Zweites Kapitel

[700] Als alle Zurüstungen zustande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in wenigen Tagen geschehen sollte, langte bei seinem Hause ein Mann an, der sich sehr genau nach seinem Namen erkundigte: der Mann trat in die Stube, sah sich sorgfältig allenthalben um – »Ja, es ist wohl so, wie man mir's beschrieben hat«, fing er an und gab einen Brief ab. Die Hand der Aufschrift war fremd, aber kaum war er geöffnet, so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift.


M**, den 23.August.


War das nicht, als wenn uns der Wind auseinanderführte, liebster Herrmann? Ich dachte, wir wären längst von allen Menschen vergessen, und doch gibt man sich die Mühe, uns zu trennen: aber die Trennung soll nicht lange dauern, hoffe ich.

Vermutlich hast Du nicht einmal erfahren, wie mich die schändlichen Leute weggekapert haben. Du mochtest, als Dich der Pfarr zu sich rufen ließ, kaum drei oder vier Minuten aus dem Hause sein, so kam ein Bauernmädchen sehr eilfertig gerennt und sagte mir, daß ich Dir nachkommen sollte. »Er ist mit dem Herrn Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet vor der Tür, die aufs Feld geht«, sagte die Verschmitzte. Wer sollte dahinter etwas Böses argwohnen? Ich glaube wirklich, das Mädchen, das eine Magd vom Herrnhofe war, sei Dir begegnet und von Dir geschickt worden, wie sie vorgab. Ich gehe quer über den Kirchhof nach der andern Tür hin, die auf das Feld geht, und erblicke, wie ich mich nähere, eine Kutsche mit offnem Schlage vor ihr. Der Anblick machte mich wohl ein wenig stutzig, aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte, ließ ich mich durch nichts beunruhigen als durch die Besorgnis,[700] daß jemand da sein möchte, von dem ich nicht gern gesehen sein wollte: weil ich aber niemanden gewahr wurde, gab ich der Neubegierde nach, trat in die Tür und fragte den Burschen, der am Schlage lehnte, wem der Wagen gehörte: er nahm tölpisch den Hut vom Kopfe, machte eine dumme freundliche Miene und fragte: »Was?« und hielt mir das Ohr hin, als wenn er taub wäre. Indem ich etwas näher trete und meine Frage wiederhole, ergreift mich plötzlich jemand von hinten und wirft mich in den Wagen hinein – pump! war die Türe zu, und die Kutsche rollte mit mir dahin: das geschah alles so schnell, daß ich mich kaum besinnen konnte. Da saß ich nun in dem verwünschten Kasten und konnte gar nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Alle drei Fenster waren niedergelassen und statt derselben hölzerne Schieber vorgesetzt, die nur durch drei viereckichte Löcher, so groß als ein Auge, Licht und Luft hineinließen. Mir wurde angst: ich versuchte die Schieber aufzumachen und arbeitete mir die Finger blutig daran: aber es war nicht möglich: sie mußten angenagelt sein. Die Türen ließen sich inwendig ebensowenig öffnen: ich befand mich im Gefängnisse und sahe durch eins meiner drei Luftlöcher nach dem andern und erblickte nichts als Stückchen Feld und Bäume, und durch das vorderste ein Stückchen Kutscher: ich rief ihm zu, daß er halten sollte, aber er drehte sich nicht einmal um; und der Wagen rollte in einem fort so barbarisch über Stock und Stein dahin, als wenn mich geflügelte Drachen zögen, daß ich in dem weiten Kasten vor heftiger Erschütterung und von den öftern Stößen wie ein Knaul von Winkel zu Winkel herumkollerte. Für einen Spaß von Dir war die Komödie zu lang und zu plump: ich konnte also nichts als Betrügerei argwohnen. Aber von wem? – Ich quälte mich mit Mutmaßungen und Besorgnissen und konnte nicht einmal ruhig mutmaßen: denn ehe ich mich's versah, kam ein Stoß, und dann wieder einer, und warf mich so hoch empor, daß mir die Gedanken aus dem Kopfe fielen.

Endlich, nachdem ich, ohne Möglichkeit mich zu retten, zwei oder drei Stunden bald langsam, bald hurtig zusammengerumpelt[701] worden war, fuhr die Kutsche durch einen Torweg und hielt an: man öffnete die Tür, und weil der ganze Hof mit Mist überdeckt war, nahm mich der nämliche Bursche, den ich bei dem Kirchhofe am Schlage fand, auf die Arme und trug mich in ein altväterisches, gotisches Haus hinein. Die Haustüre wurde hinter mir zugemacht, und mich empfing ein entsetzlich geputztes Frauenzimmer – so entsetzlich, so linkisch geputzt, daß man sich des Lachens kaum enthalten konnte! Sie gab mir die Hand und führte mich die Treppe hinan. »Aber wo bin ich denn?« rief ich beständig. »Was will man mir denn tun?« – »Das sollen Sie gleich hören, meine Liebwerteste«, antwortete das Schlaraffengesicht und lachte. Die Stimme kam mir bekannt vor, und da ich mir den geputzten Kobold genauer besehe, ist es Madame Siegfried, unsre allergnädigste Gerichtsherrschaft. »Meine liebwerteste Baronesse«, fing sie an und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg und wimperte unaufhörlich mit den Augen dazu, wie sie sonst tat – »meine liebwerteste Baronesse, sein Sie mir doch untertänig willkommen.« – »Was soll ich denn hier?« – »Alles Liebes und Gutes, meine werteste Baronesse! Geruhen Sie nur, sich zu setzen und zu essen und zu trinken!« – »Nicht einen Bissen, wenn ich nicht weiß, was man mit mir willens ist! Wer hat mich so diebischerweise auffangen lassen?« – »Belieben Sie das nicht zu sagen, meine trauteste Baronesse! Sie sind in allen Ehren und Honettität hieher gebracht worden und sollen auch heute noch weiterreisen.« – »Wohin denn?« – »Das werden Sie schon erfahren«, sprach sie lachend. »Lassen Sie sich's nur unterdessen nicht mißfällig sein, sich hier umzuputzen: ich werde die Ehre und das geneigte Vergnügen haben, mit Ihnen zu reisen.« – »Das ist eine himmelschreiende Betrügerei, die man mir spielt«, fuhr ich auf, »und ich will doch sehn, wer mich von der Stelle bringen soll, wenn man mir nicht sagt, warum ich hier bin, wer mich hieher hat bringen lassen.« – »Sein Sie nur so geneigt«, unterbrach sie mich, »und folgen Sie mir! Ziehen Sie hier die Schirkassienne (Circassienne) an und belieben Sie, dabei etwas von frischer Milch und kalter[702] Küche zu genießen: ich will Ihnen dabei die ganze Historie erzählen.« – »Mir etwas weismachen? Nicht wahr?« unterbrach ich sie. – »Sein Sie doch so geneigt und denken nicht so kanalljöfisch von mir! Ich will Ihnen ganz reinen Wein einschenken: Sie sollen zu Ihrem Onkel, oder wie ich ihn nennen soll, dem Herrn Obersten von Holzwerder: Sie kennen ihn ja wohl noch? Er war einmal bei Ihro Exzellenz, dem Herrn Grafen, Ihrem gnädigen Herrn Onkel, zur Vesitte.« – »Das weiß ich wohl; aber was will er denn mit mir anfangen?« – »Alles Liebes und Gutes! Ihr Herr Herrmann ist voraus: Sie werden einander dort finden: weiter sag ich nichts.« – »Märchen sind das! blaue Dünste, um mich ins Netz zu locken! aber ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen.« – »Sie denken auch gar zu mesantropsch von mir, meine liebwerteste Baronesse. Ich bin ja keine meschante Kanaille, die mit Lug und Trug umgeht. Ich bin ja eine honette Madam, die es in aller Ehre und Honettität mit Ihnen meint.« –

