Neun und zwantzigstes Exempel.

Ein Vatter zahlet seine undanckbare Töchtern, in Aufsetzung des Testaments gar artig aus.

[104] In einer gewissen Stadt war ein Raths-Herr, mit Namen Johannes Conaxa; reich an Vermögen. Seine verstorbene Ehe-Frau hinterliesse ihm zwey gewachsene Töchteren; die er aber recht närrisch liebte. Dann er ihnen nicht allein durch reichliche Aussteurung zu einem ehrlichen Heurath geholfen; sondern nachdem sie auch schon verheurathet waren, selbige fast täglich mit ihren Männern zu Gast geladen, und niemahl unbeschenckt von sich weggelassen. Damit nun die Töchtern den Vatter in seiner Freygebigkeit, oder besser zu reden, Verschwenderey erhielten, luden sie ihn dann und wann auch zu Gast, und stritten in die Wette, welche aus ihnen dem Vatter am meisten Freundlichkeit, und Gutes erweisen könnte. Sie thaten es auch nicht umsonst. Dann der Vatter dardurch bewegt, und eingenommen, griffe endlich sein Silber-Geschirr, und anderen kostbaren Haus-Rath an, und schenckte ihnen ein Stuck nach dem anderen; bis er sich auf die letzte also erschöpfet, daß er fast nichts mehr hatte, und nunmehr selbst Mangel leiden mußte. Wie die Töchteren von dem Vatter nichts mehr zu hoffen hatten, da hatte ihr Einladen und Freundlichkeit auch ein End. Sie liessen ihn halt gehen, wie er gienge. Geschahe es aber, daß der Vatter dann und wann ihnen zu Haus kante, und gantz erhungert sich zu Gast lude, sahen sie ihn mit schlechten Augen an; und mußte er frohe seyn, wann sie ihme eine gute Zeit wünschten, oder Vatter hiessen: so gar galte er nichts mehr bey ihnen. Dannenhero so etwann in der Kuchel ein Braten am Spieß steckte, fuhren sie damit vom Herd hinweg, und versteckten ihn, nur damit sie dem Vatter nichts müßten darvon geben. Mußte also der gute Vatter mit dem Geschmack vom Braten verlieb nehmen, und mit hungerigem Bauch nach Haus kehren. Da gienge dann dem Conaxa der Verstand auf; bisse unterwegs in die Nägel der Hände, und sagte bey sich selbsten: so so? gehen deine Töchteren mit dir also um, nach dem du ihnen alles angehenckt, und nun ihrentwegen in diese Armuth gerathen? ist das der Danck, daß ich sie so oft zu Gast geladen, und das meine mit ihnen verthan hab? Die anjetzo thun, als kennten sie mich nicht mehr; will geschweigen, daß sie mich auch nur ein eintziges mahl mehr zu Gast luden. Gantz recht: ich will ihnen schon einen Possen reissen, daß sie an den Conaxa gedencken sollen. Dieses geredt, nahme er in der Stille, und unwissend seiner Töchteren, den geraden Weeg zu einem seiner besten Freun den, ihne inständig bittend, er möchte die Freundschaft [105] vor ihn haben, unb ihme ein Summa Geld leihen, mit der Versicherung, soche Summa in wenig Tägen wiederum heim zu stellen. Wie er nun von diesem Freund gedachte Summa erhalten, liesse er seinen Töchtern sagen, sie wolten ihnen belieben lassen, in sein Haus zu kommen, und mit ihm ein Mittag-Süpple einzunehmen; dann ihm ein guter Freund etwas zu essen geschickt hätte. Die Töchteren dies hörend, liessen sich nicht lang bitten; sondern fanden sich zeitlich in ihres Vatters Haus ein. Nun man setzet sich zu Tisch; man isset: machts aber kurtz; dann der Speisen nicht viel waren. Conaxa stunde zu erst vom Tisch auf, und sagte zu denen Töchteren, sie solten nur noch ein Weil still sitzen; er wolle bald wieder zu ihnen kommen. Darauf hin gehet er in die Stuben-Cammer; und nachdem er sie verrigelt, nahme er aus einer Truhen das von seinem Freund entlehnte Geld herfür, warfe einen Thaler und Gulden nach dem anderen auf einen Schreib Tisch hin, als wolte er probiren, ob sie gerecht wären, und also den rechten Klang hätten. Zählete alsdann das Geld sagend: das seynd tausend Thaler, und das auch so viel. Das seynd so viel Gulden: und so fort. Wie die Töchteren am Tisch hörten, daß der Vatter in der Stuben-Cammer Geld zählete, stunden sie alsobald vom Tisch auf, schlichen zur Cammer-Thür hin, und sahen durch eine Klumse auf des Vatters Schreib-Tisch einen grossen Hauffen Geld. Da schaueten sie dann einander an, riben vor Freuden die Händ, und sagten: O wie kommen wir dem Vatter so unverhofter Weis hinter seine Spring! wer hätte gemeint, daß er noch so viel verborgenes Geld haben solte! ja ja; es heißt wohl, alte Füchs, alte List. Allein jetzt liegt es nur an dem, wie wir ihm auf ein neues schön thun; damit er uns auch dieses Geld lasse zukommen. Unterdessen da die Töchteren dieses einander in die Ohren sagen, verschließt der Alte das gezählte Geld wieder in die Truche, und kommt darauf wieder in die Stuben: allwo sich die Töchteren wohl nichts mercken liessen, als hätten sie den Vatter in der Stuben-Cammer hören Geld zählen. Doch sagten sie ihm Danck für das Mittag-Essen, nahmen von ihm freundlichen Abschied, und giengen voller Freuden wieder nach Haus. Kaum aber waren sie weg, da truge Conaxa in der Stille das entlehnte Geld seinem Freund zuruck, und bedanckte sich auf alle Weis, daß es ihm wäre anvertraut worden; verschlosse unterdessen in obgedachter Truchen anstatt des entlehnten Gelds einen anderen Schatz. Des andern Tags darauf in aller Fruhe fanden sich in des Conaxa Haus ein seine Töchteren, und dero Männern; thaten ihm über die massen schön, und fragten, was er guts lebe; wie er die vorige Nacht geschlaffen; und ob sie ihm in etwas dienen könnten? er solte nur befehlen; sie stehen ihm alle Stund und Augenblick zu Diensten. Allein Conaxa gabe ihnen keine Antwort; sondern kehrte [106] sich auf die Seiten, knappete mit dem Kopf, und sagte bey sich selbsten: ja ja diese Freundlichkeit erweisen sie nicht dir, mein Conaxa; sondern deinem Geld, das sie noch hoffen von dir zu bekommen. O wann das nicht wär, wurden sie es wohl bleiben lassen! allein es ist nichts daran gelegen. Aufs wenigst hat es das Ansehen, sie werden mir ins künftig höflicher begegnen, und Guts thun, wo sie können. Es ward auch Conaxa in seiner Hofnung nicht betrogen. Dann die Töchteren luden den Vatter wieder auf ein neues ein, und stritten in die Wette, welche ihm mehr Höflichkeit und Gutes erweisen könnte. Wie Conaxa das gesehen: sagte er: hört ihr, meine Töchteren, und Töchter-Männer! wann ihr mich werdet in Ehren halten, wie es eure Schuldigkeit ist, und mir Guts thun; so lang ich noch lebe, so solt ihrs nach meinem Tod reichlich zu geniessen haben: dann so und so viel Geld hab ich noch im Vorrath. Solte ich aber das Widerspiel erfahren, so werde ich alsdann auch thun, was ich will. Da solte man gesehen haben, wie sich die Töchteren und ihre Männer alles Gutes anerbotten; wie sie ihm geschmeichelt; wie ein jedes am besten bey ihm habe wollen dran seyn. Wie Conaxa das gehört, sagte er: Nun so ver lange ich dann, daß ihr mir vor meinem Tod, und weil ich noch wohl auf bin, so und so viel heilige Messen sollet lesen lassen; daß ihr unter die Haus-Arme Leut so und so viel Allmosen austheilet: damit ich ein glückseliges Sterbstündlein erlange, und dann nach meinem Tod nicht lang auf eure Hülf warten müsse. Die Töchteren, und ihre Männer, als welche hoften, sie wurden nach seinem Tod noch einen grossen Schatz ererben, sagten ihm alles zu; liessen unverzüglich viel heilige Messen lesen, und theilten unter die Haus-Arme grosses Allmosen aus. Eine lange Zeit auf dieses hin wurde Conaxa mit einer tödtlichen Kranckheit überfallen. Wie er gemerckt, daß er sterben müsse, liesse er seine Töchteren für sich kommen, zu welchen er mit gebrochener Stimm also redete: höret, ihr meine Töchteren! dies ist mein letzter Will: wann ich werde gestorben seyn, so sollet ihr mich ehrlich, wie es einem Raths-Herrn gebühret, zur Erden bestatten; mir die gewöhnliche Seel-Aemter halten, und andere heilige Messen nachlesen lassen: koste es hernach, was es immer wolle. Dann jene Truchen, die ihr vor meiner Bethstatt sehet, wird euch die gemachte Unkösten häufig ersetzen. Dieses geredt, griffe er in die letzte Zügen, und gabe in Gegenwart seiner Töchteren den Geist auf. Die Töchteren weinten zwar; aber es war ihnen nicht recht ernst darbey. Sie machten es halt, wie alle undanckbare Kinder, welche mehr weinen, weil ihnen ihre Elteren keine grössere Erbschaft hinterlassen, als daß sie ihnen weggestorben. Doch haben sie dem Vatter die Leich begängnuß [107] halten lassen, wie ers begehrt hatte; und das mit grossen Unkösten. Wie nun die 30. Täg nach der Leich vorbey, und es Zeit war, die hinterlassene Erbschaft untereinander zu theilen, da hätte man sehen sollen, wie sie der Truchen zugeloffen. Ein jedes wollte in dero Eröfnung das erste seyn. Aber siehe! wie sie selbige eröfnet (lache doch keiner, der dieses lieset, oder hört) da fanden sie weder Heller, noch Pfenning darinn; wohl aber an statt der verhoften Thaler und Gulden einen grossen knoßpeten Prügel, auf welchem folgende Wort mit grossen Buchstaben eingeschnitten waren.


Derjenige Vatter, welcher seine Kinder so närrisch liebt,

Daß er ihnen alles anhängt, und darbey seiner selbsten vergißt,

Der solle allein Erb dieses Schatzes seyn.

Also schaffe ich, also verordne ich, also testamentiere ich: das ist mein letzter Will.


Wie die Erben das gelesen, da ist nicht auszusprechen, wie sie sich in das Hertz hinein geschämt haben. Sie sagten wohl kein Wort: sondern zogen in der Stille mit einer Nasen ab, die mehr als ein Spann lang war. Angelinus Gazæus S. J. in Piis Hilar.


O wann alle undanckbare Kinder von ihren Elteren also bezahlt wurden, wie recht geschehe ihnen! geschihet es nicht, so wird GOtt sie darum finden; seye es über kurtz, oder lang.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 104-108.
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