Zweites Buch

[51] Der ehrliche treuherzige Magister MEDARDUS war gegenwärtig der Besitzer dieser einsamen ländlichen Wohnung – ein Mann, der alle Menschen Brüder nennte und als Brüder behandelte, der ärmste und doch der freygebigste gastfreyeste Seelenhirte des ganzen Landes, der mit Unglück und Gefahren gekämpft hatte und noch täglich von ihnen herausgefodert wurde, sieben lebendige Kinder besaß und eine Vorsehung glaubte.

Zween Unglückliche bedürfen keiner Mittelsperson, in Bekanntschaft oder Vertraulichkeit zu gerathen: bey dem guten Medardus war sie noch viel weniger nöthig. Ein Krug voll Apfelwein, das sein täglicher und liebster Trank war, vertrat die Stelle derselben und wurde häufig unter beiden gewechselt; Belphegor klagte und jammerte dabey über den Neid und die Unterdrückung der Menschen, und Medardus ermahnte ihn, mit der Welt zufrieden zu seyn, so lange es noch Apfelwein und eine Vorsicht gebe.

Brüderchen, iß und trink heute noch! Morgen ists vorbey; morgen muß ich fort, sprach er. –

Morgen fort! warum das? –

Die Leute sind böse darauf, daß mir mein Apfelwein[51] so gut schmeckt. Du weißt, Brüderchen, daß Bauernkrieg ist –

Ja, leider weis ichs! unterbrach ihn sein Gast mit einem tiefen Seufzer. Ja, Freund, der unglückliche Belphegor –

Was? Bist du Belphegor, Brüderchen? der Belphegor, der dem Richter die weiße Knotenperücke schüttelte? – Du bist ein braves Kerlchen! Der brave Belphegor soll leben! – und dabey that er einen herzhaften Schluck. – Siehst du, Brüderchen? die Bauern haben Unrecht behalten, das weißt du! Ich bin einer von ihren Pfarrern; morgen muß ich fort. –

Aber was hat denn der Pfarrer mit dem Baurenkriege zu schaffen? –

Je, Närrchen, ich habe ein Wörtchen fallen lassen – nicht viel! gar nicht viel! darüber sind sie böse geworden; und weil sie denken, sie könnens, so plagen sie mich so lange, bis ich fortgehe. Meine Kinder sind versorgt; mein Apfelwein ist diesen Abend alle; und morgen geht die Reise fort. Die Vorsicht ist überall. Meine Frau ist vor Kummer gestorben – Hier hielt er schluchzend inne: sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf: aber die Vorsicht lebt noch, sezte er ruhig hinzu. – Es war eine herzensgute Frau – er weinte – gar ein goldnes Weibchen – er weinte noch mehr. – Da, Brüderchen! fuhr er auf einmal auf, indem die Thränen noch über sein erheitertes Gesicht herabliefen – da Brüderchen! Ihr Andenken! – und brachte ihm den Krug zu. –[52]

Ach Akante! du grausame Akante! rief Belphegor, indem er den Krug dem Munde näherte.

Brüderchen, ist das deine Frau? rief Medardus. –

Nein! aber– kennst du das grausame Felsenherz? –

»O, Närrchen, mehr als zu wohl! Ich habe als Jesuiterschüler dreyhundert wohlschmeckende Hiebe um ihrentwillen bekommen –

Um Akantens willen? Auch da war sie schon eine Wölfinn? –

O, Kind, sie war schön! tausendmal schöner als meine Frau, aber nicht den hunderttausendmaltausendsten Theil so gut; so gut kann aber auch keine auf der Welt seyn, als das liebe Weib.« – Die Thränen stunden schon wieder in den Augen, und der Ton wurde weinerlich. – Ihr Andenken, Brüderchen! sagte er frölich und trank. – Hui! fuhr er fort, also kennst du Akanten, Brüderchen? –

Und meine Hüfte noch mehr! die Barbarinn! Sie ist die Urheberinn alles meines Unglücks, sagte Belphegor.

Und auch des meinigen! fiel ihm Medardus ins Wort. Dreyhundert gute gesunde Hiebe brachte sie mir zuwege. Sie gefiel mir, und ich ihr, und zwar mehr als mein Lehrer, der ihr mit aller Gewalt gefallen wollte. Siehst du, Kind? das machte ihm die Leber warm; weil er der Stärkre war, so durfte ich ihm mei nen Rücken nicht verweigern; ich bekam zu Heilung meiner Liebe dreyhundert baare Hiebe und wurde in ein Kloster gesteckt. Wir erhielten darinne zuweilen heimliche[53] Besuche von etlichen artigen Puppen, die uns die Einsamkeit erleichtern sollten: bey meiner Schlafmütze! ich war so unschuldig, wie ein Sechswochenkind: ich hatte nichts Böses im Sinne und konnte auch nicht: purer Naturtrieb! die Kinderchen gefielen mir, es war mir wohl, wenn ich bey ihnen war, und schlimm, wenn ich sie entbehren mußte. Auch mir waren sie herzlich gut, und die übrigen Schlucker bekamen kaum einen Kuß, wenn ich schon sechse zum voraus hatte. Siehst du, Brüderchen? Sie wurden neidisch: Bruder Paskal versteckte sich, und da ich im Dunkeln vor ihm vorbeygehe, faßt er mich bey den Ohren und will mir beide Ohren abschneiden, aber das Messer war zu stumpf; so kam ich mit einem hübschen langen Schnitte davon, den ich wieder zuheilen ließ. Damit war aber der Groll nicht vorüber: wenn ich nur einen Blick mehr bekam als ein andrer, so mußte ich leiden; und ob ich gleich izt mit ihnen nur in gleichem Schritte gieng, so blieben sie mir doch feind und suchten alle Gelegenheit, mir zu schaden, mich zu verfolgen. Einige beschlossen, mich zu entmannen, doch Bruder Paolo widersezte sich ihrem Anschlage. Er konnte an sich selbst abnehmen, wie schrecklich ein solcher Zustand seyn müßte. Aus christlichem Mitleiden empfahl er seinen Mitbrüdern in einer zierlichen Rede die Barmherzigkeit, als eine der Kardinaltugenden, und beredete sie, mir lieber, um ihr Gewissen vor Grausamkeit zu bewahren, im Schlafe alle Flechsen am ganzen Leibe zu zerschneiden. Zum Glücke[54] erfuhr ich diesen schönen Plan, als er eben geschmiedet wurde, und ehe sie ihn ausführen konnten, war ich unsichtbar.

Ich änderte Land und Religion zugleich und studirte. Siehst du, Brüderchen? nun gieng eine neue Noth an. Der Superintendent * * * hatte viel Liebe für mich; er erhielt mich und war auf eine Versorgung für mich bedacht. Indessen bekam auch die Mätresse ° ° eine kleine Liebe für mich; es lag ihr an weiter nichts als einen Hofprediger zu haben, der IHR alles zu danken hätte und ihr darum aus Dankbarkeit das Wort reden müßte; in kurzem war ich Hofprediger, ohne daß vorher jemals einer gewesen war. Nun war alles wider mich; alles was ich sagte, war heterodox, alles Irrlehren, ich war ein dummer unwissender unwürdiger Mann, ob sie sich gleich alle vorher über meine Wissenschaft gewundert hatten, meine Sitten, mein Betragen war unanständig, man streute die ärgerlichsten Erzählungen von meinem ehmaligen Wandel aus, ob ich gleich von einem jeden meiner Neider und vormaligen Patrone schriftliche und mündliche Zeugnisse für mich hatte, die mich wegen meiner Aufführung als ein Muster lobten und priesen. Ich wurde von Tage zu Tage verhaßter: die Beschuldigungen von Irrthümern wurden immer häufiger und angreifender, daß ich endlich aufgefodert wurde, mich in einer öffentlichen Unterredung zu rechtfertigen. Ich mußte darein willigen, oder mich meinen Feinden überwunden geben. Meine Gegner fochten, wie Seeräuber;[55] alles verdrehten sie, sie schrieen auf mich los, um mich aus der Fassung zu bringen, und der Superintendent, der nicht sonderlich frisch Latein reden und auch nicht sonderlich frisch denken konnte, hustete, stotterte, wußte nichts zu sagen, und gab mir endlich mit der geläufigsten Zunge von der Welt alle Ketzernamen, die er aus Rechenbergs Kompendium gelernt hatte. Quid volumus plus? sagte er; ut finiamus controversiam, er ist ein Pelagianer, Samosatenianer, Cerinthianer, Nestorianer, Eunomianer, Arrianer, Socinianer, Eutychianer; und alle stimmten in einem Tutti zusammen: -aner, -aner, -aner! – Ich versammelte die Kräfte meiner Lunge und bombardirte, da sie erschöpft waren, mit einem solchen Schwalle Jesuitenlatein auf sie los, daß sie schwizten, stammelten und bestürzt sich umsahen. Meine Beförderinn und Beschützerinn, die dem Wettstreite in eigner Person beywohnte, nüzte diesen günstigen Zeitpunkt, erhub ein lautes Gelächter, alle Damen und Herren hinter drein, denen endlich das ganze anwesende Publikum beytrat, meine Gegner wurden ganz außer sich gesezt, und konnten kein Wort hervorbringen, weil jedes, das sie versuchten, durch ein neues Gelächter erstickt wurde. Der Sieg war mein; ich hatte bey jedermann Recht. Siehst du, Brüderchen? ich hatte Recht, weil ich die Oberhand hatte.

