Zweites Kapitel

[778] Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stellung, daß er bisher geschwiegen hatte, um itzo zu reden: er widersprach der Meinung des Präsidenten mit Mut, Stärke und Bescheidenheit, ohne die mindeste Scheu, und setzte das Widersinnige, Zweckwidrige, Schädliche seiner Vorschläge in ein so helles Licht, daß der Präsident teils um der Neuheit willen, teil aus Unvermögen nicht ein Wort dawider einwenden konnte: er war verwirrt, bestürzt, erzürnt. Er wollte das Mittel anwenden, wodurch er die übrigen Räte feige gemacht hatte, und brutalisierte Herrmannen, aber er fand einen Gegner an ihm, bei welchem Vernunft und Affekt in gleichem Schritte gingen, der ihn, ohne die mindeste Verletzung der Ehrerbietigkeit, bloß durch die Stärke seiner Gründe so in die Enge trieb, daß er seine Saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr. Herrmann wurde durch die Aufmerksamkeit, womit ihn der Fürst anhörte, ob er ihm gleich fast niemals ausdrücklichen Beifall gab, durch die Auffoderungen, die ihm der Fürst tat, seine Meinung zu sagen, und die Verbote, die der Präsident empfing, wenn er ihn unterbrechen und daniederschwatzen wollte, mächtig aufgemuntert, in seinem Eifer fortzufahren; und da der Fürst, seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung gemacht hatte, fast keine Sitzung und Beratschlagung von Wichtigkeit versäumte und überall mit seinen eignen Augen sehen wollte, so nahm alles auf einmal einen ordentlichen Gang, die Kassen waren nicht mehr leer, und die Auszahlungen geschahen alle zu gehöriger[778] Zeit. Das Publikum schrieb diese glücklichen Veränderungen Herrmannen zu, frohlockte und pries ihn wie den Schutzgott des Landes, der die Macht des Plagegeistes, der es bisher despotisierte, brechen sollte. Die ältern Räte, denen die freimütige, unerschrockne Sprache ihres neuen Mitglieds so fremd war wie das Malabarische, rissen vor Verwunderung die Augen weit auf, hielten ihre Ohren hin, ob sie nicht etwa eine Einbildung täuschte, und saßen da wie versteinert vor Erstaunen. Da sie wahrnahmen, daß seine Dreistigkeit dem Fürsten gefiel, machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung, wo er sie zeigte, ihren Glückwunsch darüber, lobten ihn wie einen braven Mann, der so glücklich wäre, etwas wagen zu können, was sie wegen ihrer Familien nicht wagen dürften, weil sie mit ihren Weibern und Kindern notwendig elend werden müßten, wenn der Präsident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte – aber wohlgemerkt! alles in Abwesenheit des Präsidenten! Sprachen sie mit diesem in Herrmanns Abwesenheit, so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum Vorwitzigen, Tollkühnen, Nase weisen, der seinem Vorgesetzten die gebührende Achtung versagte und nichts als schädliche, lahme, unausführbare Vorschläge tat.

Der Fürst nützte Herrmanns Einsichten so sehr, daß er ihn zuweilen auf sein Zimmer fodern ließ und sich mit ihm über Angelegenheiten besprach, die für ein andres Kollegium gehörten. Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann auf die Verbesserung der öffentlichen Schulanstalten, auf die Vermehrung der Industrie und Verbesserung der Moralität durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses, wo die Leute, die an dem kleinen, gewerblosen Orte keine Arbeit finden konnten, auf Unkosten des Landesherrn arbeiten sollten, der die Früchte ihres Fleißes ohne Profit einem Unternehmer zum Verkehr überlassen möchte; so leitete er ihn auf Änderungen in kirchlichen Sachen, auf die Einschränkung des geistlichen Ansehns, auf die Abschaffung alles religiösen Zwanges, auf die Simplifizierung des Gottesdienstes; so brachte er ihn auf[779] die Mittel, den Ackerbau zu ermuntern, den man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absatz nicht viel über das Notdürftige trieb, die ländlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelsware zu machen, Industrie und Gewerbe zu erhöhen, insofern es ein kleines, von mächtigen Nachbarn umzingeltes, gehindertes Ländchen zuließ. Von allen diesen und tausend andern nützlichen Dingen, worüber sie oft zu Stunden mit der äußersten Ernsthaftigkeit sprachen, wurde freilich wenig oder gar nichts ausgeführt: allein Herrmann freute sich doch, einem Fürsten zu dienen, der sie wußte und anhörte. Nur blieb es ihm befremdend, wie dieser nämliche Herr das erkannte Bessere, das er in jeder Sitzung mit der Miene billigte, nie beschloß, sondern jedesmal entweder ein Mittel zwischen des Präsidenten und Herrmanns Meinung traf oder, wo sich dieses nicht tun ließ, dem Gutachten des erstern ganz folgte.

