Viertes Kapitel

[460] Herrmann wußte von allen diesen Begebenheiten nichts, und weil er Ulrikens eigenhändiges Billett gesehn hatte, hielt er den traurigen Abend, wo sie vorgingen, für die Sterbestunde ihrer Tugend. Er siegelte noch denselben Abend, als er von Tische kam, den goldnen Ring, den er von Ulriken zum Unterpfande ihrer Liebe unter dem Baume empfing, in ein Blatt, welches nichts als diese Worte enthielt:

›Ulrike, dieser Ring werde das Monument Deiner Tugend, da er nicht länger das Band unsrer Liebe sein darf. Weine bei ihm wie bei dem Grabsteine einer Freundin, die plötzlich in der Blüte ihres Lebens dahinstarb! Blutige Zären sind für eine Tugend wie die Deine nicht zuviel. Ich feire heute Deinen Sterbetag; denn seit gestern bist Du für mich tot.‹ –

Er konnte sich nicht entschließen, das Briefchen abzuschicken, weil ihm Ulrikens Fall so unglaublich vorkam, daß er beinahe seinen eignen Augen nicht traute. Nach langem Bedenken und Ängstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz auf, Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen: sie hatte bisher so vielen verstellten Anteil daran genommen, daß ihm sein Mißtrauen gegen sie gereute. Sie hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der Leichtgläubigkeit gegen sie gewarnt; und der Erfolg gab ihrer Prophezeiung so völlig recht, daß er sich über sich selbst wunderte, wie er ihr jemals unrecht geben konnte. Er tadelte sich, daß er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte, und wie die meisten Menschen, wenn sie recht entsetzlich betrogen sind, faßte er itzt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr: er war so arg hintergangen worden, daß es ihm nicht auf die Gefahr ankam, noch einmal hintergangen zu werden.

Leicht zu erachten, daß ihn Vignali nicht allein bei seiner Überredung von Ulrikens Falle ließ, sondern auch aus allen[460] Kräften darinne bestätigte! Die schadenfrohe Frau war wegen des Streiches, wodurch Ulrike den Abend vorher ihre gewiß geglaubte Rache vereitelt hatte, in völligem Ernste so herzlich auf sie erbittert, daß sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach. Herrmann war überhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stund daher sehr bald in hellen Flammen; als er durchaus loderte, ließ die hinterlistige Vignali heimlich Ulriken rufen: unterdessen, bis sie kam, fachte sie seinen Zorn vollends bis zur gänzlichen Feuersbrunst an. Das gute Mädchen wurde durch die unerwartete Botschaft in solche Freude versetzt, daß sie zitterte: sie vermutete Wiederkehr, Versöhnung, Reue, Verbindung auf ewig – alles, was nur gutherzige Liebe vermuten kann. Sie eilte, schauernd vor Vergnügen und Erwartung, hinüber, und Vergebung schwebte ihr schon auf der Zunge: sie beschloß, gleich alle Entschuldigungen zu verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue stärkere Liebe entgegenzurufen. So, mit gespannten Segeln der Erwartung, trat sie herein: sie bebte innerlich, als wenn sie das Fieber schüttelte.

Vignali tat, als wenn der Besuch ein Wunder für sie wäre, und schwatzte so viel in sie hinein, daß Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konnte, warum man sie habe rufen lassen. Die falsche Frau überhäufte sie mit Liebkosungen, berichtete ihr freudig, daß sie inskünftige ihre Besuche wieder wie zuvor fortsetzen könnte, weil die Ursache aufgehört habe, warum sie der Herr von Troppau untersagt hätte; und nötigte sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, wo Herrmann in Schrecken und Erstaunen über diese plötzliche Erscheinung wie angefesselt sitzengeblieben war. So gern sie diesen Platz im Herzen annahm, so rückte sie doch dicht an das äußerste Ende, um nicht den Anschein zu haben, als wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu tun wollte. Er stund hastig auf, als sie sich setzte, wollte zur Tür hinaus und fand sie verschlossen – Vignali hatte bei Ulrikens Empfange verstohlnerweise das Schloß abgedrückt – er wollte sie öffnen, aber Vignali rief ihn zurück und bat,[461] Ulriken unterdessen zu unterhalten, bis sie mit einem Briefe fertig wäre, den sie notwendig itzo schreiben müßte. – »Sagen Sie ihr die Wahrheit!« zischelte sie ihm ins Ohr und ging ins Kabinett.

Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab, am ganzen Leibe kochend, wollte jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zurück. Ulrike saß auf dem Sofa, spielte an Vignalis Arbeit, die an einem Tischchen angeknüpft hing, und schielte darüberweg nach Herrmann hin, voller Erwartung, ob er nicht bald das Gespräch anfangen werde. Vor Ungeduld, daß es nicht geschah, hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloß ihn sogleich wieder: es entschlüpfte ihr sogar zweimal ein Wort, aber schnell verwandelte sie es künstlich in einen tiefgeholten Husten. Die Liebe wollte sich bei Ulrikens Gegenwart in Herrmanns Herze wieder emporarbeiten: sie rang in ihm mit dem Zorne wie ein paar ergrimmte Riesen: Angstschweiß strömte ihm über das rotbraun geschwollne Gesicht; er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte ein: der Zorn tat einen gewaltsamen Stoß auf Seele und Zunge, und die Worte stürzten sich wie geflügelt heraus.