Meinen Feinden blieb die Leber lange warm: meine Beschützerinn fiel in Ungnade. Siehst du, Brüderchen? nun kam die Reihe an MICH, Unrecht zu haben. Sie[56] untergruben mich heimlich auf die listigste Weise, und ehe ichs dachte, ward mein Amt wieder aufgehoben, und ich in eine andre Stelle versezt, wo die christliche Gemeine so klein war, daß meine Heterodoxie nicht viele verführen konnte. Siehst du, Brüderchen? izt hatte ich bey jedermann Unrecht, weil ich unten lag: aber eben deswegen wurden der Superintendent und alle meine vorigen Gegner allmählich meine guten Freunde, und ich war in ihren Augen wieder so orthodox, als ein symbolisches Buch.

Bald darauf wurde Krieg, und ich Feldprediger. Mein Kollege war mir behülflich dazu und außerordentlich gewogen: aber wenige hörten ihn gern, und alle verlangten mich; wer es Umgang haben konnte, vermied seine Predigten, und in meine kamen sie haufenweise. Siehst du, Brüderchen? die Freundschaft war aus; und er wurde mir gar feind, als ich einen gewissen Fromal zum Tode bereiten mußte –

Was? fuhr Belphegor auf, einen gewissen Fromal zum Tode bereiten mußte! Ist Fromal todt? –

Er sollte gehängt werden, aber er kam gelinde davon; er wurde nur mit nackten Rücken um das ganze Lager, bey Trommeln und Pfeifen, herumgeführt, und bekam alle zehn Schritte sechs Ruthenstreiche.

Fromal! mein Freund! schrie Belphegor, was hatte er denn gethan? Verdient kann er eine solche schimpfliche Strafe nicht haben. –

Er wurde für einen Spion gehalten: aber siehst du,[57] Brüderchen? ICH kam am schlimmsten dabey an. Fromal hatte mich ausdrücklich verlangt, ob es gleich meinem Kollegen zugekommen wäre; dadurch wurde der alte Haß wieder aufgerührt. Mit der Orthodoxie konnte er nichts ausrichten, wenn er mir gleich alle Ketzereyen auf den Kopf hätte schuld geben wollen. Er machte mich also auf einer andern Seite verdächtig; er klagte mich heimlich bey allen Offizieren eines großen Eifers für die feindliche Parthey an, und überredete sie, daß mich nichts als die Furcht vor der Schande abhielt, sonst würde ich zu ihr übergehn und selbst mit ihr fechten: er machte es ihnen sogar wahrscheinlich, daß ich über einem solchen Anschlage brütete. In kurzem kam es dahin, daß jedermann meine Predigten so ungern hörte, als die seinigen; er genoß wegen seiner Entdeckung ein wenig Achtung mehr als ich; und wir waren wieder herzensgute Freunde. – Siehst du, Brüderchen? wird dir die Zeit etwa lang? – Siehst du? wer zu mir kömmt, muß einen Krug Apfelwein mit mir trinken und meine Geschichte hören; sonst laß ich ihn nicht von mir. – Da! Freund Fromal soll leben! –

Die großen Herren machten Friede, und bey mir gieng der Krieg an. Ich sollte zu einer ansehnlichen Stelle erhoben werden, und meine Patrone machten alle Anstalt dazu. Gleich war ich wieder ein Irrgläubiger; alles an mir, bis auf die Schuhschnallen, war heterodox. Ich mußte mich lange herumtummeln und richtete doch nichts aus. Ich behielt Unrecht: denn ich lag unter.[58] Siehst du, Brüderchen? Ich mußte vorlieb nehmen, was sie mir gaben: die mich vorher, als ich über sie wollte, haßten und verfolgten, thaten mir izt Gutes – was ich bey meiner Einnahme sehr brauchte – recht viel Gutes, weil ich unter ihnen war.

In diesem Aemtchen nahm ich meine verstorbne Frau. – Die Thränen standen ihm schon in den Augen, als er sie nur nennte; und er fuhr schluchzend fort: Ach, Brüderchen, das beste Weibchen unter der Sonne! Ich möchte heute noch sterben, um sie wiederzusehn: sie war so gut! so treuherzig! wahrhaftig, ich bin nur ein Schurke gegen sie. Daß doch die guten Leute so frühzeitig sterben! das herzeliebe Weib! – Hier brach er in eine Fluth von Thränen aus, die nicht in Tropfen sondern in Einem Gusse über die Backen herabschossen. Der Strom war noch in vollem Laufe, als der ganze Horizont seines Gesichts sich schon wieder aufklärte. Ihr ewiges Andenken, Brüderchen! rief er mit thränenvollen Backen und frölicher Mine, und trank.

O Akante, murmelte Belphegor, könnte ich so dein Andenken bey mir erneuern! Aber, du undankbare Schlange – –

Brüderchen, das Herze springt mir, wie ein Lamm, wenn ich nur an einen Buchstaben von ihrem Namen denke. – Die Thränen ergossen sich von neuem. – Kein Wunder, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, daß ich um ihrentwillen so viel ausstehn mußte! Mein benachbarter Amtsbruder hatte schon lange um sie[59] geworben, und nun nahm ich ihm Hoffnung und Frau auf einmal weg. Er wurde neidisch; er schwärzte mich bey unserm Superintendenten an, und machte mich abermals zum Ketzer. Meine päbstlichen jesuitischen Meinungen sollten mir noch anhängen; tausend Ungereimtheiten dichtete er mir an, an die ich niemals gedacht hatte. Siehst du, Brüderchen? ich sollte in Untersuchung kommen; es geschah auch. Ich focht mich ritterlich durch, oder vielmehr der Superintendent half mir durch, weil er ein Feind vom Präsidenten war, und meine Gegner diesen auf ihre Seite gebracht hatten, weswegen jener gleich zu meiner übergieng, um nur den Mann zu überstimmen, den er tödtlich haßte, weil er Präsident und eine ganze Stufe über ihn war.

Aber, Brüderchen, es war doch nicht zu dulden: ich wurde auch bey meiner Gemeine wegen großer Irrlehren verdächtig gemacht; ich nahm kurz weg meine Partie, bewarb mich um ein ander Amt und kam hieher. Meine gute Frau ließ ich hier begraben; siehst du, Brüderchen? hier in der Ecke starb sie – – – sieben Kinder – – – er stockte vor Wehmuth. – Doch die Vorsicht lebt noch, fuhr er erheitert fort, meine Kinder sind versorgt: morgen wandre ich fort: meine Möbeln sind voraus. – Siehst du, Brüderchen? wie ich dir sagte, ich ließ ein Wörtchen zu viel fallen; und ich bin geplagt worden! ich bin geplagt worden! Ich dachte, lange sollt ihr mich nicht plagen; ich fand ein andres Aemtchen, und so lebt wohl! Morgen geh ich; aber trink, Brüderchen![60] der Apfelwein muß heute alle werden. – Ich habe erzählt; nun, Brüderchen, erzähle du! Willst du mit mir, so steht dir mein künftiges Haus offen. Nu, erzähle! –

Belphegor erzählte ihm darauf seine ganze tragische Geschichte von Akantens unbarmherziger Verweisung bis zu seiner Einquartirung zwischen Himmel und Erden. Den Beschluß machte eine klägliche Apostrophe an Akanten, die er ein Demantherz, einen Feuerstein, eine Tigerinn, Löwinn schimpfte, und versprach ihr als ein ehrlicher Mann, sie von Herzen zu hassen, und wenn es seyn könnte, gar zu vergessen.

