Sechzehendes Exempel.

Ein junger Graf ladet eine Todten-Schedel zum Nacht-Essen ein.

[71] Es war ein junger Graf: der hatte zu einem Hof-Meister einen verschmitzten Welt-Mann, von welchem er recht gottlose Grund-Sätze [71] erlernet. Dessentwegen er auch ein freyes Leben geführt, und seinen bösen Gelüsten den Zügel also schiessen lassen, als wann kein GOtt wär, den er zu förchten hätte. Aber wie lang thate es gut? wann eben die Maaß er Sünden voll ist, da straft GOtt; wie dann dieser junge Graf bald erfahren. Dazu gabe Gelegenheit eine Gasterey, so er auf eine Nacht angestellt, und etwelche gute Bekannte dazu eingeladen, damit sie sich fein recht lustig miteinander machten. Also dann einen guten Appetit zum Essen zu bekommen, gienge er mit seinem Hof-Meister gegen Abend spatzieren. Es truge sich aber zu, daß sie über einen Kirch-Hof gehen mußten. Weilen nun dem jungen Grafen eine Todten-Schedel in dem Weeg lage, faßte er einen Verdruß darüber, und stoßte selbige mit dem Fuß für sich hin. Bald aber kehrte er sie mit dem Meer-Rohr hin und her, und triebe das Gespöt damit. Ja er wurde endlich so frech, daß er selbige mit diesen Worten hat anreden dörffen: rest du, Todten-Schedel? ich muß dir ein und andere Frag aufgeben. Auf diese sollest du mir antworten. Erstlich, frag ich dich: ob es wahr, daß die menschliche Seel ein unsterblicher Geist seye? andertens, wann deme also: ob in der anderen Welt die Fromme belohnt; die Böse aber gestraft werden? Hast du Lust, heut auf die Nacht an meiner Tafel zu speisen, so sollest du hiemit darzu eingeladen seyn; da kanst du meine Fragen beantworten. Dieses mit unerhörter Frechheit, und Muthwillen geredt, nahme er samt feinem Hof-Meister den Weeg weiter fort, und gedachte, der Schertz hätte nunmehr ein End, und wäre die Todten-Schedel umsonst zum Nacht-Essen eingeladen worden. Dann was todt seye, das seye todt, und beisse nicht mehr. Nachdem er nun so lang spatzieren gangen, bis es allgemach Nacht zu werden begunte, kehrte er mit seinem Hof-Meister in das Gräfliche Schloß zuruck, allwo die eingeladene Gäst schon versammlet waren, und seiner mit grossem Verlangen erwarteten. Wie er dort ankommen, hiesse er die Gäst willkomm seyn; und weil es ihn hungerte, gab er Befehl, ohne Verzug in der Kuchel anzurichten, und die Speisen auf die Tafel zu tragen. Wie befohlen, also vollzogen. Der junge Graf setzte sich dann so fort mit den Gästen zur Tafel, und sprache ihnen zu, sie wollten ihnen das Essen und Trincken belieben lassen, und gutes Muths seyn; dann dieser Ursach halben wären sie zusammen kommen. Da gienge es dann wacker über Essen und Trincken; man munterte einander auf, man trancke mit grossen Gläsern auf des jungen Grafen Gesundheit, und fienge an allerhand lächerliche Possen zu erzählen. Indem nun alle im besten Muth waren, sihe! da kame der Thorwarth des Schlosses eylends in die Tafel-Stuben hinein geloffen; schnaufte, und ware so voller Forcht, daß er anfänglich nicht ein Wort reden konnte. Als er sich aber [72] ein wenig erhohlet, sagte er mit zitterender Stimm: und stammlender Zungen: Herr Graf! es ist drunten vor der Schloß-Porten, ich weiß nicht, was für ein Gespenst. Es ist nichts an ihm, als Rippen und Bein. Es sihet eben aus, wie man den Tod mahlet. Dieses verlangt nun mit Gewalt eingelassen zu werden. Ab dieser unverhoften Bottschaft erschracken alle, so an der Tafel waren, über die massen: dann es gienge ihnen ein grosses Unglück vor. Damit aber der junge Graf so wohl ihm selbsten (dann auch ihm nicht recht bey der Sach war) als den erschrockenen Gästen die Forcht benehmen möchte, befahle er seinen Dienern insgesamt, mit dem Thorwart zur Schloß-Porten hinunter zu gehen, und das Gespenst zu fragen: wo es herkomme? und was es zu so ungelegener Zeit wolle? Diesem Befehl getrauten anfänglich die Diener nicht nachzukommen; doch weil ihrer mehr waren, faßten sie endlich das Hertz; giengen mit dem Thorwart für die Schloß-Porten hinunter, und fragten das Gespenst, wie ihnen befohlen worden. Da gabe ihnen das Gespenst zur Antwort: saget nur eurem Herrn, dem jungen Grafen: ich seye derjenige, den er heut Abends auf dem Kirchhof zum Nacht-Essen eingeladen. Und wie wohl ich ihm auf seine Einladung nicht geantwortet, noch zugesagt; so seye ich doch jetzt da, und wolle ihm auf die Fragen, die er mir aufgeben, antworten. Wie nun die Diener