Unvermeidlich mußte unter den Neuerungen, die Herrmann durchsetzte oder wozu er den Fürsten durch seine Unterredungen veranlaßte oder die ihm das Publikum fälschlich zuschrieb, manche den Privatnutzen dieses oder jenes Mannes schmälern, das Vorurteil, den Schlendrian und die Faulheit kränken; und es erhuben sich einzelne Stimmen mit mächtigen Beschwerden wider den neuen Rat. Der Präsident glaubte, daß Neuerungen und Verbesserungen einerlei wären, und dachte Herrmannen zu übertreffen, wenn er mehr Veränderungen vorschlüge und durchsetzte als er: auch der Fürst hatte durch die Ideen, die ihm Herrmanns Gespräch mitteilte, Neigung zu Reformen bekommen: sonach wurden der Reformen freilich im kurzen ein wenig zuviel; und alle, gute und schlechte, gerade und schiefe, überdachte und übereilte, mußte sich der arme Herrmann auf seine Schultern binden lassen. Die Kreaturen des Präsidenten fachten den glimmenden Haß des Publikums wider ihn zur Flamme an, und sehr bald wurde der neue Rat bei der Kaffeetasse und auf der Bierbank so allgemein gelästert, verflucht und gescholten, als man ihn nicht allzulange vorher lobpries.[780]

Gleichwohl hatte Herrmann bei diesem allgemeinen Hasse, wovon er wenig oder gar nichts erfuhr, ein Projekt im Kopfe, wozu er notwendig Freunde und Gehülfen brauchte: er wollte den Präsidenten völlig stürzen und sah dies Unternehmen für eine ebenso verdienstliche Handlung an, als wenn er das Land von einer Räuberbande befreite. Auf seine Kollegen konnte er nicht viel rechnen; denn sie waren froh, daß er den größten Teil der Arbeit über sich nahm und ihnen Muße zu einem Lomberchen verschaffte, nährten und pflegten sich und lachten insgeheim des Toren, der mit dem Kopfe wider die Wand rennen wollte: sie waren durch langen Despotismus so schlaff und abgestimmt, daß sie Herrmannen kaum beneideten, sondern alles gehn ließen, wie es ging.

Noch kleinmütiger hätte er werden können, als er gewahr wurde, daß auch Arnold und Madam Dormer auf die Seite des Präsidenten getreten waren, zwar nicht gegen ihn als Feinde handelten, aber doch sein Ansehn bei dem Fürsten untergruben. Dieser Übergang zur feindlichen Partei, so plötzlich er Herrmannen schien, weil er ihn in dem Eifer für sein neues Amt übersehen hatte, wurde durch das erste Konzert schon vorbereitet, das der Präsident wieder in seinem Hause gab. Durch Schmeicheleien und Vertraulichkeiten gewann er Arnolden und knüpfte ihn dadurch fest an sich, daß er ihm einen Anteil an dem Handel versprach, den er mit dem Gelde aus der fürstlichen Kasse trieb: Arnold erriet diesen letzten Umstand mehr, als er ihn wußte, und als ein Mann, der Vergnügen und Aufwand liebte und zeither beides sehr einzuschränken gezwungen war, nahm er mit Freuden die Summen an, die ihm der Präsident von Zeit zu Zeit als den Ertrag seines Anteils an der Handlung gab, und red'te aus Dankbarkeit das beste von ihm bei dem Fürsten. Madam Dormer wurde auf die nämliche Manier durch Schmeicheleien, Ehrenbezeugungen und Geschenke gewonnen: sie spielte gern die große Dame, und da sie der Präsident völlig so behandelte, sprach sie allenthalben zu seinem Vorteil und trieb auch Arnolden an, dem Fürsten gute Gesinnungen von einem so braven Manne beizubringen.[781]

