Zwölfter und letzter Auftritt.

[139] Die Vorigen, der Markgraf, Grandison, der Bischof, der General, der Pater Mareskotti.


DER MARKGRAF. Ich habe Mühe zu glauben, was ich sehe und höre. Ist es möglich, meine liebe Klementina, dass du bey einem Entschlusse beharrest, der unserer Erwartung und deinen eigenen Wünschen so sehr entgegen ist?

KLEMENTINA. Die Stimme meiner Pflicht hat so stark zu mir gesprochen, dass es unmöglich war, ungehorsam zu seyn. Ich empfinde mit dem gerührtesten Herzen Ihre Gütigkeit, gnädiger Herr; Sie haben aus Mitleiden gegen mich –

DER MARKGRAF. Es ist eben so sehr aus Dankbarkeit gegen den Chevalier und aus Hochachtung gegen seine Verdienste, als aus Liebe zu dir geschehen, daß ich deine Verbindung mit ihm beliebt habe.

KLEMENTINA. Wenn ich wüsste, dass ich ihn glücklich machen könnte – Aber, ach, Chevalier, ich würde Sie nicht glücklich machen![140]

GRANDISON. Ich empfinde es zu stark, dass Sie es könnten, gnädige Gräfin, als dass ich –

KLEMENTINA. O versuchen Sie nicht mehr, mich zu bereden, lieber Grandison! Ihre Güte gegen mich macht Sie parteylich. Klementina ist Ihrer nicht mehr würdig. Ihr geschwächter Verstand; ihre gestörte Gemüthsruhe; die Zweifel, die ihr Herz ängstigen würden; die Versuche, die sie immer erneuern würde, Sie zu bekehren; ihr Verdruss wenn diese Versuche vergeblich wären; das Misstrauen gegen mich selbst; und die Furcht, die mir selbst Ihre Zärtlichkeit zu einer Quelle von Plagen machen würde; alles diess würde Sie mit derjenigen unglücklich machen, mit der Sie ein Leben verwebt hätten, das ihr theuerer ist, als ihr eigenes, und welches so sehr verdient glücklich zu seyn.

DER GENERAL. Ich bewundere meine Schwester. Sie handelt wie es einer Klementina von Poretta würdig ist!

GRANDISON. Sie können sie nicht mehr bewundern, Herr General, als ich es thue, obgleich unsere Beweggründe sehr verschieden sind.

DER BISCHOF. Die Grossmuth des Chevaliers verdient so viel Bewunderung, als die Entschliessung meiner Schwester. Welcher andre hätte so edel handeln können, als er in dieser ganzen Sache gehandelt hat?[141]

DIE MARKGRÄFIN. Ich will Sie mit meinen Lobsprüchen verschonen, werther Grandison! Dieser Ausgang ist meinen Hoffnungen und meinen Wünschen zuwider. Die fehlgeschlagene Verbindung mit einem so würdigen Manne ist eine Glückseligkeit, die wir verloren haben.

GRANDISON. Ich bin ohne Hoffnung und ohne eigennützige Absichten nach Bologna gekommen, gnädige Frau. Meine Erwartung wurde übertroffen, da man mich aufmunterte, nach dem Besitz der unvergleichlichen Klementina zu streben; und jetzt finde ich einen Trost darin, dass ich so gütig von Ihnen bedauert werde, nachdem mich Ihre bewundernswürdige Tochter auf eine Art abgewiesen hat, die von ihrer Seite so edel, und für mich so rühmlich ist.

KLEMENTINA. Es ist mein Schicksal, theurer Grandison, dass ich Ihnen verbunden seyn soll, ohne meine Dankbarkeit zeigen zu können. – Erlauben Sie mir nun, gnädiger Herr, Sie wendet sich gegen ihren Vater. dass ich die gütige Nachsicht, die Sie so oft gegen Ihre Klementina bewiesen haben, zum letzten Mahl erflehe. – Die Ruhe, die mein Gesicht und mein Betragen ankündiget, betrügt vielleicht diejenigen, die mich sehen. Sie gründet sich ganz allein auf die Hoffnung, dass meine Bitte werde gewähret werden. Die Verweigerung derselben würde mich zum elendesten aller Wesen machen.[142]

DER GENERAL. Ich errathe deine Bitte, Schwester! Es ist die Eingebung einer fehlgeschlagenen Liebe. Aber ich hoffe, die gleiche Empfindung deiner Pflicht, die dich verhindert hat, die Nachsicht deiner Ältern zum Vortheile deiner Neigung zu gebrauchen, werde dich zurück halten, einen Schritt zu thun, der das ganze Verdienst einer so schönen That vernichten würde.