»Unverschämte!« stürmte er auf sie los, »wie kannst du die Frechheit begehn, dich vor meine Augen zu wagen? Ist es dir nicht genug, daß du eine Ehrlose bist, die Zucht und Tugend vergaß? Willst du mich sogar zum Zeugen deiner Schande machen? Soll ich nicht bloß wissen, soll ich sogar sehn, wie tief du gesunken bist? – O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geöffnet hätte, als der letzte Funke deiner Tugend erlosch! – In der nämlichen Minute erlosch auch meine Liebe, und kein Mensch hat noch so fürchterlich gehaßt als ich seitdem. Du bist seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes Geschöpf geworden, das ich nicht zermalmen, das ich noch tiefer verachten möchte als den Staub, den meine Füße treten. Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde, aber mein Haß ist stärker als der Tod.« –

Ulrike wollte zitternd ein paar Worte einschieben, aber er[462] rief ihr sogleich zu: »Schweig, Unwürdige! schweig, daß ich deinen Hauch nicht einatme! Hier, nimm diesen Brief!« – Todesangst überfiel ihn, als er ihn aus der Tasche zog: alle seine Muskeln arbeiteten, wie bei einer gezwungenen Trennung von dem Liebsten, was er sich entreißen konnte: mit zitternden Händen warf er ihn auf den Tisch und setzte bebend hinzu: »Da! lies und weine!« –

Ulrike riß ihn auf, fuhr zusammen, als ihr der Ring entgegenfiel, und die Tränen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen, indem sie las. Stolz, Liebe, Dankbarkeit waren auf das äußerste beleidigt: sie war sich lebhaft bewußt, daß Herrmann zuerst mit Kaltsinnigkeit angefangen, zuerst den Briefwechsel unterbrochen hatte; und nun noch obendrein so eine schnöde Behandlung, die sie nach aller Überzeugung nicht verdiente! Sie schwieg lange und wußte nicht, was sie tun sollte: immer war es ihr, als wenn sie seinen bleiernen Ring vom Finger ziehen und ebenso verächtlich hinwerfen müßte: gleichwohl war es hart, sich zu scheiden, ohne sich vorher zu verständigen. Ihr Zorn verbrauste bald. »Aber sage mir, Heinrich!« fing sie an, »was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte?«

Herrmann. Wie sehr gerecht er ist, wird dir dein Gewissen sagen.

Ulrike. Wer hat mich bei dir verleumdet?

Herrmann. Diese meine Augenzeugen wider dich.

Ulrike. Worinne denn?

Herrmann. O du Schamlose! Also willst du noch wider dich selbst zeugen, daß du nicht bloß verführt, daß du verderbt bist? – Wehe, wehe über uns beide, daß wir in diese Stadt, in dies Grab der Unschuld kamen! Aus Engeln macht sie Teufel, die beharrlichsten, frechsten Teufel. Ulrike schwieg. Mit wehmütigem Tone fing sie wieder an: »Heinrich, ich bitte dich mit Tränen, reiß nicht wegen einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen!«

Herrmann. Wenn Tränen deine Seele wieder reinzuwaschen vermögen, dann bade dich darinne! – Aber wie sollen sie dies vermögen? Einmal verscheucht, kehrt die Unschuld nie in[463] ihre entheiligte Wohnung zurück. – Gott! wer hätte sich das im Schlafe träumen lassen? daß eine so frische Blume so bald verduften sollte? – Aber sie ist dahin! Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Mädchen wieder ins Leben bringen? – Lege dich und stirb! Was nützt dir dieser elende Odem? seit gestern bist du doch nur eine herumwandelnde, langsam modernde Leiche.–

Ulrike, die den Grund seines Grolls nunmehr erriet und argwohnte, daß man ihm eins von ihren gestrigen Billetten gezeigt und verleumderische Auslegungen davon gemacht habe, sprang auf, daß der Arbeitstisch, der vor ihr stand, umstürzte, und warf sich um Herrmanns Hals. »Ich bitte dich«, sprach sie, »laß dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen!«

Herrmann ließ sie nicht ausreden: er stieß sie von sich zurück. »Weg von mir!« rief er, »deine Umarmung ist mir itzt ein Abscheu, deine Berührung ein Ekel. Mein Entschluß ist unerschütterlich, wie ich deine Tugend glaubte: ich mag nicht lieben, was ich verachten muß. Nimm deinen Ring und stecke ihn dem ersten, dem besten an den Finger, der deine Schande nicht weiß oder niedrig genug denkt, um sie nicht zu achten. – Sprich nicht ein Wort zu deiner Entschuldigung! Du konntest schwach sein: aber ich mag keine lieben, die nicht stärker war als die Schwächste, ob man sie gleich warnte!« –

Ulrike machte noch einen Versuch, ihn zu besänftigen, aber er gebot ihr, zu schweigen, wie vorhin. Ihre Empfindlichkeit über eine solche Unwürdigkeit schwoll in ihr von neuem auf: sie konnte sich unmöglich länger zurückhalten, sondern brach in einen harten, scheltenden Tone aus. Er stund am Fenster, das Gesicht nach der Straße gekehrt.

»Undankbarer!« hub sie an. »So lohnest du denen, die dich lieben? Erst lockst du die gutherzige Schwäche, daß sie dir in den Morast folgt, und wenn sie mitten im Sumpfe steckt, dann reißest du deine Hand von ihr los, daß sie umstürzt und darinne erstickt? Weil dich größre oder vielleicht listigere Schönheiten reizen, darum machst du Übereilung zum Verbrechen, um nur mit mir zanken und brechen zu können.[464] Geh, Verblendeter! versuche, ob eine einzige von denen, die dich von mir abgezogen haben, sich den Finger deinetwegen ritzen wird! ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird! Gerate in Not und versuche dann die Liebe dieser schönen Gesichter! – Heinrich, laß dich nur überzeugen! Gern, gern will ich dir ja verzeihen –«

Henmann. Du mir verzeihen? Welche Unverschämtheit! -Du mir? die Verbrecherin dem Beleidigten?

Ulrike. Wer beleidigte zuerst? du oder ich? Rede!

Herrmann. Wer zuerst Tugend, Unschuld und Scham beleidigte! Wer war das? du oder ich? Rede!

Ulrike. Blinder! merkst du nicht, in welchen Wahn dich meine Feinde gestürzt haben?

Herrmann. Deine größte Feindin bist du selbst: du hast mir einen Wahn entrissen, den süßesten Wahn, daß du die Tugend selbst seist.

Ulrike. Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend?

Herrmann. Ha! eine feine Philosophie! Man hat nur eine Tugend und nur ein Leben.

Ulrike. Möcht ich doch fast dieses nicht mehr haben, da ich die erste nicht mehr besitzen soll! Kann der grausamste Barbar härter sein als du? Zu verdammen, ohne den Beschuldigten anzuhören!

Herrmann. Solch alltägliches Gerede wird dich fürwahr von keiner Schuld lossprechen. Hier steht sie an deiner Stirn: sie spricht aus allen Zügen deines Gesichts. – Mein Schluß ist einmal gefaßt: meinen Ring hast du: unsre Herzen bleiben getrennt, und wenn uns tausend Ringe zusammenbänden. Sei glücklich, sosehr du es verdienst! Wir sind in Zukunft zween Menschen, die einander nur kennen. –

Er ging.

»O ich Elende!« rief Ulrike und war sich auf den Sofa. »Ich selbstbetrognes Mädchen! Da sitz ich nun in der Fremde unter Wölfen, die mich alle anheulen, und auch der einzige, der mich liebte, ist ein grimmiger Wolf geworden. Da sitz ich nun, von allen verlassen! verworfen von Mutter und Anverwandten![465]

verraten von Freunden! verleumdet, verfolgt! verstoßen von dem einzigen, der mir alles dies ersetzen sollte! der mich zur Verräterin an meinem Glück, meiner Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte! – O hätt ich mir's nie einkommen lassen, jemanden zu lieben, den ich nicht lieben durfte! Nun ist das unbesonnene Mädchen gestraft – Gott weiß es, härter gestraft, als Onkel und Tante es können! – Ach, daß jemals ein Fünkchen Liebe gegen einen solchen Starrköpfigen, Mürrischen, Undankbaren in meinem Herze glimmte! Nun hab ich's versucht, was Liebe ist – ein blinkender, rotschimmernder, saurer Apfel, der die Zähne stumpft, lieblich anzusehn und herbe bis in die Seele, wenn man ihn kostet. – Es ist schrecklich! so vieles für einen Menschen zu leiden und zu tun, seine ganze Hoffnung auf einen Menschen zu bauen, und auf einmal mit dem ganzen festen Gebäude von Hoffnung einzusinken! in die tiefste Verachtung und Verworfenheit hinabzustürzen! – Was wird nun aus mir werden? – Ein herumirrendes scheues Täubchen, mitten in die weite große Welt hinausgejagt! – Freilich, wer verjagte es? War es im Taubenschlage unter den Flügeln seiner Freunde geblieben, wie wohl wär ihm itzt!« –

Sie weinte: eben trat Vignali herein, und ob sie gleich den ganzen Auftritt von einem Ende zum andern an der halb offnen Kabinettür gehört hatte, so erkundigte sie sich doch, warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine.

»Um meine Liebe!« brach Ulrike mit einem Tränenstrome aus, »und Sie, Vignali, Sie sind ihre Mörderin.« –

Vignali. Ich? Wie denn das? – Ach! hier liegt ja ein Ring! hat etwa die eisenfeste Treue einen Riß bekommen? – Ich kondoliere.

Ulrike. Wehe der elenden Spötterin, die den Riß machte! die durch Verführungen, Aufhetzungen, Anschwärzungen meine Ruhe untergrub!

Vignali. Mädchen, von wem reden Sie denn? Wer wird sich denn die Mühe geben, Ihre Liebe zu stören? Wenn Herrmann Ursache findet, mit Ihnen zu brechen, wer kann sie ihm gegeben haben als Sie selbst?

[466] Ulrike. Oder die Boshaften, die ihn durch falsche Eingebungen wider mich einnahmen!

Vignali. Sie schwärmen. Das sind Phantome, die Ihnen Verdruß und Langeweile machen. Sie sind des Menschen satt gewesen, und weil der Trank schal geworden ist, soll Ihnen jemand etwas Widriges hineingeworfen haben. Wer kann für verdorbnen Appetit?

Ulrike. Vignali, Sie sind die falscheste, heimtückischste Frau, die es geben kann: das sag ich Ihnen dreist unter die Augen.

Vignali. Und ich nehm es nicht übel; denn Sie sind halb verrückt: aber ich begreife nur nicht, worüber Sie sich eigentlich beschweren. Wenn eine Schüssel nicht schmeckt, langt man nach der andern, und hat man sich überladen, so fastet man. Sie mögen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben. Sie machten es also recht klug, daß Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel gaben: was wollen Sie weiter? – Sie werden vielleicht ein paar Tage, auch wohl Wochen fasten: aber Geduld, liebes Kind! der Appetit kömmt wieder; er kömmt gewiß wieder.

Ulrike. Vignali, ich mag Ihre hämischen Verdrehungen nicht länger ertragen. Ich verlasse Sie.

Vignali. Das wird auch wirklich das beste sein. Alte Liebe und alte Eichen fallen freilich nicht ohne große Erschütterung: es geht durch Mark und Bein, wenn so eine tiefe Wurzel aus dem Herze gerissen wird, das weiß ich wohl. Drum gehn Sie, schaffen Sie sich die Kleider vom Leibe, nehmen Sie eine Herzstärkung ein, stecken Sie sich in die Federn bis über den Kopf, und schlafen Sie bis an den späten Morgen. Der Appetit wird schon wieder kommen. –

Ulrike riß sich mit tränenden Augen und erstickendem Ärger von ihr hinweg: Vignali küßte, tröstete sie, trocknete ihre Zähren ab und beklagte mit vieler Politesse, daß sie um Herrmanns willen nunmehr, wenigstens auf einige Zeit, ihre Besuche wieder einstellen werde, begleitete die schluchzende Trostlose bis an die unterste Tür; und dann in einem Rennen die Treppe hinan, ins Zimmer hinein! und mit drei Händeklatschen und drei Sprüngen rief sie ein lautes Viktoria![467]

Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weißatlasnen Deshabillé, frischte ihre Wangen mit neuem Rosenrot auf, stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die Reize des Busens mehr als gewöhnlich zur Ansicht dar, gab ihnen Glanz und duftenden Wohlgeruch, den Augenbrauen ein tieferes Kolorit, und den Augen erteilte die Freude ohne ihr Zutun Feuer und Lebhaftigkeit: die blendende Hand schien mit dem Kleide von einem Stoffe zu sein, so einen täuschenden Übergang bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags. Selbst der Atem wurde schwach, aber lieblich parfümiert: alles strahlte von Schönheit an ihr, alles duftete Liebe und Wollust: mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch von ihr aus wie ein erquickendes Abendlüftchen, das den Blumen ihre Wohlgerüche geraubt hat.

Herrmann wurde durch ihr Mädchen befehligt, zu Madam Vignali zu kommen. Er ging ins gewöhnliche Zimmer und spazierte gedankenvoll auf und nieder, war lange allein, und niemand regte sich. Das Zimmer wurde von zwei dämmernden Wachslichtern nur halb erhellt: Düsternheit und Stille machten die Szene feierlich. Plötzlich erhub sich im Kabinett ein Gesang: es war Vignali selbst. Ihre Stimme war mittelmäßiger als ihre Kunst, aber durch die fingerbreite Öffnung einer Flügeltür schien sie vortrefflich. Sie sang ein französisches Liedchen, das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue Schöne enthielt: die Melodie verlor sich bald in leise zärtliche Klagetöne und stürmte bald in brausenden Akzenten des Zorns; und das Adieu des Schlusses wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erlöschender Schwäche, als wenn es die Liebe selbst mit dem letzten Lebenshauche ausspräche. Herrmann stund mitten in dem Zimmer, horchend: ihm war's, als wenn das letzte Adieu aus seinem Herze herausdränge, als wenn der Ton in seiner Kehle stürbe: die plötzlich darauffolgende Stille machte den Abschied eindringender und die Empfindung wahrer und stärker: es schien das Verstummen der Scheidung zu sein. Dies stumme Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen: der geschiedene Liebhaber hatte eine andre gewählt,[468] drückte voller Berauschung seine Freude über die neue Wahl aus, triumphierte, die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben, und lobte seine neue Schöne von allen Seiten: das Lied tanzte so munter und fröhlich dahin wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz übermütig froh. Unmittelbar darauf folgte eins der wollüstigsten: der begünstigte Liebhaber schilderte voller Trunkenheit die Szene des Genusses mit lichten Farben, und was dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriosität fehlte, ersetzte Vignali durch gewisse täuschende Akzente, durch wohlangebrachte Pianos und besonders durch die angemeßne Veränderung des Tempo: die Stimme ersank, wie von der Stärke der Wonne überwältigt, und verstummte mit zitternden abgebrochnen Lauten. Herrmann stand mit offnen Ohren und verwirrten Gedanken noch auf dem nämlichen Flecke des Zimmers da, als sich die Kabinettüre öffnete: ein labender Duft von lieblichen Wohlgerüchen atmete durch sie daher: die Göttin erschien und leuchtete durch die dämmernde Atmosphäre des Zimmers wie ein neuaufgehender Stern: noch nie war in Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend, nie ihre Figur so majestätisch gewesen: der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreißend. – Ein gewaltiger erschütternder Schlag.

»Sind Sie schon da?« fragte Vignali, als wenn sie nichts um seine Gegenwart wüßte. »O Sie sind ein Mensch, des Küssens wert!« – und so flog sie mit offnen Armen zu ihm hin, drückte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden entzückten Kuß. Herrmann konnte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht erkundigen, wodurch er einen so schönen Lohn verdient hatte: sie faßte seine Hand, streichelte, drückte und schloß sie in die ihrigen.

»Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben?« fing sie an, »Sie haben sich bei der Szene so meisterhaft betragen, daß ich Sie krönen muß.« – Sie nahm aus der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer großen Haarnadel auf seinem Kopfe fest, führte ihn zum Spiegel, umschlag[469] ihn mit einem Arme und ließ ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken: dabei stimmte sie ein Siegesliedchen an, worinne er mit Lorbeern gekrönt und unter die Sterne versetzt wurde, und sie konnte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen; denn Herrmann dachte nicht daran, vom Spiegel wegzusehn, so sehr hatte er sich in die Gruppe vertieft, die darinne stand. Sie beschloß den Gesang mit einem Kusse, den er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah, wie er ihn auf seinen Lippen fühlte: er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden.

»So gefallen Sie mir!« fuhr Vignali fort und ging, umfaßt mit ihm, das Zimmer hinab. »So sind Sie ganz der liebenswürdige Mensch, wofür ich Sie gehalten habe. Ein Mensch wie Sie konnte sich unmöglich mit einer so närrischen Liebe lange abgeben: hab ich's nicht vorausgesagt? – Ein Mensch wie Sie kann lieben, wo er will« –

Hierbei trat sie vor ihn hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen Blick.

»Wo er will!« fuhr sie fort. »Er darf nur anklopfen, nur winken, nur gebieten. Nur ein Wort dürfen Sie sprechen, und jedermann wird Ihnen mit der Liebe zuvorkommen. O Sie haben schon manche Eroberung gemacht!« –

Dabei schoß sie einen zweiten verliebten Blick auf ihn und klopfte ihm die Backen. Bewegung und Rede wurde immer belebter, immer auf die Empfindung eindringender, und Herrmann blieb immer stumm: in einem so überspannten Tone war Vignali noch nie mit ihm umgegangen. Er war aus aller Fassung, so hatte sie ihn überrascht, und in seinem Kopfe und Herze drehte sich alles wie in einem großen Wirbel herum. Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes: Vignali trank zu Ehren des großen Herzensbezwingers Herrmann, zu Ehren seiner gemachten, nahen und künftigen Eroberungen: er mußte dem Anstande zu Gefallen ihrem Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine gänzliche Revolution in sich: die trüben Schatten, die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem Kopfe zurückließen, verschwanden, sein ganzer Horizont wurde lichter,[470] und lebhaftere, hellere Bilder tanzten mit muntern Gestalten rings in ihm herum.

»Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden, wenn ich fragen darf?« hub Vignali an. »Nirgends!« antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen Seufzer. »Einmal getäuscht, mag ich's nicht zum zweiten Male werden.«

Vignali. Nirgends? – Wissen Sie, daß Sie da eine Lüge der ersten Größe sagten?

Herrmann. Keine, Madam! So gewiß dieser Wein vor meinen Augen steht, so gewiß ist dies mein fester unveränderlicher Entschluß.

Vignali. Und ich wette mit Ihnen, der feste Entschluß soll schon heute nach dem Essen sehr wandelbar sein.

Herrmann. Ich schwöre Ihnen, Madam –

Vignali. Fi! fi! schwören Sie nicht! Wissen Sie nicht, daß man grüne Augen und schwarze Nägel bekömmt, wenn man falsch schwört? Und Sie wollten sich mutwillig Ihre schönen verliebten Augen und Ihre schönen fleischfarbenen Nägel verderben? – Nein, um alles in der Welt geb ich nicht zu, daß Sie schwören.

Herrmann. Sie scherzen, Madam; und ich rede sehr ernsthaft.

Vignali. Auch ich! In völligem Ernste versichere ich Sie, daß Sie einen Meineid begingen, wenn Sie die Liebe verschwüren.

Herrmann. Und ich beteure Ihnen nochmals, daß ich nie wieder lieben werde. Soll ich nicht wissen, was ich will und empfinde?

Vignali. O wenn Sie das wüßten! dann redeten Sie ganz anders mit mir.

Herrmann. Sie sind ungemein drollicht. Warum sollt ich's denn nicht wissen?

Vignali. Weil Sie nicht verliebt sein wollen und es doch schon sind.

Herrmann. Ich? verliebt? – Fürwahr, das kömmt mir itzt nach einer so widrigen Erfahrung am wenigsten ein. Wenn Ulrike so gewiß tugendhaft wäre, als ich nicht verliebt bin –

[471] Vignali. Was wetten Sie? Sie sind's.

Herrmann. Wetten Sie, soviel Sie wollen!

Vignali. Sie sind verliebt, dabei bleib ich; und ich weiß auch in wen.

Herrmann. Lustig! – In wen denn?

Vignali. In mich. –

Herrmann sah sie starr und bestürzt an: er war so jämmerlich in die Enge getrieben, daß er weder ja noch nein sagen konnte. Sie füllte die Pause des Gesprächs mit einem Blicke, einer Miene aus, die ihn beinahe glaubend machten, daß sie die Wahrheit gesagt habe.

»Närrchen!« sagte sie mit einer kleinen Frechheit, »das hab ich dir lange schon angemerkt, daß du in mich verliebt bist. Dein schelmisches Auge hat mir's jeden Tag millionenmal gesagt. Du armes Kind! bist wahrhaftig ganz trunken von Liebe: wie dir die Backen glühn; wie du so schmachtend nach mir blickst! wie dir das kleine Herz schlägt! – Und nun gar ein Seufzer? – Du brennst ja wahrhaftig so ganz lichterloh vor Liebe, daß dir die Funken aus den Augen sprühen: nur Geduld, mein Puppchen! Ich bin eine vernünftige Frau: ich weiß, was die Liebe eines solchen Amors heißt: wir wollen die Flamme schon löschen, ehe du in Asche zerfällst.«

Herrmann. Madam, ich begreife nicht, was Sie mir heute noch überreden werden.

Vignali. Überreden? – Gar nichts! Ich erzähle dir ja nur, was du fühlst, was du bist. Ich sage dir, daß du der liebenswürdigste Mensch unter der Sonne bist, ein Adonis, mit allen Schönheiten des Geistes und des Körpers geschmückt – ein Kupido, der mit seinen Augenstrahlen tödlicher verwundet als mit Pfeilen – ein Gott, den Dichter und Maler nicht schöner erfinden können: ist denn das nicht wahr?

Herrmann. Vermutlich nicht! denn das Lob ist überspannt.

Vignali. Lobte die Liebe wohl jemals anders als überspannt? – Laß doch einmal sehn, ob dein Lob nicht ebenso überspannt ausfallen würde, wenn du mich schildertest! Laß einmal hören! – Du schielst nach meinem Busen? Ich merke wohl, damit[472] mit fingst du dein Gemälde am liebsten an. – Wohlan! Fürs erste also, was sagst du von meinen Busen?

