9. Auf die Zank-Schrifften des Babilas

[334] Wie kommt's, das Babilas nie bey der Sache bleibet,

Wenn ärgerlicher Weis' er wieder andre schreibet,[334]

Und Schimpf- und Scheltwort' uns stat guter Gründe bringt?1

Gesetzt er rede wahr, bildt er sich aber ein,

Dass einer, dessen Athem stinckt,

Unmüglich könn' ein Redner sein.


Fußnoten

1 Und Schimpf- und Scheltwort' uns statt guter Gründe bringt. Diese ärgerliche Art wider seine Wiedersacher zu schreiben, ist bey uns Deutschen in solchem Schwange, dass man daraus allein zur Genüge ersehen kann, dass wir noch nicht recht gehöbelt sind. Denn zu geschweigen, dass dergleichen unglimpffliche Worte wieder die gute Sitten streiten; so giebt es ja die gesunde Vernunfft, das der, der dergleichen Scheltworte verdienet, nicht verdienet dass man ihm die Ehre thue die Feder wider ihn zu ergreiffen: Und dass derjenige der es thut, sich mit demselben auf einen Fuss setzet; und folgends alle Schimpfworte die er demselben giebet, desto eher von dem Verfasser selbst verstanden werden, je grössern Fug er hat dieselbe seinem Wiedersacher beyzulegen. Zudem so ist es nicht müglich, dass dergleichen unverschämtes Gezäncke, dergleichen immunda, ignominiosaque dicta jemand anders, als dem gemeinen Pöbel zur Ergetzung dienen können.


Offenduntur enim, quibus est equus, et pater, et res;

Nec si quid fricti ciceris probat, et nucis emptor,

Aequis accipiunt animis: donantve corona.


Hor. de arte Poet.


Es giebt insonderheit viel unter uns, welche wunder dencken, was sie ausgerichtet, wenn sie den Nahmen ihres Wiedersachers verdrehet, und aus demselben ein Schimpfwort erpresset haben; sich ohne Zweifel einbildende, dass sie mit der kahlen Verwandlung eines Nahmens mehr Ehre, als Ovidius mit seiner gantzen Metamorphosis eingeleget haben. Tiberius Nero wurde zwar von den Römern wegen seiner Trunckenheit Biberius Mero genennet, man siehet aber auch, dass niemand der dessen Geschichte beschrieben, sich die Erfindung dieses Wortes zugeeignet, sondern ein jeder dasselbe dem gemeinen Pöbel überlassen. Nun fehlet es so weit, dass die heutige Verwandlungen der Nahmen so ungezwungen, und so natürlich, wie diese von der Sache fliessen solten; dass sie vielmehr, so zu sagen, bey den Haaren dazu gerissen werden. Man hat nur noch neulich ein Exempel gehabt, dass in einem gewissen Lateinischen Briefe der Nahme Thomas in Asinus verwandelt worden ist; welches denn so lächerlich scheinet, dass man diesem Dinge folgende Verse mit gutem Fug zueignen kann:


Der Esel kommt von Thomas her:

Doch find' ich, wenn dem also wär',

Dass auf dem weiten Weg und Pfad

Er sich gar sehr verändert hat.


In dem gelehrten Buch des Seel. Herrn Morhofs de Patavinitate Liviana wird fast ein gleiches Exempel gefunden. Denn nachdem er sich bemühet hat zu erweisen, wie wenig Ursach Asinius Pollio gehabt habe, diesem Verfasser der Römischen Geschichte seine Vaterstadt vorzurücken; so beschliesset er seine Rede mit diesen Worten: Adeo, ut utrum Livio plus Patavinitatis, an Asinio asinitatis insit, merito dubites. Ich erinnere mich aber auch, dass der berühmte Menage zu Paris, der dieses Buch in grossem Wehrt hielte, mir mehr als einmahl gesaget; er wünschte dass dieser Ort, theils wegen des einfältigen Witzes, theils wegen der Beschimpffung eines so berühmten und grossen Mannes, aus dem Buch wäre ausgelassen worden. Denn in was vor einem grossen Ansehn derselbe in Rom gewesen, das kan man allein aus diesen Versen des Horat. schliessen:


Insigne moestis praesidium reis,

Et consulentis, Pollio, curiae:

Cui laurus aeternos honores

Dalmatico peperit triumpho.


Oder aus Virgils vierdten Ecloga Pollio genant, und insonderheit aus diesen Worten:


Teque adeo decus hoc aevi, te consule inibit

Pollio, et incipient magni procedere menses.

Te duce, si qua manent sceleris vestigia nostri,

Irrita perpetua solvent formidine terras.


Zu dem hat man insgemein gefunden, dass wie man in einen Wald geblasen, also sey auch wiederum herausgeblasen worden. Doctor Eck sagte einsten, man solte aus dem Nahmen Luterus das r. herausnehmen, so würde er Luteus das ist kothig heissen; worauf ihm aber geantwortet wurde; dass wo dem also wäre, so wolte man dieses r. seinem Nahmen aus Danckbarkeit schencken, so, dass als es zwischen das grosse D. so Doctor bedeutete, und seinen Nahmen Eck gesetzet ward, Dreck daraus wurde. Ob nun gleich diese Beantwortung, der Tugend und Sittsamkeit selbst hätte abgedrungen werden können, so hätte man doch besser gethan, wenn man eben wegen des unflätigen Worts sich dieser Lateinischen Knittel-Verse erinnert hätte:


Hoc scio pro certo, quoties cum stercore certo etc.


Der Schluss ist dieser: Dass niemand jemals wieder seinen Wiedersacher mit Vortheil geschrieben; welcher denselben nicht auf eine sinnreiche Art, ohne denselben mit Schimpfworten anzugreiffen, aufzuziehen gewusst.

Nam

Scimus inurbanum lepido seponere dicto.


Hor.


Quelle:
Christian Wernicke: Epigramme, Berlin 1909, S. 334-335.
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