Des Morgens darauf wanderte Medardus mit Belphegorn aus, um ihre Reise bis an den Ort zusammen zu thun, wo jener sein neues Amt antreten sollte. Belphegor gieng mit schwerem Herzen und traurigen Ahndungen wieder in die offne Welt aus, und würde vermuthlich noch tausendmal unmuthiger diese Ausflucht unternommen haben, wenn er nicht einen so wohlmeinenden gutherzigen Freund an seinem Begleiter gehabt hätte. Medardus nahm von der Wohnung und dem Orte, wo er sein Liebstes zurückließ, mit den weichmüthigsten Thränen Abschied, und ehe er noch ausgeweint hatte, kehrte er sich um, faßte seinen Reisegefährten bey der Hand und sagte mit lebhafter Frölichkeit zu ihm, als er seine verstörte Mine erblickte: Brüderchen, sey gutes Muthes! Die Vorsicht ist überall. –[61]

Aber auch die Welt! unterbrach ihn Belphegor. O Fromal! daß du Recht hattest, als du mich lehrtest, überall sey Krieg. Ich, Elender, trage die traurigsten Beweise, daß du die Wahrheit sagtest: doch dies sollen die lezten seyn. – Freund, rief er, indem er den Medardus hastig ergriff, Freund, wo ich bey den häßlichsten Ungerechtigkeiten mehr als mitleidiger traurender Zuschauer bin, wo ich nur Ein strafendes Wort über meine Lippen kommen lasse, so löse, reiße, schneide, senge mir meine Zunge von der Wurzel aus, wie du willst! Mag die ganze Erde sich um mich in Faktionen zertheilen und sich um das elendeste Nichts, um Seifenblasen herumschlagen– ich schweige, ich hülle mich nach deinem Rathe, Fromal, in die dickste Unempfindlichkeit und – sehe zu.

Ja, Brüderchen, sagte Medardus, ich lasse auch gewiß kein Wörtchen wieder fallen, und wenn die Stärkern die Schwächern lebendig äßen. –

Ihr Weg war viele Tagereisen lang, deren Anzahl um so viel stärker wurde, da sie jeden Tag nur langsam ein Paar Meilen fortgiengen. Bey ihrer zweiten Einkehr fanden sie einen heftigen Krieg in dem Wirthshause, der einen großen Trupp Zuschauer herbeygelockt hatte. Ein Mann von ehrbarem Ansehn mishandelte einen Juden auf das härteste, dem er unaufhörliche Vorwürfe machte, aus welchen man schließen konnte, daß ihn der Hebräer betrogen haben mußte.

Freund, zischelte Belphegor seinem Gefährten leise[62] ins Ohr, siehe! wo der Mensch nicht mit Gewalt unterdrücken kann, da unterdrückt er mit List, da betriegt er. Immer Mensch wider Menschen! –

Als der thätlichste Theil des Streits vorüber war, ließ sich der Zorn in Worte aus: man legte die Waffen nieder und kehrte sich zu einem mündlichen Prozesse.

Der Mann, der den Juden mishandelte, war der Statthalter und Justizpfleger des Orts. Nachdem er dem Israeliten, der izt mit den empfangenen Schlägen noch zu viel zu thun hatte, um seine Einreden anders als in den Bart zu murmeln, seine Titel und Macht umständlich explicirt und ihm dabey begreiflich gemacht, daß, obwohln er anbefugter Maßen ihn mit härterer Strafe hätte belegen können, er doch sich nicht entbrochen habe, ihm die Ehre anzuthun und seinen Rücken in eigner hoher Person den tragenden Richterzepter empfinden zu lassen. Schließlichen sezte er hinzu, daß er aus Christenpflicht schon verbunden gewesen wäre, ihn für seine Betriegerey so kurz weg zu bestrafen, da er ohnehin so bettelarm wäre, daß es nicht die Mühe belohnte, ihn in der gehörigen Form zu bestrafen. – Du Hund von Juden! Du Betrieger! –

Was? rief der Jude mit seinem jüdischen Tone, hott der Herr nit mich zuerst betrogen? Hott er mir nit ä Pfärdel verkoft, ä Pfärdel, das war blind, das war steif, das hotte ein angeleimt Schwanz, das war nit zwä Thäller werth, und hobe gegäben dem Herrn, hobe gegäben[63] achzig Reichsthäller! achzig Reichsthäller, so wahr ich leb! –

Nachdem und alldieweiln du ein Jude bist, als kann dir mit einem solchen Traktamente nicht Unrecht geschehen. –

Nu, wohl! weil der Herr ä Christ ist, so dorf mirs der Herr nit übel nähm, daß ich ihn wieder betrieg: der Herr hott mich betrogen zuerst: wir sind beede Betrieger. –

Der Andre war wegen der großen Anzahl der Anwesenden etwas betroffen. – Ihr Christen, fuhr der Jude, der deswegen Herz schöpfte, in der nämlichen Sprache fort, ihr seyd saubere Leute; wenn ihr einen armen Juden anführt, so glaubt ihr, ihr habt noch so viel gethan; und wenn wir uns rächen, so bestraft ihr uns als Missethäter: ihr habt uns doch das Beispiel dazu gegeben. Ihr verachtet uns, als die elendesten Kreaturen, und wenn ihr Geld braucht, sind wir doch die liebsten schönsten Leute. Sind wir nicht Menschen? Wenn ihr immer an uns zapft, so müssen wir euch betriegen, um beständig voll zu seyn, wenn ihr zapfen wollt. –

Da er sahe, daß sein Gegner immer verschämter wurde, so wuchs sein Herz zusehends. Er drohte, ihn bey einem halben Dutzend Excellenzen und ein Paar Durchlauchten zu verklagen, die er insgesamt sehr genau, wie Brüder, kennen wollte, und doch weiter nicht, als jeder unter den Anwesenden – dem Namen nach kannte; und da er in der größten Hitze seinen Gegner zur Thür[64] hinausgedonnert hatte, so wandte er sich mit ruhiger Höflichkeit zu Belphegorn: hat der Herr nicks zu schackern? zu schackern? fragte er und nannte ihm eine Menge Materialien her, mit welchen er zu schackern wünschte: da er aber keine Antwort erhielt, so that er an andre noch etlichemal ähnliche vergebliche Anfragen und begab sich fort.

Belphegor, der eine Heldenstärke gebraucht hatte, um seine Zunge und seinen Unwillen zurückzuhalten, faßte seinen Freund bey dem Arme und bat ihn, mit ihm an die frische Luft zu gehn. – O, rief er, als sie in einem kleinen Baumgarten angelangt waren, und schlug mit Bewegung die Hände zusammen – ist das der Mensch, der edle, freundschaftliche, gesellige Mensch, dies empfindende, denkende, mitleidige Thier, wie ich mir ihn sonst abmahlte? So viel ich ihrer bis hieher gesehn habe, alle waren Raubthiere; alle laurten auf einander, sich mit List oder Gewalt zu schaden: einer war, wo nicht der Feind des andern, doch nur so lange sein Freund, als er unter ihm war, und gleich weniger, so bald er über ihn stieg: alles misbrauchte seine Stärke zur Unterdrückung. Bedenke, wie ungerecht war dieser Mann, einen Elenden zu mishandeln, weil er zu einer Nation gehörte, die wir zum Ziele unsrer Verachtung und Eigennützigkeit hingestellt haben: die wir gezwungen haben, Betrieger zu werden, weil wir ihnen alle Mittel abschneiden, ehrlich sich zu erhalten, weil wir sie zu einer Geldquelle bestimmen, aus welcher jedermann[65] schöpfen will, und verlangen, daß sie nie versiegen soll. –

Siehst du, Brüderchen? antwortete ihm Medardus, das ist immer so gewesen. Die Christen, die sich über alle Völker des Erdbodens, über die weisesten Griechen und Römer erhoben haben, weil diese kein Wort von der Nächstenliebe sagen – die barmherzigen, sanftmüthigen Christen, die es bis auf diese Stunde den Heiden vorwerfen, daß sie ihren Feinden nicht, wie Theaterhelden, großmüthig vergaben, sondern Beleidigungen auf der Stelle ahndeten – diese Christen haben von jeher es für ihre heiligste Pflicht gehalten, die armen Hebräer zu peinigen, zu quälen, auszusaugen, und noch izt, in unserm lichthellen Jahrhunderte sieht es ein großer Theil als eine Wohlthat an, diesem irrenden Volke menschlich zu begegnen. –

Die Nation hat sich freilich selbst unter die Würde der Menschheit herabgesezt –

Siehst du, Brüderchen? durch unsre Schuld! Wir schwatzen an allen Enden und Orten von Mitleid und edlen Empfindungen und hassen die armen Israeliten auf den Tod. WIR haben angefangen zu hassen; das kann ich ihnen nicht übel deuten, daß sie ein Geschlecht, das sie haßt, nicht lieben. Weil wir die Mächtigern waren, unterdrückten wir sie: da sie sich durch die Stärke nicht vertheidigen konnten, führten sie den Krieg mit uns durch Haß und Betrug. Jedes Menschengeschöpf ergreift zu seiner Selbstvertheidigung die Waffen, die es[66] erhaschen kann. Mit Schauern denke ich noch daran, Brüderchen; betrachte nur! Ein König von Frankreich trat einem Juden in höchst eigner Person einstmals seine Zähne aus, um Geld von ihm auszupressen, und ließ sich für die Operation eines jeden Zahns eine ungeheure Summe bezahlen. Man ließ die Juden Geld entrichten, weil sie Juden waren, und strafte sie um Geld, wenn sie Christen wurden. – Höre, Brüderchen, wie hieß denn der Graf – bey den Kreuzzügen? – Ach, Graf Emiko! Der Barbar ließ ihnen die Bäuche aufschneiden, ließ die armen Teufel vomiren, purgiren, um zu sehen, ob sie ein Paar elende Goldstücken in sich zurückgelegt hatten. Siehst du, Brüderchen? In Spanien ist kein Auto da Fe Gott angenehm, wenn nicht ein Jude dabey lodert; und am Ende sollen sie gar, wie die Aliden ihnen prophezeihn, auf den Türken, wie auf Eseln, in die Hölle traben. – Siehst du, Brüderchen? Ich liebe zuweilen so etwas aus der Historie: wenn wir nur ein Glas Apfelwein hier hätten, so wollt' ich dir manch Anekdotchen von der Art erzählen. –

Freund, ich habe genug! sagte Belphegor; ich habe genug gesehn und gehört, um zu wissen, daß Fromal, daß der kaltherzige Richter Recht hatten: es ist immer so gewesen, daß Menschen Menschen quälten, und der Stärkre den Schwächern zermalmte. – O könnte ich dem kalten Schneemanne die Zunge ausreißen, und dadurch machen, daß er eine Lüge gesagt hätte! – Traurig, höchsttraurig! wenn unsre hohe große Idee von[67] dem Menschen mit jedem Tage mehr zusammenschmilzt! und vielleicht zulezt gar nur ein verächtlicher Haufen Unrath übrig bleibt! Wie wohl war mir, Freund, da in der Einsamkeit meine geschäftige Fantasie und mein Herz aus allen moralischen Vollkommenheiten einen Koloß zusammensezten und ihn den Menschen nannten: ich dünkte mir selbst groß und erhaben, weil ich mein Geschlecht dafür hielt: meine ganze Aussicht war in mich selbst konzentrirt und – laß michs offenherzig gestehn! – ich sah nichts als Gutes, nichts als Liebenswürdiges. – Ein fantastischer Traum, aber wahrhaftig süß! Wenn ich izt ausgeträumt habe, wenn dies wachen heißt, so habe ich unendlich verloren, daß ich nicht mein ganzes Leben in dem Schooße der Einbildung verschlummerte: denn izt scheine ich mir selbst aus einem Kaukasus in einen Ameisenhaufen zusammengeschrumpft, und der Stolz auf die Menschheit liegt darunter begraben. – O Akante! Akante! wehe dir, daß du mich aus diesem engen Gesichtskreise in die weite Aussicht der Welt hinausstießest! – Wenn DU nicht wärest, Freund, – wo sollte alsdann meine Empfindung etwas finden, um sich anzuhängen; und wie öde ist ein Leben, wo unser Gefühl immer im Finstern herumtappt und nie einen Gegenstand erhascht, den es umarmen kann! – Er sprach dies mit einer affektvollen Bewegung. –

Siehst du, Brüderchen? tröstete ihn Medardus mit gutherzigem Ton – die Vorsicht lebt noch. Unglück[68] ist immer zu etwas gut: wenn du gleich in Millionen Stücken zerhauen und auf dem Roste geröstet wirst, das kann immer zu etwas gut seyn: DU weißt es nur nicht. – Wenn ich nur einen Krug Apfelwein hier hätte, so wollte ich dir schon Muth zutrinken. – Komm, Brüderchen, ich möchte doch wissen, was es für ein Mann ist, der den armen Juden um achzig Thaler so schändlich betrogen hat.

Sie kehrten in die Stube zurück, um darüber Erkundigung einzuziehn. Der Wirth bezeigte sich anfangs sehr zurückhaltend, als er sich aber sorgfältig umgesehn und keinen Belauscher bemerkt hatte, so schüttete er sein Herz gern aus und that ihnen zu wissen, daß dieser Mann der schändlichste Unterdrücker des Erdbodens sey. Wir armen Leute, sprach er, die wir unter seiner Gerichtspflege stehen, wir sind seine Schafe, denen er die Wolle abnimmt, so bald sie nur ein wenig gewachsen ist; und mannichmal fährt uns seine Scheere gar ins Fleisch, daß wir uns verbluten möchten. Er weis jede Kleinigkeit zu einem Verbrechen zu machen; und dann straft er! und wer nicht gar bis auf die Haut ausgezogen seyn will, der legt herzlich gern alle zehn Finger auf den Mund: jedermann giebt gern, so viel er verlangt, und schweigt, damit er nur nicht mehr als andre geben muß. Alle Rechte und Freiheiten, die wir so nach und nach durch die Länge der Zeit erlangt haben, Kleinigkeiten, die den Armen viel und den Reichen wenig helfen, macht er uns streitig, legt uns neue Bürden auf,[69] und weis allemal ein altes Recht vorzuschützen. Wenn wir uns beschweren wollten, so hälfe das zu weiter nichts, als daß er uns nun die Wolle ausraufte, da er sie izt abschiert. Er hält ein halbes Dutzend Spione, vor denen man nicht ein Wörtchen entwischen lassen darf, die zuweilen gar durch verfängliche Fragen etwas herauslocken wollen: man muß sich hüten! sonst findet er gleich eine Gelegenheit, daß man unter sein Messer fallen muß. Seine Spione werden immer häufiger: denn jeder denkt, sich das Geben zu erleichtern, wenn er ihm andre zum Plündern schafft: so muß ein ehrlicher Mann den Kummer und Aerger in sich nagen lassen und darf ihn nicht einmal jemandem anvertrauen, aus Furcht, er möchte an einen Falschen kommen und sich ihn nur noch vermehren. Den armen Juden hat er um achzig baare Thaler betrogen, oben drein noch ausgeprügelt, als ihn dieser wieder angeführt hatte: und mit Klagen richtet niemand etwas gegen ihn aus: er weis sich herauszuschwatzen – ich glaube, wenn er uns alle umbrächte. Wider den Stärkern ist keine Justiz. –

Hol der Teufel den Schurken! rief Belphegor und stampfte ergrimmt auf den Tisch. Komm, Freund! wir wollen ihm das verdammte Schelmenherz aus dem Leibe reißen! –

Ja, Brüderchen, ich möchte, daß ihm im Leben kein Tropfen Apfelwein mehr schmeckte! dem Bösewicht! – sprach Medardus und warf seinen Hut auf den Tisch.[70]

Gott! mir glüht meine Stirn bis zum Verbrennen, daß ich einen solchen Unterdrücker mit mir zu Einem Geschlechte rechnen soll. Komm, Freund, wir wollen ihn fühlen lassen. –

Närrchen, wir sind ja in seiner Gerichtspflege: Unterdrückern muß man nicht die Spitze bieten, sondern aus dem Wege gehn. Komm, Brüderchen! nicht eine Minute länger wollen wir die Luft hier athmen, sie möchte in seiner Lunge gewesen seyn.

Belphegorn fiel der Gehorsam schwer; aber er erinnerte sich seines Entschlusses und der Verwünschungen, die er auf die Brechung desselben gesezt hatte: er nahm also seinen Abschied und begnügte sich, seinem Zorne unterwegs durch Ergießungen gegen seinen Begleiter Luft zu machen.

Da die Tage heiß waren, so nüzten sie den kühlen Morgen, um sich mit ihrer Reise desto weniger zu ermüden. Eines Morgens langten sie bey einem Truppe nicht allzu hoher Erlensträuche an, die ein natürliches Kabinet bildeten, so einladend, daß man ohne Undankbarkeit nicht vorbeygehen zu können schien: sie sezten sich nieder. Kurz nach ihrer Niederlassung zeigte sich ihnen ein Frauenzimmer, das bey ihrer Annäherung einige Verlegenheit in der Mine verrieth, doch sich bald wieder faßte und unerschrocken auf sie zukam. Ohne die geringste Eingangsrede rief sie sogleich: Belphegor, ich komme nur, dir zu zeigen, daß du gerochen bist, dann will ich wieder in mein Elend zurückwandern.[71] Sieh mich ein einzigesmal an, und sage: ich bin gerochen! dann habe ich genug. –

Ach, um des Himmels willen! schrie Bephegor – Akante! Akante! O du Ungetreue! du Schamlose! du Verrätherinn! –

Ich verdiene diese Namen nicht, wenn du gerecht seyn willst. –

Verdienst sie nicht? – Du, die mich zur Thüre hinauswarf und meine Hüfte auf zween Tage lähmte? du, die mich dem Hohne preis gab und einem reichern Buhler in die Arme lief. –

Alles that ich, aber nur auf deines Freundes Befehl. Unglücklich warst du in der Wahl deiner Freunde, aber nicht deiner Geliebten. –

Welcher Freund, Ungeheuer? – denkst du mich durch eine schöne Fabel zu täuschen? –

Nein, das brauche ich nicht: die Wahrheit ist meine beste Schuzrede. Dein Freund, Fromal, der Arglistige hat unsre Liebe zerrissen und mich verleitet, die härteste Ungerechtigkeit an dir zu begehn. ER war der reichere Buhler, wie du ihn nennst, der mich aus deinen Armen empfieng. –

Unsinnige! du lügst! – Er, der mich tröstete, der mir mit der thätigsten Liebe beysprang, der mich mit Rath und Belehrung erquickte, während daß du am Fenster in der Umarmung meines Verdrängers, mit der unverzeihlichsten Frechheit meines Elendes spottetest! –[72]

Ich deiner spottete! Gewiß, dein Groll machte falsche Auslegungen. Mein Herz blutete mir, als ich dich so gewaltsam verabschieden mußte, und Schmerz und Reue nagten in mir, indessen daß mein Mund lächelte. –

O du Sirene! Hätte sich dein Herz lieber ganz verblutet, daß du mich mit einer solchen Erdichtung nicht hintergehn könntest! –

Ich schwöre dir, keine Erdichtung! Du warst arm; ich brauchte Geld: Fromal und ein Andrer boten sich mir zu gleicher Zeit an: beide gaben vor, reich zu seyn, oder waren es wirklich. Das schwache eigennützige Weiberherz! – willst du von dem Heldenthaten fodern? – Meine Liebe war leider! auf den Eigennuz gepfropft: sollte die Frucht besser seyn, als die Säfte, die ihr der Stamm zuführte? – Ich mußte mich von Dir trennen, oder voll Treue mit Dir verhungern. Fromal verlangte schlechterdings, dir einen so empfindlichen Abschied zu geben; was konnte ich thun? – Ich mußte mich zwingen, ihm zu gehorchen, oder ihn verlieren: der Wechsel war schrecklich: der Eigennuz drängte auf mich los, ich ließ mich überreden, ich verübte die Gewaltthätigkeit an dir, und wünschte sie, durch Reue ungeschehen machen zu können. Belphegor, in Thränen habe ich geschwommen, in den heißesten Thränen, wenn der Gedanke an meine Ungerechtigkeit in mich zurückkam. –

O wenn ich dir nur glauben dürfte! –[73]

Du mußt, wenn du nicht die Wahrheit verwerfen willst. – Ich wandte mich von dir zu dem Unglücklichen, der mit Fromaln dich verdrängte, und den dieser Barbar seiner Misgunst und Eifersucht aufopferte –

Unverschämte! wagst du auch die Ehre meines Freundes zu beschmeißen, Insekt? – Erdichtung! Geh! mein Freund –

– Hat ihn in meinem Schooße ermordet! Er, der gewissenlose Fromal hat ihn ermordet! – Lange wußte er nicht, daß ein Andrer meine Liebe mit ihm theilte: ich wäre auf der Stelle das Opfer seiner blutgierigen Eifersucht geworden, so bald ich ihm den mindesten Verdacht gegeben hätte. Doch endlich überraschte er meine Vorsichtigkeit: er traf ihn in meinen Armen an, und gleich glühte ihm die Stirn, seine Augen wälzten sich, wie drohende Kometen; er ergriff ein Messer und durchstach den Unglücklichen, daß er in meinen Schooß sank. Schon holte er aus, um mich gleichfalls seiner Wuth aufzuopfern, als auf mein Rufen zween Leute herbeysprangen, den unbändigen Löwen zu zähmen. Die Furcht gab mir in der Geschwindigkeit den Einfall zu entfliehen, um den Untersuchungen der Justiz zu entgehen: Liebhaber, Geld, Kleider, Möbeln – alles verließ ich und rettete mich glücklich über die Gränzen. –

Und was wurde aus Fromaln? – Doch was glaube ich denn solche Erdichtungen, die die Leute im Stehen[74] einschläfern können? – Schweig, Betriegerinn! ich will nichts weiter hören. –

Belphegor, du mußt es hören – um zu sehen, wie du gerochen bist.

Lügen! so müßte ich mich selbst nicht kennen, wenn ich glauben könnte, daß Fromal mich mit Falschheit getäuscht hätte. Ich schäme mich, das zu denken. – Geh! du möchtest mich zum zweitenmale überreden, daß du keine hinterlistige Betriegerinn bist! – Ist dies nicht genug, selbst untreu zu seyn, mußt du auch der Treue andrer den giftigen verrätherischen Anstrich der deinigen leihen? Freundschaften trennen wollen, die Natur und Erziehung unauflöslich geknüpft haben? – Ich höre nicht Ein Wort mehr. –

Sie bat, sie flehte, sie beschwor ihn, bis endlich Medardus sich ins Mittel schlug und ihn gleichfalls um geneigtes Gehör für sie ersuchte. Siehst du, Brüderchen? sprach er, du kannst ja glauben, was du willst, aber sie doch wenigstens hören. Ich möchte doch gern wissen, wie wir hier zusammenkommen – hier, gerade hier und nicht anderswo! das ist doch wahrhaftig sonderbar. Warum nur gerade hier? – Ich weis wohl, warum Alexander, der Große, und Scipio gerade auf dem Flecke zusammenkamen, wo sie mit einander redten: aber Akanten hätte ich mir hier nicht vermuthet, so wenig als meine gute verstorbene Frau. – Nu, Kind, erzähle du nun! –

Akante fuhr darauf in ihrem Berichte fort.[75]

Ein böser Geist trieb mich an, in Gesellschaft eines deutschen jungen Herrn eine Wallfahrt nach Rom zu thun. Er hatte bisher in der Begleitung eines Arlekins, der vom toskanischen Hoftheater abgedankt worden war, die vornehmsten Städte Italiens besehen, und wünschte auf seiner zweiten Reise, weil er auf der ersten demungeachtet Langeweile genug gehabt hatte, mehr Gesellschaft mitzunehmen, um desto weniger einsam zu seyn: ich nahm die Partie an. Ob ich gleich nicht um meiner Sünden willen reiste, so war ich doch die ganze Reise über niedergeschlagen: die Possen des Narren, der mit uns reiste, und das Lachen seines Herrn, der den Mund bis an beide Ohren bey jedem Einfalle zu dem unsinnigsten Gelächter aufriß, ermüdeten mich: weswegen ich die meiste Zeit der Reise geschlafen habe, besonders da mein Liebhaber ein so schwerfälliger deutscher Wizling war, daß ich tausendmal lieber den Narren von Profession anhörte. Da ich ihm auf der Reise so wenig Dienste gethan, vornehmlich so wenig über seine Einfälle gelacht hatte, so ward er im höchsten Grade unwillig über mich; und da er eines Tages etwas sagte, das ihm vorzüglich gefiel, und ich ganz ungerührt fortschlief, so stieg sein Aerger über meine Kaltblütigkeit so hoch, daß er mich aus Rachsucht in den rechten Backen biß und wenigstens eine gute Quente Fleisch hinwegnahm, weil nach seiner Meinung jedes seiner Worte den Leuten auch im Schlafe gefallen müßte. Zu Hause bey mir, sagte er[76] oft, sind die Leute wahrhaftig tausendmal klüger, als in Frankreich und Italien. Alle Damen haben die Mäuler schon offen, wenn ich nur die Lippen bewege; und über meine Erzählung vom weißen Bäre haben in Einem Nachmittage drey Fräulein hysterische Zufälle bekommen; bey meiner Geschichte vom vogtländischen Pfannkuchen überfiel eine meiner Niecen vor Lachen ein so heftiger Schlucken, daß sie ihn noch bis diese Stunde nicht verloren hat; eine von meinen Tanten hat sich bey einer andern Erzählung von dem Wolfsmuffe eine Ader an der Lunge gesprengt und ist wahrhaftig daran gestorben; alle meine Leute vom Verwalter bis zum Küchenmensche lachen, wenn sie nur Ein Wort von mir hören: aber außer meinem Vaterlande sind die Leute wahrhaftig so schwachköpfig, so trocken, daß sie kaum die Lippen verziehen, man mag sich todt und lebendig schwatzen. Wozu verthut man unter den Schurken sein Geld, wenn man nicht einmal den Gefallen von ihnen erlangen kann? Das soll aber auch gewiß meine lezte Reise seyn: mein Geld sollen Leute bekommen, die besser dafür zu danken wissen. – Ein solcher niedlicher Ritter war es, den ich izt als meinen Liebhaber behandeln sollte, und dem ich kaum die Ehre gegönnt hätte, mein Bedienter zu seyn. Doch der Himmel bescherte mir eine Schlafsucht, die bis vor die Thore von Rom dauerte. Den Tag nach seiner Ankunft wurde ich entlassen, und nahm statt der Belohnung eine Wunde auf dem Backen[77] und allenthalben blaue Flecken mit mir hinweg – alles Merkmale seines mörderischen Witzes!

Ich war mir selbst überlassen und hatte zu arbeiten und zu kämpfen, bis ich endlich die Vertraute Pabst Alexanders des sechsten wurde –

Pabst Alexanders des sechsten! rief Medardus. Brüderchen, das ist wohl wider die Chronologie? –

Sey es, was es wolle! sagte Belphegor ungeduldig; nur weiter! –

Ich wurde es; doch der Kardinal BESSARABIO wurde bald sein Nebenbuhler –

Der Kardinal Bessarabio! unterbrach sie Medardus. Brüderchen, hast du von einem solchen Kardinale etwas in der Geschichte gelesen? –

Nicht Eine Silbe! aber nur weiter! rief Belphegor.

Bessarabio war sein heimlicher Nebenbuhler, und GRIMALDI theilte meine Liebe auch mit ihm, auch KOLOMBINO und SACOCCIO, und SAMUELE ISBENICO –

Nur weg mit den Namen! schrie Belphegor. –

Die er aber alle vergiften ließ –

Alle vergiften ließ! rief Medardus und Belphegor zusammen. –

O wir haben in Einem Jahre dreißig vergiftet, achzig durch Banditen ermorden lassen und acht und zwanzig zu Tode geärgert, weil sie sich einem gewissen Projekte widersezten oder im Wege waren, das auf nichts weiter als auf die Unterdrückung der ganzen Christenheit[78] abzielte. Mit unsern Vasallen gelang es uns zur Noth, was, wie ich höre, unser Nachfolger vollends zu Stande gebracht hat: aber wir wollten weiter: unsre geheimen Absichten stiegen bis zur Universalmonarchie: was Hildebrand nur zur Hälfte gethan hatte, sollte durch uns vollendet werden. Es ist nichts edleres, habe ich gehört, als der Trieb, über Menschen zu herrschen: sonach sind die Nachfolger Petri gewiß die edelsten Sterblichen auf dem ganzen Erdenkreise: denn sie wollten nicht bloß über den ganzen Erdboden, sondern auch über den Himmel, nicht blos über die Körper, sondern auch über den Verstand herrschen. Auch habe ich gehört – denn ich bin bey dieser Bekanntschaft etwas politisch geworden – daß nichts erhabner unter den Menschen ist, als alle seines Gleichen unter sich herabzusetzen, sich über alle emporzuschwingen und Menschen durch Mord, Blutvergießen oder andre Mittel – das gilt nun gleich – unter seine Füße zu treten. Wenn der Eroberer, der Sieger, der Held der größte Mann ist, so haben unter der Tiare größre Männer gesteckt als unter allen griechischen und römischen Helmen. – Wenn nur mein Liebhaber nicht zu zeitig gestorben wäre: wir hätten die Welt in Erstaunen setzen wollen! – Ich habe auch zuweilen mir sagen lassen, daß der höchste Gipfel der menschlichen Größe sey, den meisten, wo möglich, allen zu befehlen: wer hat mehrern Menschen befohlen, als die Vorgänger meines Alexanders –[79]

Aber, Brüderchen, lebte denn Alexander nicht vierhundert, und –

Ich bitte dich, Freund, schweig! rief Belphegor; nur weiter! – Ich glühe vor Ungeduld. –

Akante fuhr fort: DSCHENGIS-KAN, ALEXANDER der Große, MAHOMED, KUBLAI-KAN, die kurz vor uns3 so fürchterliche Reiche erobert und so vielen Menschen befohlen haben, sind nichts, gar nichts gegen uns. Sie mußten die Welt mit den schrecklichsten Beschwerlichkeiten durchlaufen und hatten am Ende nichts als ein Paar wilde Horden Tatarn mit ihren wilden Anführern dahin gebracht, daß sie von ihnen als ihre Ueberwinder erkannt werden mußten: aber unsre geistlichen Helden saßen ruhig auf ihrem Stule, und geboten mit Feder, Dinte und Pergament Kaisern, Königen, Fürsten: ihre Armee war zahlreicher, enthusiastischer, getreuer, thätiger, als alle Armeen der ganzen Welt. Die Päbste waren die größten Herrscher, die größten Eroberer, die größten Menschen: WIR hätten sie aber alle übertroffen: wir hätten gewiß Asien zu unserm Fußschemel, Afrika und Amerika zum Sessel, und Europa zum Paldachin gemacht. –

Das wollte Alexander der sechste! fiel ihr Medardus ins Wort. Da war ja schon das kostnitzer Koncilium gewesen: nein, Brüderchen, in meinem Leben habe ich[80] nicht so etwas von ihm gelesen. – Was war denn aber eigentlich Eure Absicht? –

Eigentlich? – Es dahinzubringen, daß der chinesische Kaiser sein Reich von uns zur Lehn nehmen sollte: die Mandarinen sollten in Erzbischöffe, Bischöffe, Mönche, und der Porzellänthurm in eine Domkirche verwandelt werden. Mit dieser Armee wollten wir nach Japan übergehn, beide Kaiser zwingen, sich der Kirche zu Füßen zu legen, über die japanischen Inselchen nach Ostindien zurückkehren; und da unsre Macht nunmehr stark genug seyn müßte, so wären wir nicht zufrieden, Vasallen zu machen: nein, in Ostindien müßten alle Reiche jenseits und diesseits des Ganges unsre wahren Unterthanen werden. Hier ließe sich auch allenthalben unsre Religion mit vieler Oekonomie einführen: Fetische, Braminen, Derwische, Bonzen, Fakiren, dürften nur andre Namen bekommen, und die Leute würden durch ihre Bekehrung in keine neuen Unkosten für die Instrumente ihrer Andacht gesezt. Persien und die Türkey müßten nun schon Sklaven werden; diese sollten in den Kirchenstaat gebracht werden, um Moräste auszutrocknen und die wüsten Felder anzubauen. Bis dahin war unser Plan völlig ausgedacht, und alle Maschinen zur Ausführung angelegt: die Schiffe in Civita Vecchia waren sogar schon ausgekehrt und ausgeflickt, als plötzlich Alexander starb. –

Und was hättet Ihr davon gehabt, wenn euer Entwurf reif geworden wäre? fragte Belphegor. –[81]

Wir wären die größten, die erhabensten Sterblichen geworden: denn ganz Asien hätte unsern Namen gewußt, ganz Asien hätte gesagt, Pabst Alexander der sechste hat uns die Köpfe zerschlagen, und wir hätten uns eingebildet, Herr aller dieser Länder zu seyn, hätten fleißig Bullen hingeschickt; und ist es nichts großes, nichts glückliches, im Schlafrocke und der Nachtmütze dem Menschenverstande eines ganzen Welttheiles zu befehlen, was er glauben und verwerfen, – willkührlich ihm vorzuschreiben, was Wahrheit und Irrthum seyn soll, nicht allein über ihre Seelen, Glauben, Erkenntniß, Einsicht, Beifall, sondern auch über ihre Gaumen und Magen zu regieren und selbst Seligkeit und Verdammniß unter sie nach Willkühr auszutheilen? – heißt das nicht der Vorsicht den Zepter aus den Händen reißen und sich ihr zum Mitregenten aufdringen? Wenn herrschen das edelste, das erhabenste ist, so kann wohl keine Herrschaft begehrungswürdiger seyn, als diejenige, die man mit niemandem als dem Schicksale theilt: höher läßt sich für Sterbliche nichts denken. Es kam bey der Ausführung nur darauf an, daß einem Paar Millionen Menschen die Hirnschädel zerschlagen wurden, daß etliche hunderttausend Kinder ihre Eltern, eben so viele Eltern ihre Kinder, oder Weiber ihre Männer einbüßten, daß etliche tausend vergiftet, ermordet, erwürgt wurden: aber was ist alles dieses gegen einen so schönen großen herrlichen Plan, der Ueberwinder und Lehnsherr von ganz[82] Asien zu seyn? – Ich habe auch wirklich schon Anstalten dazu machen müssen; den Kardinälen Quirinale, Escuriale, Vatikano, Monte Cassino und andern habe ich, als sie auf meinem Schooße schliefen, giftige Federn in den Hals gesteckt, die sie insgesamt gierig hinunterschlungen und in zwölf Stunden daran starben, weil sie mit dem chinesischen Kaiser in einem heimlichen Verständnisse seyn sollten.

Du Barbarinn! rief Belphegor; kann ich mich nun noch wundern, daß du grausam genug warest, mir meine Hüften zu lähmen, wenn du so viele Menschen um eines Entwurfs willen tödten konntest, der dir nichts half? – Du Mörderinn! –

Bester Belphegor! ich bin nicht der einzige Sterbliche, der sein Gewissen und seine Ruhe einem fremden Nutzen aufgeopfert hat. Man dünkt sich schon groß, indem man große Absichten befördert, daran arbeitet; und jener Mann schäzte sich schon glücklich und groß genug, wenn er nur Troßbube bey der Armee des maccdonischen Alexanders oder des Dschengis – Kan gewesen wäre. –

Wenn aber nun euer Projektchen gescheitert wäre? sagte Medardus. –

Je so hätten wir es gemacht, wie die meisten unsrer Vorgänger: die Schwachen und Furchtsamen hätten wir angefahren und sie unter die Füße getreten, und den Starken und Herzhaften wären wir zwischen den Beinen durchgekrochen. List oder Gewalt! –[83]

Um eines solchen eitlen leeren Vorzugs willen so viele vernünftige Kreaturen umbringen oder unglücklich machen zu wollen! – seufzte Belphegor.

Auf das Glück der Menschen ist es niemanden noch angekommen. Die Menschen, lehrte mich Fra Paolo, wollen über einander, das ist der Endzweck ihres Daseyns: da aber nur wenige über die andern seyn können, so müssen die meisten unter andern seyn: folglich muß sich jeder bestreben, so sehr als möglich sich der Klasse »über« zu nähern, wenn er nicht ganz darein rücken kann: das gilt nun gleich, wie er dahin kömmt und andre unter sich bringt; kann er sie nicht bereden, daß sie ihm weichen, so drängt er sich mit Gewalt durch: wer im Gedränge erdrückt wird, wird erdrückt; warum geht er nicht freywillig aus dem Wege? So haben die Menschen von Ewigkeit her gehandelt, und es ist nichts löblicher, als daß man eben so handelt. – So belehrte er mich, als ich noch zu furchtsam war, die Leute mit giftigen Federn zu füttern. Als ich in der Folge die Kirchengeschichte etwas mehr studirte, so fand ich, daß Fra Paolo die reine Wahrheit gesagt hatte. Wenn man nicht weiter kann, fand ich, so muß man die Leute tumm machen: dann läßt sichs ihnen tausendmal leichter befehlen: sie gehorchen auf den Wink. Das war auch großentheils in unserm Plane mit eingeschlossen. Den Chinesern hätten wir ihre ganze weitläuftige Sternkunde untersagt, den KONFUT-SEE und MENT-SEE verboten und alle ihre KINGS verbrannt: so[84] viel albernes und gemeines Zeug sie auch mit unter enthalten, so ist doch nicht zu trauen, ob sich nicht ein Funken gesunder Menschenverstand zu viel darein geschlichen hat: allen gescheidtern Büchern hätten wir durch unsre Aufpasser den Zugang schon verwehren wollen. In Japan hatten wir besonders gute Hoffnung für unser Kommerz: da die Japaneser ganz ungeheure Sünder sind, so wäre dort ein herrlicher Absaz von Indulgenzen und andern geistlichen Galanteriewaaren zu er warten gewesen. –

O traurige entehrende Größe, rief Belphegor aus, die auf das Verderben und die Erniedrigung der Menschheit gebaut wird! Möchte ich doch lieber im Staube, in der Bettlerhütte, unbekannt, dürftig und elend vermodern, als nur mit Einem Tropfen Menschenblute, nur mit Einer Unterdrückung der Menschheit befleckt, in Ruhm und Ehre auf einem diamantnen Throne glänzen! – Ihr Unmenschen! –

Nein, Belphegor, wir haben sehr menschlich gehandelt: das ist immer so gewesen, daß Menschen durch Morden, Rauben, Betriegen, Plündern sich Anbetung und Ehrfurcht erkämpft haben. War das nicht ein viel größerer Aufwand von Menschen, als unsre Vorfahren ganz Europa nach dem gelobten Lande zum Aprile schickten, um kahle Berge, steinichte Felder und ungebaute Gegenden zu erobern, die sie zu Hause im Ueberflusse hatten? da sie Kaiser und Könige, wie Klopffechter, auf einander loshezten? – Nur Schade,[85] daß Alexander so schnell starb! durch seinen Tod wurde ich außer aller Geschäftigkeit und von meiner Würde herabgesezt: es kränkte mich; aber Ruhms genug für mich, an der Seite einer Theodora, Marozzia, Mathildis, Olympia zu prangen, die den höchsten Gipfel des menschlichen Ruhms erstiegen, über die fürchterlichsten Weltbezwinger zu herrschen! – Ich entwischte heimlich aus Rom, weil ich alle Ursache hatte zu befürchten, daß man mich in Verwahrung bringen werde, um mich die anvertrauten Geheimnisse nicht ausschwatzen zu lassen: doch warum entwischte ich? – um den schrecklichsten Bedrängnissen entgegen zu gehn. In Neapel wurde ich vom Pöbel fast zerrissen, weil ich mich zu nahe zum Blute des heil. Januars hinzudrängte und beinahe wahrgenommen hätte, daß man die Leichtgläubigen mit einer Taschenspielerey betrog: ich kam eben dort an, als man einen Hund zum fürchterlichen Exempel aller Hunde öffentlich enthauptete, weil er die Gottlosigkeit begangen hatte, ein Kind umzubringen. Ob ich gleich viel freyes über diesen Gebrauch sagte, so kam ich doch glücklich durch: aber meine Gutherzigkeit, den Pöbel klüger zu machen, hätte mich beinahe ums Leben gebracht. Ich entkam voller Löcher und Wunden vom Wirbel bis auf die Fußsolen, und gieng nach Venedig, um dort erdrosselt zu werden. Ich sagte einem Nobile, dessen Mätresse ich war, daß ich mich wunderte, wie ein Paar tausend Leute dazu kämen, so viele Menschen[86] unter sich stolz niederzudrücken, und ihnen allein, mit Ausschließung aller andern, zu gebieten. Er gab mir zwar ganz gelassen die Ursache an, weil wir die Mächtigern sind. Also gesteht ihr doch, daß Euer Recht sich auf Unterdrückung gründet? – sezte ich hinzu; aber er schwieg, und morgens darauf sollte ich erdrosselt werden, doch kam ich mit einer leichten Züchtigung von dreyhundert Ruthenstreichen auf den bloßen Rücken davon. –

Nun sehe ich doch, daß Gerechtigkeit in der Welt ist, rief Medardus. Wir sind quitt, Akante; das ist die Wiedererstattung der dreyhundert, die ich um deinetwillen als Jesuitenschüler zugezählt bekam. Waren Sie recht frisch und munter, Schwesterchen? –

O so frisch, daß ich zween Monate über zweifelte, ob ich jemals wieder einen rechtschaffnen Rücken bekommen würde! Ich wurde darauf die Mätresse des Markgrafen von SALOCCA, der sich ein kleines Serail hielt. Da ich die neueste und folglich die liebste unter seinen Buhlerinnen war, so haßten und verfolgten mich die übrigen als eine Todfeindinn. Sie arbeiteten mit allen Kräften, meine Schönheit, die aller Gefährlichkeiten und Verwundungen ungeachtet noch erträgliche Reizungen hatte, und also die Ursache meines Vorzugs zu vernichten, welches sie um so viel hitziger betrieben, weil sie meistentheils alt, kränklich, häßlich waren und deswegen nur um ihrer vorigen Verdienste willen in Pension stunden. Sie beredeten sich zusammen,[87] mir die besten und zur Schönheit unentbehrlichsten Theile des Gesichts zu nehmen; und eine blasse Vierzigjährige rieth, mit der Nase, als der edelsten Zierde des Gesichts, den Anfang zu machen – vermuthlich weil sie selbst durch eine Krankheit so viel von der ihrigen eingebüßt hatte, daß ihr nur noch ein nasenähnliches Stümpfchen zwischen Mund und Stirne hervorguckte. Meine Neiderinnen führten den grausamen Vorschlag aus und sezten mich durch Einen wohlabgepaßten Messerschnitt noch unter die verhaßte Rathgeberinn: denn sie schleiften mir die Nase vom Grunde weg, machten ihren Plaz dem übrigen Boden des Gesichts gleich und ließen nicht einmal ein Fragment davon übrig. – Sie wundern sich, mein Herr, sprach sie zu Medardus, der sie steif ansah, daß ich demungeachtet, wie jedes Geschöpfe Gottes, mit einer Nase prange? – Hier zog sie die ganze Nasenmaschine herunter und zeigte ihnen, daß es eine von gekautem Papiere, nach dem Leben lackirte Nase war. – Dieses ist ein Geschenk von meinem Marchese, dessen Gunst mich um meine natürliche gebracht hatte: er schnaubte und drohte mit dem fürchterlichsten italiänischen Zorne; da aber die Unternehmung sehr heimlich von mir unbekannten Leuten geschehen war, so konnte ich seiner Rache nicht zu dem verdienten Gegenstande verhelfen. Kurz darauf fiel es einer andern als sehr anstößig auf, daß ich eine so reine fleckenlose weiße Haut hatte, und sie doch, wenn sie in den schönsten[88] venetianischen Spiegel sah, auf ihrem Gesichte eine Fläche erblickte, die mit Leberflecken und Sommersprossen, wie eine Landcharte, illuminirt war. – Eine andre von einem zweifelhaften Kolorite zwischen kastanienbraun und schwarzgelb, stimmte in ihre Beschwerden über meine schöne spiegelebne Haut ein und vereinigte sich mit ihr zur Rache. Sie ließen mir durch unbekannte Hände meine Wangen so jämmerlich zersägen, daß nach der Heilung eine Naht, eine Narbe an der andern sich darauf befand, und die ganzen Backen einem frisch gepflügten Felde voller Furchen nicht unähnlich sahen. Auch diesen Verlust hat mir ein gewisser spanischer Don mit sechzig Namen, durch diese Larve glücklich ersezt. Sie ist von dem feinsten egyptischen Papiere, mit einem feinen Leime auf der Haut befestigt und von dem Ritter MENGS nach dem Leben gemahlt –

Siehst du, Brüderchen? unterbrach sie Medardus; wahrhaftig so natürlich, daß es der liebe Gott nicht natürlicher machen könnte. Der Mann ist ein Tausendkünstler! –

Vorher wurden alle Erhöhungen und Vertiefungen der Haut mit einer sehr geistreichen Masse geebnet: doch diese Wiederherstellung meiner verlornen Schönheit erhielt ich erst nach der Verabschiedung aus dem Hause des Marchese, und auch die Nase erst bey dem Abschiede. Er liebte mich indessen bey allen diesen Mängeln nicht weniger feurig als vorher. Da meine[89] Neiderinnen mit ihrem Hauptzwecke, mich außer Gewogenheit zu setzen, noch nicht zu Stande kommen konnten, so fuhren sie fort, wenigstens meine Schönheit unter die ihrige zu erniedrigen. Eine meiner Mitschwestern, die am ganzen Leibe bis auf die Hände eine nicht gemeine Schönheit war, beneidete meine kleinen runden niedlichen Engelhändchen, wie du sie sonst nanntest, Belphegor, wenn du sie voll Entzücken an deine Lippen drücktest. –

Belphegor seufzte. –

Als ich eines Tages in einem Bosket sitze und die emporgerichteten Arme mit aufwärts gekehrten Fingerspitzen an zween danebenstehende Bäume gelegt habe, um durch diese Stellung, die ich meinen Armen jeden Tag eine Stunde gab, das Blut zu nöthigen aus den Händen und Armen sich zurückzuziehn und ihr blendendes Weiß dadurch noch blendender zu machen, so haut mir jemand plözlich von hinten zu die ganze schöne marmorne Rechte ab, wirft sein Beil hin und stürzt sich in das Gebüsche zurück. Ich ergoß mich in einen Strom von Thränen über den Schmerz, doch am meisten über den Verlust einer meiner vorzüglichsten Schönheiten. Ich habe nie einen unter meinen Freunden finden können, der mich mit einer neuen Hand hätte beschenken wollen, und ob ich gleich verschiedene Künstler selbst darum ersuchte, mir eine zu verfertigen, so waren sie doch alle wegen einer Materie verlegen, die den Vorzug der Leichtigkeit und die[90] Schicklichkeit zur Bearbeitung des Meisels besäße: und einer machte mir sogar das Kompliment, daß ich der florentinischen Venus ihre Rechte wegstehlen müßte, wenn meine natürliche die geborgte nicht sogleich überführen sollte, daß es eine geborgte wäre. – Hierauf zog sie aus dem Handschuhe oder vielmehr einem Futterale eine Hand – ich mag sie nicht beschreiben! – genug, Medardus und Belphegor hefteten beide, wie versteinert, einen starren Blick auf sie und konnten sich nicht enthalten, ihr unter dem Vorwande, als wenn sie untersuchen wollten, ob es nicht ein angemachter Marmor wäre, mit einem mehr als medicinischen Drucke an den Puls zu fühlen. – Doch dies war nicht mein lezter Verlust: die Hälfte meines rechten Ohres, das mir mit einem der schönsten Ohrgehenke abgerissen wurde, ist ein Werk der Kunst, bis sie zulezt durch eine der listigsten Maasregeln mich zwangen, das Haus des Marchese zu verlassen, wo ich meine papierne Nase zum Andenken von ihm empfieng. Vom Neide und Eifersucht vertrieben, floh ich in den Kirchenstaat zurück und langte in der illustrissima republica St. Marino gerade zu der Zeit an, als die gesammten Bürger derselben in Furcht und Aengsten waren, daß der päbstliche Legat, sie unter das Joch seines Herrn zwingen möchte. Alles, Junge und Alte, Weiber, Kinder und Männer waren in tiefer Trauer um ihre Freiheit und baten den lieben Gott mit Beten und Fasten inständigst, daß er sie in Gnaden vor der[91] Herrschaft seines Vikars bewahren möge. Doch kurz darauf wurde ihr Kummer in die höchste Freude verwandelt, als der Pabst das Unternehmen seines gewissenlosen Legaten misbilligte und der Republik ihre alte Freiheit und also auch ihre Glückseligkeit wiederschenkte – eine Handlung von Menschenliebe und Uneigennützigkeit, die meines Erachtens mehr als eine ganze Ladung Indulgenzen werth ist. –

Das war ein braver Pabst, rief Belphegor.

Dafür wird ihm aber auch sein Apfelwein alle Tage recht herrlich schmecken, und wenn er heirathen dürfte, so wünschte ich ihm oben drein eine Frau, wie meine verstorbne. So eine Belohnung könnte schon anreizen, daß man mehrmal so eine gute Handlung thät und von dem System der Unterdrückung abgienge. Der abscheuliche Legat! so ein Häufchen, das sich nicht wehren kann, unterdrücken zu wollen! –

Der Bösewicht verdiente eher zu hängen, sprach Belphegor, daß er ein ungerechtes Joch auflegen wollte, als die Bauern, die mich zugleich an den Strang brachten, daß sie unwillig ein drückendes Joch abwerfen wollten. O wer nur mehr Macht hätte! –

Ich hielt mich kurze Zeit, fuhr Akante fort, bey einem Landmanne des päbstlichen Gebiets auf, der mich von Armuth, Auflagen, Aussaugen, Beschwerungen und verwandten Materien unterhielt, worauf ich meinen Weg nach Genua nahm. Ich fand daselbst jedermann mit Anstalten zu einem Kriege wider die[92] Korsikaner beschäftigt, die jedermann verfluchte, daß sie keine Narren seyn und sich das Bischen Freiheit nehmen lassen wollten, worauf sie doch nicht den mindesten Anspruch machen könnten, da die Genueser Lust hätten, ihre Herren zu seyn. Ich verließ diese fühllose Stadt und gieng in einer Verkleidung durch die Schweiz und Deutschland hieher, wo ich dich, edler Belphegor, unvermuthet fand, wo ich Vergebung von dir für eine Beleidigung erwarte, zu welcher mich mein Schicksal und dein arglistiger treuloser Freund zwangen, wo ich diese Vergebung erlangen muß, sollte ich sie auch durch den Verlust meines halben Ichs erkaufen müssen. Belphegor! könntest du unerbittlich, könntest du unversöhnlich seyn? – Du, dessen Herz nur von Edelmuthe schlägt? – Belphegor! – und so fiel sie vor ihm auf die Kniee. –

Siehst du, Brüderchen? Die Hüfte ist ja wieder heil: vergieb ihr doch! Du hast ja gehört, daß ihr das Herz weh genug that, als sie dich zur Thür heraus warf: aber der gottlose Fromal! wenn er nur damals gehängt worden wäre, als ich ihn zum Tode bereiten sollte: der Galgen wäre ihm doch nur pränumerirt worden. – Nu, Brüderchen, vergieb ihr! dann, Akante, komm und trinke in meinem neuen Hause einen Krug Apfelwein mit mir! –

O du Listige! rief Belphegor; daß du so glatt ins Herz schlüpfen und ein Ja auch wider meinen Willen wegstehlen kannst! Gern vergeb' ich dir: nur rechtfertige[93] meinen Fromal! Beweise mir, daß er nicht ungetreu ist, und du hast mehr als meine Vergebung – meine Liebe! –

Wenn die Wahrheit mir deine Liebe raubt, so muß ich mein trauriges Schicksal tragen – rechtfertigen kann ich ihn nicht: ich löge, um mich selber zu hassen.[94]

3

Die gute Akante hat freilich eine ganz ärgerliche Chronologie, daß man dem kunsterfahrnen Medardus sein öftres Kopfschütteln nicht übel deuten darf.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Belphegor, Frankfurt a.M. 1979, S. 51-95.
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