Vierte Szene

[32] Katharine, Grumio, später ein Schneider, Kleider-und Putzhändler, zuletzt Petruchio.


GRUMIO eintretend.

Draußen, Herrin, steht ein Schneider,

Bittet, ob ihr ihn wollt sehn,

Hat die schönsten Damenkleider.

KATHARINE.

Ach, ich bitt euch, laßt ihn gehn!

GRUMIO.

Doch er ist vom Herrn bestellt,

Daß ihr kauft, was euch gefällt.

KATHARINE.

Nun, so rufet mir den Schneider!

GRUMIO.

Kommt herein, zeigt eure Kleider!

SCHNEIDER tritt auf mit vielen Verbeugungen, Diener bringen mehrere Kisten mit Kleidern und Putzgegenständen, die von ihm ausgepackt werden.

Ick sein Schneider aus Paris, abe kute ssöne Waare,

Atlaskleider, feine Chemis, Hüteken kanz wonderbare.

Niemand so wie ik verkaufet, o wie billig, o wie kut!

Wenn sie bis nach Moskau laufet, nix so ssönes finden tut.[32]

KATHARINE.

Niedlich sind die Spitzenhäubchen, kommen wohl?

SCHNEIDER.

Auf zwei Dukat. O so fein, wie Sonnenstäubchen!

Nix man so gesehen hat.

KATHARINE.

Eines nehm ich, und die Kleidchen, grüner Atlas.

SCHNEIDER.

Kanz modern! O dies wondevolle Kleidken wird gefallen knädges Herrn.

KATHARINE.

Ha, da kommt er selbst, mein Gatte.

Wird er wohl zufrieden sein?

SCHNEIDER.

Wenn er erst gesehn es hatte, kern giebt Trinkgeld obendrein.

PETRUCHIO zu den Vorigen.

Schön, recht schön, mein liebes Weibchen

Kauft sich Kleider, das ist recht.

KATHARINE.

Ja, sieh nur das artge Häubchen.

PETRUCHIO.

Was, das Spinnewebgeflecht? Fort damit, aus meinen Augen!

KATHARINE.

Ist es möglich, hör ich recht?

PETRUCHIO.

Nein, wahrhaftig 's ist zu schlecht,

Für ne Bettlerin mag's taugen.

Wie ne Wallmußschale klein,

Wie ne Muschel ist's gestaltet.

Soll's ne Kindermütze sein?

KATHARINE.

Was ihr Herrn auch davon haltet,

Reizend find ich dieses Häubchen,

Wenn's am Ende mir nur recht!

PETRUCHIO.

Nein, mein liebes sanftes Täubchen,

Das ist wahrlich viel zu schlecht.

SCHNEIDER.

Wie, dies wonderfeine Häubchen finden diese Herr zu schlecht?

GRUMIO.

Schneiderlein, du Sonnenstäubchen!

Muckse nicht, sonst geht's dir schlecht.

KATHARINE.

Doch dieses Kleid von grüner Seide,

Hab ich's damit recht gemacht?

PETRUCHIO.

Pah, mit diesem unscheinbaren Kleide.

SCHNEIDER.

Schauns doch nur den Klanz, die Pracht!

KATHARINE.

Ja, mein Gatte, es ist prächtig.

PETRUCHIO.

Und ich sage dir 's ist niederträchtig.

Diese Aermel klaffend wie Haubitzen,

Diese lächerlichen Fastnachtslitzen,

Diese alten ganz vergilbten Spitzen!

GRUMIO für sich.

Ein Gewitter gibt's, schon seh ich's blitzen.

KATHARINE.

Gern verzicht ich auf die schönen Kleider,

Denn ich seh es wohl, dich reut das Geld.

PETRUCHIO.

Hälts du mich für geizig? Heda, Schneider!

Komm mal her, du Nadelheld!


Kleider, Hauben, Spitzen usw., alles auf den Boden werfend.


Da, du mißgeschaffene Haube,

Samt den Kleidern lieg im Staube![33]

Daß mein Käthchen meine Taube,

Nur als Geizhals mich nicht glaube.

Nein, sie reut mich nicht, die Haube,

Da liegt aller Kram im Staube!

SCHNEIDER.

Das sein Barbarei! Die Spitzen. Herr, o haltet sie sein ächt.

Auch zu spät, o Gott, ich switzen!

Das sein boshaft, das sein slecht!

GRUMIO.

Schneider, tu dich nicht erhitzen,

Muckse nicht, sonst geht's dir schlecht!

PETRUCHIO.

Heda, Bursche, laß die Kleider!

SCHNEIDER.

Ihr bezahlen vollen Wert!

PETRUCHIO schlägt ihn.

Du verdammter lumpger Schneider;

Hältst mich nicht für ehrenwert?

Nimm den Beutel voll Zechinen, aber packe dich sogleich!

Liebes Käthchen, lustge Minen! Weine nicht, sei nicht so weich.

KATHARINE.

Könnt ich jemals mir verdienen, daß er milde wird und weich.

SCHNEIDER.

Ja, ich gehe, ja zu dienen, ja, ich packe mir so gleich.

GRUMIO.

Ha, der Beutel voll Zechinen tröstet ihn für diesen Streich.


Ab. Auch die Kleider werden schnell beiseite geschafft.


Quelle:
Hermann Goetz: Der Widerspenstigen Zähmung, frei bearbeitet von Joseph Viktor Widmann, Zürich, Wien, München [ca. 1925], S. 32-34.
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