Neunte Fabel.

Eine Jungfrau erhaltet wider die Nachstellungen ihrer Brüderen den Sieg.

[734] Es war ein junger Printz, welcher, nachdem er etliche Feld-Züge wider seine Feind gethan, und nach erlangtem Sieg mit guter Beut, in Begleitung seiner Ritterschaft wiederum auf der Ruckreis nach Haus begriffen war, auf den Marckt einer gewissen Stadt zu wollte. Wie das Geschrey in der Stadt auskommen, laufte man von allen Orten, Märckt, und Dörferen herzu: Jedermann wollte diesen jungen Fürsten sehen; er sasse auf einem goldenen Wagen, mit kostbarer Kleidung angethan; so schön von Gestalt, daß man ihn schöner nicht hätte mahlen können. Und was männiglich erfreute, war seine mit Majestät vermischte liebliche Freundlichkeit, indem er in dem Durchziehen bisweilen mit Fleiß still hielte, damit man ihn genug sehen, und er die Bitt-Schriften, die man ihm allenthalben häufig überreichte, aufnehmen möchte.


Unter anderem zulauffenden Volck kame ein arme Tochter aus einem baufälligen Häuslein von dem Spinnen, mit der Kunckel noch in der Hand, daher; aber einer ausbündigen schönen Gestalt. Solche als der Printz ungefehr unter dem Hauffen ersehen, rufte er sie zu sich, und fragte sie um ihren Namen: Diese, dero die Schamhaftigkeit ihre Wangen holdselig färbte, buckte sich tief, und sprach: Mein Namen ist Rosina Liliet. Wohl ein schöner, und einer Jungfrauen aufs best anständiger Namen (versetzte der Printz) als welcher von Rosen und Lilien entlehnet ist. Fragte hernach weiter nach ihrem Vatterland; und sie antwortete, wie daß sie aus der Stadt gebürtig wäre, in welcher allbereit Marckt seye. Der Printz verwunderte sich, und sagte: Wann du von einer so ansehnlichen Stadt gebürtig, was machest du dann auf dem Gäu, eine so schöne und wackere Jungfrau? Sie aber gab ihm zu verstehen: Wie daß sie vor so und so viel Jahren von dem Feind verjagt, durch die Armuth dahin gerathen wäre: Wer seynd aber deine Elteren? Fragte der Printz ferners. Liliet antwortete: sie hätte ihren Ha. Vatter nie gekennt; der gemeinen Sag aber nach, seye er ein vornehmer edler Herr gewesen, und weil ihr auch der Tod die Frau Mutter frühzeitig hinweg gerissen, seye sie von ihrer nächsten Baas auferzogen, und ernähret worden: aber schlecht und elendiglich genug. Bey dieser halte sie sich noch auf und müsse mit Spinnen das Stücklein Brod suchen. Hast du aber auch Brüder und Schwester? Hielte der Printz weiter mit Fragen an. Keine [735] Schwesteren, antwortete Liliet: Wohl aber fünf Brüder. Was Kunst, und Handthierung? Fragte der Printz; und Liliet sagte hinwider: Einer ist ein Mahler; der andere ein Musicant; der dritte ein Gärtner; der vierte ein Koch; der fünfte ein Kirschner. Das ist gut, sprach der Printz lächlend: Bey so viel kunstreichen Meisteren kanst du nicht verderben. Ach! ihr Durchläucht, antwortete Liliet: Die Kunst bey ihnen wär schon gut; aber sie seynd schon nicht weit her: Was sie gewinnen, ist alles gleich verthan; mir fragen sie wenig nach, und lassen mich halb Hunger sterben: Dieses geredt, überlieffen ihr die Augen von Zäheren. Der Printz merckte wohl, Liliet müsse eines vornehmen Geschlechts seyn: Wurde mit Lieb, und Mitleiden gegen ihr entzündet; zoge einen goldenen, und mit köstlichen Edelgestein versetzten Ring von dem Finger, schenckte ihn der Liliet, mit Vermelden: Das gebe er ihr zu einem Angedencken; er wolle ihrem Geschlecht und Vatterland nachfragen, und wann er sie von einem guten Namen (wie er nicht zweifle) entspressen zu seyn befinden, und sie unterdessen den Ring nicht verliehren, noch verkauffen werde, wolle er sie bey seiner nächsten Wiederkunft gar aus der Armuth heraus heben, und zu seiner Gemahlin erkisen. Wer war fröher, als Liliet? Sie empfieng den Ring mit einem ehrenbietigen Kuß, buckte sich tief zur Erden und bedanckte sich mit den allerhöflichsten Worten: Wie daß sie dieser allerhöchsten Gnad, und recht Königlicher Freygebigkeit die Zeit ihres Lebens nicht vergessen wolle; es werde ihr auch dieser Ring lieber, als die gantze Welt seyn. Darauf nahme der Printz seinen Weeg weiter, und Liliet ihrem Haus zu: Witschte geschwind mit dem köstlichen Pfand in die Truchen, woran sie ein neues Schloß legen, und selbiges auf das beste verwahren liesse.


