25.

Wie Lewfrid und Walter mit dem graffen ob seinem tisch essen, und Lewfrid in beysein Angliane dem graffen sagt, was im mit den mördern begegnet, darauff Angliana mit gantzem fleiß acht nimpt.

[330] Der graff sampt seiner tochter und ihren junckfrawen zů tisch gesessen sind; Lewfrid und Walther mit in zů tisch sassen. Der graff, sobald sie der ersten trachten gessen hand, hat er Lewfriden gefragt und also mit im zů reden angefangen: ›Mein lieber diener Leuwfrid, du hast mir heut, als ich dich nach disem jüngling fraget, wer er were, sagtest du mir, er wer dein lieber brůder, so ich anderst recht von dir verstanden hab. Ist im also, so bitt ich dich, sag mir, was in diser zeit har treibet und wo du in funden hast!‹ Der graff fraget darumb, das er sorget, Walter wird Lewfriden hinwegfüren.

Lewfrid fing an mit züchtigen worten dem graffen zů antworten: ›Gnediger herr,‹ sagt er, ›diser jüngling mein lieber brůder ist, wie ich gesagt hab. Auff abentheür ist er außgeritten, abenthewr ist im gnůgsam begegnet. Dann es im und seinem knecht gar nah an ir leben gangen ist; davon, gnediger herr, wol zů sagen wer, so ich ewer gnad damit bedeüben dörfft.‹ Der herr sagt zů Lewfriden: ›Ich bitt dich, mein Lewfrid, laß dichs nit beschweren und sag mirs nach aller lenge, wie sich die sach mit inen zůgetragen hat!‹

›Gnediger herr,‹ sagt Lewfrid, ›diser mein brůder, als er mit grossem verlangen mich im land umbher gesuchet, hat in zůletst der weg getragen an ein groß waldechtig gebürg.[330] Darvor ligt ein schöne herberg, in welcher zům offternmalen vil kauffleüt von frembden landen sich versamlen, damit sie mit grosser gesellschafft durch gemelten wald reiten, dieweil es gar unsicher über gemelt gebürg zů reiten und zů wandlen ist von wegen der rauberey und mördery, so darinnen fürgaht. Inn gedachter herberg fand mein brůder drey arger schelck. Dieselben sich für kauffleüt dargaben, gleißneten, als wann sie sein unnd seines dieners gar fro weren, damit sie mit ihn über das gebürg sicher kemen. Also sich mein brůder begab in ihr gesellschafft zů sein unnd zů fůß mit ihn zů gohn. Also saß er und sein diener ab von iren pferden, legten ihr gewand, stiffel und sporen uff die pferd, deßgleichen der mörder plünder, die sie auff iren rucken tragen můßten. Bald sie aber in den wald sind kommen an ihre gelegene statt, haben die drey bößwicht meinen brůder und seinen knecht irer wehren beraubet und als ir gewand außzogen, mit stricken an einen baum gebunden, lang zů raht gangen, ob sie in das leben lassen wöllen oder nit, zůletst von in gezogen, wider zůruckgekeret. – Von ungeschicht bin ich in dieselbig herberg komen, von dem wirt bericht empfangen, wie kürtzlich fünff kauffmenner durch den wald zů reysen für sich genomen haben. Als ich das gehört, begirig der gesellschafft bin ich eilens hinnach geritten, damit ich zů ihnen kommen möcht, wenig gesorgt des, so mir begegnet. Als ich aber ein gar kleine zeit geritten was, so kommend gegen mir drey starcker bößwicht mit zweyen geladnen pferden. Ich sprach sie freundtlich an, meynt, sie weren lißbonische kauffleüt, fragt, ob sie niemandt auff der strassen gesehen hettend. Sie aber gaben wenig bescheid; der eltest aber fiel meinem pferdt eilens inn den zaum, mit strengen worten mich ermanet abzůstehn und im mein pferdt zů geben, oder er wolt mir das leben nemmen. Als ich seinen ernst ersehen, saumet ich mich nit lang, zucket mein gůtes schwerdt, heuw ime, dem schalck, des ersten streichs sein hand an dem arm ab, das sie an dem zaum hangen belib. Die andren zween, so vor hart auff mich trangen, gaben die flucht; ich aber eylet in nach, zerspielt dem einen sein achseln biß auff die brust. Der dritt wolt mir entlauffen und sich in einer dicken hurt verschloffen haben;[331] dem sprenget ich nach, erstach in mit meinem schwerdt. Also fand ich den andren, dem ich die wunden geschlagen, inn dem graß ligen fast verblůt; ich stund ab von meinem pferdt, schlůg ihm sein haupt ab. Der erst mit der einen hand begeret der stangen; ich verband im sein wunden, zwang ihn, das er mir sagen můßt, von wannen sie die pferd und plünder, so sie fůrten, bracht hetten. Also bericht er mich aller handlung, so sie mördischer weiß begangen mit disem meinen brůder und seinem knecht. Zů inen můßt er mich fůren, da sie gebunden an der tannen stůnden. Ich lößt in auff ire harten band, gab in wider ir kleidung, pferd und gewer. Bald aber ich von ihn verstund, das der alt bößwicht, so noch bey leben was, so streng nach ihrem leben gestelt, hat ich kein mitlyden mer mit im, nam der strick einen, damit mein brůder gebunden gewesen, und hieng den alten schalck an einen baum. – Demnach gedachten wir, das uns der tag zů kurtz durch den wald unnd über das gebirg zů reyten würt, wurden zů rhat, wider hinder sich zů reiten in die vilgemelt herberg. Noch erkant unser keiner den andern, biß wir kummen seind in die herberg. Also fanden wir etlich kaufleüt, die morgens mit uns über den wald reiten wolten. Aldo erforschet ich erst von meinem brůder, wer er was und was seine geschefft waren. – Deß andren tags kamen wir gen Lißbona. Nachdem ich nun eüwer gnaden brieff an die bestimbten ort geantwort, gieng ich mit meiner geselschafft spatziren. Wir funden ein lantzman an dem königklichen hoff; der weißt uns all ding, so im müglich waren. Under anderem aber zeyget er uns einen schönen unnd freysamen lewen, der was gantz zam. Wir entsatzten uns ab dem starken thier, dann uns sein zamheit verborgen was. Der lew aber von stund an zů uns gieng und mich vor den anderen mit seiner geberd tugentlichen empfahen thet und mir seinen rechten tapen bieten ward, davon die anderen umbstender nit klein verwunderung empfiengen. Als ich aber meinen lantzman fragt, wie lang gemelter lew an dem königlichen hoff gewesen, da erfand sich ann aller seiner anzeygung, daß mein vatter disen lewen lang zeit bei im gehabt, biß er im von dem könig waß genommen worden. Und entlich bin ich nach disem lewen von meines liebsten[332] brůders vatter Lewfrid genant und mit meinem namen getaufft worden. Diß ist, gnediger herr, der gantz inhalt, darnach mich ewer gnad gefragt hat.‹

