Erste Scene

[238] Sidney. Lady Johanna.


SIDNEY.

Heil dir Johanna, Du, in welcher Edward

In engelähnlicher Gestalt vom Himmel

Zurück gekommen scheint, sein Volk zu retten.

Die Tugend selbst besteigt mit dir den Thron,

Und würdigt uns für unser Glück zu sorgen.

Dein Anblick heitert jede trübe Stirne

Mit Hoffnung auf, und trocknet unsre Thränen.[238]

LADY JOHANNA.

O! Meine Schwester! (diesen süssen Nahmen

Wird stets mein unverändert Herz dir geben)

O! Hoffe nicht zu früh: Noch ist es dunkel

Rings um uns her; das Schicksal hat den Ausspruch

Noch nicht gethan! Noch darf ich es nicht wagen,

Der süssen Hoffnung mich zu überlassen,

Die mehr als tausend Königskronen glücklich

Mich machen würde, dieser theuern Hoffnung,

Brittannien befreyt, beglückt zu sehn –

Ach! Dürft ichs! Schreckten nicht geheime Schauer

Und bange Zweifel mein beklemmtes Herz –

Wie glücklich! –

SIDNEY.

Fürchte nichts, du schöne Unschuld!

Dein blosser Anblick könnt' in Tiegerseelen

Des Lammes zahme Sanftmuth hauchen!

Dein Nahm' erhitzt die muthigen Beschützer

Der guten Sach', entnervet deine Feinde!

Und könnte ja die Ungerechtigkeit

Der Menschen dich verlassen – o, so wird

Der Himmel sich zu deinem Schutz eröffnen!

So werden Serafim, zu Tausenden[239]

Von Gott gesandt, sich sichtbar um dich lagern,

Mit jenen Waffen, die den ersten Aufruhr

Im Himmel dämpften, mit dem Donner Gottes

Die Häupter der Rebellen zu zerschmettern!

LADY JOHANNA.

O dürft ich mich mit dieser Freudigkeit,

Mit dieser Kühnheit, welche das Bewusstseyn

Der Unschuld giebt – Und doch – was that ich denn,

Dass mir mein Herz von unbekannten Schrecken –

So ängstlich bebt? – Mein innerster Gedanke

Giebt meinem unbefleckten Willen Zeugniss!

Kein Stolz, kein eitler Wunsch mich über alle

Erhöht zu sehn, kein thörichtes Gefallen

Am Flittergold der falschen Ehre,

Am leeren Schaum der Freuden dieser Welt,

Besiegte mich! Was ich gethan das that ich,

Den Untergang von diesem Volk zu wenden!

Warum erbebst du denn, zu schwaches Herz?

Was zagest du, wie in Verbrecher zagt,

Den das Bewusstseyn seiner Thaten martert?

O süsse Ruh, o heitre, sorgenfreye,

Zufriedne Zeit der unschuldsvollen Kindheit!

O Tag', in stillen, unbereuten Freuden,[240]

Im Schooss der blühenden Natur, mit dir,

Mein Edward, in der heiligen Gesellschaft

Der Weisen Gräciens gelebt, o goldne Tage!

O sanfte Nächt', in ungekränkter Ruh

Und leichten Träumen unbemerkt verschlummert.

Wo seyd ihr hingeflohn? Ach niemahls, niemahls

Mich wieder zu besuchen! – Welch ein Tand

Sind diese Kronen! Ach wie wenig scheut

Der bleiche Gram den königlichen Purpur!

Wie spottet dieses schimmernde Gepränge

Der Sorgen, die in meinem Busen klopfen!


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 238-241.
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