Diese neue Freundschaft erzeugte noch eine dritte Ursache zur Kleinmütigkeit für Herrmannen. Der Fürst bekam auf Arnolds Betrieb, den der Präsident dazu angestiftet hatte, wieder Neigung zur Jagd: sein Liebling bot ihm täglich so viele schöne Büchsen und Hunde an, daß er sie probierte, und über dem öftern Probieren erhielt das Vergnügen wieder für ihn Reiz, sein voriger Trieb erwachte und wuchs sehr bald zur Leidenschaft empor. Die neue Liebhaberei verdrängte die bisherigen, und da seine angelegentliche Sorge für die Regierung und seine Verbesserungsbegierde zum Teil auch nur Liebhaberei gewesen sein mochten, so kam er itzt in keine Sitzung mehr, Herrmann wurde nicht mehr zu politischen Unterredungen geholt, konnte nie vor ihn kommen, weil er außer der Tafelzeit nicht zu Hause war, und bekam ihn in vielen Wochen nicht einmal zu sehn. Er entbehrte also eine wichtige Stütze gegen den Präsidenten, der sich täglich mehr zu seiner vorigen Gewalt empor brutalisierte und tat, was ihm lüstete, ohne auf Herrmanns Widerspruch im mindsten zu achten.

Herrmann war also auf allen Seiten verlassen, sollte allein wider alle sich stemmen; und da er genug zu tun hatte, sich der Feinde zu erwehren, wollte er sie gar noch angreifen? – Das war allerdings verwegen, aber Mut und Erbitterung wuchs bei ihm täglich, je mehr der Präsident tyrannisierte und ihn drückte: vorderhand mußte er zwar lavieren, aber sein Entschluß, das Ungeheuer zu töten oder von ihm getötet zu werden, war unbeweglich fest, und er wartete nur auf die Gelegenheit zum Angriff.

Der Präsident wurde nach seiner neuen Allianz, da er die Aufmerksamkeit des Fürsten eingeschläfert und den hauptsächlichsten Zugang zu ihm, Arnolden, in seiner Gewalt hatte, so keck, so unverschämt, daß er seine vorigen Unterschleife mit verdoppelter Dreistigkeit fortsetzte, sogar ohne sie zu verstecken. Herrmann, dem er damit trotzen wollte, mußte seinen Ärger verbeißen: er verstummte, tat, als wenn er nichts bemerkte, und sammelte indessen insgeheim alle Beweise auf, die zur Unterstützung seiner Anklage wider den Präsidenten[782] dienen konnten: er fand Gelegenheit, einige von den Rechnungen, die ihm schon längst verdächtig waren, zu untersuchen, und alle waren verfälscht: er entwandte sie, und diesen unwiderlegbaren Beweis nebst seiner gesammelten skandalösen Chronik unter dem Kleide, stellte er sich des Mittags einmal dem Fürsten in den Weg, um von ihm getroffen zu werden, wenn er von der Jagd käme. Es glückte ihm: nachdem er lange herumgegangen war, kam der Fürst an, stieg ab und ging wie gewöhnlich ohne Begleitung über den Schloßhof: er erblickte Herrmannen und fragte ihn: »Wie geht's?«

Herrmann. Schlecht! sehr schlecht! Wie kann es unter den Dienern wohl hergehn, wenn der Herr schläft?

Der Fürst. Wieso? ist das eine Beschwerde wider mich?

Herrmann. Nicht wider den guten Fürsten, sondern wider die Betrüger, die seine Güte mißbrauchen! Ich bitte um fünf Minuten Gehör, und Eu. Durchl. sollen schaudern vor der Bosheit, womit man Ihre Gnade erwidert. –

