Achte Begebenheit.

Zweyen blinden Bettleren werden ihre schmutzige Hüt, in welchen sie viel Geld eingenäht hatten, listiger Weis vom Kopf weggenommen.

[496] Zu Zeiten des Heil. Antonini, Ertz-Bischoffen zu Florentz, einer Stadt in Welschland, ware daselbst ein ehrlicher und frommer, mithin aber armer Burger: Dann er hatte etliche schon mannbare Töchteren, denen er nichts zur Aussteur geben konte; mußte also besorgt seyn, daß sie nicht etwann Armuth halber anderen ihr Ehr um Geld möchten feil biethen. Dieser Ursachen halber gienge er zu gedachtem heiligen Ertz-Bischof, klagte ihm die Armuth, und hielte um eine Beysteur an. Der Heil. Mann rathete ihm, er solle täglich in aller Fruhe in dasige unser lieben Frauen Kirchen gehen, ihr zu Ehr etwas gewisses betten, und sie mithin anruffen, sie als ein Helferin der Christen wolle ihr doch die Armuth seiner Töchteren lassen befohlen seyn, und Mittel schaffen, daß sie durch einen[496] ehrlichen Heurath möchten versorgt werden. Wann er dieses werde thun, soll er nur gute Hofnung haben, unser liebe Frau werde sein Gebett erhören, und denen Töchteren verhilflich seyn. Nun der arme Burger thate es; und zwar mit vielfältigem Seuftzen und Weinen vor unser lieben Frauen Bildnuß. Was geschiehet? Als er einstens in aller Fruhe, und vor Tag der Kirchen zugienge, und aber selbige verschlossen fande, kniete er vor der Kirchen-Thür nieder, und verrichtete allda sein Gebett in der Stille mit grosser Andacht. Indem er also bettet, kamen daher zwey blinde Bettler, denen ihre Weiber vorgiengen, und sie an einem Stecken führten. Und nachdem sie bey dem Vorschopf der Kirchen angelangt, nahmen die Weiber ihren Weeg zuruck nach Haus, und liessen ihre blinde Männer allein, sitzende gegen einander auf den Bäncken des Vorschopfs, und erwartende, bis jemand der Kirchen zugienge, und ihnen ein Allmosen reichen wurde. Da sie nun also gegen einander sassen, und glaubten, daß sie gantz allein wären, sagten sie: O wie wohl ist uns bey unser Blindheit! wie viel Geld hat sie uns schon eingetragen! wie schwer seynd unsere schmutzige Hüt von den eingenähten Ducaten! wer wurde sie darinn suchen? man pflegt zwar zu sagen: Ein blinder Mann, ein armer Mann; aber bey uns findet es sich nicht also. Eben darum, daß wir blind seynd, seynd wir nicht arm. Dann wem giebt man mehr Allmosen, als eben einem blinden Mann. Der arme Burger, so bishero in der Stille vor der Kirchen-Thür sein Gebett verrichtet, und durch kein Zeichen seine Gegenwart mercken lassen, als er solche Reden von denen Blinden gehört, stunde er auf, schliche in der Stille näher hinzu, und stellte sich in die Mitte der Bäncken, auf welchen die Blinde gegen einander sassen. Die Blinde, welche an nichts wenigers gedachten, als daß ein eintziger Mensch ausser ihnen zugegen wäre, fuhren in ihrem Gespräch folgender Weis fort. Der erste sagte: O Hanns! wann du wußtest, wie schwer mein Hut von Ducaten wär, was wurdest du darzu sagen? Und du, Jacob! sagte der ander: Wann du das Gesicht hättest, und köntest sehen, wie viel Ducaten ich in meinem Hut eingenäht herum trage, wie neidig wurdest du mir darum seyn! Jacob dies hörend, sagte: Wohlan, Hanns! bekenne es: Wie viel hast du dann Ducaten in deinem Hut eingenäht? Hanns antwortete: Jacob! seye du der erste: Alsdann will ich dir auch gestehen, wie viel ich habe. Indem sie also die Wort gegen einander wechselten, muß ein Fleder-Mauß vorbey geflogen seyn, und ein Geräusch gemacht haben: Aus welchem sie geargwohnet, vielleicht seye jemand vorhanden, der ihnen zuhöre: Weßtwegen sie dann Mäußle-still schwiegen; aus Forcht, ihr Geld möchte verrathen werden. Nachdem sie aber eine Zeit lang darauf nicht das geringste mehr gehört, mithin die [497] Forcht verschwunden, fuhre Jacob in seiner Red fort, und sagte: O Hanns! solltest du mir nicht neidig seyn, wann ich dir bekennte, daß ich wenigist 200. Ducaten in meinem Hut eingenähter herum trage? das ist ein schönes, sagte der Hanns. Allein das Glück hat mir noch besser wollen; dann ich mit unser Kunst, den Leuten beschwerlich zu seyn, 300. Ducaten erbettelt, und diese Summa in meinem schmutzigen Hut eingenäht hab. Wie der arme Burger diese Reden mit Erstaunung angehört, wußte er anfänglich nicht, was er thun sollte. Endlich fiele ihm dieser Gedancken ein; den er auch ins Werck setzte: Er schliche näher zu den Blinden hin; nimmt ihnen mit beyden Händen zugleich ihre Hüt vom Kopf hinweg, und macht sich aus dem Staub. Wie die Blinde gemerckt, daß ihnen die Hüt weggenommen worden, da sollte man gehört haben, was diese für ein Geschrey und Zancken angefangen; indem ein jeder glaubte, der ander aus ihnen müsse ihm listiger Weis den Hut weggenommen haben. Weßtwegen sie dann einander aufsuchten, mit ihren Stecken herum fuchtelten, und einer zum anderen sagte: O du Schelm! du Dieb! giebe mir meinen Hut wiederum, oder wann ich dich bekomme, so will ich dich schlagen, daß man dich von mir wegtragen muß. Indem nun diese also mit einander zancken, und fechten, geht der arme Burger mit der Blinden Hüten zum Heil. Ertz-Bischof, und erzählt ihm den gantzen Handel. Der Ertz-Bischof laßt alsobald von einem seiner Bedienten, die Hüt visitiren, und die Naten eröfnen: Und siehe! da findet man in allem 500. Ducaten, wo ihm kein Mensch eingebildet hätte, daß in so schmutzigen, abgeschabenen Hüten ein Heller sollte gefunden werden. Der Ertz-Bischof dies sehend, erzörnte sich, wie billich, über diese verstellte Bettler, und gabe Befehl, selbige alsobald für ihn zu führen. Wie man nun zu ihnen kommen, und gefunden, daß sie einander abklopften, gebotte man ihnen Fried, und zeigte ihnen mithin den Befehl des Ertz-Bischofs an. Wie die Blinde den Befehl vernommen, konten sie sich nicht genug verwunderen, was Ursach sie so fruhe für den Ertz-Bischof müßten. Doch hatten sie kein schlechte Hofnung, ein reichliches Allmosen zu bekommen. Allein sie fanden sich weit betrogen: Dann als sie ohne Hüt, und allein mit Mäntlen bedeckt; über das noch mit zerrauften Haaren, und blutigen Nasen für den Ertz-Bischof kommen, überfuhre er sie nach Verdiensten mit diesen Worten: Ihr nichtswerthige Gesellen! wie därfet ihr das Allmosen heischen, nachdem ihr durch euere Ungestümmigkeit so viel Geld zusammen gebracht? Heisset das nicht, anderen Armen, das Allmosen vor dem Maul weg stehlen? Ihr hättet wahrhaftig verdient, daß man euch wacker abprüglen, und hernach auf die Galeere schmieden sollte. Allein ich will noch den gelinderen Weeg gehen. Laßt [498] euch gleich wohl wiederum nach Haus führen; aber untersteht euch nicht mehr vor der Kirchen-Thür zu bettlen, wann ihr nicht wollt, daß ich auch euere Mäntel durchsuchen, das Geld, so vielleicht darinn eingenähet, wegnehmen, und selbiges anderen Armen, die es besser vonnöthen haben, geben lasse. Wie den Blinden mit dieser scharffen Laug abgezwagen worden, durften sie wohl kein Wort dawider sagen, sondern waren froh, daß ihnen aus Gnad noch ein und anderer Ducaten gelassen worden, womit sie nebst ihren leeren Hüten nach Haus gekehrt seynd. Dem armen Burger aber überliesse der Ertz-Bischof das übrige Geld alles, um damit seine arme Töchteren ehrlich auszusteuren. Welcher dann auch dem Ertz-Bischof höchstens darum gedanckt; mithin in Unser Lieben Frauen Kirch zuruck gekehrt, der Mutter GOttes wegen so unverhofter Weis erworbener Geld-Summa gleichfals schuldigen Danck erstattet, und forthin der Sorg für die Armuth seiner Töchteren enthebt worden. Gazæus S.J. in piis Hil. ex vita S. Antonini, Archiepiscopi Florentini.


Wer will zweiflen, daß GOtt in Ansehung des täglichen Gebetts, so der arme Burger zu Unser Lieben Frauen verricht, und sie um Hülf angeruffen, zugelassen habe, daß die Blinde sich selbst verrathen, und mithin um das unbillicher Weiß erbettelte Geld kommen seynd? und das zu ihrer verdienten Straf. Dann wer sich arm stellt, und doch nicht ist (wie auch diese Blinde bey so grosser Geld-Summa nicht geweßt seynd) mithin dannoch bettelt, der thut Sünd. Dann er stihlt anderen, die in der Wahrheit arm seynd, das Allmosen ab; und ist also schuldig es denen Armen auszutheilen. Darum hat es GOtt des armen Burgers Töchteren, die es nöthig hatten, lassen zukommen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 496-499.
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