Acht und zwantzigstes Exempel.

Aus Zulassung GOttes gerathet ein Student (weil er den göttlichen Beruf in einen geistlichen Ordens-Stand in Wind geschlagen) in die Händ der Mörder: von welchen er in ein Fuhr-Faß eingesperrt, wider ihr Verhoffen auf ein wunderliche Weis ist erlediget worden.

[99] In unserem lieben Teutschland war vor Zeiten ein Jüngling, den seine Elteren zum Studieren auf eine hohe Schul in die Fremde geschickt. Ob sie nun wohl bey Mittlen waren; so schickten sie ihm doch das Jahr hindurch nur so vil Geld, als er für die Kost, und endlich zu einer ehrlichen Kurtzweil vonnöthen hatte: aus Beysorg, er möchte es versauffen; oder sonst unnutzlich ausgeben. Auf solche Weis geschahe es, daß er sich inner den Schrancken der Gebühr, und Mäßigkeit hielte. So lage er auch nicht allein dem Studiren fleißig ob; sondern machte auch in der Tugend, und einem Studenten anständigen Sitten einen solchen Fortgang, daß er ab der Welt nach und nach einen Eckel bekame, und den Heil. Vorsatz machte, nach vollendtem Studieren in einen gewissen geistlichen Orden zu tretten; um darinn GOtt zu dienen, und sowohl des Nächsten, als seiner Seelen-Heyl abzuwarten. Aber, O wie unbeständig ist die Jugend in ihren Anschlägen! und wie bald laßt sie sich verführen! dann sihe, wie seine Schul-Gesellen gemerckt, daß er zum Clösterlichen Leben geneigt wäre, suchten sie ihn auf alle Weis davon abzuziehen. Zu diesem End luden sie ihn öfters ein; jetzt in ein Garten-Häußlein; jetzt zu einer Abend-Zech; jetzt zu einem Karten-Spiel; und endlich auch zu einem Tantz. Weilen er sich nun von ihnen bereden liesse, geschahe es, daß er nicht allein im Studiren; sondern auch in der Tugend nach und nach erkaltete. Er kam also nicht mehr so fleißig in die Schul; beichtete und communicirte nicht mehr so oft, wie vorhin: sondern seine Gedancken stunden meistentheils auf die Gesellschaften, auf das Trincken, Spilen, und Tantzen. In Summa unser Student ware nunmehr gantz verändert, und nicht mehr derjenige, der er zuvor gewesen. Das verursachte nun seine Lehr-Meister, daß sie an die Elteren schriben, und sie mahnten, den Sohn nach Haus zu beruffen, und nach der Vacantz anderstwohin zum Studiren zu schicken: damit ihm also die Gelegenheit verderblicher Gesellschaft abgeschnitten wurde. Welches sie dann auch thaten, und dem Sohn zur Straf seines Unfleißes, und freyen Lebens kaum so vil Geld schickten, als er zu einer Weeg-Zehrung vonnöthen hatte.[100] Also dann machte sich unser Student, ohne Gefährten auf die Heim-Reis; mußte aber unter Weegs durch einen zimlich langen, dicken, und förchtigen Wald passiren. Nun geschahe es, daß er im Wald des Weegs verfehlte, und keinen Ausgang finden könte: welches ihn dann in grosse Sorgen setzte, er wurde villeicht in dem Wald über Nacht zu bleiben gezwungen seyn. Nachdem er also lang herum geirret, neigte sich der Tag gegen Abend, und fiele endlich die Nacht ein. Da ist nun nicht auszuprechen, in was Aengsten unser Student sich befunden, sorgend, er möchte etwann von den wilden Thieren gefressen; oder von den Wald-Gespenstern geplaget werden. Indem er also Schritt für Schritt geht, erblickt er zwischen den Bäumen ein Liecht, welches ihn glauben gemacht, er werde villeicht zu einer Hütten kommen, in welcher sich Hirten aufhielten, so das Vieh thäten hüten. Das munterte ihn dann auf, daß er dem Schein des Liechts nachgienge: ist auch endlich geschehen, daß er zu einer Hütte kommen. Als er nun dort anklopfte, kame mit einem Liecht für die Thür heraus ein altes Weib. Die fragte ihn, wie er daher kommen? wer er seye? und was er zu solcher Unzeit verlange? er antwortete; wie daß er ein Student und auf der Heim-Reis wäre: habe aber das Unglück gehabt, daß er in dem Wald verirret, und bis es Nacht worden, keinen Ausgang finden können. Bitte also, sie möchte ihn über Nacht beherbergen: er wolle ihr im geringsten keine Ungelenheit machen, und gern auf einer Burde Stroh verlieb nehmen. Wann er aber ein Suppen, oder wenigst ein Stuck Brod haben könte, wolte er solches bezahlen; dann er von dem Gehen ziemlich abgemattet, und hungerig seye. Wie das alte Weib gesehen, daß der Student wohl gekleidet, und eines feinen Ansehens, sagte sie zu ihm, ach mein guter Mensch, wie erbarmest du mich! dann wisse, daß dieses