Der Fürst befahl ihm, in sein Zimmer nachzufolgen: Herrmann übergab ihm seinen Aufsatz, zeigte ihm in den Rechnungen die auffallendsten Beweise wider den Präsidenten und seine Kreaturen und überzeugte ihn so unwiderlegbar, daß er vor Zorn die Papiere auf den Tisch warf und ihm nach der Tafel wiederzukommen befahl. Der Ärger trieb den Fürsten wieder zu den Papieren hin, er las den Herrmannischen Aufsatz und wurde so heftig erzürnt, daß er den Präsidenten auf der Stelle rufen ließ. Dieser war durch Arnolden sogleich in vollem Fluge von des Fürsten Unterredung mit Herrmannen benachrichtigt worden, und ob er gleich den Inhalt derselben nicht wußte, so vermutete er doch nichts Gutes und rüstete sich deswegen mit aller möglichen Unerschrockenheit. Der Fürst gab ihm zornig Herrmanns Aufsatz und befahl ihm, vorzulesen: der Präsident gehorchte, las Punkt für Punkt und drehte Punkt für Punkt so künstlich mit der völligen Miene der Wahrheit herum, daß sein Ankläger augenscheinlich zum boshaften Verleumder wurde: der Fürst war durch seine Vorspiegelungen so überzeugt und überzeugter als[783] durch Herrmanns Gründe, und je höher sein Zorn vorhin stieg, je stärker lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben. Der Angeklagte bat mit der Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion und wollte lieber seine Würde in die Hände seines Herrn zurückgeben und den Geschäften entsagen, wenn er sie nicht erhielt: er wußte die kräftige Beredsamkeit seines Gegners sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demütigungen und Schmeicheleien einen neuen Reiz. Bestürmt von den Bitten und Scheingründen des Präsidenten, gereizt von Unwillen, daß Herrmann nach allem Anschein aus Neid seinen Vorgesetzten hatte anschwärzen wollen, befahl der Fürst im ersten Verdrusse, daß Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest haben sollte. Die Kreaturen des Präsidenten posaunten diesen Triumph der Unschuld sogleich am Hofe und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus, und Ulrike erfuhr die Nachricht davon, als man zur Tafel ging. Düstere Wolken hingen auf des Fürsten Stirne; alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmute des Regenten; die Fürstin freuete sich innerlich über den Vorfall, weil ihr Herrmann wegen eines Vorschlags, den er einmal ihrem Gemahle über die Einschränkung ihres Hofstaates tat, äußerst verhaßt war; Ulrike saß in banger Betrübnis da, gab jeden Teller unberührt hinweg, wie sie ihn empfangen hatte, und beratschlagte bei sich, was sie zur Befreiung ihres Geliebten tun sollte. Sie beschloß, mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fürsten zu wagen, sollte er ihr auch die Ungnade der Fürstin zuziehn: gleich nach der Tafel ging sie ihm nach, holte ihn in seinem Vorzimmer ein, warf sich mit Tränen vor ihm hin und bat um Herrmanns Befreiung und um die Untersuchung seiner Unschuld. Sie flehte so dringend, mit so vollströmendem Schmerze, daß sie der Fürst lange gerührt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl: ohne weiter etwas zu sagen, ging er zerstreut ins Zimmer. Ulrike, eine so artige Figur, den ganzen Kummer der Liebe auf dem Gesichte, in Tränen, flehend vor ihm hingeworfen, hatte einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, daß er, in das Bild[784] vertieft, einigemal im Zimmer auf und nieder ging: er sah in der Zerstreuung zur Türe hinaus, ob sie vielleicht noch wartete, aber sie war fort: herzlich gern hätte er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt. Er seufzte, befahl, niemanden vorzulassen, und griff verdrießlich nach den Papieren, die Herrmann überreicht hatte, um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen. Wie erstaunte er, als er statt der dicken Rechnung, die er vor Tafel in Händen hatte, nur wenige Bogen erblickte und nichts darinne fand, was er vor Tafel las! Arnold mußte kommen und wurde gefragt, wer diese Papiere ausgetauscht habe: er hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen, sobald er Ulrikens Fürbitte und ihre Folgen sahe, und antwortete dreist, daß es ihm der Präsident im Namen Ihrer Durchlaucht befohlen habe. Nun war offenbarer Verdacht da: dem Herrn von Lemhoff wurde geboten, im Augenblicke die umgetauschte Rechnung herbeizuschaffen, allein er konnte nicht; denn sie war vernichtet worden. Er dachte zwar durch seine Beredsamkeit den Fürsten wieder umzustimmen, aber er kam nicht vor, und Herrmann erhielt den Auftrag, die übrigen Rechnungen herbeizubringen. Es geschah: alle waren auf den nämlichen Schlag gemacht, der Präsident überführt: er demütigte sich, bat die Fürstin um ihren Fürspruch, den sie ihm auch nicht verweigerte, weil er zu Herrmanns Nachteile wirken sollte, allein ehe sie mit ihm zu dem Fürsten gelangte, hatte der Präsident schon seine Entlassung. Zur Strafe mußte er das Arbeitshaus bauen lassen, das Herrmann so oft in Vorschlag gebracht hatte. Die Fürstin versuchte zwar verschiedene eifrige Fürbitten, um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen, allein sie bewirkte nichts, als daß sich das allgemeine Mißtrauen des Fürsten, das ihm eine so unerhörte Untreue einflößte, auch auf sie erstreckte, besonders da ihm Arnold ihren Haß gegen Herrmann als die Ursache ihres Fürspruchs und die Veranlassung dieses Hasses angab; und Arnold freuete sich auch nicht wenig, der Fürstin bei der Gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen, da ihre Gunst gegen ihn ganz erloschen war, seitdem sie nicht mehr[785] angelte. Täglich, fast stündlich liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Präsidenten und Entdeckungen neuer Betrügereien ein, daß sie zuletzt der Fürst untersagen mußte, um nicht überhäuft zu werden: da der Gefürchtete einmal in der Grube lag, so arbeitete jedermann, ihn nicht emporkommen zu lassen: wer vorher nicht ein freimütiges Wort flüsterte, sprach itzo laut wie ein Held. Herrmann, weil er siegte, war der angebetete, von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes: Madam Dormer wartete ihm noch den nämlichen Tag, wo der Präsident stürzte, sehr spät auf, um ihm ihre Freude über den erfochtnen Sieg zu bezeugen, und Arnold, der in der Minute, als der Fürst nach der Umtauschung der Rechnung fragte, auf Herrmanns Seite getreten war, konnte nicht laut genug über den Fall des Präsidenten triumphieren, welches er notwendig tun mußte, um sich nicht wegen seiner vorigen Verbindung mit ihm verdächtig zu machen. Es kam zwar zu den Ohren des Fürsten, daß er Anteil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm empfangen hatte, allein er rechtfertigte sich damit, daß es bloß eine kaufmännische Verbindung gewesen sei, die er freilich nicht eingegangen wäre, wenn er gewußt hätte, daß der Fonds des Handels aus den fürstlichen Kassen genommen würde: Er tat seine Unwissenheit in Ansehung des letzten Punktes leidlich dar, der Fürst nahm seinen Beweis für gültig an, aber behielt lange Mißtrauen und Zurückhaltung gegen ihn.

