Zweites Kapitel

[574] Für einen Menschen, der wie Herrmann so viele eigne Ursachen zur Betrübnis hatte, war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben: gleichwohl ging er ihr nach und hätte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht: sie harmonierte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele, um nicht Nahrung für seinen Kummer in ihr zu suchen.

Nicht bloß Unglück der Liebe; nicht bloß Ungewißheit wegen Ulrikens Schicksal; nicht bloß Reue über seine verliebte Übereilung; nicht bloß die Unmöglichkeit einer Verbindung mit ihr quälte ihn itzo mehr, sondern das schrecklichste Übel, das einen Menschen von Herrmanns Denkungsart bedrohen kann – der Mangel. Seine kleine Barschaft, die er von Berlin mit sich brachte, war teils auf der Reise, teils bei seinem Aufenthalte in Leipzig weggeschmolzen; er hatte kein gelehrtes noch mechanisches Handwerk gelernt, um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, zu den Arbeiten, die er hätte verrichten können, raubte ihm der Gram Lust und Kräfte; mit seinem einzigen Freunde, mit Schwingern, hatte er sich auf Vignalis Antrieb entzweit und wagte es nicht, ihm seinen Aufenthalt zu entdecken, aus Furcht, er möchte seine Drohung wahr machen und ihn in die Hände des Grafen zur Bestrafung für seinen unverschämten Brief liefern; von seinen Eltern, wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnöde Behandlung in Berlin beleidigt hätte, konnte er keinen Beistand erwarten; die Rache des Grafen mußte er täglich fürchten: also ohne Rettungsmittel, ohne Freund, unter Furcht, Qual und Kummer saß er da in einer unbekannten Stadt unter unbekannten Menschen, die von ihm gewinnen wollten, und sein ganzes Vermögen waren zween Louisdor. Hunger war seine kleinste Sorge; aber sich ohne Schande aus einer so kritischen Lage herauszuziehn, das war sein Anliegen;[574] er überlegte so oft und vielfältig auf allen Seiten, was er tun sollte, daß ihm von der Unmöglichkeit, sich zu retten, wie vor einem Abgrunde schwindelte. Das Rosental wurde der Vertraute seines Schmerzes, aber meistens, um ihn zu mehren; jedes Paar, das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnügen in Gohlis zueilte, erinnerte ihn an eine Glückseligkeit, die ihm fehlte. – ›So könntest du‹, dachte er, ›itzt mit Ulriken dahinwandeln, wenn Vignalis Anschlag vollzogen worden wäre, so nach der Mühe des Tags die Ruhe am Arme der Liebe genießen. O wärst du einer von diesen Glücklichen, die Leben und Vergnügen durch die Arbeit ihrer Hände zu erkaufen wissen!‹ – Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen und kam immer wieder auf den Hauptweg zurück, um sich neuen Stoff zum Mißvergnügen zu holen: er hörte die fröhliche, schreiende Tanzgeige, das schallende Horn und das laute Gewühl der Freude: o wie eilte er der brausenden Mühle zu, für ihn ein viel harmonischer Getöse! und mit weitem Umwege entging er der Freude durch einsame, menschenlose Gänge. Das absterbende Laub, die abgemähten Wiesen, der herannahende Tod der Natur, den die herbstliche Szene allenthalben ankündigte, waren reizende Bilder für seine Melancholie: die halbentblätterten Bäume wurden seine Freunde, die mit ihm zu empfinden schienen, weil sie mit ihm um sich selbst trauerten.

In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen Spaziergange zurück, und auf der Stube warteten schon ebenso finstre Gedanken auf ihn, als er mit sich brachte. Er wollte kein Licht, lehnte sich in der Dunkelheit mit dem Rücken ans Fenster und tat, was er immer tat – sann auf Rettung und fand keine.

»Ist es möglich?« fing er endlich mit gerungnen Händen an, »also ist leben wirklich eine so schwere Kunst, als mir Schwinger oft sagte? Unter einer solchen Last von Unglück den Atem nicht zu verlieren, das erfodert Riesenstärke. – Aber wenn doch leben unser Beruf auf der Erde ist, warum muß dieser Beruf so sauer sein? Hätte mich die Natur zum Bösewichte[575] oder zum Niederträchtigen gemacht, wohl mir! Ich dränge mit einem schlechten Wagestücke, das mir Leben oder Tod brächte, hindurch, raubte oder betröge, um reich oder geköpft zu werden: aber die Natur gab meinem Gewissen eine Stimme und legte in mein Herz die Ehre, die mich bei jedem Schritte nicht bloß vor Schande bei den Menschen, sondern auch vor der Schande bei mir selbst warnt – ein edles, aber fürwahr auch ein lästiges Geschenk! ›Kämpfe mit Unglück, Kummer und Mangel!‹ gebietet das Schicksal, ›rette dich aus dem Kampfe!‹ will die Natur: ›übersteh ihn ohne Schande oder komme darinne um!‹ verlangt Gewissen und Ehre: – ist das nicht das Leben eines Missetäters, der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird? Der Elende muß zerspringen und den Geist aufgeben: wehe ihm, wenn er ihn langsam aufgibt!«

Nach einer Pause, die schwarze Bilder und ängstigende Empfindungen ausfüllten, begann er wieder. »Sollte denn wahrhaftig, wie meine Freunde neulich unter sich stritten, dem Unglücklichen verboten sein, sich den Weg aus dem Labyrinthe gewaltsam zu öffnen? Wenn ich nichts Böses noch Entehrendes tun soll und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglücke nicht anders geschehen kann, ist es nicht doppelte Pflicht, mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden Rettungsmittel abzuschneiden? Was lehrte mich Seneca? Was tat Cato, um der Schande zu entgehen? Er wählte den kleinern Schmerz, um dem größern auszuweichen. Was kann ein Mensch wie ich, der sich durch ein Verbrechen an der Tugend versündigt hat, anders erwarten als die tiefste Schande? Beginnt nicht meine Strafe schon? Kann die Gerechtigkeit, die mein Schicksal regiert, härter strafen, als daß sie mir alle Mittel benimmt, der geschändeten Unschuld nur das kränkelnde Leben wieder zu verschaffen, das man guten Ruf nennt? – Verschmachten soll ich in Reue und Verzweiflung, in Kummer und Mangel wie in tiefem Schlamme, mich emporarbeiten wollen, meine Kräfte langsam verzehren, bis das Ästchen, woran ich mich halte, zerbricht, mich sinken läßt und das eindringende Wasser den schwachen[576] Atem erstickt. Tut ein Verbrecher nicht den Willen der Gerechtigkeit, wenn er eine Strafe beschleunigt, die ihn spät, aber gewiß treffen soll? Menschen strafen mit einem Schwertschlage; und eine Gerechtigkeit, wovon die unsrige nur ein Schatten ist, sollte mit zehntausend Streichen, mit langsam entseelenden Stichen, mit verwundenden und allmählich tötenden Schnitten wie der grausamste Hurone strafen? – Nein: sie will durch kein Wunder töten: das junge feste Leben widersteht ihrer Hand; was tut also der Verbrecher, als daß er ihrer Hand seine eigne leiht und das Urteil ausführt, das sie gern gleich vollstrecken möchte, aber nicht anders als langsam vollstecken kann? – Meine Tätigkeit ist in der Blüte verwelkt: für das Vergnügen bin ich tot, für Geschäfte erstorben, ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens; in Schande bei mir selbst versunken; der Schande vor den Menschen nahe; jeden Augenblick in Gefahr, von Mangel und Kummer, wenn sie Gewissen und Ehre allmählich einschläfern, zu Verbrechen und entehrenden Handlungen hingerissen zu werden; an keinen Freund, keine Familie, nur an eine einzige Seele mit einem Faden geknüpft, den das Schicksal zerrissen hat: ein so unnützes Geschöpf, für jedermann entbehrlich, das nichts Erhebliches tun kann noch soll, elend außer sich, elend in sich, elend in der Gegenwart und in der Zukunft, eine Beute der Verzweiflung, wozu lebt das? – Die Welt verliert nichts an ihm: es verliert nichts an der Welt: jeder künftige Zustand kann leicht besser sein als der seinige: welche Bedenklichkeit kann also einen Entschluß aufhalten, den Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben?«

Hier stockte er: seine Seele hatte sich aus dem stürmenden Gewitter in die bange, schwüle, schwerdrückende Stille hineinräsoniert, wo sie nichts als Vernunft zu sein scheint, aber alles, was in ihr denkt und spricht, ist Leidenschaft, die durch lange Gewohnheit die Miene der Vernunft angenommen hat. Es deuchte ihm, als ob ein neues Licht in seinem Kopfe aufgegangen wäre: kein Tumult, kein Brausen und Toben mehr in ihm! Aber so kalt, so vernünftig er sich vorkam, so fühlte[577] er doch, daß alle seine Glieder zitterten: so richtig ihm seine Gründe schienen, so hielt er sich doch in einer mißtrauischen Entfernung von ihnen, wie von neuen Bekannten, denen er sich nicht so blindlings anvertrauen möchte. Je schärfer und länger er sie ansah, je mißtrauischer wurde er; aus dem Mißtrauen wurde Angst: er floh in der finstern Stube auf und nieder, rang die Hände und schlug sie über den Kopf zusammen; und immer verfolgte ihn der fürchterliche Gedanke des Selbstmords wie eine Furie, die ihn bei den Haaren fassen wollte: seine Schritte wurden immer stärker und hastiger, die Angst drückender: der Unglückliche floh vor seinen eignen Gedanken, wollte ein Gespenst abschütteln, das in seiner Seele saß und desto grimmiger die Zähne fletschte, je mehr er mit ihm rang.

Schon eilte er nach der Tür, um dem Henker seiner Seele aus der Stube zu entfliehen, die Treppe hinab und durch die Straßen zu rennen: indem trat sein kleiner Pommer, der ihn zeither bedient hatte, mit einem Lichte in der Hand herein. Herrmann faßte ihn derb bei der andern und bat mit geknirschtem, hohlem Tone, bei ihm zu bleiben. – »Laß mich nicht aus den Augen! stehe dicht neben mir! laß meine Hände nicht aus den deinigen!« sprach er, äußerst verwildert und bebend. Der Junge wußte nicht, was er denken sollte, fühlte wohl an dem einklammernden Drucke der Hand, merkte auch an Miene und Ton, daß sein Herr sich in einer unbeschreiblichen Angst befand: allein da er an blinden Gehorsam gewohnt war, tat er den Befehl wörtlich, ohne nach der Ursache zu fragen. Herrmann setzte sich, der Pommer hielt ihm beide Hände fest und sah ihm unverwandt ins Gesicht; und obgleich sein Herr, als sich die Angst durch die Erleuchtung der Szene und die Gesellschaft ein wenig milderte, seinen Befehl widerrief, so gehorchte er doch dem ersten Gebote mehr als dem letzten. Herrmann sah wehmütig auf ihn und sprach: »Lieber Bursch, was wird aus dir werden, wenn wir voneinanderkommen sollten?«

Der Pommer. Was Gott will.

Herrmann. Bekümmert dich denn die Zukunft gar nicht?

[578] Der Pommer. Die Zukunft? – Was ist denn das?

Herrmann. Sorgst du nie für morgen, sondern bloß für heute?

Der Pommer. Nicht für morgen und auch nicht für heute. Ich sorge gar nicht.

Herrmann. Wenn ich dir aber kein Brot mehr geben könnte oder stürbe, was dann?

Der Pommer. Da gibt mir's ein andrer.

Herrmann. Wohl dir, daß du so denken kannst! – Also hast du niemals Unruhe?

Der Pommer. In Pommern nicht; aber hier! Wenn ich die schönen Leute in den schönen Kleidern sehe, wenn sie so fahren und reiten, oder wenn ich die reichen Leute in der großen Stube unten brav essen und trinken sehe, da geht mir's mannigmal wohl so unruhig im Leibe herum, daß ich nicht auch so essen und trinken und reiten und fahren kann. Wenn mir's denn so gar zu bange wird, so pfeif ich: da vergeht's.

Herrmann. Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat, so pfeife mir doch eins vor! –

Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskräften ein Liedchen aus seinem Vaterlande. »Ich sehe wohl«, sprach Herrmann nach geendigter Musik, »man muß ganz wie du denken, wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll.«

Der Pommer. Ich will Ihm wohl sagen, woher das bei mir kömmt. Sieht Er? Das Liedel pfiff ich allemal, wenn mir Mutter ein Brotränftel zur Vesper abschnitt; und wenn ich das Liedel pfeife, denk ich allemal an die Brotränftel, und da wird wir so wohl! so wohl, ich kann's Ihm gar nicht sagen.

Herrmann. O gehe den Augenblick wieder nach Pommern, wenn das Wohlsein dort so wohlfeil ist! Geh in dein Vaterland zurück! Ich kann dich unmöglich bei mir behalten.

Der Pommer. Warum denn nicht?

Herrmann. Ich werde Leipzig verlassen.

Der Pommer. So geh ich mit.

Hermann. Aber mein Geld könnte alle werden, und wir müßten dann beide zusammen hungern.

[579] Der Pommer. Da bettle ich und bring es Ihm.

Herrmann. Oder ich könnte sterben.

Der Pommer. Er wird ja nicht! Mutter sagte immer: wenn man stirbt, ist man tot. Er wird nicht sterben: dazu ist er viel zu jung.

Herrmann. Der Kummer frißt auch ein junges Leben: du Glücklicher weißt nicht, was Kummer ist.

Der Pommer. Wenn Er Kummer hat, ich will Ihm eins pfeifen: da vergeht's. – Wenn Er stürbe, da legt' ich mich zu Ihm in den Sarg: da schmeckte mir zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr. Sieht Er? Mutter hatte einmal eine Gans, die sie stopfte: die Gans war Ihm so fett, daß man seine Freude daran sah. Das wird schmecken! dacht ich. Sieht Er? Da wollte Mutter die Gans schlachten, und da starb die dumme Gans; und da hab ich Ihm um die Gans geflennt, daß mich der Bock stutzte. – Hör Er! sterb Er ja nicht wie Mutter ihre Gans! – Ja, wahrlich! wenn Er stürbe, ich flennte wie um Mutter ihre Gans.

Herrmann. Ich beklage, daß ich dir so viele Treue nicht belohnen kann. Deine Treuherzigkeit verdient, daß ich aufrichtig gegen dich bin. Mein Geld ist alle: ich kann dich nicht länger ernähren.

Der Pommer. Da sorg Er nur nicht: die Leute werden mir schon geben; und was sie mir geben, das soll Er alles kriegen. – Ich gehe nicht von Ihm, daß Er's nur weiß!

Herrmann. Geh wieder nach Pommern: da bist du am glücklichsten, wo du nur ein Brotränftchen dazu brauchst.

Der Pommer. Ich gehe nun nicht, das sag ich Ihm. Ich bleibe bei Ihm bis in den Tod.

Herrmann. Bis in den Tod? – Vielleicht kömmt dieser gute Freund bald und führt mich aus meinem Unglücke heraus. Wie glücklich bist du, daß du dir so eine traurige Hülfe nicht wünschen darfst!

Der Pommer. Ach, ich habe mir auch schon einmal den Tod gewünscht; aber ich bin deswegen nicht gestorben. Vater schlug mich alle Tage so gottsjämmerlich, daß mir der Rücken platzte. Sieht Er? Da ging ich heraus aufs Feld zum[580] Schäfer und sagte: »Matthis, schlagt mich tot! Vater bleut mich gar zu sehr.« Da sagte der Schäfer: »David, bist ein Narr! Wenn du tot bist, schmeckt dir kein Bissen mehr gut.« Da sagt ich zum Schäfer: »Matthis, du sollst mich totschlagen.« – »Das tut weh«, sagte Matthis, »wir wollen uns lieber ersäufen. Ich hab es schon gestern tun wollen: meine Frau bleut mich wie ein Dreschflegel: aber ich habe mir's erst überlegt, eh' ich's tue: ich habe da eine schöne Wurst, die möcht ich dem Wetteraase doch nicht gönnen; sie ist dir gar zu schön: ich kann's gar nicht übers Herz bringen, daß ich sie anschneide. Weißt du was, David? wir wollen sie zusammen essen, und hernach ersäufen wir uns.« Da holte Matthis eine große, unbändige Wurst aus dem Schubsacke – daß ich nicht lüge! sie war Ihm, bei meiner blutarmen Seele! wohl so dick wie mein Arm: eine recht unbändige Wurst! und da setzten wir uns hin und schnabulierten, daß einem das Herz im Leibe lachte. Da fing Matthis an: »David, es schmeckt gar zu gut: hol mich der Teufel! ich kann mich nicht ersäufen.« – Und da sagt ich: »Bei meiner blutarmen Seele! ich auch nicht! und wenn mir Vater alle Rippen zerbleute.« Da sprach Matthis: »Wer gäb uns denn im Wasser so schöne Würste? David, wir wollen uns bleuen lassen. Alle Tage Schläge und mannigmal so ein Stückchen Wurst ist doch besser als keine Schläge und keine Wurst. Man wird das Unglück gewohnt. Nach einer Tracht Schläge schmeckt's noch einmal so gut.« – »Das sag ich auch«, sprach ich; und da ging ich heim und ersäufte mich nicht und ließ mich Vatern bleun, soviel er wollte, und da wurd ich's gewohnt, und da tat mir's nicht mehr weh, und ich kann's Ihm gar nicht sagen, wie mir's seitdem gut geschmeckt hat. Der Matthis war Ihm ein recht gescheiter Kerl. Nun bereut' ich's schön, wenn ich mich damals ersäuft hätte. – Herr, soll ich Ihm etwas zu essen holen?

Herrmann. Ja, David; bringe mir ein Stück von Matthis' Wurst.

Der Pommer. Hol mich alle! wenn wir die noch hätten! Da sollt ihm das Sterben schon vergehn. Wenn Ihm nicht so[581] recht lustig um den Kopf ist, so sag Er mir's nur: da pfeif ich Ihm mein Liedel; und da vergeht's.

Herrmann. So mußt du mich erst lehren, bei einem Brotränftchen glücklich zu sein.

Der Pommer. Das lernt sich bald; und wenn Er kein Geld hat, da müssen mir die Leute geben, und ich bring's Ihm; und wenn Er sterben will, da hol ich Ihm etwas zu essen. –

Herrmann wurde durch die genügsame, zufriedne Philosophie des Burschen beschämt: er tadelte sich, daß ein so dummes Geschöpf mehr Standhaftigkeit haben sollte, das Unglück zu ertragen, als er, und fand in der Anmerkung des Schäfers, »man wird das Unglück gewohnt«, einen Schatz von Weisheit, die ihn weder der Umgang mit seinen gelehrten Freunden noch sein eignes, von der Leidenschaft bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hätte. Zwar kamen die vorigen trüben Gedanken in der Nacht etlichemal zurück, und der Stolz sophistizierte Matthis' Philosophie oft danieder: allein der nämliche Stolz, der ihm den Mangel an Gelde als einen unerträglichen Schandfleck vorstellte, malte ihm nunmehr den Mangel an Standhaftigkeit und die Verzagtheit im Unglücke als einen noch größern Schandfleck ab. Wie die Sonne, wenn sie über dem gesunknen Nebel hervorsteigt, erhub sich den Morgen darauf seine Seele über die gestrigen düstern Gedanken: die Mutlosigkeit schien ihm so entehrend klein und die Stärke des Geistes in der Widerwärtigkeit so erhaben, daß er sich beinahe über seine Verlegenheit freute, weil sie ihm Gelegenheit gab, sich selbst durch Mut und Klugheit zu gefallen. In seinem Kopfe hatten itzt alle Gedanken eine andre Beleuchtung: jedes Rettungsmittel, das ihm sein bisheriger Unmut für verwerflich und unrühmlich erklärte, schien ihm itzo wünschenswert oder doch nicht schimpflich, nachdem seine Rettung einmal eine Sache der Ehre für ihn geworden war. Er nahm sich vor, noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben, suchte unter seinen Briefschaften Papier, und siehe da! – unter dem Suchen fällt ihm Ulrikens Schattenriß, den er einmal in einer eifersüchtigen Laune dem Mr. de Piquepoint in[582] Berlin raubte, in die Hände: er erschrak, verweilte dabei, und je mehr er die sanfte Physiognomie ansah, je mehr schämte er sich seiner gestrigen Melancholie. Gedanke holte Gedanken, Empfindung Empfindung herbei, und in wenigen Minuten stand er im vollen Feuer verliebter Begeisterung: das Bild schien seinem Ehrgeize zu sagen, daß er für Ulriken Ungemach leide und überstehe: ihre Lippen befahlen ihm, jedes Mittel zu versuchen, um einen an ihr begangnen Raub wieder zu vergüten: was ihm gestern Verbrechen schien, war ihm heute Übereilung, und fast war ihm die Übereilung lieb, weil sie ihm eine so wünschenswerte Vergütung auferlegte. Alles ging ihm leicht, alles hurtig von der Hand: er schrieb an Vignali, meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine daher entstandne Verlegenheit und ersuchte sie um ihren Rat, besonders um Nachricht von Ulriken. An Schwingern schrieb er gleichfalls, berichtete ihm die Veranlassung zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin, bat ihn um Verzeihung, Rat und Beistand und bezeugte, da er sich in dem Sitze einer Universität aufhielt, ein großes Verlangen zu studieren, doch war er auch bereit, den Vorschlag, den er in Berlin von sich gewiesen hatte, nunmehr anzunehmen, wenn Schwinger ihm mehr dazu riete als zum Studieren. – Alles ernste und feste Vorsätze!

Er hoffte, daß Schwinger seinen Plan, sich einer Wissenschaft zu widmen, nicht nur billigen, sondern ihm auch einen Zuschuß dazu geben werde: die noch fehlenden Bedürfnisse dachte er sich durch Arbeiten zu gewinnen, und wenn es auch durch Informieren geschehen müßte: keine sollte ihm zu gering, keine zu beschwerlich sein, um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken, einen so hohen Preis, zu erlangen. Er sann, zu welcher Fakultät er sich schlagen wollte, und wählte die juristische. »Wer weiß«, sagte er sich, »welchen hohen Posten ich durch Fleiß und Anstrengung erringen kann, der mich Ulriken mit Ehren besitzen läßt, ohne daß sich ihre Anverwandten meiner zu schämen brauchen?« – Mit ungeduldiger Hitze eilte er diesem glücklichen Zeitpunkte auf den Flügeln der Liebe schon entgegen, wollte[583] seine Wissenschaft nicht bloß lernen, sondern verschlingen, und deswegen während seiner ganzen Studierjahre niemals mehr als fünf Stunden schlafen und zum Vergnügen nicht eine Minute verschwenden: Bücher sollten sein einziger Umgang und Studieren seine einzige Beschäftigung sein. Wie kränkte es ihn, daß er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten wie eine Tasse Tee hinunterschlucken konnte!

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 574-584.
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