Zwölfte Begebenheit.

Ein Baur, nachdem er seine Trunckenheit das erste mahl ausgeschlaffen, laßt sich bereden, ein Hertzog zu seyn: das anderte mahl aber erkennet er sich ein Baur zu seyn, wie er allzeit gewesen.

[507] Philippus, zugenamset der Gute, Hertzog von Burgund, und Graf in Flanderen, gienge einstens ausser der Stadt Brügge in Niederland, allwo [507] er sein Residentz-Schloß hatte, zur Sommers Zeit nach dem Nacht-Essen, in Begleitung seiner Hof-Herren, und Laqueyen ins Feld hinaus spatzieren. Und siehe! sie traffen an einer Straß einen Bauren schlaffend an. Er hatte nemlich in gedachter Stadt so viel Bier getruncken, daß er davon voll und toll worden. Weil ihn dann die Füß den übrigen Weeg nach seinem Bauren-Hof nicht mehr tragen wollten, hatte er sich an der Straß nieder gelegt; allwo er dann tief eingeschlaffen, und zu schnarchen angefangen. Der Hertzog dies sehend befahle seinen Laqueyen, den Bauren aufzuwecken; damit er nicht müßte im Feld über Nacht bleiben, allwo ihm etwann ein Unglück möchte widerfahren. Allein, wie starck die Laqueyen an ihm rupften, die Arm und Füß hin und her zogen, konnten sie ihn doch nicht aufwecken; so tief hatte ihn die Trunckenheit eingeschläffert. So gabe dann der Hertzog Befehl, man solle den Bauren, wie er also da liege, nach seinem Residentz-Schloß tragen, ihm die Kleider ausziehen, und (ohne ihn aufzuwecken) nicht allein in die Hertzogliche Kammer, sondern auch Beth hinein legen; damit er darinn seine Trunckenheit aus schlaffen möge: des andern Tags wolle er schon eine Comödi mit ihm anstellen. Nun das ward alles vollzogen, ohne daß der Baur mithin daran erwacht wäre: so liesse man ihn dann schlaffen bis den andern Tag. Unterdessen befahle der Hertzog seinen Laqueyen, vor der Kammer-Thür zu hören, was der Baur sagen wurde, wann ihm der Schlaf vergangen wär. Alsdann solten sie hinein gehen, tiefe Reverentz machen, und Hertzogliche Kleider mit sich nehmen, ihm selbige anzulegen; solten sich aber hüten, daß keiner lache, sonst wurde die Comödi nicht angehen. Was sie nachgehends weiters zu thun hätten, wolte er sie es schon wissen lassen: das liessen die Laqueyen ihnen fleissig gesagt seyn. Des anderen Tags nun, als der Baur aus dem Schlaf erwacht, und nunmehr nüchter war, streckte er die Arm, und gähnete ein und andermahl; wie es nemlich faule Leut zu machen gewohnt seynd. Wie er aber mit noch geschlossenen Augen nach dem Leylach und Ober-Beth griffe, und fande, daß alles überaus zart war; mithin auch merckte, daß er in lauter Pflaum-Federn geschlaffen, verwunderte er sich, und sagte: Das ist ein anders Beth, als das Meinige zu Haus ist. Selbiges ist ein elende, bestrichene Schwarte; dieses aber mit lauter Pflaum-Federen angefüllt. Das verursachte nun, daß er endlich die Augen aufthate, um zu sehen, wo er dann seye? und was das für ein Beth seyn müsse? da sahe er, daß die Bethstatt gantz vergoldet; das Oberbeth mit zärtester Leinwat überzogen; die Umhäng von lauter Taffet und Seiden, und die gantze Kammer mit kostbaren Teppichen geziert war. Hierüber nun wurde er gantz erstaunet, und wußte nicht, was er gedencken, oder sagen solte. Endlich sprach er: Was ist das? wo bin ich? wie bin ich hieher kommen? wache [508] ich, oder traumt es mir? ich bin ja ein Baur? wie kommt es dann, daß ich in einem solchen Beth liege? Indem er also mit ihm selbsten redt, klopften die Laqueyen an der Kammer-Thür. Weil sich aber der Bauer, als an einem unbekannten Ort nicht getraute zu sagen, man solte hinein kommen, machten die Laqueyen die Thür auf, tratten in die Kammer, und vor das Beth hin, machten eine tieffe Reverentz, und sagten: wann ihro Durchläuchtigkeit diese Nacht hindurch gesund und ruhig geschlaffen, sagen wir dem höchsten GOtt Danck darfür. Unterdessen seynd wir hier Ihro Durchläuchtigkeit unsere unterthänigste Aufwarthung zu machen. Hier seynd für Ihro Durchlauchtigkeit die Kleyder, sie därffen nur gnädigst befehlen, wann sie sich selbiger bedienen wollen. Der Baur dis Compliment hörend, sahe sie eine Zeit lang ohne eintziges Wort zu reden, gantz starrend an, und gedachte bey sich selbst: wie? bin ich auf einmahl Ihro Durchläuchtigkeit worden? Ich glaube es traume diesen Leuten, es müsse dann seyn, daß ich bishero nicht gewußt, daß ich ein grosser Herr wäre; seye ihm aber, wie es wolle, so will ich eben den Titul Ihro Durchläuchtigkeit annehmen, und mich als einen grossen Herrn bedienen lassen. Es kan mir ja nichts schaden; darauf sagte er: ja, ja, ihr kommt gantz recht. Es ist Zeit, daß ich aufstehe, weil es schon lang Tag ist; kommet nur mit denen Kleyderen her. Alsdann giengen die Laqueyen hin, und zogen ihm die hertzogliche Kleyder an. Nachdem er nun völlig angekleydet, und sich in einem Spiegel ersehen, wie ihm die Kleydung anstehe, brachte man ihm Wasser die Händ zu waschen. Wo ihm dann einer aus denen Laqueyen mit unterhebter silberner, und vergoldeter Platte das Wasser aufgosse; ein anderer aber die Zwehel darreichte, die Händ damit abzutrocknen. Als dieses fürbey, kamen auch die Hof-Herren in die Kammer hinein, machten ihre Reverenz, und fragten: ob es Ihro Durchläuchtigkeit nicht gnädigst beliebte zur Tafel zugehen; indem es schon um Mittag herum seye? Der Bauer gabe mit Neigung des Haupts zu verstehen, daß es ihm schon recht wäre. So gienge man dann zur Tafel: an welcher der Baur ihm zwar Essen und Trincken tapfer schmecken liesse; aber mithin kein Wort redete. Trancken etwann die Hof-Herren eines aus einem silbernen und vergoldeten Pocal, auf glückliche und langwierige Regierung Ihro Durchlauchtigkeit, bedanckte sich der Baur allein mit Neigung des Haupts. Mithin legte er sich mit beyden Ellenbogen auf die Tafel hinein, als wann er das Korn verkauft hätte; schmatzete (mit Gunst zu melden) wie ein Schwein; ja vergasse sich so weit, daß er wohl zum öfteren die Nasen an dem Ermel abwüschte. Was unterdessen die Laqueyen bey der Aufwarthung für einen Spaß werden gehabt haben, wer wird es aussprechen? O wie hätten sie vor Begierd [509] zu lachen zerspringen mögen, so oft sie den Bauren in denen hertzoglichen Kleyderen (die ihm, wie einer Sau, der Peltz anstunden) angesehen, Teller vorgelegt, eingeschenckt, Reverentz gemacht, den Titul Ihro Durchlauchtigkeit gegeben! allein das Lachen ward ihnen verbotten; damit nemlich die Comödy nicht zerstört wurde. Mithin sahe der Hertzog diesem Spiel hinter einem Umhang mit gröster Freud zu, und lachte in der Stille, daß ihm die Augen übergiengen. Und wie hätte es anderst seyn können? Dann wer hat jemahlen eine solche Person, wie dieser Baur gespielet? Nun, wie gienge es weiter? und was nahme diese Comödi letztlich für ein End? Wie der Baur genug geessen, liesse er ihm den kostbaren Wein, von deme man häuffig eingeschenckt, dermassen schmecken, daß er nach und nach truncken davon worden, und wie ein gestochener Bock darein gesehen; ja letztlich nichts mehr um sich selbst gewußt hat. Wie der Hertzog das gesehen, gabe er Befehl, den Bauren von der Tafel wegzuführen, ihm die hertzogliche Kleyder aus, hingegen seine vorige anzuziehen, und wiederum an eben diejenige Straß zu legen, von welcher er den vorigen Tag weggetragen worden, um alldort die neue Trunckenheit, wie die erstere auszuschlaffen. Das ist dann auch geschehen: wie der Baur an selbigen Ort wiederum erwacht, die Augen eröfnet, und gesehen, daß er in seinem Bauren-Kittel an einer Straß liege, da verwunderte er sich auf ein neues, und sagte bey sich selbst: So so? Ist das das weiche Feder-Beth, in welchem ich gelegen? seynd das die hertzogliche Kleider, die man mir angezogen; aufs wenigst gedunckte es mich also. Wo ist der hertzogliche Respect, der mir erwiesen worden? ich hätte darfür geschworen, es verhielte sich alles in der Sach selbsten also. Aber anjetzo halte ich darfür, es müsse nur ein Traum geweßt seyn. O kurtze! O eytle Freud! als ein Baur bin ich von Haus ausgangen, und als ein Baur werde ich wieder dahin kehren. Also ist es auch geschehen, und hat er zu Haus seinem Weib für einen Traum erzählt, was ihm unter Weegs in der Wahrheit begegnet ist. Gazæus S.J. in piis Hilar. ex Ponti Heuteri lib. 4. rerum Flandr.


O wie vielen Welt-Menschen gehet es, wie diesem Bauren! sie kommen etwann zu Ehren, zu Reichthum, zu Wollüsten: und da gedunckt es sie, sie seyen glückseelig. Aber, wie ist so gar nichts darhinter! als ein eytles, kurtzes, unbeständiges Weesen: und darum ein eingebildete Glückseeligkeit. Darum sagt der David Psalm. 72. wie ein Traum verschwindet, wann man aufstehet; also wirst du, O HErr! ihr Bildnuß (nemlich ihre eingebildete Glückseeligkeit) zu nichten machen. Was bleibt von dem Traum überig? Nichts als eine traurige Gedächtnuß, daß man seye betrogen worden. Das saftigste, so man hievon[510] sagen kan, ist, was der geistreiche Thomas von Kempten, aus dem Orden der regulirten Chor-Herren des H. Augustini von der Nachfolgung Christi c. 1. schriftlich hinterlassen hat. Nemlich: alles ist eytel, ausser GOtt lieben, und ihm allein dienen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 507-511.
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