1.
Wie ein reicher kauffman, so zů Antdorff gesessen, mit einem seinem nachbauren zů unfriden ward von wegen irer bayder kind, was grossen unrhats darauß erwachsen thet.

[122] Dieweil ich im ingang meines büchlins verheissen hab, von gůten unnd bösen nachbauren etwas zů schreiben, will ich dannocht hierin gar niemants gemelt haben. Aber laß dirs gleich gelten, lieber leser! Dise nachbaurn sein gleich in Holant oder Brabant, Schwaben, Elsas oder Breißgaw dahaim gewesen, so laß dannocht dise ding geschehen sein. Darumb merck nůr eben auff!

Es hatt vor jaren gewonet ein reicher tugentsamer kauffherr in der statt Antdorff mit namen Robertus, welcher von mengklich, jung unnd alten, in hohem wert gehalten was. Nicht weniger hette auch sein hausfraw ein gůt lob vonn wegen ihres tugentlichen unnd holdtsäligen wandels; sie was ein weib der ehren ein liebhaberin. Den beyden het under anderem zeitlichen gůt got der herr auch vil schöner und lieber kinder bescheret; die wurden von in gar wol und ehrlich aufferzogen. Sovil unnd inen beyden sammen müglich war, hielten sie ire kinder darzů, das sie niemants belaidigten weder in kleinem noch in grossem; deßhalben sie von gemeiner nachbaurschafft gezartet und liebgehalten waren.

Man sagt aber gemeinlich: Der esel stand so wol er ymer wölle, můß er dannocht das kreutz tragen. Also gieng es auch disem Roberto, und im warde zů vilmalen für seine wolthaten fast übel gelont. Er het einen zänckischen, arglistigen und alventzischen nachbauren, der was ein tůchbereiter; der hett vil knecht auß fremden nationen und landen; wann die also bey einander waren, erzalt ir yeder, was in seiner haimat landtleuffig unnd breuchig wer. Nůn hat der tůchbereiter einen sůn, gar ein argen, verlognen, můtwilligen, eygensinnigen, bösen lecker. Der nam yeder zeit mit fleis acht uff die reden, so die gesellen mit einander hetten; wann er von in kam, wußt er vil mer darvon zů sagen dann keiner under dem hauffen, kam dann also zů herr Roberten kindern, sagt[123] von der sach, als ob er die selb gesehen und erfaren het.

Das het der gůt Robertus wargenummen, den jungen, der dann yetzund fast die vierzehen jar uff im het, mit gůten worten gestrafft, im dabey anzeigung geben, wie gar übel diss einen jüngling zieren thüe, so er seiner wort so milt sey; dann man sprech gemeinlich, wer vil redt, der müß vil erfaren und gelesen haben, oder aber müß vil darunder liegen; so sey er noch nit der jaren, das er die ding alle, deren er sich rhüme, erkundiget habe, ob er gleich wol ein jar, zwey bey seinem vetteren zů Mecheln gewesen, mög er doch der ding nit sovil erfaren haben. Mit semlichen und deren gleichen worten vermeint der gůt Robertus etwas gůts bey dem jungen anzůrichten, aber sein müh und arbeit gar umbsunst was. Als aber der jung seiner weiß nicht abston wolt, sunder gantz darauff beharret, verbot Robertus seinen kindern, damit sie nit der lugen bey im gewonten, das sie gedencken und lůgen solten, kein gemeinschafft mit im zů haben, im seiner lugen und dant gar nit zů losen, sunder wann er sich also under sie mischen wolt, solten sie von im gon und im sein wesen allein lassen.

Diß stund nit sehr lang an, der tůchbereiter nam sein acht, satzt seinen sůn zů red, was die ursach wer, das des nachbauren kind so abscheulich ab im sich stalten, dieweil sie doch allwegen seiner geselschafft begert hetten. Der jung, so zů seinem alter gar zů listig was, zaigt seinem vatter einen langen tant an, so Robertus mit im solt geredt haben, in so hart der lugen gestrafft, so er im doch sein lebenlang keine nie gesagt hett, demnach seinen kinden verbotten, kein gemeinschafft mer mit im zů haben; diss allein wer die ursach, so er von ihm begert zů wissen.

Der tůchbereiter, so von art ein hochbruntzer was und aber darneben gar wenig und schier gar kein glauben auff in zů setzen, nam die sach gar schwer auff, vermaint nit, das man seinen kindern, wie übel die handleten, inreden solt. Er was gantz und gar über den gůten herren Robertum erzürnet,[124] lieff mit angehencktem schwert für sein thüren, fand in von ungeschicht in seinem laden sitzen, sich in etlichen registeren zů ersehen. Ungewarneter sach fieng der tůchbereiter an mit greußlichen worten zů reden. ›Nachbaur,‹ sagt er, ›sagend an, was hat mein sůn schantlichs oder lästerlichs verwircket, oder binn ich nit so gůt noch der ehren, das ewre kinder geselschafft mit den meinen haben mügen? Das beger ich einmal von euch zů vernemen.‹

Der gůt herr, dem diss gar ein rauhe sach war, so hett er auch sunder zweifel der red, so er mit seines nachbaurn sůn gehabt, lang in vergess gestelt; derhalben er von solchem greußlichen anfaren etwas schrecken empfieng; so schambt er sich auch von wegen der fürgonden weiber und männer, das er also von seinem nächsten nachbaurn solt überrumplet werden. Er sagt mit sänffter stim: ›Lieber nachbaur, ir überfarend mich gar ungewarneter sachen. Ich bit euch von wegen gůter nachbaurschafft, habt ir etwas mit mir zů reden, gond zů mir inn mein hauß! Es ist euch doch zů yeder zeit offen unnd gar nicht verbotten harin zů gon.‹ – ›Das geschicht, so mir sanct Antonius helff, nimmer,‹ sagt der tůchbereiter; ›dann welch hauß unnd hoff meinen kinderen verbotten sind, deren kan und will ich mich auch wol enthalten, das ich nit viel stain an dem pflaster darinnen zertret. Eh wolt ich, das himlisch fewr verbrant ein sollich hauß und hoffreitine.‹

