Zwey und dreyßigstes Exempel.

Die dritte Person in der heiligsten Dreyfaltigkeit, nemlich der heilige Geist, tröstet einen Tod-Krancken Studenten, welcher vorhin an seiner Seelen-Heyl verzagt war.

[110] Es waren zwey leibliche Brüder, die studierten miteinander auf der hohen Schul zu Paris; waren aber von gar ungleichen Sitten: dann der jüngere aus ihnen hatte GOtt vor Augen; studierte fleißig ware sittsam, und flohe alle böse Gesellschaft: der ältere aber thate in allem das Widerspiel. Dann er verzehrte nicht allein die edle Zeit mit Spielen und Sauffen; sondern henckte sich auch an leichtfertige Schleppsäck, mit welchen er so ärgerlich lebte, daß die gantze Stadt Paris von ihm zu sagen wußte. Das thate nun dem jüngeren im Hertzen wehe; indem er aller Orten, wo er hin kame, sich seines Bruders schämen mußte. Demnach ermahnte er ihn ein und andermahl, er wollte doch in sich selbsten gehen, und gedencken, was für ein schwere Verantwortung er ihme selbst bey dem höchsten Richter auf den Hals lade. Allein der gottlose Bruder lachte den jüngeren nur aus, sagend: er wisse schon, was er zu thun habe. So stehe auch dem jüngeren nicht zu, den älteren zu ermahnen. Es setzte aber der jüngere darum nicht aus: sondern sagte mit weinenden Augen: Bruder! [110] du lachest mich zwar jetzt aus, allein es wird die Zeit kommen, da du die Härtigkeit deines Hertzens spät bereuen wirst. Und mit diesen Worten gienge er traurig von seinem Bruder weg; unterliesse aber nicht, GOtt inbrünstig zu bitten, er wolle doch des Bruders Hertz erweichen, und ihme den Geist der Buß geben: welches GOtt auch bald darauf gethan; indem er den ältern Bruder mit schwerer Leibs-Kranckheit angegriffen, und ins Beth geworffen. In dieser Kranckheit nun als der elene Mensch sein voriges Leben zu Gemüth führte, fande er einen solchen Hauffen schwerer Sünden und Missethaten, daß er fast gar verzweifelt. Wie er nun einstens bey nächtlicher Weil gantz allein war, und mit schwermüthigen Gedancken umgienge, siehe! da wurde das Zimmer, in welchem er lage, gähling mit grossem Glantz erleuchtet; und es trate hinein ein Manns-Person, Tauben-weiß und eines gar ehrwürdigen Ansehens. Diese Person nun stellte sich für das Beth des Krancken, und sahe ihn gantz ernsthaft an. Der Krancke erschracke hierüber heftig, und fienge vor Angst am gantzen Leib zu schwitzen. Wie er sich aber ein wenig erhohlet, fragte er den ehrwürdigen, Taubenweissen Mann, wer er wäre? und warum er ihn zu schrecken zu so ungelegner Zeit der Nacht kommen seye? Da bekame der Krancke zur Antwort: wisse, daß ich der himmlische Vatter bin, der dich aus nichs erschaffen, dir eine vernünftige Seel gegeben, damit du deinen Schöpfer erkennest, ihme durch Haltung seiner Gebotten dientest; und ihn aus gantzem Herzen liebtest. Weilen du aber bishero das Widerspiel gethan, und die treue Ermahnungen deines jüngeren Bruders verlacht, und in Wind geschlagen, so bin ich hieher kommen, dir anzudeuten, daß du ein Kind der ewigen Verdammnuß seyest. Mit welchen Worten dieser Ehrwürdige, Tauben-weisse Mann aus den Augen des Krancken verschwunden. Uber dieses angedeute Urtheil der ewigen Verdammnus wurde der Krancke mit solcher Angst und Schrecken erfüllet, daß es mit Worten nicht auszusprechen. Ja es brache der Schweiß am gantzen Leib häuffig herfür; indem der elende Mensch die Vollziehung des ergangenen Urtheils stündlich erwartete. In solcher Angst und Schrecken brachte er die übrige Nacht, wie auch den darauf folgenden Tag zu. In der anderen Nacht erschiene ihm eine andere Manns-Person, mit einer dörneren Cron auf dem Haupt; tragend auf den Schultern ein schweres Creutz, übrigens aber am gantzen Leib voller Wunden. Diese Manns-Person tratte gleichfalls, wie die erstere für das Beth des Krancken hin, schauete ihn ernsthaft an, und fragte: kennest du mich; der Krancke antwortete mit Nein; jedoch geduncke es ihn, es seye zwischen ihr, und der ersten Person keine Ungleichheit. Freylich ja (sagte diese Manns-Person) ist zwischen mir und ihr [111] keine Ungleichheit in der Macht und Herrlicheit. Dann ich bin Christus, der eingebohrne Sohn des himmlischen Vatters; der um deinetwillen die menschliche Natur angenommen; 33. Jahr auf Erden vil Mühe und Arbeit;. Armuth und Verachtung; Hunger und Durst ausgestanden: ja letztlich all sein Blut für dich vergossen, und an einem Creutz den bittersten und schmählichsten Tod gelitten. Weilen du aber dieses alles bishero nicht erkennt, und mir deinem Erlöser gutes mit bösen vergolten, so bin ich gleichfalls kommen, dir anzudeuten, daß du ein Kind der ewigen Verdammnuß seyest. Nach welchen Worten auch diese Person verschwunden; die aber in dem Krancken einen solchen Schrecken hinterlassen, daß er nunmehr nicht wußte, wo er sich hinwenden solte. Also mit Schrecken erfüllet ruft er seinen jüngeren Bruder und erzählet ihm alles, was in 2. Nächt nacheinander begegnet. Scheine also, keine Hofnung mehr übrig zu seyn, wie er der ewigen Verdammnuß entgehen könne. Das ängstigte nun ihn; das triebe ihm den Schweiß aus; das bringe ihn in Verzweiflung. Behüt GOtt! sagte der jüngere Bruder: du mußt darum nich verzweiften. So lang du lebst, kanst du noch Gnad und Barm hertzigkeit von GOtt hoffen. Dann obschon der Vatter und Sohn dir die ewige Verdammnuß angekündet, so haben sie es nur darum gethan, damit du erkennen sollest, wie du aller Gnad und Barmhertzigkeit unwürdig seyest, und nach der strengen Gerechtigeit GOttes nichts anders, als die ewige Verdammnuß verdient habest: weilen du nemlich bishero alle treue Ermahnungen zur Buß und Besserung des Lebens verlacht, und in Wind geschlagen. Aber es ist noch übrig die unendliche Güte GOttes, die keinen Sünder verwirfft, so lang er sich zu besseren gesinnet ist. Thue also noch Buß: wende dein Hertz zu der unendlichen Güte GOttes: bitte sie, daß sie dir deine Widerspenstigkeit des Hertzens aus Gnaden verzeyhen wolle. Beichte mithin mit wahre Reu, Demuth, und Aufmercksamkeit deine Sünden; wer weißt, ob nicht die dritte Person in der heiligsten Dreyfaltigkeit, nemlich der Heil. Geist (welcher die Gütigkeit selbst genennt wird; weilen er zwischen dem Vatter und dem Sohn die Liebe ist) das angekündete Urtheil wiederruffet, und dich, wiewohl unwürdigen, aus lauter Gütigkeit wiederum zu Gnaden aufnimmt, den er Gerechtigkeit nach vewerffen könte. Auf solche Ermahnung faßte der Krancke wiederum ein Hertz, und liesse alsobald einen Priester zu sich kommen; deme er dann alle Sünden mit solcher Reu und Leyd gebeichtet, daß er vor Seuftzen und Weinen die Wort öfters zu unterbrechen genöthiget worden. Nach empfangener H. [112] Absolution liesse er sich auch mit der Heil. Communion und letzten Oelung versehen: worauf er stündlich des Tods erwartete. Wie nun die dritte Nacht herbey kommen, da erschine dem Krancken eine Manns-Person, von Angesicht denen vorigen nicht ungleich. Die Kleidung war hell-schimmerend; und auf seiner rechten Schulter sasse eine Schneeweisse Tauben. Sie gienge hin vor des Krancken Beth, und sahe ihn mit überaus lieblichen und gütigen Augen an. Wie der Krancke das gesehen, fassete er ein Hertz, und fragte: Herr! erlaube mir, daß ich dich frage, wer du seyest? indem du dich würdigest zu mir elenden Menschen zu kommen, und mich mit so gütigen Augen anzusehen, der ich schon zweymahl so heftig erschröckt worden? da antwortete die Person: ich bin der H. Geist, der von dem Vatter und dem Sohn ausgehet, und ein GOtt mit ihnen ist. Ich bin die Liebe zwischen beyden; und darum werd ich die Gütigkeit selbst genennt. Weilen du nun deine Sünden reumüthig gebeichtet, und den Vorsatz gemacht, dich ernstlich zu besseren, wann du von deiner Kranckheit wiederum aufstehen soltest; so bin ich kommen, dir anzudeuten, daß dir deine Sünden aus göttlicher Güte verzyhen seyn. Wie der Krancke das gehört, schwunge er sich aus der Tieffe seiner gehabten Angst un Forcht über sich, und brache voll des Trostes in diese Wort aus: O Heil. Geist! ein Vatter der Armen; ein Tröster der Betrübten; was höre ich aus deinem göttlichen Mund? solle mir dann der Himmel offen stehen, deme der Vatter und der Sohn die ewige Verdammnuß angekündet; und zwar billich: weil ich so oft und schwerlich wider sie gesündiget hab. Solle dann das wider mich gefällte Urheil widerruffen worden seyn? Hierauf sagte der Heil. Geist: sey getröst, und zweifle nicht an deiner Seeligkeit: dann die Buß vermag viel bey dem Allmächtigen. Sie überwindet denjenigen, der sonst unüberwindlich ist. Sie besänftiget seinen sonst gerechten Zorn, und machet, daß seine anegebohrne Güte das jenige Urtheil widerruft, das seine Gerechtigkeit gefällt hat. Ligt jetzt nur an dem, daß du in der Buß beständig verharrest, und dich mit Ubungen des Glaubens, der Hofnung, der Libe gegen GOtt, und anderen Tugenden zum Tod bereitest, so werden wir drey göttliche Personen nach dreyen Tägen wiederum zu dir kommen, und dich zu uns in die ewige Freud aufnehmen. Welches auch geschehen; in dem der Krancke (welcher vorhin alles, was ihme begegnet, seinem jüngeren Bruder erzählet hatte) nach verflossenen drey Tägen seinen Geist in die Händ seines Schöpfers aufgeben, und wegen seiner Buß in die ewige Freud abgeflogen ist. Spec. Exempl. Tit. Confessio, Ex. 29.


[113] Wie gütig ist doch der grosse GOtt! und wie muß man bekennen, daß er nicht verlange den Tod des Sünders; sonderen daß er sich bekehre, und daß er lebe! wie er selbst hoch betheuret Ezech. 33. solte nicht diese Güte den Sünder bewegen, daß er sich ungesaumt bekehre, und GOttes Langmüthigkeit nicht länger mißbrauche? weißt du nicht (redet der Apostel Paulus Rom. 2. einen jeden Sünder an) daß dich die Gütigkeit GOttes zur Buß anleitet? eben darum, daß GOtt so gütig ist, solle dir das, O Sünder! Anlaß zur Buß geben, und du nichts mehrers bedauren, als daß du einen so gütigen GOtt auch nur einmahl hast därffen schwerlich beleydigen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 110-114.
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