ein Mörder-Hürten seye. Darum mache dich geschwind fort! sonst ist es mit deinem Leben geschehen: dann die Mörder seynd nicht längst ausgangen einem Fuhrmann, den sie in dem nächsten Dorf erkundiget, und verstanden, daß er noch diese Nacht mit einem Güter-Wagen durch den Wald fahren werde, aufzupassen, ihn zu ermorden, und was auf dem Wagen ist, mit sich hieher zu führen. Wird auch nicht mehr lang anstehen, so werden sie mit dem Wagen da seyn. Dieses geredt, weinte sie vor Erbärmnuß und Mitleyden gegen dem Studenten; holte ihm ein Stuck Brod aus der Hütten, und zeigte ihm einen Weeg, wo er denen ankommenden Mördern entgehen möchte. Wie dem armen Studenten werde um das Hertz geweßt seyn, ist leicht zu gedencken. Dann er ware gantz allein, und wußte weder Steg noch Weeg. Zudem schröckte ihn nicht allein die Nacht; sondern auch der dicke Wald. So ware [101] er auch abgemattet, und konte kaum mehr fortkommen. Allein die Forcht denen Mördern in die Händ zu gerathen, machte ihm Füß; und kame ihm der Mondschein sovil zu statten, daß er wenigst den Weeg sehen konte. Er saumte sich also nicht; sondern gienge darauf so geschwind, als ihm möglich war: bis er ein gutes Stuck Weegs hinter sich gelegt hatte. Aber, O! Des Unglücks! indem er selbigem zu entgehen verhoft, fallt er ihm mitten in die Händ. Dann sihe! er kame just auf den Weeg, wo die Mörder den Fuhrmann eben unter die Erden verscharreten. So bald ihn diese bey dem Mondschein erblickt, lieffen sie auf ihn zu, packten ihn an, und fragten wer er wäre? und was er bey nächtlicher Weil in dem Wald zu thun hätte? der arme Jüngling, aller erschrocken, antwortete: wie daß er ein Student, und auf der Heim-Reis begriffen, in dem Wald verirret wäre. Bitte also, sie wollen ihn seinen Weeg paßiren lassen. Als die Mörder dises gehört, sagte einer aus ihnen, bey dem noch ein Mitleyden war, zu denen anderen auf Kauder-Welsch: Brüder! was wollen wir usere Händ in dem Blut dieses armen Tropfens waschen? es ist genug: wann wir ihn ausziehen, und ihm das Geld, das er etwann bey sich hat, wegnehmen. Als dann mag er gleichwohl hingehen! Wo er will. Bey Leib nicht, sagte einer aus denen anderen: Dann lassen wir ihn gehen, so wird er uns in dem nächsten Dorf verrathen. Alsdann wird man uns aufsuchen, und nicht nachlassen, bis daß man uns erdappet und zur gebührenden Straffe wird gezogen haben. Es ist wahr, sagt der dritte: allein, ich weiß, was wir thun. Laßt uns ein Fuhr-Faß von dem Wagen herunter wältzen, und den Studenten drein sperren, bis wir gleichwohl mit dem Wagen nach unser Hütten zuruck gefahren, und das Nacht-Essen eingenommen: als dann können wir wieder zuruck kehren, und den eingesperrten aus dem Faß herauslassen, und ihm dem Garaus machen. Solche Reden führten sie untereinander in Kauder-welscher Sprach, nicht glaubend, daß der Student selbe verstehe. Allein dieser hatte sich vor diesem unter anderen Studenten solcher Sprach oft Schertz-weis zu gebrauchen gewohnt. Weilen nun die Meinung des letzteren Mörders von den anderen gut geheissen wurde, sperrten sie den armen Studenten in das Fuhr-Faß, und nahmen den Weeg nach ihrer Hütten zu. Wie sich der Student nun allein befande, fienge er an bitterlich zu weinen, und sein Unglück zu beklagen. Ach! sagte er: in was Unglück bin ich gerathen! O wie werden diese Mörder mit mir umgehen! mit wie vil Wunden werden sie mich umbringen! O daß GOtt erbarme! und was werdet ihr, meine liebe Elteren! gedencken, wann ihr mich nicht mehr sehen werdet? O in was [102] Kummer, Sorgen, und Hertzen-Leyd werdet ihr gestürtzt werden! indem ihr nicht werdet errathen können, wo ich hinkommen oder wie es mir gangen seye. Allein was nutzt dieses mein Klagen? da ist nicht mehr zu helffen. Aus ist ist es mit mir: verlohren bin ich. Es geschiehet mir aber recht, O GOtt! dieses Unglück hast du billich über mich verhenget. Warum hab ich dir nicht gefolget, da du mich innerlich so oft angetrieben, die Welt zu verlassen, und dir in einem geistlichen Ordens-Stand zu dienen. Ich hab gesündiget: ich bekenne es: und ist mir leyd darfür. Ach GOtt verzeyhe es mir: ich hab es nicht besser verstanden. Sihe an mein reumüthiges Hertz, und thue es nicht verachten. Indem er sich also selbsten beklagte, und sein Hertz zu GOtt ausschüttete, sihe! da kame