Erstes Kapitel

[422] Herrmann stund nach einer langen, ernsten, nachdenkenden Nacht sehr früh auf, um an Ulriken folgenden Brief zu schreiben.


den 29. Jan.


Dein letzter Brief, liebste Ulrike, hat mich in die ernsthafteste Überlegung versenkt, die mich selbst mitten im Vergnügen gestern abend beschäftigte. Die Liebe empört sich zwar in meinem Herze laut wider ihn: bei dem tiefsten Nachdenken preßte sie mir eine rührungsvolle Zähre in die Augen und suchte meine Vernunft durch Wehmut zu täuschen: aber, liebste Ulrike, so gewiß die feurigste Liebe in meinem Herze für Dich brennt, so gewiß sagt mir mein Verstand, daß wir nicht bloß lieben, sondern auch überlegen müssen. Unterdrücke einmal alle Empfindlichkeit, alle Neigung für mich! verschließe die Ohren für Deine Zärtlichkeit und laß sie nur mir und der Vernunft offen!

Glaubest Du wirklich, daß die Liebe glücklich genug macht, um äußerliches Wohlsein zu verachten? daß die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem Herze Stärke und Trost genug mitteilt, um Mangel, Armut, Bedrückung, Unsicherheit, Niedrigkeit, Verachtung, auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen? daß nicht endlich überhäuftes Leiden sich durch den eisernen Mut bis zum Herze durchfrißt, schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt? Glaubst Du das nicht bloß auf die Überredungen Deiner Leidenschaft, sondern aus reifer lebendiger Überzeugung?

Was hast Du von mir und durch mich zu erwarten? – Elend oder kärgliches Glück! Meine Person ist mein einziges Gut; und hieltest Du sie in der Verblendung des Affekts für ein unschätzbares Kleinod, so würde ich zum Bösewicht, wenn ich Dich nicht daran erinnerte, daß sie nichts ist. Weder zum Pfluge, noch zum Handwerke, noch zum Fabrikanten tauglich,[422] ohne Stand, ohne Gewerbe, ohne Vermögen, um eins anzufangen, ohne Wissenschaft, ohne Gönner! – ein bloßer nackter Erdenkloß, dem das Glück einen seidenen Rock oder einen Kittel anziehen kann! auf die Erde dahingeworfen, daß das Schicksal mit ihm spielen, ihn entweder emporschnellen oder in den Kot wälzen soll! Und wenn in diesen dürftigen Erdenklumpen die Natur alle große Talente gelegt hätte, die nur einen Sterblichen erheben, alle Leidenschaften, die ihn aus dem Staube emporreißen können, was sind sie ohne Glück? – Würmer, die am Herze nagen und das bißchen Glückseligkeit, das Jugend und Gesundheit darbieten, wie eine frische Blüte wegfressen! verderbliche Würmer, die sich in den saftvollen Baum des Lebens hineingraben, seine Rinde durchlöchern, den nützlichen Nahrungssaft abzapfen, in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit brüten, daß oft der kraftlose Baum erstirbt, eh er noch die ersten Blüten trieb, oder mit dürren Zweigen, kleinen gilblichten Blättern, ohne Frucht, Schönheit und Anmut dasteht und sich zu Tode kränkelt! Möchte ich also der vollkommenste Sterbliche sein, der jemals aus der Hand des Schöpfers ging: alle diese Vollkommenheiten sind immer nur Krücken auf dem Wege des Lebens, aber das Glück ist der Führer, das lehren mich alle meine bisherigen Schicksale.

