Erste Szene

[15] Hänsel, an der Türe mit Besenbinden, Gretel, am Herde mit Strumpfstricken beschäftigt, sitzen einander gegenüber.


GRETEL.

Suse, liebe Suse,

was raschelt im Stroh?

Die Gänse gehen barfuß

und haben kein' Schuh'!

Der Schuster hat's Leder,

kein Leisten dazu,

drum kann er den Gänschen

auch machen kein' Schuh'!

HÄNSEL sie unterbrechend.

Ei so gehn sie halt barfuß! ...

Eia popeia,

das ist eine Not!

Wer schenkt mir einen Dreier

für Zucker und Brot?

Verkauf ich mein Bettlein

und leg mich aufs Stroh,

sticht mich keine Feder

und beißt mich kein – Floh![15]

GRETEL unterbrechend.

Ei, wie beißt mich der Hunger! ...

HÄNSEL wirft seine Arbeit fort und steht auf.

Ach, käm' doch die Mutter nun endlich nach Haus!

GRETEL erhebt sich.

Ach ja, auch ich halt's kaum noch vor Hunger aus.

HÄNSEL.

Seit Wochen nichts als trocken Brot:

ist das ein Elend, potz schwere Not!

GRETEL.

Still, Hänsel, denk daran, was Vater sagt,

wenn Mutter manchmal so verzagt:

»Wenn die Not aufs Höchste steigt,

Gott der Herr die Hand euch reicht!«

HÄNSEL.

Jawohl, das klingt recht schön und glatt,

aber leider wird man davon nicht satt.

Ach, Gretel, wie lang' ist's doch schon her,

daß wir nichts Gut's geschmauset mehr!

Eierfladen und Butterwecken –

kaum weiß ich noch, wie die tun schmecken.


Dem Weinen nahe.


Ach, Gretel, ich wollt' ...

GRETEL hält ihm den Mund zu.

Still, nicht verdrießlich sein:

Gedulde dich fein, sieh freundlich drein!

Dies lange Gesicht – hu, welcher Graus!

Siehst ja wie der leibhaftige Griesgram aus!


Nimmt einen Besen zur Hand.
[16]

Griesgram, hinaus!

Fort aus dem Haus!

Ich will dich lehren,

Herz zu beschweren,

Sorgen zu mehren,

Freuden zu wehren!

Griesgram, Griesgram, greulicher Wicht,

griesiges, grämiges Galgengesicht,

packe dich, trolle dich, schäbiger Wicht!

HÄNSEL faßt mit an den Besen.

Griesgram, hinaus!

Halt's nicht mehr aus!

Immer mich plagen,

Hungertuch benagen,

muß ja verzagen,

kann's nicht ertragen!

Griesgram, Griesgram, greulicher Wicht,

griesiges, grämiges Galgengesicht,

packe dich, trolle dich, schäbiger Wicht!


Gebärde des Hinausfegens.


GRETEL.

So recht! Und willst du nun nicht mehr klagen,

so will ich dir auch ein Geheimnis sagen.

HÄNSEL.

Ein Geheimnis? Wird wohl was Rechtes sein!

GRETEL.

Ja, hör nur, Brüderchen, darfst dich schon freun!


Holt den Milchtopf herunter.


Guck her in den Topf. Milch ist darin,

die schenkte uns heute die Nachbarin.

Die Mutter kocht uns, kommt sie nach Haus,

gewiß einen leckeren Reisbrei daraus.

HÄNSEL jubelnd.

Reisbrei! Hei!

Reisbrei, Reisbrei, herrlicher Brei!

Gibt's Reisbrei, da ist Hänsel dabei!

Wie dick ist der Rahm auf der Milch? Laß schmecken!


Nascht mit dem Finger.


Herrjemine, den möcht ich ganz verschlecken!

GRETEL.

Wie, Hänsel, naschen? Schämst du dich nicht?

Fort mit den Fingern, du naschhafter Wicht!


Gibt ihm eins auf die Finger und stellt den Topf auf den Tisch.
[17]

Und jetzt an die Arbeit zurück, geschwind,

daß wir beizeiten fertig sind!

Kommt Mutter heim und wir taten nicht recht,

Dann, weißt du, geht es den Faulpelzen schlecht!

HÄNSEL.

Arbeiten? Wo denkst du hin?

Danach steht mir nicht der Sinn.

Immer mich plagen fällt mir nicht ein,

jetzt laß uns tanzen und fröhlich sein!

GRETEL entzückt.

Tanzen? Das wär' auch mir eine Lust!

Dazu ein Liedchen aus froher Brust!

Was uns die Muhme gelehrt zu singen:

Tanzliedchen soll jetzt lustig erklingen!


Klatscht in die Hände.


Brüderchen, komm, tanz mit mir,

beide Händchen reich ich dir,

einmal hin, einmal her,

rund herum, es ist nicht schwer!

HÄNSEL versucht's, jedoch ungeschickt.

Tanzen soll ich armer Wicht,

Schwesterchen, und kann es nicht!

Darum zeig mir, wie es Brauch,

daß ich tanzen lerne auch!

GRETEL.

Mit den Füßchen tapp tapp tapp,

mit den Händchen klapp klapp klapp,

einmal hin, einmal her,

rund herum, es ist nicht schwer!

HÄNSEL.

Mit den Füßchen tapp tapp tapp,

mit den Händchen klapp klapp klapp,[18]

einmal hin, einmal her,

'rum, es ist nicht schwer!

GRETEL.

Ei, das hast du gut gemacht,

ei, das hätt' ich nicht gedacht!

Seht mir doch den Hänsel an,

wie der tanzen lernen kann!


Klatscht fröhlich in die Hände.


Mit dem Köpfchen nick nick nick,

mit dem Fingerchen tick tick tick,

einmal hin, einmal her,

rund herum, es ist nicht schwer!

HÄNSEL.

Mit dem Köpfchen nick nick nick,

mit dem Fingerchen tick tick tick,

einmal hin, einmal her,

'rum, es ist nicht schwer!

GRETEL.

Brüderchen, nun gib mal acht,

Was die Gretel weiter macht!

Laß uns Arm in Arm verschränken,

unsre Schrittchen paarweis lenken! – Komm! –

BEIDE.

Ich liebe Tanz und Fröhlichkeit

und bin nicht gern allein;

ich bin kein Freund von Traurigkeit,

und fröhlich will ich sein.

GRETEL umtanzt ihn und gibt ihm einen Stoß.

Tralala, tralala, tralala la la,

drehe dich herum, mein lieber Hänsel,

dreh dich doch herum, mein lieber Hans!

Komm her zu mir, komm her zu mir,

zum Ringelreigentanz![19]

HÄNSEL barsch.

Geh weg von mir, geh weg von mir,

ich bin der stolze Hans!

Mit kleinen Mädchen tanz ich nicht,

das ist mir viel zu dumm!

GRETEL.

Geh, stolzer Hans, geh, dummer Hans,

ich krieg dich doch herum!


Umtanzt Hänsel.


Tralala, tralala, tralala la la,

drehe dich herum, mein lieber Hänsel,

dreh dich doch herum, mein lieber Hans!

HÄNSEL.

Ach Schwesterlein, ach Gretelein,

Du hast im Strumpf ein Loch!

GRETEL.

Ach Brüderlein, ach Hänselein,

Du willst mich hänseln noch?

Mit bösen Buben tanz ich nicht,

das wär' mir viel zu dumm!

HÄNSEL.

Nicht böse sein, lieb Schwesterlein,

Ich krieg dich doch herum!

GRETEL.

Tanz lustig, heißa, lustig tanz,

laß dich's nicht gereu'n!

Und ist der Strumpf auch nicht mehr ganz,

die Mutter strickt dir 'n neu'n!

Tralala, tralala usw.

HÄNSEL.

Tanz lustig, heißa, lustig tanz,

laß dich's nicht gereu'n!

Und ist der Schuh auch nicht mehr ganz,

der Schuster flickt dir 'n neu'n!

Tralala, tralala usw.


Sie fassen sich bei den Händen und drehen sich immer schneller im Kreise, bis sie schließlich das Gleichgewicht verlieren und übereinander auf den Boden hinpurzeln. In diesem Augenblick geht die Türe auf, die Mutter wird sichtbar, worauf die Kinder schnell vom Boden aufspringen und auf ihre Plätze eilen.


Quelle:
Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel, von Adelheid Wette, Stuttgart 1981, S. 15-20.
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