Herrmann. Madam, Sie setzen mich außer mir: alle meine Sinne benebeln sich.

Vignali. Laß sie dich benebeln! Antworte mir nur auf meine Frage! – Wie findest du meinen Busen?

Herrmann. Ich finde, daß er ein Meisterstück der Natur ist, zween Marmorhügel, mit Rosen bekrönt.

Vignali. Wie der Mensch so gut treffen kann! – Und dann?

Herrmann. Ein Blumenpfad zwischen zween Rosengärten, wo Wonne und Entzücken strömt – zween lieblich duftende Marmortempel der Liebe, wo man ihr täglich ein reichliches Opfer von Küssen bringen

möchte –

Vignali. In der Tat, diese Beschreibung ist allein schon einer Erkenntlichkeit wert. Man muß dich lieben, man mag wollen oder nicht. Du bist einzig. –

Dabei erfolgte eine feurige Umarmung, die zu Opfern in dem Tempel der Liebe unausweichbare Gelegenheit gab. »Und die Hand?« fragte Vignali.

Herrmann. Es ist Vignalis Hand, die man nicht schildern, nur küssen, nur drücken, nur liebkosen kann. Die Seele zittert, wenn man sie nur berührt: jedes Streicheln von ihr tut erquickender als ein kühles Lüftchen am schwülen Abend: ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne, daß das Herz flattert und davonfliegen möchte. Vignali. Das ist vermutlich eine Schmeichelei –

Herrmann. Nein, Vignali, die selbständigste Wahrheit, gefühlte, tausendfach gefühlte Wahrheit!

Vignali. Aber das Lob ist doch überspannt.

Herrmann. Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen als ich? – O den tausendsten Teil verschweig ich Ihnen, weil ich mich zu kraftlos fühle, es auszudrücken.

Vignali. Sie sind ein loser Schmeichler.

Herrmann. Wenn ich Ihnen nun sage, daß ich nicht schmeichle! So wahr ich lebe! ich schmeichle Ihnen nicht.

Vignali. Wer weiß, was Sie mir alles heute noch überreden werden?

[473] Herrmann. Vignali, Sie ärgern mich mit Ihrem Widerspruche. Glauben Sie, daß ich ein elender, fader Schwätzer bin, der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt? Denken Sie, daß ich zu schwach, zu dummköpficht bin, um das Schöne und Vortreffliche zu empfinden? – Bei dem ersten Besuche, den ich Ihnen machte, überzeugten Sie mich, daß Sie die größte, die hinreißendste Schönheit sind. Ich habe seit jener Stunde Ihren Wert täglich mehr empfunden: so mißtrauisch ich gegen Ihre Freundschaft war – ich bekenne itzt frei, daß ich dies war, und wohl mir, daß ich's nicht mehr zu sein brauche! –, aber alles Mißtrauen hinderte mich nicht Ihre Liebenswürdigkeit zu erkennen, zu bewundern, anzubeten: Vignali ist falsch, sagte ich oft, aber schön: und wenn ich damals jemanden außer Ulriken hätte lieben können –

Vignali. So wäre ich's gewesen? – Wie glücklich, wenn ich's glauben dürfte!

Herrmann. Sagen Sie mir nur, was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so verdächtig gemacht hat! Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele, und doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit!

Vignali. Zürne nur nicht! Ich glaube dir ja. Du hättest mich also damals geliebt, wenn dich Ulrike nicht gehindert hätte? Ulrike hindert dich nicht mehr; und du liebst mich?

Herrmann. Ja, ich würde! aber ich habe geschworen, nie wieder zu lieben.

Vignali. Nein, Kind! Du hast nicht geschworen: besinne dich!

Herrmann. Aber ich habe mir vorgenommen, ein feierliches Gelübde zu tun –

Vignali. Vorgenommen ist nicht getan! So kann ich dich vor der Narrheit bewahren. – Ein Mensch von deinem Alter, deiner Figur, deinem einnehmenden Wesen will die Liebe verschwören? – Man wird sich zu dir drängen, dich bestürmen, dir die Liebe aufzwingen: siehst du nicht, wie man mich neidisch anschielt, wenn ich mit dir fahre, mit dir gehe? wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind? wie die Damen sich zischeln, dich anlächeln, dir gern gefallen möchten? wie alle[474] vom höchsten und niedrigsten Stande stehnbleiben, wo sie dich erblicken, dir nachsehen, einander halbleise zurufen: »Ah, ein allerliebster Mensch! ein sehr schöner Mensch! ein Mensch zum Küssen! zum Aufessen!« – und dabei fliegt dir mancher Seufzer, mancher zärtliche Blick entgegen. Vor zwei Tagen lorgnierte dich eine alte, alte Dame in der Komödie so lüstern, so schmunzelnd, als wenn sie durch deinen Anblick wieder verjüngt würde: – Und ein so allgemein geliebter Mensch will der Liebe entsagen? Wie lange wird man dich denn das Gelübde halten lassen? – Siehst du nun die Torheit ein? – Liebe, liebe und laß dich lieben! Wenn du nicht mehr lieben kannst, dann tue dein Gelübde! Itzt genieße der Liebenswürdigkeit, womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat!

Herrmann. O Vignali! Sie sind eine verführerische Frau. Vignali. Aber doch zu deinem Besten, zu deiner Glückseligkeit? – In unaufhörlichem Taumel überfüllender Freuden, von Vergnügung zu Vergnügung hineilend, immer überflüssig reich an Wonne, stets genießend und doch nie gesättigt, immer nach neuer Lust lechzend – nennst du das keine Glückseligkeit?

Herrmann. Schweigen Sie, Vignali! Sonst schwatzen Sie mir meine ganze Vernunft hinweg.

Vignali. Ah, quel drôle! Was willst du denn nun vollends gar mit der Vernunft? Was geht dich die Vernunft an? – Lerne von mir, was leben heißt und wie man leben

muß! –

Sie erzählte ihm nunmehr eine Menge verliebter Geschichten, die sie bei ihrem Aufenthalte in Paris erlebt hatte, malte ihm die wollüstigsten Szenen mit Freiheit und ohne Schleier und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der Buhlschaft, daß er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte, die ihm Paris in Jahren nicht hätte verschaffen können. Die Schamröte, die zu Anfange ihrer Erzählungen seine Wange färbte, verwandelte sich bald in das glühende Rot eines innern Wohlgefallens, und in allen Muskeln des Gesichts drückte sich das Arbeiten seiner aufgeregten Phantasie aus. Er fühlte ungekannte Regungen, ein Feuer, das tief ins Mark[475] drang: alle Fibern waren vom süß hinabschleichenden Weine gespannt, Blut und Lebensgeister liefen in übereiltem, gedrängtem Tumulte durch Adern und Nerven und ungeheure Massen von üppigen Bildern rasch und dicht hintereinander durch den Kopf.

Sie speisten allein zusammen: der Gerichte waren wenige, aber alle ausgesucht leckerhaft und stark gewürzt. Herrmanns gereizte Neubegierde führte nunmehr selbst die Fortsetzung des abgebrochnen Gesprächs wieder herbei: der Ton wurde immer kühner, immer freier, die Beschreibungen immer unverhüllter: er schien mit allen begeisterten Sinnen in einer See von Entzücken zu schwimmen, die Augen verengerten sich und blickten nur noch durch schmale Ritzen hindurch, alle Gegenstände bemalten sich mit den Farben des Regenbogens, sein Mund sprach durch ein unaufhörliches inniges Lächeln, er zitterte vor Glut und sah Vignali nur noch mit seiner Phantasie, wie sie mit ihm alle die Szenen des Vergnügens durchwanderte, die sie ihm eben itzt geschildert hatte: alle Herzoginnen, Marquisinnen und berühmte Schönheiten, von welchen ihm Vignali erzählte, spazierten in den bezauberndsten, nacktesten Reizen, die ihnen seine Einbildungskraft sogleich lieh, durch den Kopf, und alle sahen wie Vignali aus: wenn ihm seine Gedanken einen erzählten Auftritt ausmalten, waren die handelnden Personen allemal Vignali und er.

In dieser Berauschung wäre nichts leichter gewesen, als den überwältigten, seiner unmächtigen Herrmann allmählich auf den entscheidenden Punkt zu führen: allein Vignali geriet in der Verfolgung ihres Siegs außer Fassung: die Freude, ihrem Zwecke so nahe zu sein, machte sie hitzig, und die Vorstellung seiner Unverfehlbarkeit verleitete sie, in der Gradation einen Sprung zu begehen. Sie lenkte den eingeschläferten Liebhaber mit einer zu raschen Wendung von der Erzählung fremder Begebenheiten auf sich und ihn: sie stand plötzlich vor seinen Augen wie eine freche, unzüchtige Buhlerin, nicht mehr unter dem Bilde verführerischer Liebe, die unmerklich hinreißt, sondern als ein foderndes geiles Weib. Dieser beleidigende[476] Anblick schoß wie ein Lichtstrahl durch seine Seele und verscheuchte auf einmal alle Schatten des Traums, welche sie umhüllten: er sprang mit empörter Empfindung und unwilliger Verachtung auf.

»Vignali, ich verabscheue Sie!« rief er zornig und ging. Sie riß sich hastig empor und eilte ihm nach: allein in der Übereilung des ersten Schreckens verwickelte sie sich in ihre lose flatternde Kleidung und stürzte: ebenso schnell raffte sie sich wieder auf und erwischte ihn noch bei dem Arme: als er eben die Tür zumachen wollte, zog sie ihn mit allen Kräften wieder herein. Sie wollte schlechterdings siegen und wiederholte ihren Sturm mit so vieler Unbesonnenheit, daß er sich gewaltsam aus ihren Armen wand und sie von sich stieß. – »Laß mich, unwürdige Buhlerin!« rief er, »du bist mir ein Abscheu.« – Er ging auf sein Zimmer.

Vignali wütete fast über diese unerwartete Katastrophe: sie tobte wie in einer Verirrung in dem Zimmer herum, riß sich den Kopfputz herunter und warf ihn an die Erde, das schöne Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht, das weiße Atlaskleid zerknittert und beschmutzt, vom Leibe gerissen und auf einen Stuhl geschleudert: der schöne Marmorbusen kochte vor Ärger und wollte zerspringen. In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu: ein reicher Tränenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenlidern, und kaum war ihre Hitze durch ihn ein wenig gemildert, so sann sie auf Entwürfe, den Unglücklichen auf das empfindlichste zu demütigen, der sie so empfindlich gedemütigt hatte.

Desto froher und entzückter triumphierte Herrmann über die errungnen Lorbeern, als wenn er den Euphrat und Ganges überwunden hätte: sein eignes Verdienst stieg in seinen Augen desto höher, wenn er an die Gefahr zurückdachte, in welcher er schwebte, und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war, fast nur ein Haarbreit davon entfernt. Vignali war ihm durch die letzte Übereilung so verächtlich, so widrig, so ekelhaft geworden, daß er an ihre glühende, wollüstige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konnte, ohne den lebhaftesten[477] Abscheu wider sie zu empfinden. Er dünkte sich ein unüberwindlicher Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht, nunmehr die gefährlichsten Angriffe überstehn zu können.