Nimm Deine ganze Besonnenheit, Dein ganzes Nachdenken zusammen und überlege! Sind Dir gewisse zweitausend Pfund Einkünfte lieber oder ein Würfel, mit dem Du vielleicht den zwanzigsten Teil dieser Summe oder nichts gewinnen kannst? Denn wie ich Dir gesagt habe, ich bin fürwahr nichts als ein Würfel, den das Schicksal wirft; und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Glück auf dem Spiel: nein, wenig Glück oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten Gewinnste, die Du durch mich erlangen kannst. Wählst Du zu Deinem Schaden statt der Gewißheit Wahrscheinlichkeit, statt einer lebenslangen unverbesserlichen Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer, Reue, Armut, dann ist wenigstens mein Gewissen ruhig, ob es gleich mein Herz nie sein könnte: ich habe mich Dir mit meinem ganzen Nichts[423] vor Augen gestellt. Wäre mein Körper für ländliche Arbeiten gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zärtlichkeit aufgewachsen oder wüßte ich eine Kunst, ein Handwerk, das mir jeden Tag das Brot des folgenden verspräche, dann sagte ich Dir: Ulrike, wenn Dein Herz so fest an meinem hängt, daß es Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermögen, wohl! entsage aller Bequemlichkeit, allem Range, allem Überflusse! laß Deine zarten Finger von Arbeit, Kälte und Sonnenhitze auflaufen, Deine weißen Arme von der Luft schwärzen oder röten und Deine weichen Hände mit Schwielen überziehn! Du sollst in der Umarmung eines Fürsten nicht glücklicher sein als bei mir: Liebe soll unser schwarzes Brot würzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark machen: Liebe soll den Tag anfangen und beschließen, und auf meinen Händen will ich Dich dem Grabe entgegentragen. – Aber Ulrike! ein Würfel des Glücks sein und auf einen mißlichen Wurf seine Ruhe, selbst seine Liebe setzen! – die heißeste Hölle verdiente ich, wenn ich Dich vor einem solchen Wagstücke nicht warnte. Ein Brief von Schwingern, den ich in Dresden empfing und Dir hier beilege, ist für mich eine Lampe, bei welcher ich meine Vernunft anzünde, sobald die Liebe sie auslöscht: ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen: lies ihn aufmerksam und dann erwäge!

Was ich tun werde, wenn Du der Vernunft folgest? – denn einen Menschen wie mich einem Lord vorziehn, was ist das anders als Schwachheit, und ich kann es dreist Unvernunft nennen, ob ich gleich wider mich selbst spreche. – Was ich also tun werde? – Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern: Dein Ring, den Du mir unter dem Baume gabst, soll, in Flor gehüllt, auf meinem Herze hängen, im Leben und im Grabe, solange mein Gebein zusammenhält: mein Herz soll ein ewiges Trauerhaus sein, still, öde, traurig wie das Haus eines Witwers, der nie wieder zu lieben versprach; und dies soll auch mein Gelübde sein, mein feierlich zugesagtes Gelübde. Glaube mir, daß ich's halten werde! Ein Herz, wo Du wohntest, ist für jede andre eine zu kostbare[424] Wohnung: an den Ort, den Dein Bild heiligte, ein andres setzen, wäre Abgötterei. In jedem Jahre soll der Tag, wo meine Liebe starb, ein Tag der Trauer sein: Zähren will ich ihr opfern, wenn ich ihn beginne, Zähren, wenn er sich schließt: keine Speise soll meine Lippen berühren, solange die Sonne den Horizont erleuchtet, kein Trank meine Zunge benetzen: in Flor und schwarzer Kleidung will ich den ganzen langen Tag feiern wie einer, dem man seine Liebe begrub; und fragt mich jemand: um wen trauerst du, Freund? dann antwort' ich ihm: um mich! – Wäre ich in einer Religion geboren, die dem Bedrängten eine Zuflucht in einsamen Mauern darbietet, so legte ich den nämlichen Tag, wo Deine Wahl wider mich entscheidet, einen Ordenshabit an: doch ich bedarf solcher gewaltsamen Mittel nicht, um mir mein Gelübde zu erleichtern: es wird mir leicht sein, so leicht wie eine Sache, die gar nicht anders geschehn kann. Ein zweites Gelübde, das ich zur Erleichterung Deiner Schmerzen tue, ist das Versprechen, sogleich Deutschland zu verlassen und weder dahin noch in Engelland jemals einen Fuß zu setzen: welches Land mich auch nähren mag, so soll es doch nie eins sein, wo Du bist.

So überlege dann, erwäge und wähle! Frage nicht, ob es mich, ob es Dich schmerzt: was wäre Trennung, wenn sie nicht schmerzte? – Vergiß mich ganz und denke nur an Dich!

Ich opfre Dir meine Glückseligkeit mit schwerem, aber willigem Entschlusse: so wahr eine Seele in mir denkt und empfindet, so wahr fühle und sage ich Dir, daß ich mit ebenso williger Entschließung noch heute meinen Kopf auf den Block legen wollte, wenn ich Dir durch meinen Tod alle Schmerzen unsrer Trennung ersparen könnte!

Lebe wohl. Wie Vignali mir sagt, werden wir uns nur selten bei ihr sehn können: sie darf Dich nicht oft mehr zu sich bitten, weil es der Herr von Troppau untersagt haben soll: warum, entdeckte sie mir nicht. Glaube mir! die Frau ist tückisch: sie hat etwas im Kopfe wider uns, darauf wollte ich schwören; und wenn sie nicht allwissend ist, so muß sie[425] unsre Briefe lesen; denn sie hat mir gestern Dinge gesagt, die nur in unsern Seelen und in unsern Briefen stehn. Ich argwohne sehr, sie weiß unsre ganze Liebe schon. So schön sie ist, so schlau scheint sie mir: ich trau ihr nicht.

H.


Vignali nötigte ihn, nach Tische mit ihr spazieren zu fahren, und er empfing deswegen erst gegen Abend Ulrikens Antwort, ungefähr eine Viertelstunde nach seiner Zurückkunft.



Heinrich! Heinrich! bist Du toll, daß Du mir so einen Brief schreiben kannst? Denkst Du, daß ich um Geld liebe? oder daß ich mit meinem Herze hausieren gehe und es den Meistbietenden zuschlage? – Du Undankbarer! so einen schlechten, verächtlichen Begriff hast Du also von mir, daß Du glaubst, es komme mir nicht darauf an, wen ich liebe, sondern wieviel er mir Glück oder Unglück einbringt? Durch so viele Widerwärtigkeiten, die ich seit meinen frühesten Jahren um Deinetwillen litt, mit freudiger Standhaftigkeit litt, hab ich nicht einmal so viel bei Dir gewonnen, daß Du mir eine edlere Denkungsart zutraust? Ist jemals eine Handvoll Schmerz und Gefahr in meinen Augen ein Punkt gewesen, den ich eines Blicks würdigte? Hab ich nur eine Minute mich bedacht, Ehre und Leben zu wagen, wenn sie Dich mir versicherten, wenn sie unsre Liebe in Sicherheit setzten? Und nun trittst Du, kalter Vernünftler, noch hin und rätst mir, für gehabte Bemühung zweitausend Pfund Sterlinge anzunehmen, aus Furcht, Du möchtest vielleicht gar mein Schuldner bleiben müssen! Hab ich denn noch jemals eine Bezahlung, eine Vergeltung von Dir gefodert? – Es falle Unglück wie Hagel auf uns herab! was ist das mehr oder weniger? Wenn es unsre Liebe daniederhagelt, dann macht es uns unglücklich: aber das tu es! ich spotte seiner.

Todsünde war es schon, daß Du Dir nur einbilden konntest, mich durch so einen abgeschmackt vernünftigen Brief zu einem Entschlusse zu bewegen, den ich nicht denken kann, ohne daß mir dafür ekelt: ich will auch die Minute den abscheulichen[426] Brief verbrennen, damit Dich die Leute nicht ins Gesicht schimpfen, wenn ihn jemand bei mir fände. – Hier flammt er im Ofen, der beleidigten Liebe geopfert! Wie ein böser Geist fährt sein Dampf durch die krachende Blechröhre und läßt einen scheußlichen Gestank zurück. Wenn Du wieder so einen schreibst, laß ich ihn auf öffentlichem Markte verbrennen.

