17.
Diogenes an Antipater.

[265] Weder der hoffärtige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen, noch ein Cynischer Trieb die Laster und Thorheiten der edeln Theseiden anzubellen, hat mich von Korinth nach Athen zurückgerufen, Freund Antipater. Die bloße Neigung zur Veränderung, die dem Menschen so natürlich ist – wär' es nur um sich selbst eine Probe seiner Freiheit zu geben – ist allein schon hinlänglich eine so unbedeutende Begebenheit zu erklären; wenn auch der Reiz, womit Pallas Athene ihren Lieblingssitz vor allen andern Städten der Welt so reichlich begabt hat, für einen Weltbürger meiner Art weniger Anziehendes hätte als für andre Menschen. Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu, ohne welchen ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen hätte, meinem lieben Müßiggang zu Korinth – wo sich, Dank sey den Göttern! schon lange niemand mehr um mich bekümmert, und meinem kleinen sonnichten Winzerhüttchen (seines Umfangs wegen mein Faß genannt), aus bloßem Muthwillen zu entsagen.[265]

Wisse also, mein Lieber, daß ich vor einiger Zeit, zufälligerweise, mit einem jungen Thebaner in Bekanntschaft gerieth, der mit der vollständigsten Außenseite des Homerischen Thersites eine so schöne Seele und eine so frohsinnige Unbefangenheit verbindet, daß der tugendhafteste aller Päderasten, Sokrates selbst, seinem bekannten Vorurtheil für die körperliche Schönheit zu Trotz, sich in ihn verliebt hätte, wenn er dreißig bis vierzig Jahre früher zur Welt gekommen wäre. Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich häßliche Mißgestalt vor die Augen gekommen, und es sollte sogar dem sauertöpfischen Heraklites kaum möglich gewesen seyn, über den komischen Ausdruck, womit alle Theile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen, nicht zum erstenmal in seinem Leben zu lächeln. Glücklicherweise für den Inhaber dieser seltsamen Larve leuchtet dem, der ihm herzhaft ins Gesicht schaut, ich weiß nicht was für ein unnennbares Etwas entgegen, welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung einflößt, und einen jeden, dem es nicht gänzlich an Sinn für die energische Sprache, worin eine Seele die andere anspricht, fehlt, in wenig Augenblicken mit der Ungereimtheit seiner Gestalt und Gesichtsbildung aussöhnt.

Ich weiß nicht wie es zuging, daß er, ohne an den Fransen meines ziemlich abgelebten Mantels Anstoß zu nehmen, nicht weniger Geschmack an meiner Person zu finden schien als ich an der seinigen. Genug, wir fühlten uns gegenseitig von einander angezogen, und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft gelegt, welche vermuthlich länger dauern wird als unsre Mäntel. Krates (so nennt[266] sich mein junger Böotier) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes, der sein Leben unter rastlosen Anstrengungen, Sorgen und Entbehrungen mit der edeln Beschäftigung zugebracht hat, sein Vermögen alle zehn Jahre zu verdoppeln; und der nun, da ihm nächst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das Glück seines Sohnes, alles Mögliche thut, um diesen zu eben derselben Lebensweise, in welcher er das seinige gefunden, anzuhalten. Zu großem Schmerz des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu, daß, im Gegentheil, unter allen möglichen Dingen, womit der menschliche Geist sich befassen kann, die Rechentafel ihm gerade das verhaßteste ist; und nur aus Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjährigen Vater, – der zwar noch immer wachend und schlafend auf seinen Geldsäcken zählt und rechnet, aber nicht Kräfte genug übrig hat, seinen Geschäften außer dem Hause nachzugehen – unterzieht er sich den Aufträgen, womit ihn der Alte überhäuft, um ihm keine Zeit zu solchen Beschäftigungen zu lassen, die in seinen Augen nichts als zeitverderbender Müßiggang sind. Der Auftrag, eine alte Schuld zu Korinth einzufordern, gab indessen Gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft, welche Krates als den einzigen wahren Gewinn betrachtete, den er von dieser Reise mit nach Hause bringe. Wirklich fühlte er sich stark versucht die Rückreise gar einzustellen, und ich mußte alle meine Macht über sein Gemüth aufbieten, um ihn zu bewegen, daß er die Ausführung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben möchte, als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war. Vor kurzem berichtete[267] mich mein junger Freund, daß der Tod des Alten ihm endlich die Freiheit gegeben habe, seiner Neigung zu folgen, und seinen Geist aller der schweren Gewichte zu entledigen, die ihm, so lange er sie an sich hangen hätte, den reinen Genuß seines Daseyns unmöglich machten. Er habe, um der verhaßten Last je eher je lieber los zu werden, bereits seine ganze Erbschaft, die sich auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe, mit Vorbehalt dessen, was er etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nöthig haben könnte, unter seine Verwandten und Mitbürger ausgetheilt, und sey nun im Begriff, Athen – wofern ich mich entschließen würde, es mit dem üppigen und geräuschvollen Korinth zu vertauschen – oder, widrigenfalls, das letztere, wiewohl ungern, zu seinem künftigen Aufenthalt zu wählen.

Was dünkt dich von diesem jungen Menschen, Antipater? Hier ist mehr als Antisthenes und Diogenes, mehr als Plato und Aristipp, nicht wahr? – Ich gestehe dir unverhohlen, hätte mich die wackelköpfige Göttin Tyche nicht, sehr gegen meinen Willen, um mein väterliches Erbgut betrogen, ich würde so wenig als Aristipp daran gedacht haben, mir diese Last, die mir ehemals sehr erträglich vorkam, vom Halse zu schaffen. Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben nicht übel nehmen, wenn er von den Gütern, die ihm das Glück freiwillig zuwirft, einen zugleich so edeln und so angenehmen Gebrauch macht, wie Aristipp. Eben so wenig soll es dem von Kindheit an zur Dürftigkeit gewohnten Antisthenes, oder dem Sinopenser, den der Zufall um sein Vermögen brachte, zu einem großen Verdienst angerechnet werden, daß[268] sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben, als Karren schieben, rudern, oder das schmähliche Parasiten-Handwerk treiben wollten. Auch Plato hat sich wenig auf eine Genügsamkeit einzubilden, die ihm das Glück, unabhängig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben, und die erste Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der öffentlichen Meinung verschafft hat. Aber, wie Krates, in dem Alter, wo alle Sinnen nach Genuß dürsten, die Mittel zu ihrer vollständigsten Befriedigung, die uns das Glück mit Verschwendung aufgedrungen hat, von sich werfen, und jedem Anspruch an alles, was dem großen Haufen der Menschen das Begehrenswürdigste scheint, von freien Stücken entsagen, um sich mit völliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu ergeben: dieß, dünkt mich, ist etwas bis itzt noch nie Erhörtes, und setzt einen Grad von Heldenmuth und Stärke der Seele voraus, den ich um so bewundernswürdiger finde, da derjenige, der sich zu einem solchen Opfer entschließt, zum voraus gewiß seyn kann, von der ganzen Welt (den Diogenes vielleicht allein ausgenommen) für den König aller Narren erklärt zu werden. – Und das mit Recht, höre ich dich sagen; denn was sollte aus den Menschen werden, wenn der Geist, der diesen jungen Schwärmer so weit aus dem gewöhnlichen Gleise treibt, in alle Köpfe führe, und die Begriffe und Grundsätze, nach welchen er handelt, allgemein würden? – Auf alle Fälle etwas Besseres als sie itzt sind, antworte ich, und getraue mir's von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so stattlichen Gründen zu behaupten, als die, womit uns Plato beweiset, daß ein Staat nicht eher gedeihen könne, bis er von lauter Philosophen[269] regiert werde. Leider hat die Natur selbst dafür gesorgt, daß es mit den Menschen nie so weit kommen wird, und die Freunde des dermaligen Weltlaufs können sich, der Gefahr halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu besorgen ist, ruhig auf die Ohren legen. Sie ist desto geringer, da du ihm wirklich großes Unrecht thust, wenn du ihn für einen Schwärmer hältst. Er ist vielmehr der ruhigste, besonnenste, heiterste Sterbliche, der mir je vor gekommen ist; und wie außerordentlich sein Verfahren auch immer seyn mag, so fällt wenigstens das Wunderbare weg, wenn ich dir sage, daß nebst einem sehr kalten Temperament, die von Kindheit her gewohnte beinahe dürftige Lebensart im väterlichen Hause, eine durch beides ihm zur andern Natur gewordene Gleichgültigkeit gegen alle Vergnügungen der Sinne, und eine noch tiefer liegende Verachtung der Urtheile des großen Haufens, der einen Menschen nicht nach seinem persönlichen Gehalt, sondern nach dem Gewichte der Attischen Talente, die er werth ist, zu schätzen pflegt, – daß, sage ich, das alles nicht wenig zu der Entschließung beigetragen habe, sich eines ihm wirklich mehr überlästigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen. Denn was hätte er, der von drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war, mit dreihundert Talenten anfangen sollen, da es seine Sache nicht war, nach dem Beispiel seines Vaters sechshundert daraus zu machen? Von allem, wozu der Reichthum seinen Besitzern gut ist, hatte er entweder keine Kenntniß, oder keinen Sinn dafür. Gänzliche Unabhängigkeit und sorgenfreie Muße war schon damals, da ich ihn zuerst kennen lernte, das höchste Gut in seinen[270] Augen: und so ging es, dünkt mich, ganz natürlich zu, daß der Umgang mit deinem Freund, Diogenes, in sehr kurzer Zeit tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte; daß die Harmonie der Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von ihm zu trennen erzeugte, und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte Ueberzeugung, daß es keinen glücklichern Menschen gebe als den Diogenes, und daß er zufriedener mit seinem Loose sey als zehntausend vermeinte Glückliche mit dem ihrigen, seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab. Ich denke du wirst dieß desto begreiflicher finden, Antipater, da du noch nicht vergessen haben kannst, wie wenig ehemals daran fehlte, daß du selbst den Cynischen Mantel und Schnappsack übergeworfen hättest, wenn nicht, glücklicher Weise für dich, der Genius Aristipps den Reizungen der zuthulichen Nymphe Penia, unsrer Schutzgöttin, das Gegengewicht gehalten hätte. Denn nicht alles, was dem einen gut ja sogar das Beste ist, ist es darum auch dem andern; und ich bin ziemlich gewiß, daß unsre Lebensweise, sobald der Ehrenpunkt, nicht in Widerspruch mit dir selbst zu gerathen, jede andere unmöglich gemacht hätte, dir nicht halb so wohl bekommen wäre als meinem Thebaner – wiewohl es ein launisches Ding um den Menschen ist, daß ich mich nicht dafür verbürgen möchte, daß Krates selbst, wie glücklich er sich gegenwärtig auch in seinem neuen Götterleben fühlt, auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sey.