Voll Übermut ging er den Morgen darauf sehr zeitig zum Tee, um durch seinen Triumph die gedemütigte Überwundne noch mehr zu kränken. Vignali war sehr freundlich und höflich, aber äußerst niedergeschlagen: je mehr sie ihren Mißmut merken ließ, je mehr zwang er sich zur Aufgeräumtheit und Lustigkeit: je weniger und einsilbiger sie sprach, je geschwätziger und lebhafter plauderte er: alle seine Gebärden und Mienen waren angestrengt munter, und man konnte im eigentlichen Verstande von ihm sagen, daß er im Angesicht des überwundnen Feindes sein Te Deum anstimmte.

Vignali senkte den Blick, nahm Verschämtheit und Verwirrung an und sagte ganz abgebrochen mit unterdrückter Stimme: »Lieber Herrmann, ich muß Sie wegen einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten, die mich in Ihren Augen notwendig erniedrigen muß.« –

»Das ist alles längst vergeben und vergessen!« rief Herrmann mit freudigen Verbeugungen, ohne zu merken, daß Vignali ihn durch ihre Reue mehr hinterging als er sie durch seine Großmut.

Vignali. Bei Ihnen vielleicht, aber nicht bei mir! Sie sind in der Tat ein gefährlicher Mensch: ich merke wohl, man muß auf seiner Hut bei Ihnen sein: Sie können so unvermerkt das Herz wegstehlen – und Sie wissen, wie schwach ein weibliches ist!–, so unvermerkt hinreißen, daß man aus aller Fassung gerät und halb verwirrt handelt. Sehn Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer Verrückten an: auch war ich's wirklich: die Liebe, womit Sie mich erfüllten, hatte meinen Verstand angegriffen: ich raste.

Herrmann. Denken Sie nicht mehr daran! Eine solche Kleinigkeit –

Vignali. Nein, Herrmann, für mich ist's keine Kleinigkeit, wenn es gleich ein Mensch, der so edel und großmütig denkt wie Sie, dafür hält. Welche weggeworfne, verächtliche Meinung[478] muß ich Ihnen von mir eingeflößt haben? Man muß so erhaben denken wie Sie, um mich nur eines Anblicks zu würdigen. Aber nehmen Sie meine Reue zur Versöhnung und den Zustand der Verirrung, in welchen mich das Feuer der Liebe versetzte, zur Entschuldigung an! Wollen Sie mich hassen? – ich hab es verdient. Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe erhalten, den Ihre Güte in Ihrem Herze für mich noch übriggelassen hat? – es ist ein Geschenk, das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste Gegenliebe erwidern werde.

Herrmann. Geben Sie meiner Liebe keinen solchen Wert! Sie ist meine Pflicht. Ich tue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit, wenn ich Sie liebe.

Vignali. Spötter!

Herrmann. Ich versichre Sie auf mein Leben, ich spotte nicht. Kann man bei einer Venus wohnen und sie nicht anbeten?

Vignali. Ich vergebe diesen beißenden Schmerz Ihrem Übermute: ich dächte, meine Reue hätte mehr Schonung verdient als solche empfindliche Spötteleien.

Herrmann. Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele, ich spotte nicht.

Vignali. Schweigen Sie! ich kenne diese Sprache. Sie sollten aber nur bedenken, daß ich ein Weib und Sie ein Mann sind und daß ein Weib Mitleiden und keinen Spott verdient, wenn die Liebe ihre Überlegung zu Boden wirft: inzwischen muß ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß es nur wenige Männer gibt wie Sie. Sie sind ein wahres Muster von Tugend und Standhaftigkeit.

Herrmann. Madam, Sie beschämen mich.

Vignali. So ein heroischer Mut! so ein männlicher Widerstand gegen die Versuchung. Ohne mir schmeicheln zu wollen, unter tausend, vielleicht zehntausend Mannspersonen würde nicht einer so herzhaft der Liebe getrotzt haben. Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin.

Herrmann. Das, das ist Spott, Madam: aber sosehr Sie sich vielleicht innerlich darüber aufhalten werden, so muß ich Sie doch ernsthaft versichern, daß ich über alle Verführungen[479] der Liebe hinaus bin: das dank ich den Grundsätzen der Ehre und des Gewissens, womit mich mein Lehrer wie mit einem doppelten Schilde bewaffnet hat: mich schrecken keine Gefahren, weil mich keine überwinden. Vignalis Schönheiten können mir Liebe einflößen, aber nie bewegt mich Schönheit noch Liebe zu einer Handlung, die meine Ehre brandmalte; die mich in meinen Augen verfluchenswert machte; die mich zeitlebens wie eine Hölle peinigte: – nie, nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung, das beteure ich Ihnen zuversichtlich.

Vignali. Wahrhaftig, man möchte vor Ihnen auf die Knie fallen: Sie sind ein Gott. – Aber mich deucht, auch Jupiter ließ sich oft von Nymphen fangen?

Herrmann. Ihres Jupiters lach ich: der verdiente fürwahr kaum, Aufwärter in einem Bordelle zu sein – der schwach-köpfichte Jupiter!

Vignali. Aber er hatte eine Tugend – er bildete sich nicht mehr Stärke ein, als er besaß –

Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste: aber Herrmann, ob er den Verweis gleich verstund, lachte insgeheim desselben. Er ward so stolz auf Vignalis Demütigung, daß er sich mehr solche Versuchungen wünschte, um sie, wie Herkules die Ungeheuer, zu bekämpfen und zu besiegen; so sicher ward er durch sein gestriges gutes Glück, daß er sich von Herzen freute, als ihm Vignali nachmittags einen Besuch bei Lairessen vorschlug. – ›Aha?‹ dachte er, ›da blüht ein zweiter Lorbeer für dich!‹

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 460-480.
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