Ich armes Mädchen denke, was für ein rührendes Dankschreiben ich erhalten werde, daß ich der Vignali und dem Lord so gescheit geantwortet habe, und da ich's öffne – ist es eine elende schlechtgeschriebne erbärmliche Bußpredigt, als wenn Du einem schlechten Kandidaten das Konzept von seiner ersten Predigt gestohlen hättest. Zeitlebens habe ich mich nicht so entsetzlich erzürnt, als wie mir da die Galle überlief: ich glühte wie mein Ofen, ich schluchzte, ich weinte vor Ärger und kann nicht zu Tische gehn, bis ich Dir den Text recht derb gelesen habe.

Aber sage mir! denkst Du wirklich so weggeworfen von mir, wie Du schreibst? – Heinrich! ich beschwöre Dich bei Deiner Glückseligkeit! haftet noch ein Gedanke von Deinem Briefe in Deiner Seele, so lösch ihn aus! rein aus, als wenn er nie dagewesen wäre: oder wenn Du es nicht vermagst, so laß ihn meine Tränen austilgen! mein Blut soll ihn tilgen, wenn Tränen zu schwach sind. Könnten sie so in Deine Seele fließen, wie sie auf dies Blatt tröpfeln! Es sind bittre Tränen, wie die beleidigte Liebe sie weint: sie würden Dich heißer brennen als Deine heißeste Reue. – O Du Grausamer! daß ich sie so zeitig um Dich vergießen muß!


Oder hat Dich vielleicht Vignalis Schönheit schon geblendet? Diese edle, schöne englische Figur, wie man sie nennt! Wolltest Du mir's etwa nicht zuleide tun, daß Du so kalt von ihr sprichst? Guter Heinrich! man kann auch raten, was kluge Leute verschweigen. Die Frau ist mir seit heute und gestern, da Du bei ihr wohnst und immer um sie bist, so verdächtig, so widrig geworden, daß ich mich wundre, wie ich sie jemals so sehr habe lieben können. Sie hat ganz ein ander Gesicht,[427] ganz andres Tun und Wesen, seitdem Du bei ihr wohnst: wenn ich sie am Fenster mit Dir stehn sehe, schielt sie so tückisch, so schlau, so tiegermäßig grinsend durch die Scheibe! Und wie sie heute mit Dir in den Wagen stieg, kam mir's nicht anders vor, als wenn sie Hörner hätte wie der Teufel. Ich trau ihr keinen Schritt weiter; und doch hab ich dem falschen Weibe mein Einziges, mein Liebstes anvertraut! – O ich Tolle! ich Unbesonnene! wenn ich Dich nur wieder mit Ehren aus dem Hause bringen könnte! Die Vignali kömmt mir nun Tag und Nacht nicht aus den Gedanken: wo ich gehe und stehe, ist sie neben mir und grinst mich mit ihrer stolzen tückischen Miene an wie ein Beutelschneider, der die Gelegenheit ablauert, um mir meinen einzigen Reichtum zu rauben. – Itzt war mir's doch wahrhaftig, als wenn sie zur Stube hereinkäme, um mir meinen Brief wegzureißen: ich versteckte ihn hurtig unter die Schnürbrust: du wirst's dem armen Briefe anmerken, daß er sich vor einem Räuber hat verkriechen müssen: er ist jämmerlich zerknittert.