KLEMENTINA. Ich kenne Ihre Absichten, Bruder, und ich vergebe Ihnen. Aber ich bin fest entschlossen, keine Kränkungen mehr zu leiden, die ich verhindern kann. – An Sie wende ich mich, theuerster Vater; ich weiss, dass Sie die Glückseligkeit Ihres Kindes verlangen. Ich habe keinen Anspruch, keinen Wunsch für irdische Glückseligkeit. Lassen Sie also meine Seele glücklich werden. Alles was mir seit zweyen Jahren begegnet ist, beweiset, dass ich berufen bin, aus der Welt auszugehen – Es würde unbillig seyn, meine Sehnsucht nach dem Schleier einer fehlgeschlagenen Liebe beyzumessen. Wurde es nicht in meine Gewalt gestellt dem Triebe meines Herzens zu folgen? – Dieser Trieb befiehlt mir, die Welt zu verlassen. Ich weiss, dass er von Gott ist! Wenn er es nicht wäre, so hätte er die Liebe nicht überwiegen können, die ich für diesen würdigsten unter den Männern ohne Erröthen gestehe. – Ich kenne Ihre Frömmigkeit, gnädiger Herr! Sie kann[143] Ihnen nicht erlauben, mich abzuhalten, dem Rufe des Himmels zu folgen. Aber ich wünschte, dass Sie es ohne Abneigung thun könnten! – O wenn Sie wüssten, wie sehr meine Seele nach diesem glücklichen Zustande schmachtet, Sie würden mich in diesem Augenblick meines Wunsches gewähren!

DER MARKGRAF. Meine liebste Klementina – hast du auch erwogen, was die Welt von einem solchen Schritt urtheilen wird? Glaube mir, so rein deine Beweggründe, seyn mögen, so wird sie dir doch solche zuschreiben, die deinen Ruhm verdunkeln werden.

KLEMENTINA. Das Urtheil der Welt bekümmert mich nicht mehr. Ich habe ihren Beyfall aufgegeben. Meine einzige Sorge ist, wie ich vor dem Gerichte meines Gewissens, und dessen, der durch dasselbe über mich urtheilet, bestehen möge – Ich weiss alles, was gegen meinen Entschluss eingewendet werden kann. Ich entsage einem grossen Vermögen – aber es ist Staub in meinen Augen. Ich entziehe mich den Freuden der Welt – aber diese Freuden sind Träume, die mit wirklichen Plagen, mit immer währender Unruhe, mit dem Verluste reinerer Freuden, und der Gefahr der Seele zu theuer erkauft werden – Die Entfernung von Ihnen, liebste Ältern, und von meinen Brüdern und Freunden ist das Einzige, was mir schmerzlich ist. Aber[144] soll ich demjenigen nichts aufopfern, der mir alles anbietet?

DER MARKGRAF. Deine Verachtung gegen die Güter der Welt ist die Frucht der Schwermuth, der du dich zu sehr überlässest. Deine Grossväter waren fromme Männer; sie bemerkten, dass du dein grösstes Vergnügen im Wohlthun fandest, und sie setzten dich in den Stand, deinem Herzen genug zu thun. Du entsagest dem Vermögen, Gutes zu thun, wenn du dich eines Erbtheils begiebst, auf welches deine Brüder so grossmüthig Verzicht gethan haben, um eine geliebte Schwester desto glücklicher zu sehen.

KLEMENTINA. Lassen Sie diese Güter meiner Base Laurana werden! Wie kann ich einen bessern Gebrauch davon machen, als derjenigen freywillig Gutes zu thun, die mir durch ihre Verfolgungen wider ihre Absicht Gutes bewiesen hat?

DER GENERAL zum Bischof. Welche schwärmerische Grossmuth! Brauchen wir einen stärkern Beweis als diesen, dass ihr Verstand noch nicht in seiner natürlichen Fassung ist?