Aus einer so großen Staatsveränderung, dergleichen in diesem Lande seit undenklichen Zeiten nicht vorgegangen war, mußten notwendig wichtige Folgen entstehn. Der älteste adelige Rat, ein Mann, den Alter und Faulheit zum Despotisieren und Betrügen untüchtig machten, bekam einen Teil von der Besoldung des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Präsidenten vorstellen, welches er auch treulich tat; denn er saß auf seinem Stuhle da, ohne sich zu rühren, vom Anfange jeder Sitzung bis zum Ende. Die andre Hälfte der Besoldung erhielt Herrmann, dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Präsidenten. Die Hauptperson,[786] von welcher alles abhing und ohne welche nichts geschehen konnte, wollte der Fürst selbst sein und war es beinahe mehr, als er es sein sollte: er entsagte von neuem allen seinen Vergnügen, ließ seiner Aufmerksamkeit nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen allenthalben sehn, daß alles zwar ordentlich, aber unerträglich langsam ging: seine Ideen waren oft schief und nur halb gut, weil er das Ganze nicht überschaute, und so bewundernswürdig seine Geduld war, Belehrungen anzuhören, so ermüdend war es doch für diejenigen, die ihn belehren mußten: aus jeder Beratschlagung wurde meistens ein Kollegium, das ihm Herrmann las. Gern hätte ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewünscht; denn vor großer Bedachtsamkeit und vielem Überlegen kam weder Gutes noch Böses zustande: es tat Herrmannen tausendmal weher, ihm zu widersprechen als dem vorigen Präsidenten, weil er sich scheute, dem guten Fürsten die Kränkung zu verursachen, daß er falsch geurteilt habe, und er hinderte aus diesem Grunde weniger Schädliches als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs. Außerdem stieg das Mißtrauen des Fürsten zu einem Grade, der beleidigen konnte, wenn man die Veranlassung dazu nicht wußte: er fürchtete allenthalben List und Betrug und brauchte oft lange Untersuchung, um da keinen zu finden, wo keiner war. Indessen waren doch seine Einkünfte und das ganze Land unendlich besser beraten als vorher, und er gab Herrmann deutlich zu verstehn, daß er ihm die Anklage des Präsidenten zum Verdienst anrechnete.