Sie konte aber die Sach so geheim nicht halten, daß nicht ihre fünf Brüder davon Luft bekommen hätten: Die sich dann mit einander unterredet, wie sie der Liliet den Ring abschwätzen wollten. Den ersten Anwurf thate der Mahler: Dann als sie eines Tags in die Mahler-Stuben kam, redte er sie folgender Gestalten an: Liliet! lasse sie mich doch auch einmahl ihren schönen Schatz sehen; ich hab es schon innen worden, was für ein köstliche Verehrung sie von dem Printz bekommen; gefallt mir selbige, will ich sie ihr abhandken: Darfür biete ich ihr alles an, was mein Pemsel vermag. Was sie nur von Bilderen, Landschäftlein, und dergleichem verlangt, das solle sie aufs künstlich und zierlichist gemahlt haben. Liliet antwortete: Hab schönen Danck, Herr Bruder! so höre ich wohl, ihr wollt mir nur eitle Farben für Gold und Edelgestein geben? so kindisch bin ich nicht, daß ich einen solchen Tausch treffe. Zeithero ich meinen Geliebten recht in das Gesicht gefaßt, hab ich ihn der massen [736] meiner Gedächtnuß eingedruckt, daß ich ab keiner andern Abbildung ein Gefallen mehr tragen kan. Euere Mahlereyen seynd Phantaseyen. Was nutzt einem ein gemahltes Landschäftlein in dem Zimmer an der Wand, wann er sonst kein Hand breit Erden eigenthumlich im Land hat? braucht eueren Pemsel anderwärtig hin, bey mir ist euer Kunst nicht angelegt.


Der andere Bruder, der Musicant, nachdem er die Nacht zuvor der Liliet als einer angehenden Hochzeiterin eines aufgespielet, und sie ihr dieses gefallen lassen, nahme er bey anbrechendem Tag Gelegenheit seine Sach anzubringen. Jungfrau Schwester! sagte er: Ich weiß es wohl, die Jungfrauen gehen gern zum Tantz, und hören die Spielleut gern. Dannenhero erbiete ich zu dero Dienst mein Geigen und Figelbogen, Harpfen und Lauten: Befehle sie nur, was ich ihr für Stücklein aufmachen solle, an mir wird es nicht manglen. Allein sie muß mir auch etwas in die Geigen schencken: Was soll es um ein Ringlein seyn? Bruder! ihr seyd mir wohl ein Einfalt, sprach Liliet, ihr wollt meine Ohren mit einem schnöden Klang kitzlen, und ich sollte euch darfür eine goldenen Ring an den Finger stecken? ihr könnet mir einen besseren Spielmann als Krämer abgeben; um ein solches ist mir mein Ring nicht feil. Die Jungfrauen gehen gern zum Tantz, ist wahr, aber wär oft besser, sie giengen nicht darzu. Ich für meinen Theil achte des Tantzens nicht viel, und kan meine Schuhe sonst ohne Tantzen zerreissen. Bey dem Tantzen geschiehet bald ein krummer Sprung, der einer Jungfrau nicht wohl anstehet. Die Tantzer seynd jetzt gar zu grob und unverschamt, und hat genug zu thun, daß ein Jungfrau mit Ehr davon komme. Wann ihr auf künftigen meinen Ehren-Tag mit euerer Kunst etwas verdienen könnet, mag ich euch solches gern gönnen, und mein Liebster wird es auch beichnen: Es muß eben nicht allzeit ein Ducaten, oder Thaler in die Geigen seyn, will geschweigen erst ein kostbarer Ring. Ich bekenne es, und lobe euch darum: Ihr seyd ein treflicher Lautenist, aber mein Ring ist mit über 7. Lauten.

