Erstes Kapitel

[558] Daß Herrmann, voll guter Ahndungen, nicht lange zögerte, Vignalis Brief abzugeben, lehrt die Sache selbst: aber wie scheiterten die guten Ahndungen so plötzlich! Madam Lafosse hatte noch vor ein paar Wochen in dem Hause gewohnt, welches die Aufschrift des Briefes anzeigte, und war gegenwärtig gar nicht mehr in Leipzig. Warum? »Weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsetzte, der sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte«, berichtete der Hausknecht und setzte hinzu, daß sie ihre Stube aufgegeben habe und vermutlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde.

Also war dem armen Herrmann auch das bißchen Trost geraubt? – Nicht eine Stütze, nicht ein Schatten, nicht eine Illusion blieb ihm übrig: sein trauriges Schicksal lag so schwer auf ihm, daß er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte noch fühlte. Er öffnete Vignalis Brief, verstund ihn in der Niedergeschlagenheit kaum und las ihn wohl zwanzigmal, ehe er den Inhalt glaubte, als er darinne den Auftrag an Madam Lafosse fand, den Überbringer desselben anzuhalten und ihm allen möglichen Vorschub zu tun, daß er sich auf einem Dorfe in der Stille mit dem Frauenzimmer trauen ließe, das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde; als er darinne fand, daß Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht inständig bat, die Sache mit ihrer gewöhnlichen Klugheit zu betreiben und sosehr als möglich zu beschleunigen: zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen, den Ulrike mit sich bringen werde, um den ganzen Plan zur Ausführung zu erfahren.

Wie unglücklich war er nun vollends! Der Brief lehrte ihn, daß ihm der Zufall sein Glück unter den Händen wegnahm: gleichwohl war er auf der andern Seite nunmehr insofern besser daran, daß er sich mit einem Schimmer von Hoffnung[558] täuschen konnte. Ulrike mußte also, nach Vignalis Briefe zu urteilen, nicht mehr in Berlin sein – schon eine Beruhigung! Sie mußte entweder schon in Leipzig sich befinden oder doch bald eintreffen: wie leicht war es, sie aufzusuchen, Vignalis vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beihülfe der Madam Lafosse auszuführen? – Aber er hatte sich vorgenommen, nicht eher wieder vor ihr zu erscheinen, als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten könnte! – Er schwankte lange, ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte, erkannte ihn für Übereilung in den ersten Augenblicken der Reue, glaubte, daß es für ihn und Ulriken zuträglicher sei, sie zu heiraten, um sie nicht den Nachstellungen und der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern: – aber wo und wovon sollten sie zusammen leben? – ›Von der Arbeit!‹ sagte er sich. ›Sie mag nähen, stricken, waschen: ich will in einer Handlung oder bei einem Advokaten Arbeit suchen.‹ – Wie gesagt, so beschlossen; wie beschlossen, so getan: er bestellte in der gewesenen Wohnung der Madam Lafosse, daß man ein junges Frauenzimmer, wenn sie nach dieser Frau fragte, in seinen Gasthof weisen sollte.

Er für seinen Teil ließ es unterdessen nicht an Mühe fehlen, sie zu treffen: vom frühen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Straßen, auf dem Wege, wo die Berliner Post herkommen mußte, unermüdlich herum, stellte auch eine Anweisung im Posthause aus: da war keine Ulrike! da kam keine Ulrike!

Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und Stunden den Spaziergang ums Tor, sahe geputzte Damen und Herren, die in einem kleinen Bezirke drängend durcheinander herumkrabbelten, alle etwas suchten und zum Teil zu finden schienen. Gähnende Damengesichter, von der Langeweile auf beiden Seiten begleitet, suchten den Zeitvertreib, und rechnende Mathematiker suchten zu der Größe ihres Kopfputzes und ihrer Füße die mittlere Proportionalzahl oder suchten in den Garnierungen ihrer Kleider Parallelopipeda, Trapezia, Würfel und Kegel, schöne Mädchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize und funfzigjährige Magistri Bewunderer[559] ihres Schmutzes; Doktores juris à quatre epingles suchten die Jurisprudenz und veraltete Koketten die Jugend; junge Anfängerinnen suchten die ersten Liebhaber und junge Dozenten die ersten Zuhörer, Scheinheilige suchten Sünden und Ärgernisse, um sie auszubreiten; Moralisten suchten Laster und Torheiten, um dawider zu eifern, und Kennerinnen des Putzes suchten Sünden des Anzugs, um darüber zu spotten: ein jedes suchte die Gesichter der andern, ein jedes in den Gesichtern der andern Zeitvertreib, und ein großer Teil des Geländers war mit lebendigen Personen verziert, die mit stieren Augen die übrigen alle suchten, um sich auf ihre Unkosten zu belustigen. Aus dieser suchenden Gesellschaft drängte sich Herrmann in den größern, verachteten Teil der Promenade: hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem Haupte und wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande, ein denkender Kaufmann suchte Geld für verfallene Wechsel, ein Almanachsdichter Gedanken für seine Reime und ein bleicher Hypochondrist das Vergnügen in der Luft; und alle suchten vergebens wie Herrmann.

Welch nagender Kummer, nicht zu wissen, wo sie ist, die man liebt! Tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten sich als möglich zu denken, unter welchen sie vielleicht schmachtet, und dabei sich den Vorwurf machen zu müssen: Du warst es, der sie durch eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kümmernissen hinaustrieb! – Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in einem Tage und bereute, daß er eine Liebe nährte, die der Himmel selbst nicht billigen müßte, weil er sie so vielfältig hinderte.

Seine Leiden machten ihn stumm und äußerst traurig: er sprach an dem öffentlichen Tische, wo er speiste, beinahe kein Wort, aß wenig und wußte selten, was er genoß: sein gewöhnlicher Nachbar hielt es ebenso; und deswegen vertrugen sich diese beiden Leute so vortrefflich miteinander, daß sich allmählich eine Sympathie zwischen ihnen entspann. Die leidende, verzerrte Miene des Mannes, sein hagres, fast verdorrtes Gesicht, sein in sich gezognes, menschenhassendes Betragen, seine Zerstreuung zog sehr bald Herrmanns[560] Aufmerksamkeit auf sich: er liebte ihn, weil er auch zu leiden schien. Wenn einer den Tisch verließ, verließ ihn auch der andre: als wenn sie ein geheimer Zug lenkte, gingen sie nebeneinander spazieren, ohne es meistenteils selbst zu wissen, redeten nicht vielmehr als bei Tische, höchstens alle fünf Minuten ein paar Worte: der eine richtete seinen Gang, vielleicht ohne daran zu denken, in einen Garten; ungefragt und ohne Widerspruch folgte der andre ihm nach: sie setzten sich in eine Laube, eine schattichte Allee; der eine stund vielleicht auf und ging nach Hause, der andre vermißte ihn nicht, als bis er selbst gehen wollte. Gerieten sie in einen Kaffeegarten, so foderten sie Kaffee, vergaßen ihn zu trinken und schmälten, wenn sie endlich einmal einschenkten, daß man ihnen so kalten Kaffee vorsetzte. Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft empor, daß sie sich mit vieler Treuherzigkeit Besuche versprachen, zuweilen gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten, als daß sie nebeneinander träumten. Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten, machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung, daß er ihm heute nicht so aufgeräumt wie sonst vorkomme, obgleich Herrmann vorher während ihrer ganzen Bekanntschaft so traurig gewesen war wie itzt. – »Ist Ihnen etwas Widriges begegnet?« setzte der Hypochondrist hinzu. – »Ach Freund!« antwortete Herrmann, »ich bedarf keines neuen Unglücks zur Traurigkeit: ich muß der Freude sehr jung entsagen.«

Der Hypochondrist. Ich bin auch heute nicht halb so lustig wie sonst. Die starke Hitze schlägt allen meinen Mut nieder.

Herrmann. O es ist kühl, rauh, wie im Herbst: man friert.

Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, Sie haben wirklich recht: es ist sehr kalt: ich werde meinen Pelz umnehmen. –

Er nahm ihn um: über eine Weile schüttelte er sich, als wenn er vor Frost schauderte. – »Es ist gewaltig kalt«, sprach er, »daß ich einheizen lassen muß.« – Er gab Befehl dazu; und der Mann, der vorher sich einbildete, vor Hitze zu ersticken, bildete sich itzo ein, vor Frost zu vergehen, und stellte sich im Pelze an den glühenden Ofen.[561]

Auf einmal fing er an: »Es ist Ihnen ganz entsetzlich warm.«

Herrmann. Ich sitze hier am offnen Fenster: ich kann nicht darüber klagen.

Der Hypochondrist. Ihnen wäre nicht warm? Sie keuchen ja vor Hitze.

Herrmann. Wenn meinem Herze so wohl wäre wie dem Körper!

Der Hypochondrist. Ich weiß nicht, wozu Sie es leugnen: der Schweiß läuft Ihnen ja am Kopfe herein.

Herrmann. Mir nicht, aber Ihnen! Sie schwitzen und glühen wie ein Backofen.

Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, es kann wohl sein. – Oh, es ist mir übernatürlich warm: der Pelz brennt wie die Hölle – ah, ich möchte verschmachten. –

Hastig warf er den Pelz von sich, das Kleid hinterdrein und zog das leichteste, dünnste Negligé an. Er ging stillschweigend in der Stube herum. »Warum sind Sie denn so still?« fragte er.

Herrmann. Lieber Freund, meine Seele ist so voll, daß die Zunge nicht reden kann. Sprechen Sie! Zerstreuen Sie meine düstern Empfindungen!

Der Hypochondrist. Red ich denn nicht? – Ich dächte, ich hätte den Mund nicht zugetan.

Herrmann. Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen, solang ich hier bin.

Der Hypochondrist. Das wundert mich; aber es ist möglich: ich fühl es selbst, daß ich heute nicht halb so munter bin wie sonst. Kommen Sie! wir wollen den Magister – wie heißt er doch? –, Sie werden's schon erfahren; er ist mein sehr guter Freund und wird uns gewiß aufheitern. –

Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge, daß sich Herrmann, seiner übeln Laune ungeachtet, des Lachens kaum enthalten konnte. Ein kleines Männchen, einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperücke auf dem Kopfe, den buntgestreifichten Schlafrock mit einem braunledernen Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschürzt, wie die Bauermädchen die Röcke aufgürten, in[562] bloßen Füßen und großen wollnen Socken: in dieser grotesken Kleidung wandelte er gravitätisch die enge beräucherte Stube auf und nieder, ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen. Kaum hatte Herrmann den Mund geöffnet, um ihn zu grüßen, als ihn der Ton seiner fremden Stimme verscheuchte – husch! war er in die Kammer hinein. Nach langer Zeit kam er mit bekleideten Füßen, aber in dem vorigen Anzuge, wieder zurück, weil ihn sein Freund durch die Kammertür aus allen Kräften versicherte, daß der Fremde seine Draperie nicht übelnehmen werde. Er bewillkommte seinen noch nie gesehnen Gast mit vieler Ängstlichkeit und drückte sich dabei mit dem Rücken so dicht an die Wand, als wenn er besorgte, Herrmann werde ihm darauf springen; und da er sich so an drei Wänden hin bekomplimentiert hatte, bat er an der vierten um Erlaubnis, seinen Hut aufzusetzen. – »Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig erkältet«, gab er zur Ursache an, »daß er sich seit vier Tagen nicht erwärmen läßt.« – Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung, die ihm dieser Mann verschaffen sollte: er suchte deswegen das erloschne Gespräch wieder anzufachen; der Aufheiterer machte sich bei jedem Gange, den er tat, beständig den Rücken frei und verließ deswegen niemals die Wand. Seine Scheu wurde zuletzt so groß, daß sie sein Freund bemerkte und ihn darüber befragte: er wollte lange nicht beichten, doch da ihm auch Herrmann durch Fragen zusetzte, gestund er endlich, daß seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze. Herrmann näherte sich ihm, um die Furcht durch freundliches Zureden zu vertreiben: je näher er ihm kam, je ängstlicher und zitternder zog sich der andre vor ihm zurück, bis er in einen Winkel kam, der ihn nicht weiterließ: er bat um Gottes willen, ihm ja nicht auf den Hals zu fallen. Herrmann entfernte sich zwar, aber ruhte nicht, bis er ihm die Ursache dieser sonderbaren Besorgnis entdeckte. – »Sie sehen«, sagte er, »natürlich wie ein griechisches Sigma (ς) aus; und den verwünschten Buchstaben kann ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehn:[563] es ist mir immer, als wenn er über mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken wollte.«

Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch: ein anständig gekleideter, wohlgesitteter Mann trat herein, um, wie er berichtete, dem Herrn der Stube den Krankenbesuch zu machen: »Aber«, setzte er hinzu, »ich tu es aus großer Freundschaft; denn ich bin selbst keine Minute vor dem Tode sicher.« – Herrmann mußte sich um so viel mehr darüber verwundern, da der Mann so frisch und gesund aussah, daß er dem Tode wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu können schien. Man erkundigte sich nach der Krankheit, die ihn mit einem so nahen Tode bedrohte. »Gestern«, antwortete er, »hab ich mir mit dem Federmesser eine so tödliche Wunde gemacht, daß ich wegen der gefährlichen Folgen keinen Augenblick ruhig sein kann. Der Schnitt schmerzte mich entsetzlich: es wollte nicht bluten, und das ist immer eine schlimme Anzeige. Wenn nun gar eine Entzündung dazu schlüge, und aus der Entzündung würde der kalte Brand, und der kalte Brand träfe die Eingeweide: da wär ich ja den Augenblick ohne alle Umstände tot.« – Weil Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten, seine körperlichen Leiden zu vergrößern, bekannt war, drang er in ihn, seine Wunde zu zeigen: der Mann ging außerordentlich schwer daran und wickelte nach vielen schmerzlichen Bewegungen und langen Zurüstungen ein großes Stück Leinwand von dem Finger: die ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konnte ohne Mikroskop schlechterdings keine Wunde entdecken. Der Verwundete, der mit beständigem Zittern fürchtete, daß man sie zu stark berühren werde, bezeugte eine sonderbare Verlegenheit, als man nirgends eine Wunde entdecken wollte: endlich besann er sich, daß es der Zeigefinger war, an welchem man auch einen kleinen unbedeutenden Schnitt fand: der gute Mann hatte sich den unrechten Finger verbunden und sich den unrechten Finger schmerzen lassen.

»Kleinigkeit!« rief der Herr von der Stube, »die ganze vorige[564] Woche hab ich meine linke Hand nicht brauchen können: ich fürchtete mich, sie nur zu berühren.«

»Und warum?« fragte jemand.

»Sie war in einer Nacht so weich geworden, daß ich alle Augenblicke glaubte, sie würde zerfließen: wie eine Gallerte! und so leicht, daß ich kaum fühlte, ob ich eine Hand hatte.« –

»Und wie ist sie denn wieder hart geworden?« –

»Von sich selbst in einer Nacht! Da ich des Morgens aufstehe, ist meine Hand wieder so fest und brauchbar wie die rechte.«

»Possen!« fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. »Das ist Einbildung gewesen: aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzählen, wobei Ihnen die Haare zu Berge stehn sollen! Am dritten heiligen Osterfeiertage vor dem Jahre – was meinen Sie wohl? –, da sitz ich unter den Linden – es war gerade ein gar allerliebster Tag –, da sitz ich unter den Linden und – was meinen Sie wohl? – da fällt mir etwas von dem Baume über mir gerade in den Mund hinein, und eh' ich mich's versehe, ist es hinuntergeschluckt. Nun stellen Sie sich einmal die Angst vor, was das alles gewesen sein konnte! Vielleicht ein Stückchen Holz voll von giltigem Tau, wie er in dieser Jahreszeit häufig fällt? Es konnte auch ein Stückchen Glas sein, das mit die Eingeweide zerschnitt; oder wohl gar der Unrat eines Vogels, der mir Säfte und Blut mit Fäulnis ansteckte; oder auch ein Samenkorn, das in mir keimte und aufging, woran ich hätte elendiglich ersticken müssen: was meinen Sie wohl, daß es wahr? – Ich zittre noch an allen Gliedern – eine Spinne!« –

»Woher wissen Sie denn das?« –

»Woher?« antwortete er, durch die Frage beleidigt. »Weil ich's gefühlt habe! Ich habe mich ja mit der verdammten Spinne über zwei Monate geplagt: dem Arzte machte sie auch nicht wenig zu schaffen: er hat mir Arzenei über Arzenei eingeschüttet, um sie zu töten: ich bat ihn um Gottes willen, daß er das nicht tun sollte; denn es fiel mir immer aus Pantoppidans Naturgeschichte ein, daß einmal eine junge Seekrabbe – die doch nach seiner Beschreibung auch eine Art Spinnen sein müssen – in einem Kanale verfault ist und beinahe[565] eine ganze Stadt angesteckt hat: was meinen Sie wohl, daß aus mir geworden wäre, wenn sie der Doktor wirklich umgebracht hätte? – Elendiglich wär ich gestorben.«

Herrmann. Und wie wurden Sie denn das Ungeheuer los? –

»Mein Arzt gab mir einen Schlaftrunk ein und körnte sie am Munde so lange mit einer Fliege, bis sie sich zu der Lockspeise heraufspann: er zeigte sie mir, als ich erwachte, nebst einem großen Bündel von ihrem Gewebe. Nun war mir nur wegen des übrigen Gewebes bange; aber mein Arzt hat mir glücklich davongeholfen. Er purgierte mich so stark und ließ mir so lange zur Ader, bis ich weder Saft noch Kraft mehr im Körper hatte: das hat mich vom Tode errettet. Lieber Gott! wie der Mensch doch so leicht elendiglich umkommen kann!«

»Wie können Sie nur so ein Kindermärchen glauben?« fing Herrmanns Freund an. »Sie haben sich das närrische Zeug eingebildet, und der Doktor machte Ihnen etwas weis.«

»Ich? mir das eingebildet?« rief jener und brannte vor Ärger.

»Nicht anders! eingebildet!« unterbrach ihn der andre ebenso hitzig. »So ein kluger Mann wie Sie, und läßt sich solche tolle Einbildungen aufheften! Das sind alles Schwachheiten; aber ich will Ihnen einmal einen Vorfall erzählen, der ganz anders aussieht: Sie werden sich wundern, allein ich kann Ihnen einen körperlichen Eid schwören, daß es die reine, lautere Wahrheit ist. Vor drei Jahren in dem grimmig kalten Winter – Sie werden das allerseits noch wissen – stund ich an dem kältesten Tage bei dem Ofen und fror, daß mir die Zähne klapperten, obgleich der Ofen vor Hitze springen wollte. Die Fenster hatte eine dicke Eisrinde überzogen, die etliche Tage her gar nicht aufgetaut war: ich sehe immer nach den bereiften Fenstern hin; auf einmal fang ich von unten an zu erfrieren: die Beine waren schon bis an die Knie tot, so steif, daß ich mich auf einen nahen Stuhl werfen mußte. Ich fühlte ganz deutlich, wie der Tod immer weiter nach dem Herze heraufstieg: ich wurde so starr, daß ich mich nicht rühren konnte, das Herz stund – weg war ich!«

[566] Herrmann. Wie sind Sie denn wieder aufgetaut? –

»Das weiß Gott. Meine Aufwärterin, da sie mich findet, macht gleich Lärm und holt Leute, die mich zu Bette schaffen. Wer weiß, was sie nun mit mir vorgenommen haben: sie sagen alle, daß ich von selbst wieder zu mir gekommen wäre; aber ein Narr, der's glaubt! Sie wollen mir nur nicht gestehen, was für entsetzliche Mittel sie gebraucht haben. – Was sagen Sie dazu?« –

»Daß es Einbildungen gewesen sind!« riefen die andern beiden Hypochondristen.

»Einbildungen, wenn man alles so gewiß fühlt, als ich hier vor Ihnen stehe? – Wenn man sich mit dem Federmesser ritzt und den unrechten Finger verbindet und dann sich vorstellt, daß man in der Minute daran sterben wird, das sieht einer Einbildung eher ähnlich: oder wenn man sich vom Arzte überreden läßt, daß er mit einer Fliege eine Spinne aus dem Leibe gelockt hat, das ist eine Einbildung; oder wenn man sich gar vorstellt, daß die Hand zu Gallerte geworden ist – man möchte toll werden, sich so eine handgreifliche Unmöglichkeit einzubilden!« –

»Ei, sagen Sie mir doch«, rief der Mann, dem der letzte Stich galt, »ist denn Ihr Erfrieren von unten auf nicht eine viel größere Unmöglichkeit? Sie sind von der großen Ofenhitze, die Ihren Kopf von hinten traf, in Ohnmacht gefallen, und weil Ihnen die kalte Luft vom Fenster auf die Füße strich, bildeten Sie sich ein, daß Sie von unten auf erfrören.« –

»Schwachheiten!« rief der Widerlegte erbost, »ich hab es aber gefühlt.«

»Wir auch!« antworteten die andern beide, »auch wir haben gefühlt.« –

»Das ist nicht wahr: ihr habt nicht gefühlt, sondern euch nur das Gefühl eingebildet.« –

»Und Sie haben etwas gefühlt und sich eine falsche Ursache eingebildet«, erwiderte der Herr von der Stube.

»Das ist albern geredet«, sprach der Erfrorne, »daß Sie es nur wissen! als wenn ich nicht causam et effectum unterscheiden könnte!«[567]

»Das können Sie auch nicht!« rief jener.

»Das hab ich gekonnt, eh' an Sie gedacht wurde: ich habe dinstinguiert, da ich noch ohne Hosen herumlief.« –

»Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguiert hätten, so sind Sie doch ein Narr, wenn Sie sagen, daß ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet habe.« –

»Ein Erznarr«, stimmte sein Konsorte mit ihm ein; »wenn ich mir nur eingebildet haben soll, daß ich eine Spinne im Leibe hatte.«

»Meine Herren«, fing Herrmann sehr bescheiden an, »wenn Sie nun alle drei recht hätten? Sie bildeten sich alle etwas ein.« – Armer Herrmann! nun ging der ganze Krieg auf den Zweifler los, der allen zugleich und keinem allein recht gab: zu seinem großen Glücke stellte sich ein neuer Besuch ein. Herr Logophagus trat äußerst verwildert herein: die Streitenden riefen ihn zum Richter auf, allein er lehnte die Ehre mit der höflichen Bitte von sich ab, daß man ihn ungeschoren lassen sollte, weil er wichtigere Sachen im Kopfe hätte. Man fragte ihn, welche, und er begann also:

»Da bin ich mit einem Ignoranten, einem Narren, der den schönen Geist macht, zusammen gewesen: der Hasenfuß tat so dicke und hielt sich so viel über mich auf, daß ich böse wurde und mich recht tüchtig mit ihm zankte. Ach! es ist aus in der Welt: alle wahre echte Gelehrsamkeit hat ein Ende: seitdem so viele schöne Geister unter uns geworden sind, rücken die Wissenschaften und Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute näher. Da lernen die Leute ein bißchen Geschmack, und nun sind sie schöne Geister und verachten einen Mann, der das Seinige redlich und rechtschaffen in litteris getan hat.«

Herrmann. Machen denn vielleicht die schönen Geister eine besondre Innung bei Ihnen aus? Sie sprechen davon wie von einem Handwerke, das man lernt. ›Er ist ein schöner Geist‹ – kömmt mir nicht anders vor, als wenn man von jemandem sagte, er ist ein gutes Gedächtnis.11 Ein französischer[568] Gelehrter sagte mir einmal: »Die Deutschen haben viel schöne Geister, aber wenig schönen Geist.«

»Es ist auch nicht viel daran gelegen«, antwortete der Wirt. »Das sind Einbildungen des Herrn Lithophagus. Er denkt, weil seine Silbenstechereien, seine kritische und humanistische Wortkrämerei nicht mehr im Gange ist, deswegen wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden. Desto besser, daß wir uns nicht mehr um das heidnische, abergläubische Zeug bekümmern! Ich will Ihnen besser sagen, was das Schöngeistern unter uns für Schaden anrichtet: es verdirbt die Religion, führt Freigeisterei und Unglauben ein, und Gottesfurcht und Frömmigkeit nehmen alle Tage mehr ab, seitdem das verhenkerte Schöngeistern bei uns eingerissen ist. Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz: ein bißchen Witz ist bald hingeschmiert, und wer ihn liest, dem tut der Kopf auch nicht weh: darum saugen die Menschen so gern Witz ein, und Witz und Unglauben sind Brüder«.12

»Da haben Sie völlig recht«, fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. »Aber das Übel erstreckt sich viel weiter. Wissen Sie, warum das Menschengeschlecht so elend, so kraftlos, klein und schwach ist, daß sechs Menschen itzt nicht so viel heben und tragen können als einer zu unsrer[569] Väter Zeiten? Sonst gab man dem Tee und Kaffee die Schuld: grundfalsch! der Witz hat uns zu solchen krüppelichten Zwergen gemacht; und wenn der verdammte Witz so fortfährt, unter uns einzureißen, so werden unsre Kinder so matt wie die Fliegen: wenn sie ein rauhes Lüftchen trifft, werden sie umfallen und sterben.«

»Ach, Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu tun!« unterbrach ihn Herrmanns Freund. »Ich weiß besser, woran unser Jahrhundert krank liegt – an der Menge von Genies. Die Genies haben die Sitten verderbt, alle Wissenschaften in Verachtung gebracht und sind die Ursachen unserer itzigen Unwissenheit in der Philosophie. Hätten wir nichts vom Genie in Deutschland gehört und gesehn, so würde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals.«

A. Ach, mit Ihrer Philosophie! Diese könnten wir wohl entbehren: aber wo Kritik und Philologie nicht mehr im Werte sind, da sind die Menschen der Barbarei nahe.

B. Die Philologie und Kritik? – Was Sie sich einbilden! Die Wortklaubereien hätten immerhin niemals auf der Welt sein mögen: aber die Theologie! das ist der Brunnquell aller Künste und Wissenschaften; wenn diese in Verfall gerät, dann werden aus den Menschen Bruta.

C. Ei, gehorsamer Diener! Ich dächte, auf die Jurisprudenz käme wohl mehr an als auf die liebe Theologie: wo die echte, elegante römische Jurisprudenz keine Liebhaber mehr findet, da ist alles vorbei; und nach ihr setze ich die Medizin; denn sie errettet vom Tode.

D. Ja, wenn man Spinnen verschluckt hat! Ihr seid alle nicht auf dem rechten Flecke. Der übrige Plunder alle kann zugrunde gehn: aber wenn die Philosophie sinkt, dann entsteht allgemeine Finsternis. Außer der Philosophie ist alles Schnurrpfeiferei.

»Das sagt ein Narr!« riefen die andern drei in einem Tempo.

»Woher wüßte denn die Philosophie so viele Sachen, wenn ihr meine Wissenschaft nicht hülfe?« sprach der Theolog. »Sie weiß nichts von guten und bösen Geistern« –

Auf dies Wort fielen die andern drei mit vereinten Kräften[570] der Lunge über ihn her. Der Philolog bewies aus griechischen Redensarten, daß diese beiden Benennungen nur Namen und keine Wesen wären: der Jurist leugnete ihre Existenz schlechtweg ohne Gründe, und der Philosoph höhnte den Theologen als einen abergläubischen Schwachkopf mit seinen bösen Geistern aus: alle redeten zugleich mit wüstem Geschrei, daß Gläser und Fenster klangen, und der arme kleine Theolog, da er von drei so beißigen Disputanten zugleich angebellt wurde, wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er alle seine Gegner in den Bann tat. »Ich möchte«, schrie er mit lauter Stimme, »daß den Augenblick der Teufel käme und euch alle holte: alsdann würdet ihr wohl an ihn glauben.« – Nicht lange nach dieser Appellation an den Herrn selber, den der Streit betraf, geschah plötzlich vor der Tür ein entsetzliches Getöse, als wenn ein Stück Mauer einstürzte: schnell verstummte die Disputation, alle zitterten und bebten und stunden eingewurzelt da, ohne einen Schritt von der Stelle zu wagen. Daß einer die Ursache des Schreckens hätte untersuchen sollen, war gar nicht zu erwarten: der Lärm geschahe zum zweiten Male, und es schlug sogar etwas heftig an die Tür an: als wenn der Erzfeind mit Schwanz und Klauen leibhaftig schon in der Stube stünde, purzelten alle vier mit übereilter Hastigkeit in die Kammer hinein und schlossen sie fest zu. Herrmann, ob er gleich nie eine Akademie besucht hatte, öffnete die Stubentür und entdeckte bei dem ersten Blicke die Ursache des Schreckens: der Tür gegenüber ruhte auf zween Balken, ein paar Ellen über den Fußboden erhaben, ein Holzschrank, in welchem der kleine, übelgetürmte Haufen eingestürzt und zum Teil an die Stubentür herübergerollt war. Er teilte den vier verschloßnen Flüchtlingen seine Entdeckung mit und konnte sie mit großer Mühe bewegen, das Holz selbst in Augenschein zu nehmen: sie kamen dicht hintereinander heraus, ein jeder hielt des andern Rockzipfel – alle gestunden das Phänomen zu: aber die Ursache? – Herrmann gab eine sehr natürliche an, daß das Holz schlecht gelegt gewesen sei; und der Jurist und Philolog pflichteten ihm insofern bei, weil sie es überhaupt[571] nicht für nötig hielten, sich um die Ursache eines Dinges zu bekümmern. »An solchen Unfällen ist nichts als die Ignoranz schuld«, setzte der Philolog hinzu, »hätten die Holzhauer Griechisch gelernt, so wüßten sie, daß die Figur eines großen Delta (Δ) die vollkommenste zum Holzlegen ist.« – So leicht sich diese beiden beruhigten, so schwer konnten es die übrigen beiden: der Theolog ahndete gewisse ausdrückliche Veranstaltungen der Vorsicht, um seine rechtgläubige Meinung durch ein Zeichen zu bestätigen, und der Philosoph, da er mit der Zentralkraft nichts ausrichtete, war nicht ungeneigt, eine eigne holzbewegende Kraft zu erschaffen. Sie disputierten unendlich lange und mit vieler Heftigkeit: jeder widerlegte den andern, ohne daß er ihn seine Meinung völlig vortragen ließ; fast mit jedem Worte kamen sie weiter vom Ziel ab und taten so starke Märsche durch alle Nebenwege und Schleifpfade, daß sie in einer Viertelstunde von der holzbewegenden Kraft schon bei dem Leben nach dem Tode waren. Sie kamen beide (die erste Übereinstimmung während der ganzen Unterredung!) in den Klagen über die Mühseligkeiten dieses Jammertals überein, und der Philosoph wußte keine bessere Kur dawider, als sich durch einen herzhaften Tod den Weg daraus zu öffnen: hier schied sich sein Gegner plötzlich von ihm und bestritt seine gewagte Meinung mit allen möglichen theologischen Gründen: doch jener, ohne seine Einwürfe zu achten, fuhr ungehindert fort und untersuchte schon, welches die bequemste Art des Todes sei, um sich von der Last des Lebens zu befreien, und war für das Kehlenabschneiden ungemein eingenommen. »Was ist es denn?« sprach er und zog ein Messer aus der Tasche. »Ein herzhafter Schnitt! und man ist weg.« – Der andre bat ihn zitternd, das mörderische Gewehr einzustecken; und da er, aller Warnungen ungeachtet, in der Hitze, womit er die Leichtigkeit eines solchen Todes verfocht, die blinkende Klinge sehr oft der Kehle näherte – welches aber bei ihm nur eine Gestikulation war –, so glaubte der andre in seiner hypochondrischen Einbildung, daß er sich im Ernste entleiben wollte, schrie auf, warf sich in Herrmanns[572] Arme und bat ihn inständigst, die Untat zu verhindern, daß sie nicht auf seiner Stube geschehe. Der Philosoph lachte seiner und der zwei andern, die furchtsam aus dem Winkel nach ihm hinschielten und jeden Augenblick den tödlichen Streich erwarteten: er steckte das gefährliche Werkzeug wieder ein, die Flüchtigen versammelten sich um den Tisch, und jeder machte die weise Anmerkung, daß man mit dergleichen abscheulichen Dingen nicht scherzen müsse. Der Verteidiger des Selbstmords, der vielleicht nicht das Herz gehabt hätte, einem Sperlinge das Leben zu nehmen, war in diese Materie so verliebt, daß er sie sogleich wieder fortsetzte: ein jeder wußte ein Histörchen von einem Selbstmorde; man erzählte nach der Reihe herum, je schauderhafter, je lieber. Die Dämmerung nahte sich, und die ganze Gesellschaft hatte sich ihre Einbildung mit so schreckenden Bildern erfüllt, daß sie alle wie festgemacht am Tische saßen: keiner wagte einen Blick hinter sich in die finstre Stube: die Furcht band endlich auch die Zungen: Licht zu bestellen wäre keinem einzigen möglich gewesen, und Herrmann wollte sich eigenmächtig nicht dazu erbieten, weil er die Gelegenheit des Hauses nicht kannte. Sie schnaubten kaum, machten die Augen zu und schliefen alle viere ein, daß sie schnarchten. Herrmann, dem die schnarchende Musik lästig wurde, schlich sich leise zur Tür hinaus und ging nach Hause.

Den folgenden Tag erfuhr er, daß die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr zusammen geschlafen hatte. Als einer nach dem andern erwachte, fürchtete sich ein jeder vor den Augen der übrigen, die ihm in der Dunkelheit zu brennen schienen: der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug, schlug an: er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum, um den Leuchter zu suchen, und da er von ohngefähr nach dem Tische blickte und die drei Gesichter seiner Freunde sahe, auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen, totenähnlichen Schein warf, daß sie in der Dunkelheit drei Leichen zu sein schienen, warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde, flüchtete in die nahe Kammer,[573] legte sich wohlbedächtig auf das Bette und schlief sehr bequem, während daß der Wirt mit den übrigen beiden Gästen am Tische übernachtete.

11

Herrmanns unentwickelter Gedanke ist sehr richtig, Schöner Geist, bel esprit, ist eine Eigenschaft des Kopfes, das Vermögen, den Gedanken eine angenehme, gefallende Wendung und einen einnehmenden Ausdruck zu geben – l'art de faire parôitre les choses plus ingenieuses qu'elles ne sont – l'art de donner à une pensèe commune un tour sententieux, wie ihn Maupertuis ein wenig einseitig beschreibt. Wie sehr dieser schöne Geist bei uns herrscht, überlasse ich den Lesern selbst zu bestimmen: er ist in diesem Sinne gar nicht die herrschende Eigenschaft des deutschen Kopfs. Das Publikum ist so gefällig und nennt jeden leeren Kopf, der Reime liest und macht, einen schönen Geist: dadurch ist der Name verächtlich geworden, während daß wir gern ein wenig mehr von der Sache haben möchten. So geht es uns mit den Wörtern Genie und Witz; und wenn einmal der Verstand bei uns Mode wird, dann sagt man vermutlich auch: da gehen zwei Verstande – wie man itzo sagt: da gehen ein paar schöne Geister.

12

›Academic dull ale-drinkers P Pronounce all men of wit freethinkers‹, sagt Swift.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 558-574.
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Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

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Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

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