ihm dieser Gedancken: ey! wann schon alle menschliche Hülf hin ist, so kan doch GOtt noch helffen. Warum setze ich dann nicht all mein Vertrauen auf ihn? warum ruffe ich ihn nicht aus gantzem Hertzen an, er wolle mir aus diesem Faß hinaus helffen? wer weißt, ob er mich nicht erhören wird? O! es ist noch keiner geweßt, der auf ihn gehoft, und doch wäre zu Schanden worden. Dieses geredt, thate er ein Gelübd zu GOtt, daß, wann er ihm aus dieser Noth helffen wurde, wolte er ohne längeren Aufschub in denjenigen Ordens-Stand tretten, zu welchem er so oft innerlich angetriben worden. Kaum hatte er dieses Gelübd gethan, da schöpfte er eine grosse Hoffnung, aus dem Fuhr-Faß erlediget zu werden: welches auch geschehen; und zwar auf folgende wunderliche Weis. Indem eben dazumahl der Mond hoch an dem Himmel war, geschahe es, daß etliche vor Hunger heulende Wölf daher kamen, um das Fuhr-Faß herum giengen, und bald oben, bald unten schmeckten, was darinn seyn möchte. Der Student, wie er zum Spund-Loch hinaus gesehen, gedachte bey sich selbst: da werdet ihr mir nicht zukommen, wie hungerig ihr auch seyn möget. Ich bin da vor euch wohl versorget. Da er dieses gedenckte, sihe! da sprange einer aus den Wölffen auf das Fuhr-Faß hinauf, und indem er lang herum geschmeckt, geschahe es, daß er sich nidersetzte, und den Schweif in das Spund-Loch hinein hangen liesse. Der eingesperrte dies sehend, bediente sich dieser unverhoften Gelegenheit; ergriffe den Wolf-Schweif; risse ihn zu sich, und hebte ihn so fest an, daß der Wolf greulich zu heulen angefangen, und dardurch die andere Wölf weg getriben. Allein er machte sich darum nicht loß. Weil er sich aber zuletzt so starck bemühet, daß sich das Fuhr-Faß zu wältzen anfienge, zoge er solches über ein schrofechtige Büchel-Halden (an welcher es gestanden) nach sich: wo es dann durch das gähe wallen und stürtzen bald da, bald dort an einen schrofechtigen [103] spitzigen Stein so starck und gewaltthätiger Weis zerstossen worden, bis endlich die Faß-Reif zersprungen, und mithin auch die Faß-Taugen aus einander gangen seynd. Als der Student sich auf solche Weis ledig gesehen, liesse er den Wolf mit seinem Schweif lauffen, wo er wolte. Der Wolf aber, welcher froh war, daß er mit seinem Schweif davon kommen, eylte mit vollem Lauf nach seiner Höhle, und sahe wohl nicht einmahl um, wer derjenige seye, so das Hertz gehabt, ihn so lang an dem Schweif vest zu halten. Der Student, welcher nunmehr in die Freyheit gesetzt war, danckte GOtt aus gantzem Hertzen, daß er durch seine Vorsichtigkeit so wunderbarlicher Weis aus dem Fuhr-Faß, und mithin aus den Händen der Mördern errettet worden. Saumte sich beynebens nicht, eylends den Weeg zum Wald hinaus zu nehmen: den er auch gegen anbrechenden Tag mit GOttes Hülf gefunden; in dem nächsten Dorf in einem Wirths-Haus eingekehrt, und dem Wirth mit erstaunen den gantzen Handel erzählet hat. Nachdem er sich allda mit Speiß und Tranck erquicket, nahme er den Weeg weiters nach der nächsten Stadt, in welcher ein Closter von demjenigen Orden war, in welchen er zu tretten schon längsten einen Lust gehabt. Dort hielte er inständig um den H. Orden an; wurde aufgenommen, und diente GOtt darinn bis an das End seines Lebens. Wie sich unterdessen die Mörder werden verwundert haben, da sie in ihrer Ruckkehr wider alles Verhoffen weder den Studenten, noch das Fuhr-Faß mehr gefunden, ist leicht zu gedencken. S.J. Libro de fiducia in Deum. c. 15.


Wie wohl hat es GOtt mit diesem Studenten noch gemeint! Er hätte in dieser Gefahr zu ihm können sagen: ich hab dir lang geruffen, und du hast mein Ruffen verachtet, und in Wind geschlagen. Jetzt will ich deiner auch spotten, und zu deinem Verderben lachen. Aber nein; so bald der Student seinen Fehler erkennt, GOtt um Verzeyhung gebetten, den Fehler zu besseren versprochen; mithin sein Vertrauen auf GOtt gesetzt, und ihn um Hülf angeruffen, hat ihn dieser auch nicht stecken lassen. So gütig und willfährig ist GOtt, wann man sich mit gantzem Hertzen wiederum zu ihm wendet. Mithin sihet man auch, wie wahr es seye, was man insgemein zu sagen pflegt: wann die Noth am grösten ist, da kommt GOtt, und hilft.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 99-104.
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