Zehende Fabel.

Philautia, das ist, die eigene Lieb, vermacht Testamentweis dem grösten Narren, so man in der Welt finden wurde, ein betrügliches Schatz-Trüchelein, als ein Erb-Geschenck.

[739] Schlaraffen-Land, aller Narren Vatter-Land ist ein Ort, wo Treu und Ehr ein End hat. Dieses Königreich beherrschte Philautia, ein arges, verschlagenes, eigennutziges Weib; führte beynebens ein so prächtiges, wohllüstiges Leben, daß wo nur was köstliches zu finden, oder seltsames zu erdencken war, selbiges man ihr mit grösten Kösten mußte herschaffen. Gleichwohl verfuhre sie gegen ihren Unterthanen zimlicher massen glimpflich, dieweil sie auch wenig fande, die sich zu ihrem Dienst nicht willig und bereit erzeigten. Wolte sich aber einer widersetzen, oder ihren wunderseltsamen Befehlen nicht alsobald nachkommen, waren gleich Feuer, Schwerdt, Galgen, Rad und glüende Zangen da. Sie hatte drey Söhn, lauter frische, wackere Printzen, die sich in den Humor ihrer Frau Mutter meisterlich wußten zu schicken, und ihr in allem nachschlugen. Aus ihren Bluts-Freunden war ein eintzige Schwester noch vorhanden, aber ein lautere Andächtlerin: mit dieser witschte man fein bey Zeiten ins Closter, damit sie den übrigen Hof an seinem guten Muth, kostbaren Panqueten, Täntzen, Comödien, Jagden, und anderen Kurtzweilen, wormit sich Philautia täglich erlustigte, nicht irr machte.

Unterdessen ruckte das Alter, und samt dem Alter das End der Philautiä herbey. Ein schwere Kranckheit warffe sie in das Beth: und was man immer für Mittel brauchte, wolte doch das Drucken der Brust, und Seitenstechen nicht nachlassen. Man konte ihr auch schwerlich einige Medicin beybringen: weil sie aus natürlichen Abscheuen kein eintziges bitteres Tranck, oder Artzney wolte brauchen; darum kame es auch gar bald mit ihr auf die Neige. Wie sie nun sahe, daß sie sterben müßte, machte sie ein Testament, berufte ihre Söhn und Hof-Herren für das Beth, und redete sie folgender Gestalt an.


Liebste Söhn, und getreue Diener! in was für ein Meer der Schmertzen mich das neydige Glück vermittelst schwerer Kranckheit gestürtzt habe, sehet ihr mit Augen. Diejenige, die ihr bisher als ein Königin verehrt, und als ein Göttin angebettet habt, empfindet anjetzo nur gar zuwohl, daß sie sterblich seye; und kan vor Angst und Wehethum kaum mehr so viel Athem ziehen, ihren liebsten Kinderen, und getreuesten Unterthanen abzugnaden. [740] Euch meine Printzen, erkläre ich hiemit für rechtmäßige Erben meines Reichs, und Länderen: was aber für ein Provintz einem jeden bestimmet seye, wird gegenwärt ges Testament, das alsobald nach meinem Tod soll eröfnet werden, klar geben. So bin ich auch euer meine Hof-Herren, samt und sonders fleissig ingedenck gewesen, und wird mir, Gespärigkeit halber keiner in das Grab schnaltzen. Eins ist, das ich noch an euch vor meinem End begehre, und dessen ich mich gäntzlich gegen euch versiehe; wann ihr anderst noch gegen unser Person einige Lieb und schuldigen Respect traget. Die junge Printzen antworteten mit Zäher-vollen Augen: wie daß gegenwärtiger Zustand ihrer liebsten Frau Mutter ihnen sehr schmertzlich falle, und wann sie, mit was Verlurst es immer wäre, ihr das Leben fristen könten, sie gewißlich nichts wurden ihres Theils erwinden lassen. Im übrigen möchte man nur befehlen: sie, und alle Anwesende stehen bereit, den Befehl auf das Nägelein zu vollbringen: gelobten ihr auch solches mit einem theuren Eyd an: worüber dann die Königin ein sonderes Vergnügen erzeigte. Zoge darauf ein schönes mit Gold und Silber reichlich geziertes Schatz-Trüchlein herfür; und überreichte solches samt dem Testament ihrem ältesten Herrn Sohn: ersuchte auch die anwesende Hof-Herren, ihme bey Vollziehung ihres letzten Willens mit Rath und That an die Hand zu gehen. Dieses Trüchlein, sagte sie ferners, hab ich einer in dem Testament ernennter Person vermacht, als ein Erb-Geschenck: das soll ihr also uneröfnet, wie es da ist, eingehändiget werden. Nach Empfang dessen haltet sie dahin, daß sie selbiges in euer Gegenwart eröffne, und was sie darinn finden wird, das lasset sie ungehindert davon tragen: da habt ihr den Schlüssel darzu. Hieran werdet ihr unseren gnädigsten Willen vollziehen Lebet wohl. Die Printzen gantz bestürtzt, kusseten der Frau Mutter die Hand! die Hof-Herren neigten das Haupt, und versicherten sie noch einmahl ihrer aufrichtigen Treu: dargegen wurde die Königin je länger je schwächer; griffe in die Züg, und starb dahin.