DER MARKGRAF. Deine Entschlossenheit verwundet das Innerste meines Herzens, meine Tochter! – Du willst dich von mir reissen? – Du zerstörest die Entwürfe, die ich zu deinem Glücke gemacht habe? Du raubest mir die gehofften Freuden meiner sinkenden Jahre! –[145] Nein, Klementina, ich kann dich nicht von mir lassen – Du sollst nicht vor der Zeit gestorben seyn! – Verlange nicht, dass dein Vater dich überleben soll!

DIE MARKGRÄFIN. Vergiss nicht, Klementina, vergiss nicht, dass du eine Mutter hast! Denke, ehe du ihr entsagst, dass sie, als sie dich mit Schmerzen gebar, hoffte, du würdest der Trost ihres Alters seyn! – Siehe mich an, meine Liebe, lies in meinen Augen – Ich kann nicht reden –

KLEMENTINA. O wie durchboren Sie mein Herz!

GRANDISON. Theuerste Gräfin! –

DER BISCHOF. Liebste Schwester! –

KLEMENTINA wirft sich ihren Ältern zu Füssen. Vergeben Sie mir! ach, vergeben Sie mir! – O wenn nicht eine göttliche Kraft mich unterstützte! – Zürnen Sie nicht auf Ihr Kind – Der entsetzliche Kampf, den Sie in mir erregen, kann mir das Leben nehmen; aber er kann meinen Entschluss nicht erschüttern! Wie könnte ich der Stimme Gottes ungehorsam seyn? Bedenken Sie, dass ich zu viel gelitten habe, um noch lange zu leben. Lassen Sie mich mein Gelübd erfüllen, das ich dem Himmel gethan habe! Lassen Sie mich als eine Geweihte Gottes sterben![146]

PATER MARESKOTTI. Der Ruf des Himmels ist zu stark, als dass wir ihm länger widerstehen dürften.

DER MARKGRAF. Ich erkenne ihn, und ich verehre die Hand, die mich verwundet. – Stehe auf, Klementina; du bist ein Engel in meinen Augen! –

KLEMENTINA. Lassen Sie mich hier zu Ihren Füssen die Versicherung Ihrer Liebe und Ihren Segen empfangen. Segnen Sie, – segnen Sie Ihre dankbare Klementina!

DER MARKGRAF. Der ganze Himmel öffne sich über dir, meine Tochter, seine Segnungen auf dich herab zu schütten! – Stehe auf, und bitte den Ewigen, dem du heilig bist, für diejenigen, die du in einer kummervollen Welt zurück lässest.

GRANDISON. Göttliche Klementina! erinnern Sie Sich in der geheiligten Abgeschiedenheit, die Sie Sich erwählt haben, erinnern Sie Sich zuweilen auch desjenigen, der fähig war, Ihrem Besitze zu entsagen, weil er Ihre Seele liebte. Die Verschiedenheit des Glaubens trennte uns, aber eine bessere Welt wird uns wieder vereinigen! – Ich verlasse Sie von der Grösse Ihrer Seele durchdrungen! Das Bild der himmlischen Klementina wird mich wie ein Schutzengel durch den Labyrinth dieses Lebens begleiten! Das unauslöschliche Andenken ihrer Frömmigkeit wird mich aufmuntern, so zu leben, dass[147] ich verdienen möge, sie bey den Bewohnern des Himmels wieder zu sehen.

KLEMENTINA. Nun bin ich glücklich! – Die Welt rollt unter meinen Füssen; unbegrenzte Himmel öffnen sich über mir! – Selige Einsamkeit! Dunkle, der Andacht geheiligte Zelle, sey mir willkommen! Willkommen, du werthes Bild des Grabes, worin ich bald diesen dem Tode geweiheten Leib niederlegen werde, um in das unsichtbare Land der Unsterblichen zurückzukehren! – Leben Sie wohl, theure, verehrungswerthe Ältern! – Lebet wohl, meine Brüder! – Leben Sie wohl, ewig werther Grandison! Erinnern Sie Sich alle Ihrer Klementina mit Zärtlichkeit! – Und du, dem ich alles schuldig bin, und dem ich alles aufopfre, zu deinen Füssen lege ich jeden irdischen Wunsch, jede Hoffnung einer weltlichen Glückseligkeit nieder. Mit Freuden folge ich deinem Rufe! Was ich vergängliches zurück lasse, ist Tand; und was unsterblich ist, werde ich in deinem Schoosse wieder finden!


Ende


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 5, Leipzig 1798.
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Klementina von Porretta
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