ihrem Herrn, dem jungen Grafen, diese Antwort zuruck gebracht, da erbleichte er im Angesicht, und der kalte Schweiß lieffe ihm über den Rucken; weilen er für sein Person nichts anders, als ein grosses Unglück zu besorgen hatte. Gabe demnach denen Dienern neuen Befehl, mit gewehrter Hand zur Schloß-Porten hinunter zu gehen, und dem Gespenst den Eingang mit Gewalt zu verwehren, sagend es solle sich zu allen Teufeln fort trollen: es hätte hier nichts zu thun. Die Diener kamen zwar dem Befehl nach, aber aller Widerstand war umsonst: dann das Gespenst drange durch das versperrte Thor hinein, und gienge den graden Weeg der Tafel-Stuben zu; und da es vorher starck an der Thür angeklopft, niemand aber das gewöhnliche Herein sagen wollte, eröfnete es die Thür selbst: gienge mit langen Schritten in die Stuben hinein, und stellte sich hinter des jungen Grafen Sessel. Weil es aber sahe, daß alle voller Forcht und Schrecken waren, sprache es ihnen zu, sie sollten sich an ihrem angefangenen Muth nicht hindern lassen. Was seine Person betreffe, seye es schon lange Zeit, daß es weder gegessen, noch getruncken: wolle ihnen demnach eines zubringen; sie sollten ihm Bescheid thun. Dieses geredt, nahme es einen grossen silbernen Becher, so auf der Tafel stunde, und thate einen starcken Trunck daraus. Allein niemand hatte Lust, ihme Bescheyd zu thun; sondern ein jeder sahe sich um die Thür, wie er [73] möchte hinaus kommen, und aller Gefahr entgehen; wie dann einer nach dem andern, so gar auch der Hofmeister hinaus geschlichen, und also den armen Grafen allein bey dem Gespenst gelassen. Wie sich nun der Graf von allen verlassen gesehen, wolte er von dem Sessel aufstehen, und gleich wie die andere den Ausreiß nehmen. Allein das Gespenst kame ihm vor, und hielte ihn mit Gewalt zuruck: worauf es den jungen Grafen folgender Gestalten angeredt: wisse, daß ich derjenige bin, den du heut Abends auf dem Kirchhof mit unerhörter Frechheit und Muthwillen zum Nachtessen eingeladen. Nun bin ich kommen; und zwar aus GOttes Befehl, dir auf diejenige Fragen zu antworten, so du mir aufgeben. So seye dann vergewißt, erstlich: daß die menschliche Seel ein unsterblicher Geist seye, und so lang leben werde, als GOtt wird GOtt seyn. Andertens: daß GOtt in der andern Welt nichts unbelohnt, noch ungestraft lasse: die Fromme zwar belohnt er mit ewiger Freud; die Böse aber straft er mit ewiger Peyn. Und damit du an diesem allem nicht zweiflen könnest, so schwöre ich dir, daß ich dein Großvatter seye. Und aber, O wehe uns Beyden! was mich betrift ist es schon lang, daß ich in höllischen Flammen brinne: und, O daß ich zu Aschen könte verbrennt werden; damit auf solche Weis meinem Leyden ein End gemacht wurde! aber vergebens ist mein Wunsch: dann so lang GOtt wird GOtt seyn, so lang werd ich leyden müssen: das ist: immer und ewig; ohne End; in alle Ewigkeit! O Ewigkeit! diese allein macht uns Verdammte verzweiflend. Diese allein ist aus allen höllischen Peynen die gröste, und unerträglichste: das Unglück alles Unglücks. Eben dieses Unglück wird auch dich treffen, du Unglückseeliger! weilen du ohne Forcht GOttes gelebt, und gethan, was dich nur gelustet hat. Anjetzo wirst du in der Höll den verdienten Lohn darfür empfangen. Und damit du nicht gehen müssest, so will ich dich auf meinen Armben dahin tragen. Dieses geredt, ergriffe das Gespenst den vor Forcht und Angst zitterenden jungen Grafen bey der Mitte des Leibs, und schmetterte ihn mit solchem Gewalt an die Wand hin, daß das ausgespritzte Hirn an der Wand kleben bliebe; worauf es Leib und Seel zugleich mit sich in den Abgrund der Höllen hinunter geführt hat. Paulus Zehentner S.J. in Promont, malæ spei.


O wie soll die Jungend GOtt dancken, wann sie solchen Lehr- und Zucht-Meistern anvertraut wird, von welchen sie die Forcht GOttes, und gute Sitten erlernen kan! dann so unser junger Graf von solchen Lehr- und Zucht-Meistern einen gehabt hätte, wurde ihn niemahl solches Unglück, und ewiger Untergang getroffen haben.

[74] So ist auch aus diesem traurigen Exempel zu lernen, daß es sich mit den Todten nicht schertzen lasse. Seynd sie in GOtt verschieden, so bette man für sie, und wünsche ihnen die ewige Ruhe. Das ist Christlich, das andere aber gottlos.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 71-75.
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