In diesem scheinheiligen Tone überredete sie mir eine gotteslästerliche Lüge, die sie so wahrscheinlich zu machen wußte, daß ich sie wirklich glaubte. Meinen und Deinen Aufenthalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben – sehr glaublich! denn Du hattest ihm Nachricht davon gegeben, das wußte ich. Dieser Herr Schwinger sollte sich über unsre Liebe erbarmt und an den Obersten Holzwerder gewandt haben, um meine Verbindung mit Dir zu bewirken: der Oberste Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten, unsre Verbindung zustande zu bringen: darauf sollte Schwinger an ihren Mann geschrieben und ihn gebeten haben, uns beide zu dem Obersten zu schaffen; »und weil mein Mann den Spaß liebt«, setzte der häßliche Puterhahn hinzu, »so läßt er ein jedes von Ihnen besonders an Ort und Stelle bringen. Sie sollen beide einander bei des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden, als wenn es so par hussar (par hasard) geschähe: Herr Herrmann ist mit meinem Manne und dem Herrn Pastor spazierengefahren: aber sie reisen zu dem Herrn Obersten. Der wird sich wundern, wenn die Spazierfahrt so lange währt! Und wenn Sie nun vollends[703] mit mir, so gleichsam als wie par hussar, ankommen, da wird erstlich die Verwunderung angehn. Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquieren zu lassen, meine liebwerteste Baronesse! denn mein Mann hat mir's bei Kopfabhacken verboten, Ihnen ja nichts davon zu sagen, damit es ein Spaß wird, wenn sie einander so gleichsam als wie par hussar rankertieren (rencontrieren). Aber ich bin eine viel zu honette Madam, daß ich meine liebwerteste Baronesse so in der Angst lassen sollte. Das kann ich Ihnen wahrlich nicht: Sie würden sich ambrassieren (embarassieren). Nein, das kann ich Ihnen nicht übers Herz bringen, daß ich Sie so ambrassieren sollte.« –

Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ähnlich, daß sich auch der Klügste fangen lassen mußte? – Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf, aber weil ich so sehr wünschte, daß es keine Fabel sein möchte, hüpfte ich über die Bedenklichkeiten hinweg, besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honettität beteuerte. Ich leichtgläubiges Geschöpf zog die Schirkassienne an und die übrigen Reisekleider, die dabeilagen, und freute mich innerlich wie ein Kind auf Weihnachten, daß sich unser Himmel so unvermutet aufheiten sollte. Es überfiel mich eine eigne Empfindung, als ich mich zum ersten Male nach beinahe drei Jahren wieder in dem städtischen Putze befand: ich sah mir ganz anders aus und konnte vor Wohlgefallen nicht vom Spiegel wegkommen. Alles Glück und aller Verdruß, den ich sonst in meinen vornehmen Kleidern erlitten hatte, kam mir in die Gedanken zurück: ich sah auf meine ländliche Kleidung, als sie dort auf dem Tische lag, wie auf eine abgeworfne Hülle des Elends hinab, aus welcher ich neugeboren zu einem neuen glücklichen Leben hervorgegangen wäre. Rührung, Freude, Hoffnung bemeisterten sich meiner so stark, daß ich in dem Taumel ein großes Glas mit drei hastigen Zügen hinterschluckte und so viel Butterbrot dazu aß, als wenn ich acht Tage gefastet hätte – alles, ohne daß ich's eher inne ward, als bis ich die Schmerzen der Überladung fühlte! Die alte, keuchende Siegfried, so widrig sie[704] mir sonst war, schien mir itzt eine so liebenswürdige, so eine herzlich gute Frau, daß ich kein Mittel aussinnen konnte, ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu beweisen: ich drückte ihr die Hände, ich liebkoste sie, ich überwand sogar meinen Widerwillen und drückte ihr zween Küsse auf die dicken, breiten Lippen. Die Küsse gereuen mich diese Stunde noch: wenn ich sie dem schändlichen Weibe nur wieder abnehmen könnte!

Die Pferde waren indessen gefüttert und wieder vorgelegt worden; und wir stiegen in vollen Freuden ein: des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig und itzt nicht schnell genug. Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwätze – das mir freilich sehr angenehm war – von dem Glücke und dem hohen Vergnügen, das auf Dich und mich bei dem Obersten wartete, daß wir zur Landwirtschaft nicht gemacht wären und durch den Obersten in eine angemessnere Lage geraten würden. Die ganze Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. In dem nächsten Städtchen nahmen wir Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch, und von Zeit zu Zeit weckte ich meine schnarchende Reisegefährtin durch einen Stoß, als wenn er so par hussar geschähe, damit sie von Deinem und meinem Glücke mit mir reden sollte.

Auf der letzten Station empfing mich der Oberste, ein allerliebster Mann, und mir damals noch tausendmal lieber als itzo, weil er, nach meiner Überredung, uns beiden so herrliche Dienste getan hatte und tun wollte. Der Postknecht blies, wir nahmen von Madam Siegfried Abschied, fuhren fort: noch war kein Herrmann da. Der Oberste war sehr gesprächig und spaßhaft, scherzte mit mir, daß in der Stadt, wohin wir wollten, ein hübscher Mann auf mich wartete, beschrieb mir ihn vom Kopf bis auf die Füße und fragte mich bei der Beschreibung eines jeden Stücks an dem hübschen Manne, wie er mir gefiele. Dein Portrtät war es nicht, fast in allem das Gegenteil: – ›Aber‹, dachte ich, ›er tut das aus Scherz, daß er mir meinen Herrmann so häßlich malt‹; und in diesen Gedanken lobe ich denn alles an seinem Gemälde, sogar die zwo großen Warzen, die der hübsche Mann auf[705] dem Backen haben sollte, gefielen mir außerordentlich: ich sprach bei meinem Lobe mit wahrem innigen Entzücken. Den Obersten steckte mein Entzücken so sehr an, daß er sich zusehends verjüngte: er wurde so munter, so belebt, daß er mich küßte, und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Küssen vorlieb. »Der arme Mann!« dachte ich, »unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder: er möchte gern auch etwas lieben: es ist doch traurig, wenn man so alt ist und sich mit dem Zusehn abspeisen muß.« Als seine Beschreibung bei den Füßen war, die zuweilen mit dem Podagra behaftet sein sollten, wollte ich ihm sein Geheimnis ablocken und fragte ihn, wie denn dieser hübsche Mann hieße: der Name Herrmann klang schon in meinen Ohren: am Ende, da er sich lange geweigert hatte, war er es selbst. »Das ist eine Ausflucht, um dir den rechten Namen nicht sagen zu dürfen«, dachte ich und antwortete mit gezwungnem Scherze, daß vermutlich der Pfarr, der ihn und mich trauen sollte, uns zu Hause schon erwartete: ich war verdrießlich bei mir, daß er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen nennte, da mir doch an der Überraschung gar nichts lag; und mein Verdruß mußte vermutlich durch die angenommene scherzhafte Miene durchgeleuchtet haben; denn er sagte mir ernsthaft darauf: »Sie werden doch den Spaß nicht übelnehmen?« – und drückte mir dabei die Hand. Ich versicherte ihn aus allen Kräften das Gegenteil; und den übrigen Weg wurde viel geschäkert, aber nicht mehr auf diese Art. Inzwischen zog ich doch alles, was er sagte, auf Dich, und was sich nur im mindsten so auslegen ließ, verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe Trauung: sogar, als er mir die Liebkosungen erzählte, die mir sein kleiner Hund Marquis machen würde, bildete ich mir ein, er meinte Dich; und wegen dieser Illusion lachte ich über alles so ausgelassen vergnügt und mannigmal bei Sachen, die gar keinen Anlaß zum Lachen geben konnten, daß der Oberste mich oft fragte, warum ich darüber lachte.

Wir langten an, fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen, des Obersten Ziperkatze, den einen so klaffend und die[706] andre so schnurrend und krummbucklicht, wie er sie mir beschrieben hatte, alle Tapeten und Möbeln, wie er sie mir beschrieben hatte, aber – keinen Herrmann. Die Nacht verging, auch der Morgen: der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir vielen Spaß vor, aber ich hatte kein Gefühl dafür: weil ich Betrug argwohnte, hörte auch meine gestrige Auslegungskunst auf: ich hielt keinen von seinen Scherzen mehr für eine Anspielung auf Dich und unsre Verbindung, sondern verstund jeden, wie er gemeint war, und so war jeder ohne Reiz für mich: nicht einmal zwingen konnte ich mich zum Lachen. Er ließ den Schneider kommen, um mir ein Kleid zu verschaffen, worinne ich mich der Fürstin darstellen könnte, und nennte mich unaufhörlich sein liebes schmuckes Bräutchen: der Schneider lachte über seine Schnaken, daß er beständig das Maß falsch nahm: das Bräutchen blieb so ernsthaft wie die dickköpfichten Chineser auf der Papiertapete rings in dem Zimmer, weil ihr der rechte Bräutigam fehlte. Verdruß und Ärger, daß ich mich so schändlich hatte hintergehen lassen, nahmen sichtbarlich zu, und der Oberste, der meine mürrische Laune dem Mangel an Vergnügen zuschrieb, stellte auf den Nachmittag ein Konzert an. – »Wir haben hier sehr schöne Musikanten«, sagte er mir bei dem Mittagsessen. »Wir haben noch vor dreiviertel Jahren eine rechte Sängerin aus Berlin bekommen, die Madam Dormer: sie singt wie ein Nachtigallchen: Sacre-papier! wenn die Frau in die Höhe mit ihrer Kehle steigt! das geht, das geht, wie mein Lieschen, mein Ziperchen, wenn sie zum Dach hinaufläuft! Wie der Wind ist sie oben; und wenn sie nun oben auf dem Forste mit ihren Tönen sitzt, da trillert und tanzt sie so kraus in der Höhe herum, als wenn's die Engelchen im Himmel wären; und dann hüpft sie auf einmal – hop, hop, hop, hop, hop –« (er machte die Prahltriller der Sängerin mit seiner unsingbaren Stimme sehr komisch nach) »von dem obersten Dachziegel herunter, daß man denkt, die Kehle wird Hals und Beine brechen. Sacre-papier! das ist eine Sängerin, die für den König von Frankreich nicht zu schlecht wäre! Ihr Mann ist auch ein großer Musikant:[707] er pfeift sehr schön auf der Flöte und fiedelt auch auf der großen Rumpelmaschine – wie heißt sie denn gleich? –, auf dem großen Basse – rumpel, rumpel! das geht drauflos, was das Zeug hält, wenn das Kerlchen seine Grimassen hinter dem großen Brummkasten zu schneiden anfängt! Daß der Staub herumfliegt, so marschiert er auf den Saiten herum. Und dann haben wir noch einen großen Musikanten; der geht über alle, das sag ich. Hören Sie! wenn der zu fiedeln anfängt, das klingt wie ein Glöckchen, wie wenn ich Ihnen hier mit der Gabel ans Glas schlage, kling, kling, kling! -und dabei will er sich alle Adern am Leibe zerreißen: das ist ein Arbeiten auf der Fiedel, daß ihm die Haare um den Bogen herumhängen, wenn er fertig ist. Meine Soldaten können sich nicht so hurtig schwenken und drehen, als der Mensch auf

dem Brette mit dem Fiedelbogen herumspaziert. Das ist die Kapelle: aber nun nehm ich meine Leute dazu; das sind ganze Kerle: wenn sie zu hoboen anfangen und die Waldhörner und die F-zmaschinen – Fagots heißen sie – dazwischen hineinfallen, das ist ein Gequake und ein Gekreische, daß man davonlaufen möchte. Das versichre ich Sie, meine Hoboistenbande ist die schönste in Europa: die Ohren möchten springen, so einen exzellenten Lärm machen sie.« –

Ohngefähr in diesem Tone schilderte er mir auch die Talente der Stadtmusikanten und der Liebhaber in der ganzen Stadt, die auf irgendeinem Instrumente etwas Vorzügliches leisten. Nachmittags fand sich ein Virtuose nach dem andern ein, ein schreckliches Heer, das die Toten hätte erwecken können. Ich fühlte zum Leidwesen meiner Nerven, daß der Oberste richtig prophezeite: die Ohren wollten mir springen, und ich wäre gern davongelaufen. Die Herren griffen sich mir zu Ehren alle so gewaltig an, daß ihnen der Schweiß schon bei der ersten Sinfonie am Kopfe hereinlief, und jede Minute platzte eine Saite. Sie wedelten sich insgesamt mit den Schnupftüchern, als sie sich durch das tobende Presto durchgearbeitet hatten; und so angreifend das Getöse in dem kleinen Saale war, so meinte doch der Oberste, daß sie heute nicht so frisch gespielt hätten wie sonst. Um den Schimpf[708] nicht auf sich sitzen zu lassen, bat der Direktor des Konzerts um eine Verstärkung des Orchesters, nach welcher sogleich Boten ausgesandt wurden, und legte ein Stück auf, wobei Waldhörner, Trompeten, Oboen, Fagotte, Posaunen und fast alle übrige Blasinstrumente hervortraten. Mit großer Betrübnis beschwerte sich der Direktor, daß man die Pauken weglassen müßte. – »Diese will ich machen«, sprach der Oberste und befahl eine Trummel zu holen. – »Geben Sie einmal acht«, sagte er zu mir, »wie ich die Trummel peitschen will: ich bin sehr stark darinne: ich lehre alle meine Tambours selber.« – Verstärkung und Trummel langten an: mir wurde angst und bange. Das Getöse begann: der Oberste stand in der Mitte mit umgehängter Trummel, gab ihr bald einen einzelnen empfindlichen Hieb, schlug bald einen langen schnurrenden Wirbel, daß man nichts als das Quäken der rauhen Trompeten hören konnte: es war eine Höllenmusik; demungeachtet glaubte der Oberste, daß zwei Trummeln einen bessern Effekt tun würden, und konnte nicht begreifen, warum die übrigen heute so erstaunend leise spielten, daß er nur sich allein hörte. Man schob die Schuld auf die Violinen und beklagte, daß der Stadtmusikant nicht zugegen wäre, der mit seiner Geige sieben andre überschrie. Auf alle Gassen mußten Boten auswandern, den Mann aufzusuchen: er erschien mit seiner gewaltigen Geige nebst einem Tambour: allein wenn man gleich noch sechs Männer mit so gewaltigen Geigen herbeigeschafft hätte, so wäre die Musik für den Obersten immer zu schwach gewesen; und der Lärm war doch so unmenschlich, daß die Leute auf den Gassen zusammenliefen und Feuer riefen, in der Meinung, man habe die Feuertrummel gerührt. Seine Gehörnerven müssen von Stahl sein; denn die meinigen haben mir acht Tage lang gesaust und gezittert.

Endlich erschien auch Madam Dormer, die große Sängerin: ich freute mich, daß meine Ohren wenigstens auf eine andre Manier die Tortur leiden würden. Die Frau trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein: alles stellte sich in ehrerbietige Parade, als wenn die Fürstin ankäme: der Oberste[709] brachte sie gleich zu mir und machte sie mit mir bekannt. Rate, Herrmann, rate, wer die große Sängerin war! –Vignali, die leibhaftige Vignali! Wir erschraken beide nicht wenig, uns hier wiederzufinden, aber behielten doch so viel Fassung, daß sich keins verriet. Sie schämte sich außerordentlich, in ihrer itzigen Qualität vor mir zu erscheinen, und war durch keine Bitten zu bewegen, daß sie sang: sie wandte einen Katarrh vor.