›Warlich,‹ sagt der graff, ›Leufrid, du zeigst mir seltzam ding an. Ist im also, magst wol von obentheür sagen; und gewißlich wirdt dir diser lew vil gůts bedeüten; du hast auch dein lewisch gemüt gnůgsam bewisen an den dreien mörderen. Eins aber kan ich nit verston, dieweil du sagst, deins lieben brůders vatter habe dich Lewfrid mit seinem nammen gnent, als ob er nit eüwer vatter wer. Deß möcht ich wol von dir bericht werden.‹

Also fieng Lewfrid an: ›Gnediger herr,‹ sagt er, ›ich můß bekennen, und nit unbillich, wir sind von geburdt nit rechte brüder. Dann Walter ist eines mechtigen kauffmans son; derselbig nam mich meinem vatter, demnach ich meiner můter milich entwönet waß. Dann mein rechter vatter was dazůmalen ein armer hirt in einem dorff, welchen jetzund mein liebster herr unnd ernerer mit grossem gůt begabet, also das seine sachen wol stand.‹ – Diß und anders sagt Lewfrid seinem herren dem graffen nach der leng, das sich der graff nit gnůgsam kundt verwundern, gedacht in seinem hertzen: ›Gewiß wirt diser jung ein fürnemer mann werden und wol hinankummen. Angliana aber gantz stilschwigent mit fleiß auff alle red, so Lewfrid gethon, eben gemercket hat und insunderheit, als er von den dreien mörderen und dem lewen meldung gethon.‹

Also ward diß malzeit mit grossen freüden volbracht. Demnach gieng jederman in sein gemach, oder wo sein gelegenheit was. Leufried nam urlaub von dem graffen, sagt im, er het etlich schöne zierliche arbeit mit ihm von Lißbona bracht, die wolt er in daß frawenzimer verehren. Das ward im gütlich von dem graffen erlaubt. Also füget sich Lewfrid in sein gemach sampt seinem gesellen, nam zů im die kleinat, so er mitbracht, theilet die auß, nachdem in bedunckt under den junckfrawen angelegt sein.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 330-333.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gedichte. Ausgabe 1892

Gedichte. Ausgabe 1892

Während seine Prosa längst eigenständig ist, findet C.F. Meyers lyrisches Werk erst mit dieser späten Ausgabe zu seinem eigentümlichen Stil, der den deutschen Symbolismus einleitet.

200 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon