Dritter Aufzug

[35] Ein mit Lorbeerbäumen besetzter Vorhof, und in einiger Entfernung ein Theil des königlichen Palasts auf dorischen Säulen ruhend.


HERKULES allein.

Die Sonne neigt sich. Müd' und ruhbedürftig

Betret ich deinen wohl bekannten Vorhof,

Gastfreyes Haus!

Gesegnet sey mir, holder Sitz der Unschuld,

Der Zärtlichkeit, des stillen Glücks!

Sey mir gesegnet, frohes Thal,

Wo einst der Gott des Lichts

In Schäfertracht Admetens Heerden führte,

Und seines Götterstands entsetzt[35]

Die angenommne Menschheit zierte!

Beglücktes Land, – o! möcht' Alkmenens Sohn,

Wenn er, von Ruhm und Siegen müde,

Einst auszuruhn verdient, des Lebens Rest

In deinen Schatten sanft verfließen sehen!


O du, für die ich weicher Ruh

Und Amors süssem Scherz entsage,

Du, deren Namen ich an meiner Stirne trage,


Für die ich alles thu,

Für die ich alles wage,

O Tugend! Einen Wunsch, nur Einen Wunsch gewähre


Dem der sich dir ergab! Wenn einst die Bahn der Ehre

Durchlaufen ist, wenn er sich sehnt nach Ruh,[36]

So schließe hier am Abend seiner Tage

Die Freundschaft ihm die Augen zu.


Doch, was bedeutet diese tiefe

Unzeit'ge Stille? Keine Lieder hallen

Den Säulengang herauf?

Verlassen, öde, wie die Trümmern einer

Zerstörten Stadt, ist dein Palast, Admet?

Verlassen von den Göttern

Der Freude, deren Sitz er war!

Was für ein Unfall – Wie? Mir däucht ich hörte

Ein Klaggeschrey aus jener Halle tönen.


Ein Bedienter kommt aus dem Hause hervor, und eilt, da er den Herkules erblickt, mit einer Gebehrde der Bestürzung zurücke.


O sage, Freund, – Er flieht mich! – Trübsinn hängt

Um seine Stirne! – Ganz gewiß, ein Unglück traf[37]

Admetens Haus! – O wende, Vater Zevs,

Die Vorbedeutung ab! – Doch, was es fey,

Ich muß es wissen! Rastlos treibt mich zwar

Der unversöhnbarn Juno Groll

Ein Abentheuer nach dem andern auszuführen:

Allein hier ruft die Freundschaft mir! Ihr Ruf

Geht allem andern vor –


Parthenia. Herkules.


PARTHENIA.

Alkmenens Sohn? – Willkommen, o Befreyer

Von Gräcien, willkommen, Herkules,

Dem Haus Admets!

HERKULES.

Wo ist er, wo? Was hält

Von seines Freundes Armen ihn zurück?[38]

PARTHENIA.

Du weißt es nicht?

HERKULES.

Kaum bin ich angekommen.

Noch sah ich niemand; Nur ein Klageton

Schien aus dem innern Hause mir entgegen

Zu dringen – Reisse mich aus diesem Zweifel!

Er lebt doch wohl?

PARTHENIA.

Er lebt.

HERKULES.

Er lebt – und trüber Gram umwölkt dein Auge,

Princessin? Traurig sagst du mir, er lebt?

PARTHENIA.

Vor wenig Stunden schwebte noch sein Geist

Im Thor des Tartarus.[39]

HERKULES.

Was sagst du?

PARTHENIA.

Durch ein Wunder ist

Er wieder uns geschenkt.

HERKULES.

Dank hab' Apollo! Ohne Zweifel war's

Sein Werk – Und deine schöne Schwester,

Alceste –

PARTHENIA.

Welchen Nahmen nanntest du.

Unglücklicher!

HERKULES.

Du schreckst mich! Wie? Alceste –

PARTHENIA.

– Hat gelebt.[40]

HERKULES.

Beklagenswerther Freund! Was thatest du

Den Göttern? Welch ein Wechsel!

PARTHENIA.

Ach! wüßtest du erst alles, Herkules!

HERKULES.

Was kann ich argers wissen?

PARTHENIA.

Freywillig gab die treue Gattinn sich

Für ihn dahin, Er lebt durch ihr Erblassen.

HERKULES.

Der feige Mann! Konnt er so niedrig seyn

Um diesen Preis sein Leben anzunehmen?

PARTHENIA.

Ach! Da sie sich an seiner statt den Parzen[41]

Zum Opfer anbot, rang er mit dem Tode.

Er wußt es nicht.

HERKULES.

O Beyspiel ohne Gleiches!

Und du, Apollo, liessest es geschehn?

Du, der in diesem menschenfreundlichen

Wohlthät'gen Haus vor meines Vaters Zorn

Einst eine Freystatt fand? – Undankbarer!

PARTHENIA.

Er that was möglich war;

Doch gänzlich liessen sich die Parzen nicht erbitten.

Von beyden eines mußt' erblassen!

Dies war die Antwort, die der Gott uns sandte.

Kaum hörte sie den Götterspruch,

So war ihr Schluß gefaßt,

Und unbeweglich blieb die Heldinn unserm Flehn.[42]

HERKULES.

Und soviel Tugend sollt ein Aschenkrug

Verschliessen? – Nein! So wahr ich Sohn

Des Donnergottes bin, es soll nicht seyn!

Princessinn, kann ich nicht Admeten sehn?

PARTHENIA.

Was wird dein Anblick ihm in diesem Jammer helfen?

HERKULES.

Ich muß ihn sehn.

PARTHENIA.

Ach! Ist er fähig dich zu sehen?

Er haßt den Tag, er haßt die Gegenwart

Der Menschen die er liebte, haßt

Sein eignes Daseyn, fleht den Tod

Um Mitleid an.
[43]

Er flucht dem Tageslicht

In seinem Schmerz;

Sein bloßer Anblick bricht

Ein fühlend Herz;

Ihm Trost zu geben, fänd'

Ein Gott zu schwer!


Er hört mit taubem Ohr

Der Freundschaft Stimme;

Starrt zum Olymp empor

In stummem Grimme;

Kennt sinnlos weder Furcht

Noch Hoffnung mehr!


Er flucht dem Tageslicht

In seinem Schmerz;

Sein bloßer Anblick bricht

Ein fühlend Herz;

Ihm Trost zu geben, fänd'

Ein Gott zu schwer!
[44]

O Herkules! Was bleibt der Freundschaft übrig

Für ihn zu thun? – Er ist –

HERKULES.

Er ist mein Freund!

Nie war er meiner Hülfe mehr benöthigt.

O laß mich –

PARTHENIA.

Wohl! versuch es, Göttersohn!

Vielleicht erweckt der Anblick eines Helden

Sein schon erstorbnes Herz. Ich geh

Ihm deine Ankunft anzusagen.


Sie geht ab.


HERKULES allein.

Es ist beschlossen!

Durch nie erhörte, durch den Erdensöhnen

Versagte Thaten soll, o Vater Zevs,

Dein Sohn den Weg sich zum Olympus öffnen![45]

Herab zum Orkus steig' ich, zwing ihn, mir Alcesten

Zurückzugeben, – oder unterliege

Der großen That!


Er geht in den Palast hinein.

Der Schauplatz' verwandelt sich in einen Saal des Palasts.

Admet in einem Lehnstuhl, mit dem Arme auf einen kleinen Tisch gestützt, auf welchem ein Aschenkrug steht. Herkules nähert sich ihm langsam und schweigend, mit dem Ausdruck der mitleidenden Freundschaft in seinen Blicken. Admet sieht ihn mit starren Augen an.


HERKULES.

Wie? kennst du deinen Freund nicht mehr?

ADMET.

O Ja, ich kenne dich! – Du bist – der Sohn

Von einem Gotte der mich elend macht.[46]

HERKULES.

Admet, ich bin dein Freund, wiewohl du selbst

Kein Mann mehr bist. Ich kann nicht mit dir weinen,

Nicht jammern wie ein Weib, – doch helfen will ich dir.

ADMET.

Mir helfen?

HERKULES.

Ja, dir helfen oder im Versuch

Mein Leben lassen.

ADMET.

Dies kannst du; helfen kann kein Gott mir!

HERKULES.

Fasse,[47]

Ermanne dich, Admet; noch ist nicht alles

Verlohren –

ADMET.

Nicht alles? Ist Alceste nicht verlohren?

Sieh her! Da, siehst du diesen Aschenkrug?

Bald wird er Alles, Alles was von ihr

Mir übrig ist, verschlingen!

HERKULES.

Hoffe besser, Freund!

ADMET.

Ich, hoffen? Rasest du?

Kannst du den Orkus zwingen, seine Beute

Zurückzugeben? – Hör' es, wenn du es

Noch nicht gehört! Todt ist sie, todt! erkaltet, athemlos,

Todt, sag ich dir! – Ich habe nichts zu hoffen![48]

HERKULES.

Dein Zustand jammert mich, Admet.

Ich fühle deinen Schmerz. Doch zur Verzweiflung sinkt

Die Tugend nicht herab! – Wie? war Admet

Nicht immer ein Verehrer

Der Götter? – Wo ist sein Vertraun

Auf ihre Macht!

ADMET.

Ach, Freund! Sie haben mich verworfen!

Sie hörten nicht mein Flehn!

HERKULES.

Der Ausgang soll mit ihnen dich versöhnen,

Kleinmüthiger! – Ich gehe – Herkules,

(Du kennest ihn) ist nicht gewohnt durch Worte

Zu reden. Lebe wohl! Bald sehen wir uns wieder![49]

ADMET.

Was willst, was kannst du thun?

HERKULES.

Freund, zweifle nicht!

Was Herkules verspricht

Das wird er halten!


Ruf deinen Muth zurück!

Die Götter walten!

Ihr Beyfall ist der Tugend Sold,

Sie sind den Frommen hold,

Und werden dein Geschick

Bald umgestalten!


Freund, zweifle nicht!

Was Herkules verspricht

Das wird er halten!


Ende des dritten Aufzugs.
[50]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Alceste. Leipzig 1773, S. 35-51.
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Alceste
Alceste. Ein Singspiel in fünf Akten - Text von Christoph Martin Wieland, Musik von Anton Schweitzer: Text und Dokumentation, herausgegeben von Bodo Plachta

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