vollenden. Allein der so vor der Thür draussen war, sagte hinwieder; Wann du mir nicht aufmachest, so kan ich es selbst. Wie? (sagte Castor) wilst du mich trotzen? ich will dir gewißlich mit meinem Degen den Ruckweeg weisen. Dieses geredt, nahme er den blossen Degen, stellte sich mitten in die Stuben, und erwartete gleichwohl, wer dann derjenige seye, welcher mit Gewalt in die Stuben hinein wollte. Alsobald gienge die Thür von sich selbst auf, und Pollux, sein vorhin bester Camerad tratte hinein, worüber Castor seiner selbst lachte, und den Degen wiederum einsteckte; beynebens aber fragte: Wie ists, Bruder? hast du auch schon genug? und wo seynd die andere hin? ja freylich (antwortete Pollux) hab ich genug, O Castor! dann bald nach deinem Abschied hat der gute Muth ein End gehabt; und hab ich auch wollen nach Haus gehen; bin aber unter Weegs in dem nächsten Gäßlein von zwey Teuflen in Gestalt zweyer Risen angegriffen, und von ihnen erwürget worden; und jetzt ewig verdammt. Castor nicht [415] anderst, als wäre er vom Donner getroffen, fiele vor Schröcken und Angst zuruck in einen Winckel des Zimmers, und wußte kein andere Hülf, als daß er sich mit dem Heil. Creutz bezeichnet, und die heylsame Namen JEsus und Maria angeruffen; das Gespenst aber fuhre fort, und sagte: Förchte dich nicht, Castor! es wird dir für dißmahl nichts geschehen, du solst aber wissen, daß der andere Riß aus den zweyen Teuflen auf dich gepaßt habe, und dir eben so wohl, als mir den Halß würde umgerieben haben, wann du dich nicht bey Zeiten davon gemacht, und dir durch das Gebett um eine so mächtige Vorsprecherin, wie die Himmels-Königin ist, umgesehen hättest. Dieser, dieser hast du zu dancken, daß du noch lebest. Damit du aber meiner Verdammnus halben versicheret seyest, so schaue mich nur recht an. Dieses geredt, verlohre er sein vorige Gestalt, und ware nunmehr erschröcklich anzusehen. Dann sein Haupt schiene, wie eine glüende Kugel, und es spritzten die Flammen aus den Augen auf den Boden heraus. Hierauff risse er das Wammes voneinander, und entblößte die Brust, so gleichfals feurig und durchlöchert ware, also daß man bis auf das Inngeweyd hinein sehen konnte, aus welchem feurige Nattern und Schlangen aus und ein krochen, und mit ihren vergiften Zähnen dem Armseeligen bald da bald dort einen Biß versetzten; welches dann ein erbärmlicher Anblick ware. Nachdem nun Pollux solcher Gestalten (nach GOttes Anordnung) sich seinem vorhin vertrautesten Schul-Gesellen vorgestellt, thate er noch diese Ermahnung hinzu, mit folgenden Worten: So lerne dann aus fremden Schaden witzig werden, und dich bessern, damit du nicht einstens mir in der Peyn zugesellet werdest. Mit welchen Worten der verdammte Geist verschwunden. Wer ware froher, als Castor, daß er dieses leydigen Gasts ledig worden? doch durfte er sich vor Forcht und Schröcken noch nicht rühren; sondern verharrete ganz mit Schweiß überronnen, und zitterend an Händ und Füssen an der alten Stell, bis es 12. Uhr geschlagen, und er in dem nächsten Franciscaner-Closter hat hören in die Mette läuten. Da fassete er wiederum das Hertz, machte sich herfür, nunmehro gantz ausgenüchtert, und ähnlicher einem Todten, als Lebendigen; nahme seinen Hut und Mantel, und eylte eines Eylens gedachtem Closter zu: begehrte alsobald für den P. Guardian wichtiger Sachen halber, die keinen Verzug zuliessen, gelassen zu werden. Der Guardian kommt, und fragt, was er verlange bey so eytler Nacht, da sonst jederman in der Ruhe wäre? da erzählte er ihm dann der Länge nach, was sich mit ihme, und seinem gewesten Schul-Gesellen, dem Pollux zugetragen. Der Guardian erzeigte grosses Mitleyden; tröstete den theils erschrocknen, theils bekümmerten Castor, so gut er konnte, mit angehengter Ermahnung, der empfangenen [416] Wohlthat von der seeligsten Mutter GOttes die Zeit seines Lebens nicht zu vergessen. Verwilligte auch, daß ihm zwey aus denen Patres des Closters bey angezündeter Latern den entleibten Pollux möchten suchen helfen; welchen sie dann auch bald in einem Winckel gedachten Gässleins gefunden, übel zerkratzt, und am gantzen Leib kohl schwartz: damit man nemlich nicht zweiflen könnte, wer den Pollux erwürget hätte. Jedoch hebte man das Todten-Aas in der Stille auf, welches auch hernach nicht weit von gedachtem Closter unter die Erden verscharret worden. Wie nun diese traurige Begebenheit fürüber, brauchte es bey dem Castor nicht viel Zusprechens, hinfüran denen Freuden und Wollüsten dieser Welt abzusagen, dann aller Muth verleitete von ihm selbsten; machte auch bald den Schluß, der Welt den Rucken zu kehren, und in einen geistlichen Orden zu gehen; und zwar eben in den Franciscaner-Orden, in welchem er auch nach inständigen Anhalten aufgenommen worden; worinnen er eine Zeitlang nicht allein gottseelig gelebt; sondern gar endlich um des Christlichen Glaubens willen in der neuen Welt, wohin er von seinen Oberen, die Heyden zu bekehren geschickt worden, die Marter ausgestanden hat. Lyræus S.J. in Trisagio Mariano.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 411-417.
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