Ich bin mit deinem Freund Aristipp, wie in vielem andern, auch darin einverstanden, daß jeder Mensch, sobald er[271] Verstand genug hat eine Philosophie, d.i. eine mit sich selbst übereinstimmende Lebensweisheit nach festen Grundsätzen, zu haben, in gewissem Sinn seine eigene hat. Das was den Unterschied macht, ist nicht die Richtung: wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel los. Eudämonie ist der Preis, nach welchem wir ringen; und wie gern der stolze Plato (der, wenn's möglich wäre, gar nichts mit uns andern gemein haben möchte) sich auch die Miene gäbe, als ob das übersinnliche Anschauen der formlosen Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agathon, ohne alle andere Rücksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sey, so soll er mich doch nicht bereden, daß sie es auch dann noch seyn würden, wenn er sich in diesen – geistigen oder phantastischen? – Anschauungen nicht glücklicher fühlte als in jedem andern Genuß seiner selbst. Der Unterschied wird also in dem Wege und den Mitteln bestehen. Wir Cyniker z.B. wählen uns, mehr oder weniger freiwillig, den kürzesten Weg, unbekümmert daß er ziemlich rauh und steil ist und hier und da von Disteln und Dornhecken starrt. Aristipp wählte sich einen weitern, aber ungleich ebenern und anmuthigern Weg, nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen oder jenen Abweg zu gerathen, der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn mehr oder minder schwer machen könnte. Andere haben sich zwischen diesen beiden, oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen, mehrere Mittelstraßen gebahnt. Plato nimmt den seinigen sogar, wie Ikarus, durch die Wolken; unläugbar der sanfteste und nächste, wenn es nicht der gefährlichste wäre. Noch verschiedener sind die Mittel, wodurch jeder auf seinem Wege sich[272] zu erhalten und zu fördern sucht. Tausend innere und äußere, zufällige und persönliche Umstände, Temperament, Erziehung, geheime Neigungen, Verhältnisse, kurz das Zusammenwirken einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflüssen auf Verstand und Willen, ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben (wenn ich so sagen kann) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit (ich erkenne keine Philosophie die nicht Ausübung ist) im Leben einzelner Personen darstellt, und worin eben das Eigenthümliche derselben besteht. Denn, wie gesagt, im Hauptzweck, und selbst in solchen Mitteln, welche, als zu jenem unentbehrlich, selbst wieder zu Endzwecken werden, stimmen alle überein. Von dieser Art ist z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft, ohne welche schlechterdings keine Eudämonie denkbar ist. Alle Philosophen, von Thales und Pythagoras an, bekennen sich zu diesem Grundsatz: aber wie weit gehen sie wieder aus einander, sobald es zur Anwendung kommt! Wir können von den Wahnbegriffen, Phantomen und Vorurtheilen, die unsern Verstand benebeln und irre führen, nur durch die Wahrheit frei werden. Aber was ist Wahrheit? Der eine behauptet die Ungewißheit aller Erkenntniß; ein anderer erklärt alle sinnlichen Anschauungen und Gefühle für Täuschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer übersinnlichen Ideenwelt; ein dritter läßt im Gegentheil keine Erkenntniß für zuverlässig gelten, die uns nicht durch die Sinne zugeführt und durch die Erfahrung bestätiget wird, u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der Herrschaft der Triebe und Leidenschaften. Der eine will alle Begierden an[273] die Kette gelegt, und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen; ein anderer läßt nur die reinen Naturtriebe gelten, und verwirft alle durch Verfeinerung und Kunst erzeugten Neigungen; ein dritter will die natürlichen Triebe und Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt, sondern bloß gemildert, verschönert, und durch die Musenkünste mit Hülfe der Philosophie in die möglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen. Alle diese Verschiedenheiten sind in der Ordnung, so lange die Leute keine Secten stiften wollen. Jeder hat für seine eigene Person Recht; aber sobald sie mit einander hadern, und sich um den ausschließlichen Besitz der Wahrheit, wie Hunde um einen fetten Knochen, herum beißen, dann haben sie alle Unrecht; – und in diesem einzigen Punkt wenigstens ist Diogenes, der mit niemand um Meinungen hadert, vollkommen gewiß daß er Recht hat.

Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen, denen dieser Name in der eigentlichsten Bedeutung zukommt, so klein, daß wahrscheinlich unter der ganzen übrigen Menschenmasse manche seyn müssen, die an Sinnesart, Gemüthsbeschaffenheit und äußerlichen Umständen mit irgend einem von jenen mehr oder weniger übereinstimmen. Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen gleichsam als den Repräsentanten einer ganzen Gattung46, und indem ich annehme, daß seine Philosophie einer Anzahl ihm ähnlicher Menschen als Ideal oder Kanon ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar seyn könne, berechne und schätze ich hiernach ungefähr den verhältnißmäßigen Nutzen, den sie der Menschheit etwa schaffen könnte. So kann z.B. meiner demüthigen Meinung nach,[274] die Platonische Philosophie nur solchen Menschen verständlich seyn und wohl bekommen, denen zu einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und Scharfsinn und eine nicht gemeine Cultur mit völliger Freiheit von Geschäften zu Theil wurde, d.i. sehr wenigen. Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick weit mehrern angemessen zu seyn: aber sie macht aus dem Wohl leben (aus dem, was sie Hedone nennt und worüber ich deinen Freund nie anfechten werde) eine so schöne und zugleich so schwere Kunst, daß, meines Bedünkens, nur ein besonders begünstigter Liebling der Natur, der Musen und des Glücks (schier hätte ich auch noch die schöne Lais hinzugesetzt) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen hoffen darf. Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art von Schwärmern ist, so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die Lebensweisheit aller Eupatriden und Begüterten seyn; auf diese Weise würde die Schwärmerei unschädlich, Geburtsadel und Reichthum sogar liebenswürdig werden. Aristipps Philosophie, zum Nießbrauch solcher Leute, die das Glück vergessen oder übel behandelt hat, herabgestimmt, würde sich der Cynischen nähern, nach deren Vorschriften jeder glücklich leben kann, der in einem Staat, wo er als Bürger keinen Anspruch an die höhern und eigentlichen Vortheile des politischen Vereins machen will oder zu machen hat, wenigstens den Genuß seiner Menschheitsrechte in Sicherheit bringen möchte. Um ein Cyniker zu seyn, braucht man nichts als ein bloßer Mensch zu seyn; mit so wenig Zuthaten und Anhängseln als möglich, aber freilich ein edler und guter Mensch;[275] und eben darum wird unser Orden, dem ersten Anschein zu Trotz, immer nur zwei oder drei Mitglieder auf einmal zählen. Sollte er (was die Götter verhüten mögen!) jemals zahlreich werden, so könnt' es nur dadurch möglich seyn, daß seine Glieder den Geist desselben gänzlich verlören, und bloß das Costum, die Sprache und die übrigen Formen des Cynism zur Hülle und Larve der verächtlichsten Art von Schmarotzerei und Müßiggang herabwürdigten. Ein ächter Cyniker kann, vermöge der Natur der Sache, nicht anders, als eine Seltenheit seyn; und von einem Cyniker wie Krates wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen.

Die rein Sokratische Philosophie, welche, allen Ständen, Lagen und Verhältnissen gleich angemessen, dem Staat edle Menschen und gute Bürger bildet, wird also, die Wahrheit zu sagen, immer die gemeinnützigste unter allen, die aus ihr hervor gegangen, bleiben; und wehe der, die sich's nicht zur Ehre schätzt ihre Tochter zu heißen, und einer solchen Mutter würdig zu seyn! So viel, Freund Antipater, auf deine eigene Veranlassung davon, wie ich über Aristipp und seine Philosophie und die andern Masken denke, in welchen sich die menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen läßt. Lebe wohl, und sorge ja dafür, daß keine Abschriften von diesem langen Briefe genommen werden. Die Leute könnten sonst denken, ich habe ein Buch schreiben wollen, und das möchte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 24, Leipzig 1839, S. 265-276.
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