Nachdem die Königliche Leich zur Erden bestattet worden, war des Schlaraffischen Hofs erste Bemühung, das Testament zu eröfnen, und selbiges gemäß dem letzten Willen der Philautiä zu vollziehen. Alle fanden ein sattsames Vergnügen, und konnten die rechte Königliche Freygebigkeit ihrer verstorbenen Frauen nicht genugsam preisen. Wie sie aber auf das obgedachte Erb-Geschenck kamen, wurden sie gewahr, daß dieses schöne Schatz-Trüchlein vermacht wäre dem grösten Narren von der Welt. Sie verwunderten sich über die massen: einer schaute den andern an, aber keiner wollte Erb seyn. Und ereignete sich ein neue Beschwerde, wo man unter so vielen Narren eben den Größten finden müßte; angesehen in dem[741] Testament weiter keine Erläuterung vorhanden war.


Als man sich nun hierüber miteinander unterredt, und die Frag herum gehen lassen, kam durch die mehrere Stimmen der Schluß heraus: man müßte gewisse, und hierzu taugliche Herren Commissarien oder Befehlshaber verordnen; welche durch die gantze Welt reisen, auf der Leut Thun und Lassen gut acht geben, und etliche vornehme Narren-Stuck aufzeichnen sollten: alsdann könnte leicht ein Ueberschlag gemacht, und wem das Trüchlein vermeynt wäre, ohnschwehr ein Urtheil abgefaßt werden. Dieser Vorschlag wurde für genehm gehalten, die Commissarii auch alsobald ernennet, lauter gewixte ausgestochene Gesellen, welche einem gleich an der Nasen ansahen, wann er um einen Streich zu viel, oder zu wenig hatte. Allein der Zeit halber, wann die Reyse sollte angehen, konnten sie nicht allerdings eins werden. Einer schluge die Fastnacht vor, mit Vermelden: Narren zu suchen wäre diese die bequemste Zeit, weilen man sie gleich alle beysammen ober einem Hauffen antreffe. Deme hielt aber ein anderer widerpart, und sprach: meines Gedunckens fügt sich zu unserem Vorhaben kein Zeit im Jahr weniger, als die Fastnacht; dann ob man schon die Narren alsdann beysammen antrift, so seynd doch bißweilen die gescheidiste Leut in der Fastnacht die gröste Narren; könnte man also die Rechte von den Vermummten schwehrlich unterscheiden, wann werden wir dann reysen, sagte der dritte. In der Fasten gewißlich auch nicht, wo gar übel zu zehren ist, sonderbahr in Catholischen Ländern. Dann obschon in grossen Städten (weilen viele aus den Burgeren ohne Erlaubnus heimlich Fleisch essen) die Fisch wohlfeil zu bekommen; so geht es doch gar hungerig her auf dem Geu, wo einer auch um sein Geld bisweilen keinen guten Trunck Wein findt, will geschweigen was anders. So seynd auch über das etliche Wirth so vortheilhaftig, daß, wann ihnen gähling ein Gast kommt, der wohl Batzen hat, sie ihm dermassen die Zech machen, daß sein Beutel das gantze Jahr des Scherens nicht mehr bedarf. Was dieses betrift, versetzte der vierte hinwieder, hätte ich wenig Bedencken, dann ein geitziger Wirth tragt das Schermesser allezeit bey sich, und scheert einen am Fleisch-Tag so wohl, als am Fasttag. Aber einer anderer Ursach halber finde ich die Fasten-Zeit zu unserer Reyse untüchtig, angesehen, wann wir zu dieser Zeit etliche ihrer begangenen Narren-Stuck halber aufzeichnen sollten, dörften sie sich vielleicht ausreden, und denen Stockfischen, den manche mit Löflen gefressen haben, die Schuld geben; als welche Speiß gar hart zu verdäuen, und gemeiniglich das Hirn und Geblüt mit groben schwehrmüthigen Dämpfen und Feuchtigkeiten anfüllt. Derohalben wann ich gut zum Rath bin, so lasse man ihme Osteren belieben. Dann um diese Zeit seynd die Leut wegen der langwitigen [742] Fasten fein nüchter, und im Kopf wohl aufgeraumt, dermassen und gestalt, daß einer wohl ein gute Gaab von Natur haben muß, der nach der Fasten gleich zu Osteren ein Narren-Stuck begeht. Alle fielen dieser Meynung bey, und wurde von den Herren Abgeordneten die Reise gleich den Oster-Montag noch selbiges Jahr angestellt.


Den ersten Tag traffen sie nichts an, das in ihren Kram taugte; weilen sie noch auf dem Grund und Boden ihres weisen Schlaraffeu Lands ritten. Aber gleich den anderen Tag Morgens Frühe, da die Sonn eben aufgehen wollte, ersahen sie einen Botten auf einer Stiegel sitzen, und ein wenig ausrasten. Den grüssen sie freundlich, und fragten: woher so starck? Der Bott schnauffend und schwitzend sagte: wie daß er schon etliche Tag und Nächt lieffe, und gar ein wichtiges Geschäft von einem grossen Herren (den er auch nennte) auszurichten hätte. Als aber die Herren Abgesandte zu wissen begehrten, wohin seine Reyse dann gienge? wischte er mit der Hand die Stirn und Barth, und sprach: Botz 1000. gute Jahr, ich hab es vergessen zu fragen, wo ich hin müsse? Kehrte darauf stracks wieder nach Haus sich zu erkundigen und zu fragen; wohin? und wo er die Brief ablegen müsse? Diesen Botten schriebe man auf, als einen rechten Stock-Narren, der Tag und Nacht mit seinem Spießlein auf der Achsel, und Räntzlein auf dem Buckel umlieffe, und doch nicht wußte, wohin.


Den dritten Tag nicht weit von einer Stadt begegnete ihnen ein Baur, der kam eben von einer Hochzeit daher: jauchtzete, und ware gutes Muths, sasse aber beynebens auf einer Schind-Gurre, welche so elendiglich daher gienge, daß einer alle Augenblick meynte, sie wurde zu Boden fallen, und Roß und Mann beysammen bleiben; bevorab weilen der Reuter eben so fast wacklete, als das Roß. Diesen Spanischen Reuter, weilen sie sahen, daß er nicht wie andere die Sporren an den Stiefelen, sondern auf dem Hut truge, redeten die Schlaraffische Abgesandten auch an, und fragten: was Ritter-Ordens er wäre? Der Baur, so bezecht er auch war, gabe doch zur Antwort, was müßte ich für ein Ritter seyn, meine Herren? Lieber GOtt! ich bin halt ein Ritter, der seinem Edelmann gar oft an die Frohn-Dienst reiten muß. Warum tragst du aber die Sporren auf dem Huth? Fragten die Commissarii weiter. Ey! ihr Herren, sehet ihr dann nicht, was ich für ein schwaches Roß hab? Wann ich die Sporren sollte brauchen, wurde es eben grad gar in der Mitte voneinander fallen. Es hat so zu thun, daß es hebt, bis ich heim komme. Weilen ich aber die Sporren auf dem Huth trage, so weiß ich gewiß, daß ich ihm keinen Schaden thue. Dieser Baur wird auch aufgeschrieben, als der mit den Sporren [743] nicht recht umzugehen wußte. Etliche Tag hernach gabe es nichts, als etliche kleine Närrlein, die man aber nicht sonders achtete. Drum setzten die Abgeordnete ihre Reiß fort über Berg und Thal, durch Felder und Wälder, bis sie in ein schönes grosses Dorf kamen.