Auch Ulriken traf die Wirkung jener Revolution. Sie zog sich durch die Fürbitte für Herrmannen ein scharfes Verhör von der Fürstin zu, und da sie so gewaltig mit Fragen gequält wurde, gestund sie ihre Liebe ohne Rückhalt und versicherte mit einiger Wärme, die man für Trotz annehmen konnte und die Fürstin auch wirklich dafür annahm, daß sie ihn heiraten würde, sobald er für gut befände, ihre Hand zu verlangen. – »Auch wenn ich's nicht gern sähe?« fragte die Fürstin mit Stolz. – »Ich hoffe«, antwortete Ulrike, »daß es Eu. Durchlaucht[787] gern sehen werden.« – »Nein«, sprach die Fürstin entrüstet, »bei meiner Ungnade untersag ich die Heirat.« – Ulrike seufzte und schwieg.

Als sie der Fürst, nachdem der Hauptsturm mit dem Präsidenten vorüber war, zum ersten Male wieder erblickte, kam ihm das reizende Bild, wie sie weinend vor ihm auf den Knien lag, in die Gedanken zurück, und er erkundigte sich, ob sie nunmehr mit ihm zufrieden wäre. Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude für Herrmanns Freisprechung und hielt inne, als wenn sie noch etwas mehr zu bitten hätte. – »Fehlt noch etwas?« fragte der Fürst lächelnd. »Soll ich etwa den Pfarr holen lassen?« – Ulrike nahm den Scherz mit Fleiß als Ernst auf und erzählte ihm die traurige Lage, in welche sie das Verbot der Fürstin gesetzt hatte. – »Ich sehe wohl«, sprach der Fürst und drückte sie verliebt bei der Hand, »so einem hübschen Mädchen kann man nichts abschlagen. Ich will noch einmal helfen.«

Er besprach sich mit der Fürstin darüber, aber sie widersetzte sich mit einer Heftigkeit, die ihn beleidigte. – »Der Mensch soll so eine hübsche Frau nicht haben«, sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart. Seit diesem Augenblicke fiel der Thermometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum Gefrierpunkte herunter.

Der Fürst, durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt, ob er gleich seine Empfindung verhehlte, sprach selbst mit Herrmannen über seine Liebesangelegenheit und nötigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes, frei heraus zu beichten; Herrmann tat es, aber ging wohlbedächtig in seiner Geschichtserzählung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zurück, wo er der jüngste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war. Der Fürst riet ihm, die Sache so lange anstehn zu lassen, bis er die Fürstin gegen ihn ausgesöhnt hätte: Herrmann nahm den Rat willig an, da ihm seine überhäuften Geschäfte und der Eifer, womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete, keine Zeit zur Liebe übrigließ: er wollte erst in seinem neuen Posten festsitzen, um den Genuß eines endlich errungenen Glücks voller und ungestörter zu[788] genießen. Dem Fürsten gefiel die Aufopferung, die er seinem Dienste machte, überaus wohl, er versuchte der Fürstin Gesinnungen gegen ihn zu ändern, und es wäre ihm auch gelungen, wenn nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit seinen Bitten so vielfältig bestürmt hätte, daß er bei der neuen Aufmerksamkeit auf die Geschäfte nicht weiter daran dachte: die Sache schlief abermals ein, und das Publikum hatte das Brautpaar abermals zu zeitig trauen lassen.

Quelle:
Johann Karl Wezel: Hermann und Ulrike. Leipzig 1980, S. 778-789.
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