Die Neugierde und die rätselhafte Beschuldigung der Madam Düpont auf meiner Flucht von Dresden, daß ich die Ursache von Vignalis Unglücke wäre, ließen mir keine Ruhe: ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen, um mich nach ihrer Geschichte zu erkundigen: kaum hatte ich die erste Frage getan, was sie hier mit mir zusammenbrächte, und zur Antwort erhalten: »Das Unglück!« – so führte das Unglück schon ein Paar Fräulein zu uns, die während des Konzerts, dem sie beiwohnten, so eine seltsame Zuneigung zu mir gefaßt hatten, daß sie mir auf allen Tritten nachgingen: alle drei Minuten drückte mir die eine die Hand und fragte mich: »Sind Sie mir nicht ein bißchen gut?« – und die andre erkundigte sich unaufhörlich, wie mir die Musik gefiele: die beiden zutuenden Gänschen waren mir itzt doppelt zur Last, weil sie die Befriedigung meiner Neugierde hinderten. Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubnis, Vignali oder, wie man sie itzt nennen muß, Madam Dormer morgen zu besuchen. – »Nein«, antwortete er sehr ernsthaft, »das schickt sich nicht: Sie können ja eine Sängerin nicht besuchen. Sie kömmt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns: da werden Sie Gelegenheit genug haben, die Frau zu sprechen, wenn sie Ihnen gefällt.« – »Sie arbeitet mit Ihnen! wie denn das?« fragte ich. – »Gedulden Sie sich nur!« antwortete er lachend. »Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt werden: aber erst muß ich Sie als Lehrbursch aufnehmen: das soll morgen geschehn; und wenn Sie sich gut anschicken, können Sie in acht Tagen schon Geselle sein.« – Mehr wollte er mir vorderhand nicht entdecken: daß die Leute doch die Überraschung sosehr lieben![710]

Den folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück wurde ich von ihm selbst in seine Werkstatt abgeholt: der tändelnde Mann band mir ein weißes Schurzfell um, mit rotem Bande eingefaßt, und wies mir meinen Platz auf einem Taburett an, wo ich zusehn sollte, um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen: »Einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister«, setzte er sehr wichtig hinzu. Ich erfuhr noch immer nicht, zu was für einer Kunst ich eingeweiht werden sollte, und konnte es auch nicht raten; denn in dem ganzen engen Stübchen war nichts, woher ich Mutmaßungen nehmen konnte, als alte grüne Tapeten, mit einem greulichen Staube über und über bedeckt: woraus ich schloß, daß man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe oder daß es Staub bei der Arbeit gebe. Auf dem Tische lagen Stücken Bimstein, Leder und andre Sachen und vorzüglich viel Staub. Als ich noch meinen Mutmaßungen nachhing, trat ein Mann in blauem Rocke, roter Weste, gelben Beinkleidern und grauen, wollnen Strümpfen herein, die verwirrte Perücke nicht zu vergessen – der Himmel weiß, ob sie von Natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist: – aber da sie sich seit unsrer ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveränderlich gleichgeblieben ist, mag sie wohl natürlich schwarz und vor Alter und Gram etwas rotgrau geworden sein, besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmütze dient. Alle Kleidungsstücke waren in kläglichen Umständen, auf dem beschabten, blauen Rocke lagen die groben Grundfaden offen da wie weißer Bindfaden, und die rote Weste war mit großen und kleinen Flecken von mancherlei Farbe wie eine Landkarte illuminiert. – »Da kömmt mein Altgesell«, sagte der Oberste, als der Mann mit einem »Sehr schönen guten Morgen« hereintrat. Ohne im mindsten zu bemerken, daß eine fremde Figur in der Stube war, legte er sogleich seinen Hut hinter seinen Stuhl auf den Fußboden, setzte sich, zog eine Brille heraus, wischte sie an einem kleinen, weißen Schnupftüchelchen rein, ohngefähr von der Größe, wie sie meine ehmalige Puppe, glorreichen Andenkens, an Sonn- und[711] Festtagen zu brauchen pflegte: darauf stellte er die Brille mit vieler Akkuratesse auf die Nase – da saß er, die Arme auf den Tisch gelegt! Es ist, wie ich hernach vom Obersten erfuhr, ein gewesener Apotheker, der den tollen Einfall gehabt hat, alle seine Büchsen in Gold verwandeln zu wollen; und da sie ihm, ungeachtet aller Mühe und Unkosten, den Gefallen nicht erzeigt haben, sondern gutes ehrliches Holz geblieben sind, wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte, so hat er sie versilbern, das heißt für Silbergeld verkaufen müssen: – dieser Spaß mit der Versilberung ist von dem Obersten, um seinen Witz in Deine Bekanntschaft zu bringen. Von dieser Versilberung lebt er itzo, behilft sich elend und schlüge jedermann ohne Ansehn der Person hinter die Ohren, der ihm die Kunst, alles in Gold zu verwandeln, nicht zugestehn wollte. Er ist dabei entsetzlich gelehrt, daß mir mannigmal ganz schwarz vor Augen wird, wenn er disputiert: griechische Wörter mit langen, langen Schwänzen und noch viel mehr Latein als Fräulein Hedwig speit er den Leuten wie einen Hagelregen an den Kopf: der Oberste weiß zuweilen vor Angst nicht wohin, so übel bekömmt ihm die grausame Gelehrsamkeit des Mannes: Das war also der Altgesellen Skizze – mit dem Maler zu reden, der gestern eine Türe bei uns anstrich.

»Es ist doch wahr, daß ehegestern nacht ein Geist bei der Mamsell –« (ich weiß nicht mehr, wie er sie nannte) »gewesen ist«, fing er an, »er hat eine glühende rote Nase und an jeder Hand sechs Finger gehabt.« – Ich mußte lachen: das nahm er übel, gab mir einen Verweis und erklärte mir, warum die Geister lieber zu den Mädchen als den Mannspersonen kämen. Ich habe seine langweilige Erklärung vergessen, aber so viel weiß ich noch, daß seine Geister so gescheit sind und sich lieben und heiraten wie unsereins. Er bildet sich ein, daß er sie zitieren kann, auch die Seelen der Lebendigen: ich nahm mir die Freiheit, mir die Deinige zu einem Tête-à-tête bei ihm zu bestellen: aber entweder hat der Mann seine Kunst verlernt, oder Deine Seele ist zu fest an den Körper gewachsen; denn seitdem ich hier bin, muß[712] ich alle Abende Deinen Namen auf Papier schreiben, verbrennen und ihm die Asche überliefern, und er zitiert, daß ihm der Angstschweiß am Kopfe hereinströmt: aber die liebe Seele will nicht kommen. Er ist so unverschämt zudringlich, daß man sich seiner gottlosen Künste gar nicht erwehren kann, wenn man sich zum Spaß einmal mit ihm einläßt: so geht es mir mit Deiner armen Seele, sosehr ich ihn auch bitte, er soll sie in Ruhe lassen.

Der Oberste, der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern bekümmert, aber seine Arbeit doch höher achtet, unterbrach den Altgesellen damals sehr bald in seiner Erklärung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt, nicht müßig zu gehn, sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen. Indem der Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte, traf auch der Junggeselle ein, Madam Dormer: sie warf eilfertig ihre Saloppe ab, und gleich über die Arbeit! – Es ist doch wahrhaftig das verschmitzteste Weib auf der Erde: weil sie weiß, daß man sich durch solchen Eifer bei dem Obersten überaus beliebt machen kann, tut sie so geschäftig und behandelt alles mit einer solchen Wichtigkeit, als wenn von der Spielerei dieser drei Leute die Wohlfahrt des ganzen deutschen Reichs abhinge. – »Nunmehr«, fing der Oberste sehr gravitätisch an, was er gewöhnlich gar nicht ist, und wandte sich zu mir, »nunmehr will ich Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren. Sie sehn hier in meinen Händen einen gräulichen Stein, Dendrit genannt: in diesen Stein hat die Natur alles gezeichnet, was auf der Welt ist, Menschen, Tiere, Bäume, Häuser, Landschaften, Städte, Armeen, ganze Feldzüge und Schlachten.« – »Aber«, nahm der Goldmacher das Wort, »wie die Natur überhaupt alle ihre Schätze tief verborgen hat, damit sie des Menschen Ingenium und Fleiß hervorsuche und herausziehe, wie par Exempel das Gold, welches in allen, auch den verächtlichsten Materien enthalten ist; wir essen es im Brote, wir tragen es in unsern Kleidern auf dem Leibe« (wobei er auf seinen kahlen, blauen Rock wies), »wir treten es auf unsern schmutzigen Gassen mit Füßen, die Magd kehrt es mit dem Besen[713] aus der Stube, wir haben es in uns, in Blut und Eingeweiden: nun muß des Menschen Fleiß und Geschicklichkeit aus allen diesen Goldgruben jenes köstliche Element heraussuchen und aus den verächtlichen Materien gleichsam herausziehen.«

– »Nicht so weitläuftig, Altgesell!« unterbrach ihn der Oberste. »Sehn Sie, Rikchen!« sprach er darauf in seinem alltäglichen Tone zu mir, »wir reiben und polieren die Steine so lange, bis die vortrefflichen Zeichnungen, die die Natur hineingelegt hat, zum Vorschein kommen.« – »Das ist«, hub der Goldmacher wieder an, »das ist par Exempel just wie mit einer sympathetischen Tinte – Sie wissen doch, was eine sympathetische Tinte ist?« fragte er mich und sagte mir einige Rezepte, sie zu verfertigen: aber er kam nicht weit mit seinen Rezepten; denn der Oberste schrie: »Gearbeitet! gearbeitet, Altgesell! und dann geschwatzt!« – Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach, mir eine Probe von diesen Wunderzeichnungen der Natur zu weisen. Er holte einen großen Kasten herbei, worinne eine Menge polierte Dendriten nach der Ordnung lagen, wie die Geschichten erfoderten, die er sich darauf vorstellte. »Sehen Sie!« begann er, »das ist der Einfall des itzo allergnädigst regierenden Königs von Preußen in Schlesien anno 40: – das hier ist die Schlacht bei Molwitz, wo mich eine Kugel am Arme streifte: Sie können das sehr deutlich sehen. Hier steht unser Bataillon; hier steh ich als Leutenant; und hier kömmt die verfluchte Flintenkugel und fährt mir so dicht am Arme hin, daß sie mir ein Stück Haut wegnimmt.« – Ich sahe auf dem Steine nichts als schwarze Punkte, die wohl Bäumen, aber keinen Soldaten ähnlich waren: allein aus Gefälligkeit sah ich alles, was er darauf erblickte. – »Das hier«, fuhr er fort, »ist die Aktion bei Hennersdorf, wo ich meinen Hut verlor und eine Kugel ins linke Schulterblatt kriegte: ich bin zweimal darauf: hier fällt mein Hut, und hier kömmt die Kugel: sehn Sie! es ist alles deutlich.« – Der Goldmacher schüttelte den Kopf. »Halten Sie mir zu Gnaden«, fing er an, »mit der Aktion bei Hennersdorf ist es nicht richtig. Ich setze Leib und Leben zum Unterpfande, Sie irren sich. Es ist die Geschichte Lutheri,[714] wie er dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf wirft: das fliegende Tintenfaß sehn Sie für eine Flintenkugel an, und die Tinte, die hier dem Teufel vom Kopfe läuft, halten Sie für den Hut, der Ihnen bei Hennersdorf vom Kopfe fiel.« –

Der Oberste. Und was Sie für den Teufel ansehn, das bin ich? – Sie müssen behext sein oder den Star haben, wenn Sie mich hier nicht erkennen wollen. Sacre-papier! sieht mich für den Teufel an!

Der Apotheker. Ich sterbe darauf. Sehn Sie hier nicht deutlich die Hörner, den Schwanz und die Pferdefüße?

Der Oberste. Sacre-papier! das ist mein Toupet, mein Degen und die Vorderfüße von meinem Pferde. Sie sind ja sonst nicht so dumm, daß Sie das nicht begreifen können.

Der Apotheker. Herr Oberster, ich will in der Minute des Todes sein, wenn ich nicht recht habe. Mit Ihrer Schlacht bei Molwitz ist es nicht anders. Das bin ich, als ich den letzten Versuch machte, der mich ins Unglück brachte. Das reine Gold war schon da: gleich kömmt ein Bergmännchen (eine Art von seinen Geistern) und gibt mir eine Ohrfeige, daß ich die ganze köstliche Materie vor Schrecken zusammenwerfe: dort lagen alle meine Reichtümer! Sehn Sie hier nicht das Bergmännchen ganz deutlich, so natürlich, wie es damals vor meinen Augen stund?

Der Oberste. Der verfluchte Goldmacher! Nun sieht er mich auch noch für ein Bergmännchen an! – Wofür wird er mich nun hier auf dieser Platte ansehn? Bin ich das nicht, wie ich vor zwei Jahren meine Soldaten auf der großen Wiese manövrieren ließ? Sieht Er hier nicht deutlich die zwei Divisionen, die ich machen ließ?

Der Apotheker. Nein, das sind die sieben törichten und sieben klugen Jungfrauen aus dem Evangelio, und was Sie für Ihre eigne Person halten, ist der Bräutigam, der ihnen entgegenkömmt.

Der Oberste. Altgesell! Er ist ein Narr. Sacre-papier! Da wird sich wohl die Natur die Mühe geben und ihm seine sieben törichten Jungfern auf die Steine malen. Gearbeitet! damit wir etwas vor uns bringen. –[715]

»Ach«, fing Madam Dormer an, »was Sie für die Schlacht bei Molwitz halten, ist der natürliche Tiergarten bei Berlin: hier ist die Jägerhütte, in welche zwei Verliebte gehen, um die Brautnacht darinne zu feiern.« – Ich glaubte, ein Bergmännchen gäbe mir eine Ohrfeige wie dem Apotheker, als die Frau den heimtückischen Einfall sagte: ob ihn gleich niemand außer uns beiden verstund, wußte ich doch vor Verlegenheit nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Sie ist immer noch die vorige freundlich-hämische Vignali: aber ich muß ihr schmeicheln, damit sie meine Geschichte nicht verrät und es bei solchen tückischen Neckereien bewenden läßt, die sie auch nicht spart.

Ich konnte meine Neubegierde nach ihrem Unglücke nicht eher befriedigen als nachmittags, wo der Oberste mit dem Apotheker ausging, um der Sektion eines Frosches beizuwohnen, die einer ihrer Bekannten ihnen schon lange versprochen hatte. Madam Dormer empfing Befehl, daß sie mich unterdessen in den Handgriffen, Dendriten zu polieren, unterrichten sollte: aber wir wandten die Zeit besser an. Auch sie gab mir die Schuld, daß sich der Herr von Troppau mit ihr entzweit hätte: ich fragte sie voll Verwunderung, wie das möglich wäre. – »Troppau«, antwortete sie mir, »hatte in Erfahrung gebracht, daß Sie nebst Ihrem Liebhaber durch meinen Vorschub entkommen waren: er beschwerte sich mit den bittersten Anzüglichkeiten darüber20 und schalt mich[716] förmlich aus. Ein so ungewohnter Ton verdroß mich, besonders da er mir mit der ärgsten Beleidigung sagte, daß ich ihm einen Gefallen getan hätte, wenn ich mit Ihnen gereist wäre. Ich verließ mich ein wenig zu sehr auf seine vorige Liebe und meine Gewalt über ihn und antwortete ihm im Zorne, daß es noch Zeit wäre, wenn seine erkaltete Liebe eine Trennung wünschte. Ein Wort führte das andre herbei, und wir sagten einander alle Gemeinschaft und Liebe auf. Ich bildete mir närrischerweise ein, daß der Mann nicht ohne mich leben könnte, und hoffte jeden Augenblick, daß er den ersten Schritt zur Versöhnung tun würde; aber die Männer sind ein gottloses Geschlecht: solange das Vergnügen neu ist, das wir ihnen geben, sind sie unsere Sklaven; aber wenn die Sättigung sich einstellt oder ein neueres Vergnügen winkt, dann werden sie wilde Bäre, die alle Banden zerreißen, wenn man sie auch nur mit einem Zwirnfaden regieren will. Ich merkte wohl bald, daß ich eine Übereilung begangen hatte, und bot auch von fern die Hand zur Versöhnung: sein Herz war ohne Rückkehr verloren. Ich bekam die Pension, die er mir auf den Fall einer Trennung ausgesetzt hatte, richtig ausgezahlt: aber was half mir das? Meinen vorigen Aufwand konnte ich nicht fortsetzen: alle meine Freunde verließen mich: nachdem ich so lange stolz gefahren war, sollte ich nunmehr demütig zu Fuße gehn. Berlin wurde mir verhaßt, und ich wünschte eine Gelegenheit, die Stadt zu verlassen, wo ich so tief unter mir selbst gesunken war. Von ohngefähr bringt einer meiner vorigen Freunde, der mich allein im Unglücke nicht vergessen hatte, den jungen Dormer, meinen itzigen Mann, in meine Bekanntschaft: er kam damals von Reisen aus Italien und suchte bei der Kapelle eines deutschen Hofs anzukommen. Er besuchte mich oft,[717] und aus Verzweiflung und Verdruß verliebte ich mich in ihn: er tat mir einen Heiratsantrag, und aus Verzweiflung und Verdruß nahm ich ihn an. Die Pension, die mir Troppau nur solange versprochen hatte, bis ich mich verheiraten würde, fiel freilich nunmehr weg: aber das kränkte mich nicht sonderlich; denn ich mochte dem Manne, der meine Liebe mit solchem Undanke belohnte, nicht gern die Verbindlichkeit meiner Erhaltung schuldig sein. Ich verkaufte mein Haus und verließ mit meinem Manne Berlin, wo ich durch die Blindheit der Mannspersonen so hoch gestiegen und durch ihre Treulosigkeit so tief gefallen war. Wir zogen herum und konnten an keinem Hofe unser Unterkommen finden. Mein Mann war an ein verschwenderisches, wüstes Leben gewohnt oder gewöhnte sich daran, als er mich und meine paar tausend Taler in seiner Gewalt sah: alle meine Vorstellungen, alle meine Klugheit vermochte nichts über den Wildfang, der Schulden auf Schulden häufte und mich mißhandelte, wenn ich sie nicht bezahlte. So wurde mein kleines Vermögen innerhalb eines Jahres durchgebracht, und weil keine andre Rettung übrig war, gesellten wir uns zu einer herumziehenden deutschen Schauspielergesellschaft. Ich mag die Schande nicht aufdecken und Ihnen die nächste Ursache sagen, warum mein Mann diese Partie ergriff: ich war so töricht, ihn wirklich zu lieben, und dachte, ihn von seiner Untreue zurückzubringen: deswegen willigte ich in seinen tollen Entschluß. Ich hatte mein bißchen Musik seit meiner Verheiratung wieder hervorgesucht und meine Kehle so ziemlich wieder geübt. Die ganze Truppe bestund aus trägen, frostigen, steifen Figuren, aus Leuten ohne Eziehung und Sitten, die aus Marquis, Grafen und Baronen Schuhflicker machten und alle Rollen so spielten, als wenn der Dichter ihre eigne elende Person hätte schildern wollen: unsre Stutzer waren Hanswürste, denen nichts als die Pritsche fehlte, und unsre Könige saßen auf ihren glanzleinewandnen Thronen wie auf Nachtstühlen und schrien und lärmten, als wenn die Dissenterie in ihren Eingeweiden wütete. Wir spielten meistens Trauerspiele, und wenn einmal[718] einer von den Helden böse oder eifersüchtig wurde, dann blökte er, als wenn ihn der Satan bei den Haaren zauste, und die übrigen stunden um ihn herum wie Schafe, die der Wolf fressen will. Ich konnte sehr wenig Deutsch, ob ich mir gleich Mühe gab, es zu lernen: mein Hals wollte sich an die rauhen Töne gar nicht gewöhnen; aber das schadete nichts: mein Mann oder der Direktor der Gesellschaft sagte mir meine Rollen vor, und ich lernte die Worte auswendig, ohne viel davon zu verstehen. Ich beschwerte mich zwar oft darüber, daß ich niemals verstünde, was ich sagen müßte: allein man versicherte mich, daß es den übrigen allen nicht besser ginge und daß darauf auch nicht viel ankäme. An dieser Stelle müssen Sie zornig tun, an jener verliebt; hier weinen, dort lachen; hier sauer, dort süß aussehn – das war mein ganzer Unterricht; und weiter brauchte ich nichts, um die größten Rollen mit Beifall zu spielen. Ich habe gefochten mit Händen und Füßen wie eine Beseßne und geschrien, daß mir die Ärzte ein Lungengeschwüre prophezeiten; denn das hatte mir der Direktor vorzüglich zu tun empfohlen. Es ging alles nach Wunsch: doch in einer barbarischen Rolle sollte ich so viele R schnurren, daß mir die Ohren sausten: ich bekam mitten in der Rolle von dem verwünschten Schnurren der vielen R einen erstickenden Husten, daß ich sehr schwach sprechen mußte: das verursachte meinen gänzlichen Fall in der Gunst des Publikums. Seitdem sang ich italienische Arien zwischen den Akten und schwang mich dadurch so sehr wieder in die Höhe, daß die Zuschauer wünschten, das ganze Schauspiel möchte aus italienischen Arien bestehen. Weil mein Einfall dem Direktor viel Geld einbrachte, spielte er alle Stücke mit italienischen Arien, und Zaire, als sie den tödlichen Stich empfangen hatte, starb mit einer italienischen Bravourarie, die ich hinter der Szene sang, weil die sterbende Zaire nicht singen konnte. Die Begierde, Arien zu hören, wurde so zu rasender Wut, daß zuletzt die Lampenputzer nicht anders als singend die Lampen putzen durften. Ein so allgemeiner Beifall erregte den Neid und die Verfolgung der ganzen Trauerspielbande wider mich; denn mit[719] einer italienischen Arie sang ich alle die bärbeißigen Mörder darnieder: man kränkte und plagte mich so gewaltig, daß ich nebst meinem Manne die Gesellschaft verließ. Wir gingen noch einige Zeit in der Irre herum, ließen uns an unterschiedlichen Höfen hören und wurden endlich an dem hiesigen angenommen, wo ich, Gott sei Dank! die größte Sängerin in Europa bin.« –

So ohngefähr erzählte sie mir: ich habe, soviel ich konnte, ihre eignen Worte beibehalten; aber Du weißt, wie sie erzählt: man kann es ihr unmöglich nachtun. Laß Dir besonders ihren theatralischen Lebenslauf noch einmal von ihr selbst erzählen, wenn Du zu uns kömmst: sie hat mir ihn fast alle Tage wiederholen müssen: der Frau möchte man Tag und Nacht zuhören, so bezaubernd spricht sie. Sie hat hier schon jedermann eingenommen und mischt sich in alles. Es ist zwar etlichemal übel für sie abgelaufen, daß sie ihre Hand bei Sachen im Spiele haben will, um welche sich eine Sängerin nicht bekümmern darf: allein sie kann ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrige nicht leben; daher bringt sie Dinge zustande, die man für unmöglich hält, und sogar bei Leuten, die auf sie zürnen, daß sie sich mit Angelegenheiten abgibt, die nicht für sie gehören: besonders bei der Fürstin steht sie in großer Gnade.

Sie erkundigte sich sehr nach Dir oder, wie sie Dich nennt, nach ›meinem Adonis‹. Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht liebgewonnen: sie ist gewiß eine unvergleichliche Frau, und gar im mindsten nicht so hämisch und tückisch, wie wir geglaubt haben, oder wie es zuweilen scheint. – »Mein Adonis?« antwortete ich und küßte ihr die Hand: sie lachte über den respektvollen Kuß, und ich weiß selber nicht, wie ich auf den sonderlichen Einfall kam.-»Mein Adonis«, sagte ich, »lebt, aller Welt abgestorben, in philosophischer Einsamkeit auf dem Lande.« – »Wirklich?« rief sie und lachte. »Der Mensch hat mannigmal wunderliche Grillen: bei mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen philosophischen Koller: wenn er nicht beständig unter der scharfen Zucht einer Frau oder eines Mädchens steht, so verdirbt[720] er gleich. Im Zweiundzwanzigsten der Welt abzusterben! wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht, so ist er im Fünfundzwanzigsten begraben und im Dreißigsten schon kanonisiert: er soll mein Patron werden, wenn ich noch so lange lebe. Wollen Sie ihn kommen lassen?« – Ich antwortete mit einem tiefen Seufzer. – »Der Seufzer heißt: ›Ja, ich möchte wohl, aber ich kann nicht‹«, sprach sie lächelnd. »Lassen Sie ihn kommen! er soll bei mir wohnen und speisen, wenn er mit mir und meinem Manne vorliebnehmen will. Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen können?« – Sie sann herum. »Bravo!« fing sie wieder an. »Sie haben wohl noch nichts von dem Präsidenten Lemhoff gehört? Man nennt ihn hier den kleinen Fürsten, weil er im Grunde das ganze Land nach seinem Gefallen regiert. Das nächstemal, wenn ich bei ihm singe, will ich ihm weismachen, daß er einen Sekretär braucht und daß er an dem Schreiber, den er itzo hält, nicht genug hat. Was wetten Sie? er soll mir's glauben und Herrmann sein Sekretär werden, sobald er bei uns ist. Machen Sie indessen einen Brief an ihn fertig, geben Sie mir seine Adresse, ich will die Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen.« –

Mein Brief ist bis hieher fertig: mit welchen Aussichten oder Hoffnungen ich ihn schließen werde, hängt von der Antwort der Madam Dormer ab. Ich will von Zeit zu Zeit das merkwürdigste, was mir begegnet, hinzusetzen.


den 29. August.


Gestern bin ich der Fürstin vorgestellt worden: sie empfing mich überaus gnädig, aber beinahe wäre ich aus aller Fassung geraten. Sie fragte mich, ob ich die Dormerin kennte, und ich einfältiges Geschöpf bilde mir ein, daß sie diese Frage nicht tun kann, ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine ganze Geschichte zu wissen. Ich stammelte ein erschrocknes Ja und fürchtete jeden Augenblick, daß sie mich auch fragen würde, ob ich nicht einen gewissen Herrmann liebte. Sie sah mich lange mit Verwunderung an: nach meiner Empfindung zu urteilen, mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben; denn meine Miene[721] muß in dem Augenblicke entsetzlich albern und furchtsam gewesen sein. Indem wir einander so stumm ansahen, trat der Fürst ins Zimmer: die Fürstin präsentierte mich ihm: er sah mir steif und unbeweglich in die Augen, als wenn er mich durchbohren wollte. – »Das Mädchen sieht sehr verliebt aus«, sprach er halbleise zur Fürstin: sie lächelte, und ich glaubte vor Schrecken, der Himmel läge auf mir. Sie tat noch ein paar Fragen und ließ mich von sich. Ich habe bei dieser Gelegenheit nachher die Bekanntschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht: zwo herzlich gute Seelen sind es: sie liebkosten und küßten mich und freuten sich ungemein, daß sie Hoffnung hätten, mich zu ihrer Gefährtin zu bekommen. Die eine ist überaus aufgeräumt, aber sie muß sich gern über alles aufhalten: diese Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Mienen hervor. Die andre scheint mir ziemlich alt und schwächlich, aber sie ist gleichfalls sehr munter; beide gehn so vertraut und freundschaftlich mit mir um, daß ich sie ungemein liebe.

Ich begreife gar nicht, warum man den Hof beständig so gefährlich, so voller Zwang, Haß, Neid und Verfolgung beschreibt: ich habe mir ihn wegen dieser Beschreibungen ganz anders vorgestellt, als ich ihn finde. Die Großen dachte ich mir tausendmal zeremoniöser, stolzer und einsilbiger als meinen Onkel, den Grafen: weit gefehlt! so herablassend, so mild, so freundlich ist mein Onkel in seinem ganzen Leben nicht eine Minute, als Fürst und Fürstin täglich und gegen jedermann sind. Das Schloß des Grafen war ein leibhaftiges Zuchthaus; jeden Tritt, jede Miene, jedes Wort mußte man abmessen, und jedermann ging dem andern aus dem Wege: hier lebt man so frei, so ungezwungen, ohne alle langweilige Komplimente und steife Grimassen. Bei meinem Onkel sahen die Leute alle so mürrisch, verdrießlich und so bitter und böse wie erboste Meerkatzen aus: hier lacht Freundlichkeit, Vergnügen und Freundschaft auf allen Gesichtern: die Leute scheinen sich alle so herzlich gut zu sein wie Brüdern und Schwestern. Du hast mir so ein wunderliches Mißtrauen gegen die Menschen beigebracht, daß ich immer bei mir[722] zweifle, ob es ihnen auch von Herzen geht, wenn sie mir so gütig und freundlich begegnen: aber ich zwinge mich alle Tage mehr, das unglückliche Mißtrauen zu verlieren. Einbildungen, nichts als schwarze Einbildungen sind es, die man sich bei übler Laune oder im Unglücke macht! In Berlin schrieb ich der Vignali unsre Zwistigkeit zu, glaubte, daß sie mich verfolgte und von Dir trennen wollte, und hielt sie für so hämisch und tückisch und falsch wie ein Tigertier; und es ist doch die beste Frau von der Welt, die sich itzt so lebhaft für Dich und mich interessiert wie eine Mutter für ihre Kinder: sie läuft und rennt unsertwegen herum und spricht allenthalben Gutes von mir. So mag es Dir in den meisten Fällen auch gehn: Du bürdest die Schuld Deiner übeln Laune und Deines Unglücks den armen Menschen auf die Schultern. Komm nur zu uns! Du wirst mir gewiß beipflichten. Wenn einmal in einer trüben Stunde jemand, der Dir vorher schmeichelte, aus Versehen an Dich stößt, so hältst Du ihn gleich für falsch: ich mach es nicht besser, und ich schäme mich zuweilen vor mir selbst, daß ich so argwöhnisch bin. Ich liebe die Leute alle, daß ich jeden gern in mein Herz schließen möchte, und mitten unter der Liebe ist mir beständig, als wenn ich ihnen nicht recht trauen dürfte: aber ich will mir die Unart schon abgewöhnen.


den 12. Sept.


Endlich, nach vielen Tagen und Wochen kömmt Madam Dormer mit einer erwünschten Nachricht. »Setzen Sie sich!« sagt sie mir eben itzt. »Ich will Ihnen den Brief diktieren, damit Ihr Herrmann sieht, wie gelehrt ich indessen in der deutschen Sprache geworden bin.« – Das wird ein sauberes Briefchen werden: ich schreibe buchstäblich, wie sie es mir vorsagt. –


»Komm Sie su uns, Monsieur Erman! Sie soll werde eine Sekretär bei die Herrn von Lemhoff: Sie mir hat gegebet seine Wort.« (»Er hat mir sein Wort gegeben, wollen Sie sagen, meine hochgelehrte Dame.«) »Er liebet sehr die Gimpel; et sie Vous pouvez devenir un peu Gimpel, Vous-même, tant, mieux pour Vous. – Non, non, raïez celà. Ich will sage[723] teutsch. – Wenn Sie kann werde ein Gimpel Sie selbst, der Herr Präsident Sie nehmet lieber in Dienst. Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peifet« – (»pfeift, wollen Sie sagen.«) »Quel diable de mot! säuft?«- (»Nein, nein, das heißt boire.«) – »Mais je ne veux pas dire celà. Comment? keift?« -(»Ebensowenig, das heißt gronder.«) – »Eh, mon Dieu, comment se peut-il donc qu'un oiseau gronde?« – (»Sie wollen sagen, pfeift.«) – »Eh bien, feif ou säuf ou läuf, comme il Vous plaira. Ecrivez! – Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peift, und machet daraus ein Present dem Mr. le President: kaufe Sie auch ein Paar – attendez! comment est ce que celà s'appelle en allemand? des tourterelles.« – (»Turteltauben!«) – »Ecrivez donc! Turteltauben. Das wird Sie legen in die bonnes graces von Herr President; und wenn die Purzeltauben – que riez-Vous? – Wenn die Gimpel wohl singet und die Buttertauben – Mais qu'avez-Vous donc? – Wenn die tourterelles wohl lachet, der Herr President lachet und säufet mit Sie.« (»Pfeifet mit Ihnen.«) »Sie soll logir – comment dit-on? mit ou zu Madam Dommer? Mon Dieu, Vous etouffez de rire. Comment faul-il donc dire?« –, (»Bei Madam Dormer Sie können Ihren eignen Namen nicht einmal aussprechen.«) – »Madam Donner?« – (»Dormer!«) – »Ne me chicanez pas; ce n'est pas le nom de mon mari. Allons, finissons la lettre. – Adieu, meine liebe Herr Ermann. Madame Vignali, si Vous la connoissez, Vous donne sa benediction. –

Heut abend um acht Uhr schick Sie mir den Brief, Mademoiselle, oder noch besser, ich will kommen holen.«

Nun noch ein paar gescheite Worte unter uns, eh' es achte schlägt!

Also kömmst Du? – denn was sollst Du allein in der kümmerlichen traurigen Bauerhütte anfangen? Glaube mir, unter den Leuten in der Stadt und am Hofe ist es tausendmal besser als unter Deinen Bauern: wenn wir uns nicht sosehr geliebt hätten, so wären wir im ersten Jahre vor Langerweile gestorben; und an unsern Kummer in der letzten Zeit mag ich herzlich gern nicht denken. Nunmehr danke ich's den Leuten,[724] die mich aus der Jammerhöhle herausgestohlen haben: sie wollten mir einen recht üblen Streich spielen und taten mir die größte Wohltat. Das neue angenehme Leben hier und die muntre Gesellschaft und die guten Leute, die mich alle so herzlich lieben, daß ich zuweilen recht verlegen bin, wie ich sie genug wiederlieben soll – alles das hat Deine Ulrike so munter, so fröhlich gemacht, daß man denken sollte, es fehlte mir nichts; und doch fehlt mir alles – Du!

Leider! müssen wir einmal wieder fremd gegeneinander tun, wenn Du zu uns kömmst! Es ist doch etwas Unglückliches in der Welt, daß man nie eine Freude ganz genießen kann: immer darf man nur auf den Raub kosten und muß dabei sich umsehn, ob es jemand gewahr wird. Madam Dormer wird Dich im Polieren der Dendriten unterrichten und bei dem Obersten bekannt machen, und dann wirst Du mein Mitgeselle: was kann erwünschter sein? Es ist mir zwar nicht recht, daß Du bei der Dormerin wohnen sollst: die verführerische Frau – schon wieder Mißtrauen? und ich hab es doch ganz aus mir verbannen wollen! Nein, Du sollst bei ihr wohnen; und wenn ich nur ein mißtrauisches Wort wieder äußre, so strafe mich! Du sollst um und mit mir leben: wie ich stolz sein will, wenn Dir Liebe und Achtung von allen Seiten entgegenkömmt! Die guten Leute, die ich hier kenne, werden Dich zu ihrem Abgotte machen; und wie das wohltun muß, wenn man statt des Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet! als wenn man aus der tiefsten Finsternis ans helle Tageslicht kömmt! Ich möchte jedermann küssen, der mir nur zu Gesicht kömmt, seitdem mir Madam Dormer die glückliche Nachricht gebracht hat, daß Dich der Präsident annehmen will. Es muß ein vortrefflicher Mann sein, der Präsident: die Leute sprechen zwar nicht gut von ihm, aber die Leute sind nicht gescheit. Zu Fuße möcht ich ihm fallen, so viele Hochachtung und Ehrfurcht fühle ich für den göttlichen Mann; und Madam Dormer! – mein Herze hüpft ihr entgegen, wenn ich nur ihren Namen denke: dem Obersten möcht ich um den Hals fliegen, und selbst den Apotheker hab ich so liebgewonnen, daß[725] er mir viel hübscher vorkömmt, als sonst. O welche Wonne, unter so braven Leuten zu wohnen, die man lieben kann! und wenn nun vollends der Bravste, der Schönste, der Beste unter allen, mein kleiner Abgott, dabeisein wird – o dann brauchen wir gar nicht erst zu sterben, um in den Himmel zu kommen: wo man alle Menschen liebt und von allen geliebt wird, da ist er. Komm! fliege! in diesem Himmel erwartet Dich

Deine glückliche Ulrike.

20

Madam Dormer wischt hier sehr fein über die Ursache hinweg, warum der Herr von Troppau so aufgebracht war, daß sie Ulrikens Flucht aus Berlin bewerkstelligt hatte. Er merkte schon lange vorher, daß sie seine Vermählung mit der Baronesse nicht nur ungern sah, sondern, unter dem Schein, sie zu befördern, zu hintertreiben suchte. Seine betrogne Liebe machte ihn also wütend und bitter gegen Vignali, die so trotzig war, daß sie ihm nicht einmal auf sein Verlangen den Ort sagte, wohin sich Ulrike gewandt hatte. Er gab sich hernach noch viele Mühe, ihn auszukundschaften: allein da alles vergebens war, vermählte er sich ein Jahr darauf mit einem andern Fräulein und führte, soviel man weiß, eine vergnügte Ehe. Er sagte der Madam Dormer bei dem Zanke, dessen sie in ihrer Erzählung erwähnt, geradezu ins Gesicht, daß er argwohne, sie habe Ulriken belogen und Schrecken oder Furcht angewandt, um sie aus Berlin zu bringen. »Sie glauben«, sagte er, »daß ich Sie nicht mehr lieben werde, wenn ich vermählt bin: meine Liebe hätte so bald nicht aufgehört, aber Ihr falsches, hinterlistiges Verfahren, Ihre schändliche Verstellung hat sie ausgelöscht. Ich liebe Sie nicht mehr.«

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 700-726.
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