Robertus sagt: ›Da wölle got vor sein! Wie mügen ir einen semlichen freflichen wunsch thůn? Nůn würd es euwerem hauß gar vil zů nahend sein, so dem meinen etwas args widerfaren solt. Lieber nachbaur, nit also! Wir wöllend gůte liebe freundt mit einander sein und uns der kinder sachen nichts beladen; dann sich in ire sachen gar nicht zů legen ist.‹ – ›Das mag ein anderer ihngon. Mir aber ist meiner kind eins lieber dann alle nachbauren, so hinder mir und vor mir sind.‹ Robertus stůnd auff von seinem sitz, wolt dem unnützen man seiner täding nit mer zůhören, unnd er gieng in das hinderist theil seines hauses, damit er nit ursach gewün, seinem nachbauren weiter antwurt zů geben.

Erst kam seines nachbauren weib, ein schaum von einer[125] bösen befftzin; die fieng erst an das kind mit dem kübel umbzůwerffen und außzůgiessen. Da was aber niemant, so auff ire red antwurten wolt. Nicht dest weniger bal sie für und für wie ein jaghündlin, so vorlaut und doch kein wiltbret vorhanden ist. Auß solchem irem jämerlichen geschrey sich gar viel volcks vor herr Robertus hauß versamlet; zů dem was diser böß mutz aller welt ires bösen mauls halben wol bekant. Als aber niemants zůgegen was, so ir antwurt geben wöllen, hat sie zůletst von ir selb nachgelassen.

Es ist aber diß ein anfang gewesen eines unabläßlichen hader und zancks, so da nimmermer hat außleschen wöllen, bis zůletst der gůt Robertus hatt einen weiten geben müssen. Dann er kund spüren und sehen, das im der tůchbereiter alles, so er erdencken mocht, das im ein leiden und verdruß was, anfing; und was er durch eygne person nit kunt oder mocht zůwegen bringen, da richt er seine knecht und mägt, weib und kind an, damit dem gůten herren gar vil trutz bewisen ward. Es waren des tůchbereiters mägt dahin abgericht, wann sie nur ein spülwasser außschutten, geschahe es der mas, das dem gůten herren sein laden damit verunreiniget und besprentzt ward. Des nachtes schutten seine knecht allen unrhat von oben ab, alles dem gůten Roberto für sein hauß, davon dann summers zeit ein armer geschmack entstůnd.

Nůn spricht man, wann ein jud einem gar übel wünschen wölle, so wünscht er im einen bösen nachbauren. Das sei nůn oder nit, so ist es fürwar ein böser und arger wunsch; gott behüt eynen yeden frumen menschen darvor. Ich můß bekennen, daß es ein langwirigs ding ist; dann ichs zům theil auch versůchet hab. So hab ich auch ein reiche witfraw erkant, deren mocht ein nachbaur leicht ettwas überzwerchs in weg legen, so gieng sie hinach ein jar oder zwey on reden mit im, wiewol sie sunst ein grosse geisterin was, lag für fewr in der kirchen, und ob dem Hortulus anime sass sie gantz gedeicht täglich ir siben zeit betten, als wann sie ein closterfraw gewesen. Ob aber sollichs aus eim gůten grundt geschehen sey oder aus einem spiegelfechten vor der welt, ist mir verborgen. Das aber wais ich wol, als sie in ein grosse und langwirige kranckheit gefallen ist, hat sie nit sunderlichen[126] vil nach gaistlichen dingen geforschet. Dann gar wenig tag vor ihrem absterben hatt man sie über iren schatz, wie schwach sie gewesen ist, füren müssen; bald darnach ist ir aller verstand und red empfallen, hat weder wortzeichen noch nichts geben mügen, das, so man ir zůgesprochen, ist alles umbsunst gewesen; und nachdem sie lang in eynem ernstlichen wesen gelegen, ist sie zůletst on alle vernunfft ungeredt auß disem jamerthal gefaren. Der almechtig gott verzeihe ir armen seelen und uns allen, amen. Diss hab ich allein darumb hier ingeflickt, ob doch vergent solche hartnäckige leut und unfrüntliche nachbauren dise ware geschicht hören lesen oder selb lesen, sie ir bösen weiß abstanden, ir red gegen irem nächsten nit also aus neyd und hass sparend, damit in an irem letsten end nit an irer sprach manglen werde. Davon sey zů disem mal genůg gesagt.

Jetz kum ich wider an den Robertum, der sich seines nachbaurn halben größlich bekümmert. Jedoch nam er im mit andren nachbauren gůt geselschafft, richt zů vilmalen gůte malzeiten zů, berůfft sie, damit sie frölichen und gůts můts miteinander weren. Das wolt dann den tůchbereiter schellig und unsinnig machen; und vermeinet, dieweil er dem Roberto feind wer, es solt in yederman von seinetwegen hassen; wie man dann vil solcher dopleter stocknarren findt; wann sie eim feindschafft tragen, můß als ir gesind denselbigen hassen, sie ziehen auch ir kinder darzů, vermeinen auch darneben, ire gůten freundt sollend denjenigen feindschafft tragen, so er in doch all sein tag leids nie gethon hat.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 122-127.
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