Dritte Szene

[22] Man hört eine Stimme von weitem.


DER VATER.

Rallalala, rallalala,

heisa Mutter, ich bin da!

Rallalala, rallalala,

bringe Glück und Gloria!


Etwas näher.


Ach, wir armen, armen Leute!

Alle Tage so wie heute:

In dem Beutel ein großes Loch

und im Magen ein größ'res noch –

Rallalala, rallalala,

Hunger ist der beste Koch!


Am Fenster wird der Kopf des Vaters sichtbar, der während des Folgenden in angeheitertem Zustande mit einem Kober auf dem Rücken in die Stube tritt.


Ja, ihr Reichen könnt euch laben,

wir, die nichts zu essen haben,

nagen, ach, die ganze Woch',

sieben Tag' an einem Knoch'!

Rallalala, rallalala,

Hunger ist der beste Koch!

Ach, wir sind ja gern zufrieden;

denn das Glück ist so verschieden,

aber, aber wahr ist's doch:

Armut ist ein schweres Joch!

Rallalala, rallalala –

Hunger ist der beste Koch!


[22] Er setzt seinen Kober nieder.


Ja, ja, der Hunger kocht schon gut,

sofern er kommandieren tut.

Allein was nützt der Kommandeur,

fehlt euch im Topf die Zubehör?

Rallalala, rallala!

Kümmel ist mein Leiblikör!

Rallalala, rallalala!

Mutter, schau, was ich bescher!


Gibt ihr einen derben Schmatz.


MUTTER sich die Augen reibend.

Hoho! –

Wer spek – spektakelt mir da im Haus

und rallalakelt aus dem Schlaf mich heraus?

VATER lallend.

I wo! –

Das tolle Tier,

im Magen hier,

das bellte so, das glaube mir!

Rallalala, rallalala,

Hunger ist ein tolles Tier,

Rallalala, rallalala,

beißt und kratzt, das glaube mir!

MUTTER.

So, so!

Das tolle Tier,

es ist wohl schier

stark angezecht – das glaube mir!

VATER.

Nun ja –! 's war heut' ein heiterer Tag,

fandst du nicht auch, lieb Weib?

MUTTER ärgerlich.

Ach geh! du weißt, nicht leiden mag

ich Wirtshaus-Zeitvertreib!

VATER zu seinem Kober sich wendend.

Auch gut! So sehen wir, wenn's beliebt,

was es für heut' zu schmausen gibt.

MUTTER.

Höchst einfach ist das Speisregister,

der Abendschmaus – zum Henker ist er!

Teller leer,

Keller leer,

und im Beutel ist gar nichts mehr.

VATER.

Rallalala, rallalala,

lustig, Mutter, bin auch noch da![23]

Rallalala, rallalala,

bringe Glück und Gloria!


Nimmt den Kober und kramt aus.


Schau, Mutter!

Wie gefällt dir dies Futter?

MUTTER.

Mann, was seh ich? Speck und Butter!

Mehl und Würste ... vierzehn Eier –

– Mann! Sie sind jetzunder teuer! –

Bohnen, Zwiebeln und – herrje!

Gar ein viertel Pfund Kaffee!

VATER kehrt den Kober vollends um. Ein Haufen Kartoffeln rollt zur Erde. Beide fassen sich am Arm und tanzen in der Stube umher.

Rallalala, hopsassa!

Heute woll'n wir lustig sein!

Ja, hör nur, Mütterchen, wie's geschah!


Die Mutter kramt die Sachen in den Schrank ein, macht Feuer im Herd an, schlägt Eier in eine Schüssel, kocht Kaffee usw. Der Vater setzt sich.


Drüben hinterm Herrenwald

da gibt's prächt'ge Feste bald:

Kirmes, Hochzeit, Jubiläum,

Böllergeknall und groß Tedeum.

Mein Geschäft kommt nun zur Blüte,

dessen froh sei dein Gemüte!

Wer will feine Feste feiern,

der muß kehren, schrubben und scheuern.

Bot drum meine Waren aus,

zog damit von Haus zu Haus:

»Kauft Besen! Gute Feger!

Feine Bürsten! Spinnejäger!«

Sieh, da verkauft' ich massenweise

meine Waren zu dem höchsten Preise! –

Schnell nun her mit Topf und Pfanne,

her mit Schüssel, Kessel und Kanne!


Er stößt geräuschvoll einige blecherne Gefäße vom Herde hinunter.


BEIDE.

Vivat hoch die Besenbinder!

VATER setzt die Kümmelflasche an den Mund, hält jedoch plötzlich inne.

Doch halt – wo bleiben die Kinder?

Hänsel! Gretel! – Wo steckt der Hans?[24]

MUTTER zuckt verlegen die Achseln.

Wo er steckt? Ja, wüßte man's!

Doch das weiß ich klar wie Tag,

daß der Topf zu Scherben brach.

VATER zornig.

Was? der neue Topf entzwei?

MUTTER.

Und am Boden quoll der Brei!

VATER mit der Faust auf den Tisch schlagend.

Donnerkeil! So haben die Rangen

wieder Unfug angefangen?

MUTTER.

Unfug viel und Arbeit keine

hatten sie getrieben hier alleine;

hörte schon draußen sie johlen,

hopsen und springen wie wilde Fohlen,

na, da wußt' ich nicht, wo mir stand der Kopf,

und vor Zorn –

VATER.

– zerbrach der Topf.


Lacht aus vollem Halse, die Mutter stimmt ein.


Na, Zornmütterchen, nimm mir's nicht krumm,

solche Zorntöpfe find ich recht dumm!

Doch sag, wo mögen die Kinderchen sein?

MUTTER schnippisch.

Meinethalben am Ilsenstein!

VATER erschrocken.

Am Ilsenstein? – Ei, juckt dich das Fell?


Nimmt einen Besen von der Wand.


MUTTER.

Den Besen laß nur an seiner Stell.

VATER läßt den Besen fallen und ringt die Hände.

Wenn sie sich verirrten im Walde dort,

in der Nacht, ohne Stern und Mond!

MUTTER betroffen.

O Himmel!

VATER.

Kennst du nicht den schauerlich düstern Ort?

Weißt nicht, daß die Böse dort wohnt?

MUTTER.

Die Böse? Wen meinst du?

VATER mit geheimnisvollem Nachdruck.

Die Knusperhexe!

MUTTER fährt zusammen.

Die Knusperhexe! –


Zurückweichend, da der Vater den Besen wieder aufnimmt.


Mein! Sag doch, was soll denn der Besen?

VATER.

Der Besen! Der Besen![25]

Was macht man damit? Was macht man damit?

Es reiten drauf, es reiten drauf

die Hexen!

Eine Hex', steinalt,

haust tief im Wald,

vom Teufel selber hat sie Gewalt!

Um Mitternacht,

wenn niemand wacht,

dann reitet sie aus zur Hexenjagd.

Zum Schornstein hinaus,

auf dem Besen, o Graus,

über Berg und Kluft,

über Tal und Schluft,

durch Nebelduft,

im Sturm durch die Luft:

Ja so reiten, ja so reiten,

juchheißa, die Hexen!

MUTTER.

Entsetzlich! – Doch die Knusperhex'?

VATER.

Ja, bei Tag, o Graus:

zum Hexenschmaus

im Knisper-Knasper-Knusperhaus

die Kinderlein,

Armsünderlein,

mit Zauberkuchen lockt sie hinein.

Doch übelgesinnt

ergreift sie geschwind

das arme Kuchen knuspernde Kind.

In den Ofen hitzhell,

schiebt's die Hexe blitzschnell,

dann kommen zur Stell,

gebräunet das Fell,

aus dem Ofen, aus dem Ofen:

die Lebkuchenkinder!

MUTTER.

Und die Lebkuchenkinder?

VATER.

Sie werden gefressen!

MUTTER.

Von der Hexe?

VATER.

Von der Hexe!

MUTTER händeringend.

O Graus!

Hilf, Himmel! Die Kinder! Ich halt's nicht mehr aus!


Rennt aus dem Hause.
[26]

VATER nimmt die Kümmelflasche vom Tisch.

He, Alte, wart doch! Nimm mich mit!

Wir wollen ja beide zum Hexenritt!


Eilt ihr nach. Der Vorhang fällt schnell.



Überleitung zum zweiten Bild

Der Hexenritt


Quelle:
Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel, von Adelheid Wette, Stuttgart 1981, S. 22-27.
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