Heinrich, wenn Du mich betrügst, Dich durch Vignalis List und Schönheit von mir abziehen und untreu machen läßt; wenn Du vielleicht schon wirklich auf dem Wege bist, Dich von ihr einnehmen zu lassen, vielleicht schon gar für sie eingenommen bist: welche Strafe kann für einen solchen Meineid empfindlich genug sein? Alle zeitliche und ewige Strafen wären zu schwach für eine Untreue, die Du an der schwachen Gutherzigkeit begingst, an mir unschuldigem Geschöpfe, mir jammernder Taube, die aus einfältiger Güte den Geier liebkoste, der ihr ihren geliebten Tauber würgen will.

Meine Ruhe ist vorbei, solange Du bei der Vignali bist. Daß ihr der Herr von Troppau untersagt hat, mich zu sich zu bitten, ist eine der schändlichsten Lügen, darauf wette ich. – O wie ich mir so süße, so himmlische Freuden versprach, wenn Du mir so nahe wärst! Wo sind sie? – Alle dahin! alle von einem Fuchse in einer Nacht gewürgt!

Ich kann nicht mehr schreiben, so zittert mir die Hand. Ich[428] fühle einen Fieberschauer. Heinrich, mache nur bald wieder Mut, eh ich krank werde!

U.


Herrmann wurde durch den Schluß des Briefes und die Wendung, die Ulrike dem seinigen gab, nicht wenig außer Fassung gebracht: doch ermannte er sich bald und antwortete ihr sogleich.



Ulrike, härme Dich nicht! Vignali kann mich vielleicht zu ihrem Freunde, zu ihrem Bewunderer machen: aber nie, nie wird sie Dich verdrängen, nie mir die Untreue nur eines Gedankens abnötigen. Außer Dir ist keine auf der Erde, die mir Liebe einflößen kann, am wenigsten eine Vignali, die sich mir auf der Spazierfahrt noch verdächtiger gemacht hat.

Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben: aber er sei vergessen, weil Du es willst, in unserm Gedächtnisse vernichtet, wie ihn die Flammen vernichteten; und auch meine Kopie will ich verbrennen.7 Daß ich nicht so von Dir dachte, wie Du glaubst, und nie so denken werde, bezeugt mir mein Gewissen. – Was Du für mich tust, das fühl ich dankbarlich: was ich für Dich werde tun können, weiß Gott. – Aber mutig! kann ein Mädchen des Unglücks spotten, so kann ich's fürwahr auch, spottete schon lange dessen, was mich trifft, und nur von Dir wollte ich durch meinen Rat die Leiden abwenden, die unsre Liebe über Dich zusammenzieht. Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglücks abwehren darf, so soll Standhaftigkeit ihnen trotzen, und weder Vignalis noch die ausgesuchtesten Qualen werden jemals die meinige erschüttern.

H.


Er kam wegen des Briefes sehr spät in die Gesellschaft bei Vignali und fand schon den Herrn von Troppau, dem sie ihn[429] als ihren Freund vorstellte, ohne seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwähnen: auch den ganzen übrigen Abend wurde nicht mit einer Silbe an sie gedacht. Vignali glänzte bei Tische mit allen Seiten ihrer Größe: sie wagte es sogar, leichten gefälligen Witz zu haben, was sonst ihr Talent nicht war, da es ihr hingegen an boshaftem, auch wohl beißendem niemals fehlte: ihre Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten gegen Herrmann waren unzählbar. Wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und wartete sie ihm auf: als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hätte, benahm sie ihm allen Verdacht und blies ihm das Mißtrauen wie rein gefegt aus dem Herze weg. Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau.

Aber wie lange? – Eine Nacht! und der Verdacht war desto stärker wieder da. Überhaupt gab ihr jedermann das Zeugnis, daß man nicht klug in ihr werden könne: sie wechselte ihren Charakter wie ihre Handschuhe; und vermutlich wird auch Herrmann nicht eher in ihr klug werden, als bis er es werden soll.

7

Dies war vermutlich nur ein Versprechen, um sie zu beruhigen; denn er hat sie, auf blaues Papier geschrieben, mit zwei großen Scherenschnitten, die er vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag, dem Verfasser übersendet.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 422-430.
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