Sie merckten bald aus dem ausgesteckten Fähnlein auf dem Thurn, es müsse allda Kirchweyhung seyn, dann ihnen der Catholischen Ceremonien und Gebräuch nicht gar unbekannt waren. Sie sitzten demnach ab, giengen in die Kirch hinein, zu erfahren, wie doch die Leut an den hohen Festen sich bey dem GOttes-Dienst einzustellen pflegten; traffen aber keinen Menschen, als den Meßner an, der eben mit einer Burde Schlüssel in der Hand aus der Sacristey daher kam, Willens, die Kirchen zu sperren. Diesen ruften sie zu sich, und fragten: ob es heut da Kirchweyh seye? Ja, sagte der Meßner: es ist Kirchweyhe, und sie fragten weiter: ob man dann kein Vesper halten werde, weilen es eben um Vesper Zeit wäre? Ja wohl Vesper, antwortete der Meßner: wo denckt ihr hin meine Herren? der Tag ist viel zu heilig, man hat heut kein Vesper, die Bauren gehen jetzt zum Wein, die Knecht zum Dantz, für wen müßte man die Vesper haben; dieser Meßner wurde auch der Abgesandten Schreib-Täfelein einverleibt, weilen er meynte, eben darum, weilen der Tag so heilig, sollte man kein Vesper halten.

Ueber etliche Wochen reiteten sie einer Stadt zu, und fanden vor dem Thor bey der Brucken einen ziemlich erwachsenen Buben an dem Gestatt des Fluß stehen, und anglen: als sie nun diesen fragten, wie das Fischen von statt gehe? bekamen sie zur Antwort: es gehe gar schlecht her, und er habe heut noch keinen eintzigen Fisch gefangen, und stehe doch schon 4. Stund da. Wie so, fragten die Commissarii weiter: ist villeicht das Wasser nicht Fischreich? sie mußten aber das Widerspiel vernehmen, wie daß nemlich das gantze Land aus diesem Fluß allein mit Fischen genugsam versehen wurde; also daß man vor Menge viel 1000. mußte diegen machen, und an fremde Orth tragen. Da merckten die Herren Commissarii dann bald, wo es diesem Angler fehten möchte; begehrten also, er sollte ihnen weisen, was er anköderte. Da nun der Bub die Ruthen über sich zoge, fanden sie nichts daran, als den blossen Angel ohne Köder. Sie stellten ihn hierüber zu Red, was er für ein künstlicher Fischer wäre? ob er dann meynte, die Fisch werden ihm anbeissen, wann er den Angel nicht mit einer Leber, Regenwurm oder Heuschrecken verdecken wurde; der Fischer-Bub gabe zur Antwort, meine Herren! verzeyhet mirs, ihr verstehet den Handel nicht. Mein Vatter ist ein Fischer, und gibt doch seinen Fischen auch nichts, die er daheim im Kalter hat, sondern müssen froh seyn, daß er ihnen die Herberg so lang vergunnt. Wollen sie zu fressen [744] haben, mögen sie ihre Kost selbst mit sich bringen; ist ja genug, daß ich sie anbeissen lasse, wann das Wasser nur trüb genug wäre, was gilts, sie wurden schon anbeissen. Dieser Fischer-Jung mußte denen Herren aus Schlaraffenland auch ins Narren-Register, weilen er mit dem Angel ohne Köder Fisch zu fangen vermeynte.


Noch lächerlicher ist, was ihnen nicht lang hernach in einem kleinen Städtlein begegnet, dessen Nam mit Fleiß verschwigen wird. Es ware schon um die zwölfte Stund, als sie da angelangt, willens zu Mittag zu speisen. Die Wirthin bewillkommete ihre Herren Gäst gar freundlich, entschuldigte aber zugleich ihren Mann, daß er nicht könnte aufwarten: er seye Burgermeister, und sitze samt anderen, unerachtet es Sonntag seye, von sieben Uhr an im Rath; hofte doch, er werde bald da seyn. Unterdessen da man das Essen bereitete, kam auch der Wirth, und bediente seine Herren Gäst mit sonderbarer Freundlichkeit, welches dann vor einem Wirths-Haus der beste Schild ist, fremde Gäst an sich zu ziehen, weil jedermann gern bey der einfachen Kreiden einkehrt; wo man um einen leidentlichen Preis die Gäst mit freundlichen Gesichteren, neben einem freundlichen Trunck, und ein und anderer guter Tracht abspeißt. Die Herren Abgesandte fragten den Wirth, was für ein wichtiges Geschäft vorgefallen wäre, daß sie sich an einem Sonntag so lang auf dem Rathhaus aufgehalten hätten? Gnädige, großgünstige Herren! antwortete der Wirth, etwas gar wichtiges: ist zwar nichts geheimes, darf es wohl sagen, weil es überall schon bekannt ist. Zu dem machen wir Raths-Verwandte allhier weiter kein grosse Sach auf Stillschweigen, sondern was Vormittag im Rath ist abgehandelt worden, das erzählen wir hernach zu Haus über Tisch: So gehet uns fein nicht viel auf die Land-Botten. Ein geschwätzig Weib ist über alle Post-Pferde: was sie heut von ihrem Mann hört, das weißt Morgen die gantze Stadt; übermorgen das gantze Land. Was aber heut auf dem Rathhaus so viel zu schaffen gegeben, ist dieses: Wir haben die vorige Wochen einen hencken lassen. Heut seynd wir zusammen, uns ein wenig mit einander zu berathschlagen, ob ers auch verdient habe, oder nicht? Nun ist durch die mehrere Stimmen heraus kommen, daß er einmal unschuldig gewesen. Tröst ihn GOtt: ich hab ihm auch einen guten Schub in den Himmel geben. Das liessen ihnen die Herren Commissarii gefallen, und fanden für gut, den Bürgermeister und Rath nacher Schlaraffenland zu citieren, als taugliche Leut, die vielleicht den nächsten Zuspruch zu dem Königlichen Erb-Geschenck bekommen möchten.


Nach etlich Wochen kamen sie bey einer See-Stadt, oder Meer-Hafen an, und hielten sich eine geraume Zeit allda auf. Was sie alles von grossen [745] und kleinen Narrenstucken darinnen angetroffen, wäre viel darvon zu melden. Allein es wird genug seyn nur eines eintzigen noch zu gedencken. Dieser war ein Holländischer Schif-Knecht, der eben von dem Stockfisch-Fang daher kame. Nachdem das Schiff angelädet, und er samt anderen dahin vom Austragen müd, und fertig ware, sahe er ihm um ein Ort zum Schlaffen aus. Er warfe sich aber der geraden Weeg nieder auf den Boden, und legte anstatt des Polsters ein leeres Fäßlein unter den Kopf: streckte alle Viere von sich, und fienge schon alsgemach dahin an zu schlaffen, und Bretter zu schneiden. Einer aus den anderen Bots-Knechten, sein guter Bekannter, gienge hinzu, gab ihm mit dem Fuß eins in die Seiten, weckte ihn auf, und sprach: Narr, was thust? hast du nie gehört: Wer ihm wohl bethet, der liegt wohl? ist doch Stroh genug da: warum legst du dir nicht ein und den andern Schaub unter? wirst zehen mah besser liegen. Der faule Tropf ließ ihm diesen Rath gefallen; und nachdem er sich ein und das andere mahl umgekehrt, wie ein fauler Hund hinter dem Ofen, stund er auf: Nahme zwey Schaub Stroh, legte sie unter das Fäßlein, und den Kopf wieder auf das Fäßlein hinauf, der Hofnung, nunmehr sanfter zu liegen. Wie er aber nichts spühren konte, sondern sein Polster eben so hart ware, wie zuvor, ward er zornig, und sagte: Bin ich nicht ein Narr? weiß ich dann nimmer, wie man die Strohsäck einfüllet? das Stroh muß man hinein schieben: was solls gelten? es wird linder werden. Schobe darauf alles Stroh in das Fäßlein hinein, und legte sich in GOttes Namen wiederum auf das Fäßlein nieder, als wann er ihm nun auf das beste gebethet hätte. Die Herren Commissarii solches ersehend, geschwind mit ihrem Schreib-Täfelein heraus, zeichneten alles auf, und bestimmten ihm einen gewissen Tag, an dem er sich in Schlaraffenland wurde einzustellen haben. Stiegen darauf in ein Schif, das eben nacher Schlaraffenland abzuseglen in Bereitschaft stunde, und langten bey gutem Wind innerhälb eines Monats-Frist glücklich wiederum in ihrem Vatterland an.


Sie verliehrten kein Zeit; sondern erstatteten dem König, und dem gesamten Rath ihrer Gesandtschaft halber schuldigen Bericht. In gleichem stellten sich die beschriebene Mitwerber zu bestimmter Zeit ein. Als man nun alle fleissig besichtiget, und mit sonderer Lust eines jeden verübtes Narren-Stuck vernommen, wurden zwar alle ihrer treflichen Gaben halber gelobt, und die Vertröstung gegeben, ihrer zu seiner Zeit in Gnaden zu gedencken; dermahlen aber wurde durch die mehrere Stimmen das königliche Erb-Geschenck, das Schatz-Trüchlein, obgedachtem Wirth zu erkennt: dieweil er, als Burgermeister, ein so weise Anleitung im Rath gebraucht, daß gleichwohl eines Beklagten Unschuld noch an Tag kommen, nachdem er schon am Galgen erworget. Die andere [746] alle hiesse man abtretten, und den Wieg weiter nehmen. Niemand war fröher, als dieser Wirth, als ihm das so kostbare Schatz-Trüchlein samt dem Schlüssel eingehändiget wurde. Er bedanckte sich aufs höchste, des Erbietens, die überaus grosse Freygebigkeit, der verstorbenen Königin Philautiä Zeit seines Lebens anzurühmen: wolte auch schon mit dem Trüchlein unter dem Mantel zur Stuben hinaus; wurde aber angehalten vermög des Testaments, das Trüchlein in Gegenwart des schlaraffischen Hofs zu eröfnen; damit die sonders grosse Freygebigkeit der Philautiä männiglich kund wurde. So steckte er dann den Schlüssel an, und machte das Trüchlein auf. Aber siehe! kaum hat er das Schloß, welches wie ein Feur-Rohr zugericht war ein wenig verruckt, da gab es Feur; und das angezindete Pulver, wormit allein das Trüchlein angefüllt gewesen, fuhre dem armen Wirth mit einem lauten Knall ins Angesicht heraus, verbrennte ihm Haar und Bart, machte ihn kohlschwartz, und erschröckte ihn noch darzu dermassen, daß er vor Dunst und Schröcken rücklings auf die Erden fiele, und so wüst, als ein Teufel, aussahe. Inwendig auf einer Seiten des Trüchleins, das gleichfalls in Stuck zersprungen, stunden diese Wort geschrieben: Das ist der Narren Erbtheil. Der gute Wirth, der kaum mehr den Hut zu finden wußte, will geschweigen den Kopf, beschwerte sich hart über diesen groben Possen; als der seinem Beduncken nach einen anderen Danck um den schlaraffischen Hof verdient hatte. Allein er wurde nur ausgelacht, und sich wegzutrollen geheissen, wolte er nicht eines grösseren Unglimpfs gewärtig seyn, mit diesem Zusatz: Die Philautia lohne keinen anderst: Für solche Narren gehöre ein solcher Kolb. Mußte also der elende Mensch seinen Weeg weiter nehmen, und wußte doch nicht, wohin; sondern mit Schand und Spott, in Hunger und Kummer, darzu noch mit grossen Schmertzen wegen des Brands im Angesicht, stige er in den Wälderen, und auf dem Gebürg herum, und klagte den herumstehenden Felsen sein Noth. GOtt schickte es aber wunderlich, daß ihn endlich ein Hirt seuftzen und weheklagen gehört: Und nachdem er den gantzen Verlauf der Sachen verstanden tröstete er ihn, nebst angehenckter Ermahnung, forthin kluger zu handlen, und dem schlaraffischen Hof nicht mehr zu trauen. Uber das zeigte ihm der Hirt einen Brunnen, bey welchem, als der verwundte Tropf den Wust des Angesichts, und der Kleider abgewaschen, griffe er in sein Taschen hinein, zoge ein Salben heraus, mit welcher er seinem Vorgeben nach die schadhafte und raudige Schaaf zuheilen pflegte, überschmierte ihm das Angesicht: worvon er alsobald eine Linderung empfunden, und endlich in kurtzer Zeit gantz und gar gesund worden. Wie nun solches geschehen, zeigte ihm der Hirt den Weeg aus dem Wald hinaus: gab ihm noch ein und das andere Anzeigen, wo er vorbey müßte, also [747] daß er nicht wohl mehr irren konte; sondern nach wenig Tägen wieder zu Haus seyn wurde, welches dann auch geschehen. Weßtwegen dann der nunmehr aller Gefahr befreyte Wirth dem barmhertzigen Hirten nicht genug dancken konte: Erzählte seinem Weib und Kinderen alles, was sich mit ihme in Schlaraffen-Land zugetragen: verfluchten sammtlich die betrügerische Königin Philautia samt dem gantzen schlaraffischen Hof: Und er beschlosse, hinfüran kein solcher Narr mehr zu seyn, und so bald nicht mehr zu trauen.


Sittliche Ausdeutung dieser Fabel.

Das Schlaraffenland ist die Welt: worinn es wohl redlich zugeht, wie in Schlaraffenland: lustig, traurig; falsch, schelmisch, liederlich, und närrisch genug.

Philautia, das ist: die eigene Lieb, wird billich ein Königin benamset: dann wo ist ein Ort, wo ein Stadt, wo ein Haus in der Welt, worinn die eigene Lieb nicht herrsche? wo man sie aber wider Recht und Billichkeit herrschen laßt, führt sie einen zu letzt gar übel ein; wenigist in einen Irr-Garten schwermüthiger Gedancken, sündhafter Wort, und Werck, wo nicht gar in die Höll.

Die frische, wackere, junge Printzen und Söhn dieser Königin, der eigenen Lieb, seynd die drey vornehmste innerliche Kräften der Seelen: die Gedächtnuß, der Verstand, und der Will.

Ihre Hof Herren, und Räth seynd die äusserliche fünf Sinn: das Sehen, das Hören, das Riechen, das Verkosten und Betasten. Diesen allen ist von Natur mit gut leben, und Ergötzlichkeiten angeholffen.

Die Unterthanen seynd mancherley Creaturen: die alle und jede Zeit der eigenen Lieb (wo sie einmahl die Oberhand bekommen) müssen zu Diensten stehen.

Die Schwester der Philautiä ist die Liebe GOttes, und des Nächsten; aber einer gantz anderen, und der Philautiä widerwärtigen Natur. Dann GOtt lieben, und den Nächsten von GOttes wegen, gern betten, Allmosen geben, und männiglich Guts thun, seynd Sachen, auf welche sich die eigene Lieb nicht versteht: gleich als gehörten solche Sachen nur in die Clöster.

Es ernennt aber die eigene Lieb, für ihren Erben keinen anderen, als den grösten Narren von der Welt: weil ja der gröste Narr von der Welt ist, welcher wegen einer schnöden Creatur, und zergänglichen Weesens GOtt, den er über alles lieben solte, auf ein Seiten setzt, und der eigenen Lieb dient, die einem zu letzt so übel lohnt. Das thun aber alle Tod-Sünder, wie bekannt.

Die ausgeschickte Commissarii, oder Befehlshaber, Narren aufzusuchen, seynd die Teufel. Diese durchreisen die gantze Welt: und zeichnen alle Narren-Stuck, alle Sünden auf [748] in ein Register, daraus einstens vor dem Richterstuhl GOttes den Menschen zu überweisen.

Dem ersten Narren, dem Botten, seynd gleich alle diejenige Jüngling, welche sich nicht besinnen, was für einen Stand sie mit der Zeit wollen antretten: ob sie geistlich werden; oder weltlich verbleiben wollen?

Dem Bauren jene, welche das Fleisch dieses unbändige Roß nicht wollen ansporren durch die Leibs-Casteyungen, damit es fort gehe auf dem Weeg der Gebotten GOttes.

Dem Meßner jene, welche in dem GOtts-Dienst gar träg und saumseelig seynd. Denen der Tag zu heilig ist, daß sie in die Meß, in die Predig, will geschweigen an einem hohen Fest in die Vesper kommen.

Dem Fischer-Buben jene, welche sich keine Mühe wollen kosten lassen, die zur Seeligkeit vorgeschriebene Mittel zu brauchen; und wollen doch in Himmel kommen: da doch Christus sagt: das Himmelreich leyder Gewalt; und die Gewalt brauchen, reissen es an sich. Matth. 6. Cap.

Dem faulen Schif-Knecht jene, so ein böses Gewissen haben. GOtt geb, wie ihnen solche lind bethen, was sie immer unterlegen, wird doch ihr böses Gewissen sie nicht schlaffen lassen.

Letztlich dem Wirth seynd gleich jene unbesonnene, unvorsichtige Leut, welche in ihrem Handel und Wandel, auch in gar wichtigen Sachen, die Leib und Seel antreffen, gantz blind darein gehen. Nichts ausdencken, nichts überlegen: ist es aber recht? ist es kein Sünd? werd ich nicht anlauffen? wird es nicht offenbar werden? werd ichs können vor GOtt, und der ehrbaren Welt verantworten? sondern gantz unbedachtsam, wie die Fliegen einem Mucken-Glaß zufliegen, obschon Gift darinn ist: wann es nur süß ist: hernach, wann es geschehen, und die Kuhe aus dem Stall ist, zu jammeren anfangen, und halb verzweiflen wollen. Ach! daß GOtt geklagt seye! wer hätte ihms eingebildet? ich hätte ehender Leib und Seel verpfändet: das hab ich wohl nicht gemeynt. Da schaut ihr unbesonnene! Weynen ist ein Butter Milch, sagen wir Teutsche im Sprich-Wort. Habt ihr euch wohl eingebrocket, so esset jetzt aus.

Was hat aber der gröste Narr letztlich für ein Danck? Feur, Schwefel, und Sturm-Wind wird solcher Narren Erb-Geschenck seyn Ps.10. Nichts bessers haben die Sünder zu gewarten. Und werden noch über das die Welt nach ihrem Tod quittiren, und auf ewig des himmlischen Vatterlands sich verzeyhen müssen: es seye dann Sach, daß der gute Hirt Christus noch sich eines solchen elenden Tropfens vor dessen gäntzlichen Untergang erbarme; ihm aus dem Wald seines verwirrten Gewissens heraushelffe: den Augen-Bronnen eröfne, mit dessen Wasser vermittels einer wahren Reu und Leyd man alle Mackel und Sünden auswaschen kan. Es werden auch die Wunden der Seelen bald heyl werden, wann erst gedachter Hirt in seine heiligste Seiten hinein greift, und [749] ein Hand voll Blut heraus nimmt: von welchem kostbaren Blut die Heil. Sacramenten ihre Kraft zu Vergebung der Sünden her haben. O! wann das geschieht, so kommt man bald aus dem Wald, und auf den rechten Weeg zur Seeligkeit zu: allwo man sich in dem wahren Vatterland mit allen Englen und Heiligen GOttes in Ewigkeit erfreuen wird. Rauscher S.J. Festivale 2. In der Zugab von der guten und schlimmen Haushaltung. Fer. 3. Paschatis Conc. 1.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 739-750.
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