Eilfte Fabel.

Die Hasen hielten sich für die forchtsamste Thier auf Erden; veränderten aber die Meynung, nachdem sie gesehen, daß sie von denen Fröschen geförchtet wurden.

[750] Die Haasen in Erwegung, daß sie von denen Jägeren und Hunden so hart verfolgt, und allenthalben zum Tod aufgesucht wurden, schrieben einen Reichs-Tag aus, um sich untereinander zu berathschlagen wie dem Ubel vorzubiegen, und der allgemeine Schaden zu wenden wäre. Als nun die ältiste des Volcks, und die vornehmere Haasen-Geschlechter versammlet waren, thate einer, der wegen seiner Beredtsamkeit, und langer Erfahrnuß vor anderen das Ansehen hatte, den Vortrag mit folgenden Worten: Liebste Freund, und Raths-Genossene! (sprach er) es kan euch nicht unbekannt seyn, in was grosser Noth und elenden Stand sich unser uraltes, adeliches, ja königliches Haasen-Geschlecht dermahlen befinde. Die Nachstellungen, wodurch man uns zum Tod aufsucht, seynd dermassen viel und grausam, daß mir die Haar gen Berg stehen, wann ich mich deren erinnere. Es darf sich ja kein ehrlicher Haas, auch zu denen Zeiten, da wir allem Jäger-Recht nach, sicher und befreyt seyn solten, ausser seinem Lager mehr blicken lassen, daß man ihm nicht da und dort aufpasse, und den Ruck-Weeg verbiete. Ja, was sage ich, ausser dem Lager? solten wir uns auch Klafter tief unter die Erden eingraben, so wurden uns doch die meisterlose Hund bey denen Ohren herfür ziehen, und ihren Herren zum Raub einlifferen. Man treibt uns über Berg und Thal; durch Hecken und Stauden; von einem Wald in den anderen: und ist kein Gesträuch so dick, das man nicht durchsuche; um uns aufzujagen, und zu ermorden. Was für grosse Niderlagen geschehen nicht immerdar in unserem Geschlecht? was für klägliche Zeitungen lauffen nicht fast täglich ein von allerhand Grausamkeiten, welche die Menschen und Hund an unserem Geschlecht ausüben? da schießt man einen Lauf hinweg; da jagt man einem gar die Schröt ins Hertz hinein; da zerknirschen einen [750] die Hund den Ruckgrad; da reissen sie einem anderen die Brust entzwey: oder geschiehet es etwann, daß einer dem Jäger lebendig in die Händ gerathet, und mit tieffister Unterwürffigkeit um Quartier bittet, so ist es das erste, daß man ihn zum Tod verdammt, und dem unschuldigen Haasen das Genick abschlagt. O des grossen Jammers! wem solle unser Unglückseeligkeit nicht zu Hertzen gehen? aber eben dieses ist, leyder! was unser Elend zum allermeisten vergrössert, daß nemlich unser Unglück niemand, als uns allein zu Hertzen geht. Wann wir nicht selbst Mittel und Weeg ausfinden, der Noth abzuhelffen, so haben wir uns anderwerths her keiner Hülf zu vertrösten. Nun, so sagt dann euere Meynung, liebste Freund! wie gedunckt euch, daß das Ubel zu wenden seye?

Nach diesem Vortrag stunde einer aus denen hertzhaftigeren Haasen auf, und sprache:


Mich zwar hat es schon längst wunder genommen, daß wir unserem Schaden so lang zugesehen, und wider unsere Feind noch niemahl die Waffen ergriffen haben. Unserer Zaghaftigkeit haben wir unser Unheyl zuzuschreiben, und die Flucht, so wir gemeiniglich, ehe daß der Streit angeht, nehmen, führt uns dem Tod zu. Mancher Hund wurde den Muth fallen lassen, und sich nicht getrauen den Haasen anzufallen, wann ihme dieser mit seinen feurigen Augen und erschröcklichem Bart behertzt unter das Gesicht stunde. Seye es, daß wir von Natur etwas schwach, und dem Feind an Kräften nicht gewachsen seyen, so könnte doch die Witz und Menge unsers Volcks diesen Mangel leicht ersetzen. Ist demnach mein Gutachten, daß wir uns zusammen rotten, und so bald wir das Jägerhorn wiederum blasen hören, mit gesamten Kräften dem Feind entgegen ziehen, ihme ein Schlacht liefferen, und allen unseren Unterthauen bey Leib- und Lebens-Straf die Flucht verbieten.


Allein dieser Meynung wollte keiner aus denen übrigen Haasen beyfallen; dann ein jeglicher förchtete seinen Balg, und wußten alle nur gar zu wohl, daß sie denen Hunden weder an Muth noch Stärcke gewachsen wären. Waren demnach einhellig darwieder, vorgebende: dieser Rath wurde das gantze Haasen-Geschlecht auf einmahl auf die Schlachtbanck lieferen, und denen Zähnen der Hunden zu zerreissen dargeben. Solches als der behertzte Haaß, der den Rath gegeben hatte, gehört, auch gesehen, daß seine Meynung schimpflich verworffen wäre, gienge er voller Unmuth und Verzweiflung aus der Rathstuben hinaus, und henckte sich

an den nächsten Baum auf.


Nach diesem stunde ein anderer auf, und redete die Raths-Versammlung folgender Gestalt an:


Bekannt ist euch ihr Herren, daß das beste Mittel, uns Haasen hinaus [751] zu helffen, die Flucht seye. Zum Streiten seynd wir nicht gebohren, aber zum Fliehen hat uns die Natur schier geflügelt gemacht. Jedoch eben in der Flucht sihe ich etwas, daß uns zum Schaden gereicht, und schon viel aus uns dem Tod in die Händ gespielt hat. Unsere lange Ohren (neben dem, daß sie uns beschwehren, und die angebohrne Flüchtigkeit nicht wenig hinderen) geben Anlaß, daß uns die Hund darbey ergreiffen, und desto vester anhalten können. Manches armes Häßlein wäre mit dem Leben davon kommen, wann es seine Ohren hätte können dahinten lassen. Mein Rath demnach wäre, daß wir uns alle die Ohren stutzten; dann auf solche Weiß wurden wir zur Flucht behender, und vor dem Angrif der Hunden sicherer seyn. Was solle es seyn? diese Tracht ist ohnedem nicht mehr gangbar, ja bey der Welt verachtet; tragt auch, ausser dem Esel, kein anderes Thier mehr lange Ohren.


Auch dieser Rath ward nicht gut befunden, und setzten sich sonderbahr die ältere Haasen darwider, vorgebend, man müsse keine neue Tracht ins Land einführen; es wurde ihren Vorelteren in dem Grab wehe thun, wann sie wissen sollten, daß sich ihre Nachkömmlinge der langen Ohren schämten, und von dem alten Brauch und Herkommen abgewichen wären.


Diese und dergleichen mehre andere Meynungen wurden auf die Bahn gebracht; aber ohne Frucht: dann keine fande man für genugsam und ersprießlich, denen armen Haasen aus der Noth zu helffen. Dannenhero, indem sie sich eines Theils für die forchtsamste und armseeligste Thier auf Erden hielten, an derer seits aber kein Mittel fanden, ihr Elend zu ringeren, fielen sie alle in Verzweiflung, und entschlossen sich einhellig in dem nächsten See zu erträncken, vermeynende, das rathsamste zu seyn, durch einen kurtzen und leichten Tod einer langen Forcht und betrangtem Leben den Faden abzuschneiden. Also dann machten sie sich auf, und lieffe die gesamte Haasen-Schaar gantz-verzweiflet dem Wasser zu. Indessen, als die Frösch, welche neben dem See an der Sonnen heraus gesessen, das Geräusch der ankommenden Haasen vermerckten, erschracken sie, und sprangen aus Forcht eylends in ein Rohr-Busch, und ins Wasser hinein. Wie dieses die Haasen wahrgenommen, hielten sie ein wenig still, verwunderten sich, und liessen es ihnen gefallen, daß sie durch ihre Ankunft unter denen Fröschen so grossen Lermen und Schrecken verursachen können. Stoßten darauf die Köpf zusammen, und sprachen: so gibt es dann noch forchtsamere Thier in der Welt, als die Haasen seynd? Ey so haben wir dann nicht Ursach zu verzweiflen, und uns für das armseeligste Geschlecht auf Erden zu halten. Brüder, wir kehren wiederum in unsere Wälder, und lassen uns das Leben noch länger belieben. Und also geschahe es, die Forcht und Schwachheit [752] der Fröschen machte denen Haasen einen Muth, und verursachte, daß sie sich hinführo ihrer Zaghaftigkeit schamten. Reitmayr S.J. Dominicale n. 467. ex Pacciuchelli, locum tamen non citat.


Sittliche Auslegung.

Durch die Haasen werden verstanden jene forchtsame, zaghafte und kleinmüthige Christen, welche in Erwegung ihrer Schwachheit, und aus ängstiger Forcht ihrer Feinden schier verzweiflen wollen, vermeynende, es seyen keine schwächere und armseeligere Creaturen zu finden, als sie seyen. Die unsaubere Frösch aber, so in denen Pfützen und Kothlachen sich aufhalten, seynd die höllische Feind; wie sie dann der Heil. Johannes in der heimlichen Offenbahrung in dieser Gestalt aus dem Rachen des höllischen Drachen hat sehen heraus steigen. Diese Frösch seynd noch viel schwächer als die Haasen, und die Teufel viel armseeliger als die Menschen. Dann, nachdem sie Christus durch seinen Tod und Auferstehung überwunden, hat er diesen Fröschen alle Kraft benommen; so gar, daß sie jetzt vor denen Haasen (das ist: vor denen sonst schwachen und forchtsamen Menschen) fliehen, und sie förchten müssen. Und das geschiehet, wann sich eine Christliche Seel gegen dem bösen Feind unerschrocken erzeigt, und mit starckmüthiger Hofnung auf GOtt bewafnet, hertzhaft unter die Augen stellt. Er kan uns wohl anbellen, er kan wüten, und an der Ketten reissen wie ein Hund, aber beissen kan er keinen, als der freywillig zu ihm an die Ketten hingeht, und in seine Versuchungen einwilliget: seynd die Wort des H. Augustini. Serm. 167. de tempore.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 750-753.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Autobiografisches aus dem besonderen Verhältnis der Autorin zu Franz Grillparzer, der sie vor ihrem großen Erfolg immerwieder zum weiteren Schreiben ermutigt hatte.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon