Sechs und dreyßigstes Exempel.

Ein königlicher Printz will seinen eigenen Herrn Vatter erschiessen.

[124] Carl, der erstgebohrne Sohn Philippi des Anderen, Königs in Spanien, war von Jugend an von heftiger Natur, und hitzigem Geblüt: Weßwegen er keine Zucht annehmen wollen, sondern vielmehr seinem eigenen Willen, als denen guten Ermahnungen seiner Lehr- und Hofmeistern gefolget hat. Dann als das junge und hitzige Geblüt in ihm begunte aufzuwallen, hat er sich nicht der Zucht und Eingezogenheit, sondern der Vermessenheit; nicht der Keuschheit, sondern der Ungebühr; nicht dem friedlichen Wandel, sondern denen Zanck-Händeln; nicht der Ehrbarkeit, so einem königlichen Printzen wohl anstunde, sondern denen Lastern ergeben. Darum er bey nächtlicher Weil, wie eine gemeine Person, in der königlichen Residentz-Stadt Madrit herum geloffen, jedermann angefallen, und zum schlagen heraus gefordert. Ja nicht allein dieses: sondern, weil in der Stadt eine gewisse Gasse, in welcher kein andere, als unerbare Weibs-Personen, die ihren Leib nur vornehmen Leuten feil gebotten, ihre Wohnung hatten, hat er sich schier alle Nacht in ihre Häuser begeben, und sich mit anderen, so von gleicher Neigung waren, in allem Luder umgewältzet. Wegen welcher Ungebühr aber er nicht allein von dem König, seinem Herrn Vatter, sondern auch aus dessen Befehl von seinen Hofmeistern gezüchtiget worden. Weil nun der Printz vermeinte, unbillig zu seyn, daß ein Sohn eines so mächtigen Königs, wie Philipp ware, sollte wie ein gemeiner Schuler gestraft werden, nahme er es sehr übel auf. Demnach je mehr er von dem Herrn Vatter gestraft wurde, je verbeinter wurde er: Risse allen Zügel der Gebühr ab, und ergabe sich aller Leichtfertigkeit. Als er aber darum noch öfters, und schärfer von dem Herrn Vatter gestraft worden, hat er einen solchen Haß und Widerwillen wider denselben bekommen, daß er ihm, wie ein anderer Absalon dem David, nach dem Leben [124] getrachtet: Damit er also frey und ungebunden seinen bösen Begierden nachhängen konte. Also dann hat er heimlich und offentlich angefangen, seinen Herrn Vatter zu verachten; von ihm übel zu reden, als wäre er des Reichs unwürdig; und mithin alles zu thun, was dem königlichen Ansehen zuwider laufte. Einsmahls hat es sich begeben, daß die Fürsten und Vornehmste des königlichen Hofs ein schönes Buch vor sich hatten, in welchem die herrliche Thaten Carls des Fünften, seines Anherrens, verzeichnet und enthalten waren. Als nun der Printz dazu kame, fragte er, was sie da für ein Buch hätten? Diese reichten ihm so gleich mit aller Reverentz das Buch, und sagten, er solle ihm belieben lassen, selbiges zu lesen. Das thate der Printz: Und nachdem er selbiges durchblättert, und alles gelobt, was darinn enthalten war, gienge er davon, vermeinend, jetzt hätte er nunmehr die Gelegenheit bekommen, seinen Herrn Vatter recht zu schimpfiren, und ihn bey diesen Herren verächtlich zu machen. Demnach liesse er ein anders Buch verfertigen, so weit schöner und köstlicher eingebunden, als das vorige, so ihme von denen Herren überreicht worden; in welchem aber gar nichts geschrieben; sondern lauter leere und weisse Blätter waren. Mit diesem Buch setzte er sich mitten in den königlichen Pallast; und nachdem er solches lang durchblättert, überreichte er es denen Fürsten und Herren, so gegenwärtig waren, fragend; was sie gedunckte von diesem Buch? Sie antworteten: Dem Ansehen nach seye es schön, und köstlich eingebunden. Hierauf bate der Printz, sie wollten es aufthun, und sehen, was darinn geschrieben und enthalten wär? Als sie solches gethan, und das Buch lang durchblättert, mithin aber nichts, als das leere und weisse Pappier darinn gefunden, sagten sie: Durchleuchtigster Printz! wir finden in diesem Buch nicht ein Buchstaben geschrieben. Ihr habt recht, sagte der Printz! Das seynd die herrliche Thaten meines Vatters: Nichts ist, was er gethan hat. Lasset mich einmahl zur Regierung kom men; ich will es weit anderst machen. Ueber diese ungebührliche Red des Sohns wider seinen Vatter erstaunten die Fürsten und Herren dergestalten, daß sie kein Wort mehr geredt. Nahmen aber daraus klärlich ab, dieser Printz därfte mit der Zeit entweders dem Reich entsetzlich schaden; oder aber ein unglückseliges End nehmen. Dann wer seinen Vatter verspottet, der wird von GOtt wie der Cham, vermaledeyt, und eilet seinem Untergang zu. Das hat sich auch bald geäussert. Dann weil der Printz wegen seiner unanständigen Aufführung von seinem Herrn Vatter immerzu mit Worten gestraft, und zuschanden gemacht wurde, machte er mit denen Türckischen Gesandten (O verzweifelte Entschliessung!) so dazumahl an dem königlichen Hof zu Madrit waren, eine heimliche Freundschaft; damit selbige ihnen möchten lassen angelegen seyn, den [125] Türckischen Sultan wider seinen Herrn Vatter, den König zu verhetzen: Der ihn dann mit Krieg überziehen, vom Thron verstossen; und herentgegen ihm, dem Printzen, darauf helfen sollte. Es haben es auch die Gesandte zu thun nicht unterlassen, und die Sach so weit gebracht, daß der Türckische Sultan den Printzen nicht allein alles Beystands versichert; sondern ihm auch seine eigene Tochter zur Ehe versprochen hat. Allein, weil der Printz besorget, das Glück därfte ihm vielleicht zuwider seyn, und nichts aus der Sach werden, spannete er alle seine Sinn und Gedancken an, wie er den Vatter möchte aus dem Weeg raumen. Demnach gienge er auf einen gewissen Tag, da der König wegen Schwachheit des Leibs zu Beth lage, mit 2. geladenen Feuer-Rohren, die er unter denen Kleidern verborgen hatte, zu dem Vatter für das Beth hin, sich stellend, als hätte er etwas vorzubringen; nahme aber unversehens das einte geladene Rohr herfür, und wollte schon Feuer auf den Vatter geben; mit dieser gottlosen Stimm aufruffend: Nun must du mir sterben: Weil du dich so oft mir widersetzet hast. Auf diese Stimm ist gleich die königliche Wacht herzu geloffen, und hat den Schuß verhindert. Der König gantz erdattert, rufte überlaut: Du Gottloser! was fangst du an? Leibwacht! geschwind! ergreiffe ihn, und führe ihn weg aus meinem Angesicht in die Verwahrung. Also wurde der elende Printz ergriffen, gefangen genommen, und in Verwahrung geführt. Das gantze königliche Haus war über diese unerhörte That bestürtzt; und die Stadt mit Schrecken und Traurigkeit angefüllt über diesen entsetzlichen Anschlag, so der königliche Printz wider seinen eigenen Herrn Vatter hat wollen ausführen. Die Fürsten, und Vornehmste des Reichs hatten sich zwar unterstanden, den Vatter zu versöhnen, für den Sohn um Verzeihung zu bitten, und für sein Leben anzuhalten; allein der fromme König gabe ihnen kein Antwort, sondern erhebte seine Zäher-volle Augen, und Händ gen Himmel, und sagte:


»O unsterblicher GOtt! soll ein solches Laster in meinem königlichen Haus vorgenommen werden? Soll diese Unthat von königlichem Geblüt geschehen? Soll dieses von dem Haus Oesterreich gehört werden? Soll man diese Missethat in meinem so Catholischen Reich gedulten? Soll ein so schröcklich gesuchter Vatter-Mord ohne gebührende, und exemplarische Straf übersehen werden? Wann einer aus dem gemeinen Volck sich an der Person des Königs vergreift, wird er ein Vatter-Mörder genennt, und grausamlich getödtet; seine gantze Nachkommenschaft auf ewig verbannisirt; aller Ehr und Gütern beraubet: Und soll der Sohn des Königs ungestraft hingehen? Hast du nicht selbst gesagt, gerechtester GOtt! wer seinen Vatter maledeyen wird, soll des Tods sterben? Was muß man dann dem [126] jenigen thun, der seinen Vatter hat ermorden wollen? Wie kan mein Reich bestehen, wann ich des Allerhöchsten Königs, durch welchen alle König regieren, sein Befehl übertrette, um der Liebe meines ungerathenen Sohns willen? Es wird mein Reich untergehen, und zerstöhret werden, wann ich den Befehl des Allerhöchsten, und himmlischen Königs nicht vollziehe. Damit dann dieses nicht geschehe, so nehmet hin diesen Gottlosen, und übergebt ihn (wie GOtt befihlt) denen Richtern, auf daß er sei nen wohl verdienten Lohn empfange; mithin alles Uebel von mir, und meinem Reich abgewendet werde: Damit GOttes Zorn nicht über mich ausbreche; und alles Volck, so dieses hören wird, darüber erschrecke: Mithin nicht ein jeder Rebell angefrischt werde, sich wider seinen rechtmäßigen König und Herrn aufzulehnen; oder ein ungerathener Sohn wider seine selbst eigene Elteren eine solche Unthat und Lasterstuck zu begehen.«


Dieses geredt, gabe der König denen Blut-Richtern Befehl, seinem Sohn das Urtheil zu fällen, und ihn nach allen Rechten abzustraffen. Doch ist auf Bitten und Anhalten der Fürsten, und Vornehmsten des Reichs das Urtheil gemiltert, und der Printz nicht offentlich, sondern in einem Zimmer in ein warmes Wasser gesetzt, ihme die Ader am Fuß gelassen; und also, nachdem er sich verblutet, getödt worden.


Ex Relatione Henrici Doerganck impressa Coloniæ 1614.


Aus dieser entsetzlichen Begebenheit siehet man klar, wie tief die Kinder fallen können, wann sie nichts um die Eltern geben; und bey ihnen weder Wort, noch Streich etwas verfangen wollen. Dann da ziehet GOtt endlich die Hand von ihnen ab, und überlaßt sie ihren ungezäumten Begierden. Wann aber das geschiehet, was kan man von ihnen erwarten? Nichts, als alles Böses. O wie viel hat man traurige Exempel! und O daß die Jugend sich daran spiegelte! wann sie verständig wär, wurde sie nicht allein die Eltern wegen gebrauchter Straf nicht anfeinden, sondern ihnen noch darum dancken: Dann solche Straf ziehet die Kinder vom Bösen ab; macht sie behutsam; und treibt sie an zum Guten: Welches lauter gute Früchten seynd. Darum sagt der weise Salomon in seinen Sprüchwörtern am 12. Capitul: Wer die Straf hasset, der ist nicht weis. Das ist aber der Jugend kein Ehr: Laut dessen was gedachter Salomon abermahl sagt in denen angezogenen Sprüch-Wörtern am 13. Capitul: Schmach kommt über den der sich der Züchtigung entziehet: Wer aber die Straf willig annimmet, der wird zu Ehren kommen.

Quelle:
Wenz, Dominicus: Lehrreiches Exempelbuch [...] ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les- Buch. Augsburg 1757, S. 124-127.
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