Wie nun diesem Spielmann die Saiten abgesprungen, wagte es der dritte Bruder, der Gärtner. Er sahe eines Tags die Liliet in den Garten eintretten, stracks war er da, bande ein Büschelein von schönen und wohl-riechenden Blumen zusammen, und wartete darmit auf. Da solches die Liliet mit Danck angenommen, führte er sie in dem Garten herum durch unterschiedliche grüne Gäng, zeigte ihr die springende Wasser, die seltsamste Frücht und Gewächs der Bäumlein und Blumen. Er deutete ihr auf die angesähete Bethlein von allerhand Salat, Spinat, Rettich, Cucumeren, Kölrüben, Wersich, Cardiviol, Artischecken, und anderes Kräutelwerck: Weisete ihr auch die junge Peltzer, Bäum und Rebstöck, so voll der Früchten und Trauben [737] waren, und gabe ihr die Wahl abzubrocken, und zu nehmen, was ihr beliebte: sie möchte auch schicken, und in ihr Haus holen, was, und so viel sie gelustete, stehe alles zu ihren Diensten, wolle schon borgen; solle es auch mit der Zeit auf ein namhaftes hinaus lauffen, ihr Ring wäre ihme unterdessen Pfand genug. Die Liliet bedanckte sich des guten Anerbietens: bekennte zwar, daß es eigentlich ein Arbeit für die Jungfrauen wäre, mit Blumen brocken, und Kräntzlein binden gern umgehen. Doch hab sie bishero keinen Gärtner gekennt, der seine Waar so theur, und zwar einer Schwester angeschlagen habe. Was er in seinem Garten von Salat, Cucumeren, Retich, und dergleichen Kräutelwerck habe, dessen ihr Magen gewohnt seye, könne man auf dem Marckt um etlich wenig Kreutzer kauffen: daß man aber einen goldenen mit Edelgestein versetzten Ring um eine so schlechte Sach geben solte, seye ein Unsinnigkeit, begehren; und ein Narrheit geben. Dieses geredt, griffe sie gantz unwillig nach der Thür, und gienge davon.


Der vierte Bruder, der Koch, wolte auch einen Versuch thun, und obschon dreyen aus seinen Brüderen der Streich mißlungen, hoffte er doch er wurde ihm noch angehen. Er traffe eines Tags die Liliet um die Oesterliche Zeit herum auf der Gassen an, da sie eben gantz züchtig aus der Kirchen gienge, grüßte, und ladete sie auf einen Eyer-Käß folgender massen: Jungfrau Schwester! sprach er: wie siehet sie um GOttes willen so übel aus; als wann sie die Fasten hindurch nichts, als saures Krant geessen hätte! komme sie zu mir in mein Kuchel-Stüblein: wir wollen etwas bessers finden. Ich weiß wohl, daß man ihr zu Haus schlecht auf die Schüssel schlagt. Versetze sie mir ihren Ring, und sie soll hinführan eine bessere Kost haben. Gesottenes und Brattens; von Schwartz und Feder-Wildbrät; Fisch und Fleisch; Pasteten und Torten: sie darf nur in der Kuchel schaffen, so wird alles bereit seyn: Maul, was wilst? mein Bruder! antwortete Liliet: ob es schon bey mir die mehrere Zeit eine kalte Kuchel absetzt, nimm ich doch gern mit Schlechtem verlieb; die Gewohnheit kan viel verdäuen, und schmeckt mir ein saures Kraut besser, als manchem ein Reb-Hun. Steht auch nicht wohl, wann die Jungfrauen gar zu geschleckig seynd: daß ihr aber für eine fette Koch-Suppen einen goldenen Ring begehrt, handelt ihr, wie ihr es versteht: ich aber lasse euch euer Gesottens und Brattens; Roth und Schwartz-Wildbrät, und behalte meinen Ring.


Der fünfte Bruder, der Kirschner, war noch übrig: und gleichwie er seiner Handthierung gemäß mit allerhand Beltz umgienge; also war er ein verschlagener Fuchs. Der Winter ruckte herbey, und die Liliet war nicht nach dem besten gekleydt: das machte ihm die Hofnung, was seinen [738] Brüderē nicht von statt gegangē, möchte etwann ihm gelingen. Er gienge ihr zu Haus: brachte einen gantzen Arm von allerhand Schlieffer, Stützle, und Beltz-Werck nach allerhand Mody und Form zubereitet: des Erbietens, daß sie möchte heraus klauben, was ihr beliebte. Doch weil sein Arbeit eine theure Waar, wurde es nicht zu viel seyn, wann sie für ein und das andere Stuck ihren Ring wurde lassen ausfolgen. Liliet mußte des Gispels lachen: machte es kurtz mit ihm, und sprach: Bruder! wann ihr Geld lösen wolt, müßt ihr euch mit euerer Waar im Spital bey denen alten Weiberen anmelden. Eine Jungfrau, wann sie arbeiten mag, bedarf keines Beltz. Im Sommer wär er mir zu warm; im Winter zu schwer: im Frühling brauch ich ihn nicht: im Herbst mag ich ihn nicht, ist also der Kauf schon gemacht. Kramer, leg ein, da lösest du heut nichts.


Auf solche Weiß erhielte Liliet wider alle Nachstellungen ihrer Brüder den Sieg. Nicht lang hernach kame der Printz, seiner Zusag gemäß wieder zuruck, fragte gleich nach seiner Liliet: und weil er sie von hoch-adelichem Geblüt gebohren, in Aufschlagung der Namens-Bücheren befunden; auch nunmehr ihr Tugend und Treu in so fleißiger Bewahrung des an vertrauten Liebs-Pfand sattsam probiert, befahle er sie königlich zu kleyden: vermählte sich mit ihr, setzte sie zu sich auf seinen goldenen Waagen, und führte also seine Braut nach Haus. Rauscher S.J. Dominicale 2. Conc. cit. Fer. 3. Paschatis.


In einem sittlichen Verstand kan durch den Printzen verstanden werden Christus der HErr, welcher durch sein Leyden und Tod den höllischen Feind überwunden. Durch die Liliet, die Seel eines frommen gerechten Menschens. Durch die fünf Brüder ihre fünf äusserliche Sinn: die Augen, die Ohren, der Geruch, der Geschmack, und die Betastung. Das Kleinod in dem goldenen Ring ist die heiligmachende Gnad, welche uns Christus durch sein Leyden und Tod erworben, und wormit er ihm unser Seel vermählt. So lang der Mensch diesen Ring nicht verliehrt durch ein Tod-Sünd, noch ihm selbigen von seinen fünf Brüderen abschwätzen laßt, ist er glückseelig, wann er schon sonsten nicht viel zum besten hat. Verwahrt er dann dieses Kleinod, die Gnad GOttes, so lang, bis Christus die Seel durch den Tod aus dieser Welt abfordert, so führt er selbige, als eine liebe Braut mit sich zur himmlischen Hochzeit: erhebt sie aus der Armuth, aus einem schlechten zu einem Fürsten-Stand: worinn sie mit unaussprechlicher Freud und Glückseeligkeit samt ihrem Bräutigam, und allen Auserwählten in Ewigkeit verharren wird. O des ewigen Glücks! O der ewigen Freud!

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 734-739.
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