Dritte Szene

[8] Die Vorigen, Hortensio, Musikanten, später Baptista.


BIANCA.

Jetzt muß ich fort, der eitle alte Geck,

Der bei dem Vater um mich wirbt,

Und oft schon Nachtständchen mir gebracht,

Ist wieder da. Lebt wohl, mein Ritter!

HORTENSIO.

Seht ein weißes Gewand! Bianca, vielleicht!

Doch wer ist jener dort?

LUCENTIO für sich.

Verwünschte Störung!

Er, ja er soll mir's entgelten!


Laut.


So hört doch endlich auf mit eurem Lärm,

Kaum zu ertragen ist das Flötengewinsel,

Dies Horngetue und Fagottgebrumm.

HORTENSIO wütend.

Gewinsel! Was? Getute! Was? Gebrumme!

Da bitt ich doch, sich feiner auszudrücken.


Gibt den Musikanten Zeichen zum Anfang.


Denn diese feine Serenade, ohne jeden Eigenruhm,

Ist durch aller Musengnade, mein erfundnes Eigentum.

Meiner Bianca nur zu Ehren flöten diese Melodien.

LUCENTIO.

Dem erlaub ich mir zu wehren,

Packt euch schnell woanders hin!

HORTENSIO.

Seid ihr toll? Soll ich mit Schlägen lohnen eure

Dreistigkeit?[8]

LUCENTIO.

Gute Antwort gibt mein Degen.

Macht zum Kampfe euch bereit!


Während beide ziehn, erscheint Baptista im Schlafrock mit einem Licht in der Haustüre.


BAPTISTA.

Sind diese Nacht denn alle Teufel los?

Soll niemals Ruhe werden?

Flötentöne und wildes Zanken,

Blanke Degen gar!

Wer seid ihr? Seh ich recht? Hortensio!

HORTENSIO.

Zu dienen, ja!

BAPTISTA.

Was wollt ihr wieder hier?

Ha! Wieder eine Nachtmusik!

Sagt, hab ich nicht diese ewge Musiziererei

Und auch mein Haus euch streng verboten?

Doch scheint es, diesmal habt ihr euch die Pfoten verbrannt!


Hortensio schickt hier die Musikanten weg.


LUCENTIO.

Erlaubt o Herr!

BAPTISTA barsch.

Erlaube nichts!

LUCENTIO.

Lucentio ist mein Name.

BAPTISTA.

Meinetwegen!

LUCENTIO.

Vincentio heißt mein Vater.

BAPTISTA.

Ist mir egal!

LUCENTIO.

Ist Pisas reichster Mann.

BAPTISTA.

Hab nichts davon.

LUCENTIO.

Das Studium führte mich nach Padua.

BAPTISTA.

Das Studium? So?

LUCENTIO.

Doch ging's nicht lang damit.

BAPTISTA.

Ich habe mirs gedacht.

LUCENTIO.

O hört mich an!

Seit ich die reizende Bianca sah,

War schnell es zu Ende mit dem Studieren,

Ein Wonnejubel ergriff mich da,

Was galt mir Forschen und Disputieren?

O gebt mir das holde, das reizende Kind.

O gebt mir den Schatz, wie will ich ihn hüten!

HORTENSIO.

Ja hüten! So wie der Wirbelwind im Garten.

Hütet die Rosenblüten!

BAPTISTA.

Da wird nichts draus!

Zuerst soll Katharine versorgt sein.

Ihren Freiern ist mein Haus geöffnet.

Nun entschließt euch!

LUCENTIO.

Ach, mein Gott!

HORTENSIO.

Wie meint ihr?

BAPTISTA.

Nun, ich sehe schon, 's ist gut.

Jedoch bis sie verlobt, vermählt

Mit ihrem Mann mein Haus verlassen hat,

Denkt nur an Bianca nicht!

HORTENSIO.

Die armen Mädchen!

Einsam vertrauern ihre schönsten Jahre![9]

BAPTISTA.

Nicht doch; die Wissenschaften trösten sie.

Ich zahle Lehrer, die gelehrte Ware auskramen sollen:

Musik, Physik und Mythologie.

Allein ich Narr! Was schwatz ich mit euch beiden?

Ich geh zu Bett, der Morgen ist nicht fern.

Euch aber rat ich, dieses Haus zu meiden.

Das merkt euch! Euer Diener, meine Herren!


Ab ins Haus.


Quelle:
Hermann Goetz: Der Widerspenstigen Zähmung, frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann, Zürich, Wien, München [ca. 1925], S. 8-10.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon