5.
An Kleonidas.

[29] Wie sehenswürdig auch die weltberühmten Olympischen Spiele sind, so zweifle ich doch nicht, daß die Einbildungskraft eines Dichters mit bloßer Hülfe des Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch größere und den alten Heldenzeiten angemess'nere Vorstellung von ihnen machen könnte als diejenige ist, die wir andern gewöhnlichen Menschen mittelst unsrer Leibesaugen erhalten haben. Aber den Jupiter des Phidias muß man sehen, Freund Kleonidas, wenn man sich einen Begriff von ihm machen will. Also komm und sieh, und bete an.

Nach diesem Eingang erwartest du, natürlicher Weise, keine Beschreibung40 von mir, die am Ende doch nur auf ein Verzeichniß der unzähligen einzelnen Stücke und Theile hinauslaufen würde, aus welchen dieses über allen Ausdruck große und reiche Kunstwerk, dem kein anderes in der Welt[29] vergleichbar ist, mit hohem Sinne zusammengesetzt, wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da steht. Jeder dieser Theile ist, für sich selbst betrachtet, schön, groß gedacht, mit reiner sicherer Bestimmtheit der Verhältnisse und Formen ausgeführt, und so zierlich vollendet, daß dem Liebhaber der Kunst nichts zu wünschen, dem Kenner wenig oder nichts zu erinnern übrig bleibt. Aber alle diese besondern Schönheiten verlieren sich, oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck, den das herrliche Ganze – Jupiter auf seinem Thron, von seinem ganzen Göttergeschlecht umgeben – auf die Seele des Anschauers macht, indem er sich beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fühlt, den der große und glaubige Haufe für ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes hält.

Dir, mein Freund, brauche ich nicht zu sagen, daß weder dumpfes Anstaunen noch Ueberfluß an Glauben unter die Gebrechen meiner Natur gehören. Ich betrat den Tempel mit der kaltblütigsten Gewißheit, einen Gott von Elfenbein und Gold von der Hand eines großen Bildners zu sehen, und konnte mich doch des besagten Schauders so wenig erwehren als ein andrer. Mit Blitzesschnelligkeit vermengte sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen Göttervater, und ich wähnte einen Augenblick den König des Himmels wirklich auf seinem Throne zu sehen, wie er der flehenden Thetis die Gewährung ihrer Bitte zunickt, und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf seinem unsterblichen Haupte schüttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42[30]

Du wirst mir indessen gerne zutrauen, daß ich bei dieser schnell vorüber gehenden Verzückung noch Besonnenheit genug behielt, dem Grunde des Zaubers nachzuforschen, wodurch dieses göttliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf alle die es erblicken, ohne Ausnahme, eben dieselbe Wirkung thut. Glücklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben; denn er fällt so stark in die Augen, daß die meisten, denen ich mein Räthsel aufzurathen gab, eher auf alles andre als das Wahre riethen. Ich gebe willig zu, daß der erhabene Charakter, womit der Künstler diese Göttergestalt, und alles was sie umgibt, zu bekleiden gewußt hat, sehr viel dabei thut; aber weder in ihm allein, noch in der majestätischen Form des dichtgelockten Hauptes, noch in der unerschütterlichen Festigkeit und Kraft, der ruhig ernsten Weisheit, und der von aller menschlichen Schwäche gereinigten Huld und Gnade, die, wie man sagt, in den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind, kann der besagte Zauber liegen; oder, wenn Phidias diese nämliche Gestalt, mit allen diesen Vollkommenheiten, die man an ihr bewundert, nach verjüngtem Maßstabe, nur zehn oder zwölf Zoll hoch ausgearbeitet hätte, müßte das kleine Bild eben dieselbe Wirkung thun, – welches, denke ich, niemand behaupten wird.

Und was ist denn die wahre Ursache, warum uns der Olympische Jupiter so gewaltig ergreift? Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, nicht mehr und nicht weniger als – warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier – seine kolossalische oder vielmehr titanische Statur; denn bekanntermaßen war die ganze Familie des Uranos und der Gea,[31] von welchen Jupiter wie alle übrigen Titanen abstammte, ein Riesengeschlecht von der ersten Größe. Alle Majestät, die der erhabene Künstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte, würde an einem Bilde von sechs oder sieben Fuß schwerlich viel mehr gewesen seyn, als ein Minos oder Agamemnon hätte tragen können, ohne darunter einzusinken. An einem Pygmäenkönige würde diese Majestät – in unsern, nicht in der Pygmäen, Augen – sogar etwas zum Lächeln Reizendes haben; aber an einem Jupiter von sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmäen das Gefühl des Uebermenschlichen und Göttlichen. Ich hörte einen ehrwürdigen Pythagoräer, den ich eines Tages im Tempel antraf, sagen: er halte sich überzeugt, daß Phidias der Religion einen größern Dienst erwiesen habe, als alle Priester, Hierophanten, Dichter und Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu thun vermocht hätten. Der Mensch, sagte er, ist nun einmal, er wolle oder wolle nicht, durch seine Natur genöthigt, sich die Gottheit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden. Was Homer und seine Nachfolger leisten konnten, erregt nur schwankende unbestimmte Phantomen; die Kunst des Bildners muß ihnen zu Hülfe kommen und die Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festhalten. Große Menschen waren das Höchste, was die Vorgänger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege brachten: er allein hat uns den König der Götter dargestellt. Wer den Olympischen Jupiter gesehen hat, trägt einen Eindruck in seiner Seele davon, dem keine Zeit etwas anhaben kann. Die priesterliche Miene und der prächtige Bart des Pythagoräers,[32] der selbst das Ansehen eines Göttersohns hatte, hielt mich zurück, etwas, das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam, laut werden zu lassen; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr. Denn wie richtig es auch seyn mag, daß klein und groß, für Eigenschaften gewisser Dinge genommen, nur täuschende Begriffe sind, so gestehe ich doch ohne Bedenken, daß ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer. Von den zehn Tagen, die ich zu Olympia verweilte, ging keiner vorbei, ohne daß ich den Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht hätte; und ich schwöre dir beim goldnen Barte des Gottes, daß ich das Bild, das sich durch dieß so oft wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat, nicht um die ganze Cyrenaika missen wollte.

Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt, der Olympische Jupiter könnte nicht von seinem Thron aufstehen, ohne das Dach des Tempels einzustoßen. Ganz gewiß machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch, und tröstete sich und den Baumeister damit, daß sein Jupiter wahrscheinlich wohl immer sitzen bleiben werde. Nicht Wenige habe ich beklagen gehört, daß ein prächtig gearbeitetes Brustgeländer nicht erlaube so nahe zum Thron hinzukommen als man wohl wünschen möchte. Auch dieß ist ein Streich, den der lose Phidias den Leuten gespielt hat. Er machte es ihnen dadurch unmöglich, so nahe hinzuzutreten, daß sie, anstatt den Götterkönig auf seinem Thon zu sehen, nur einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen hätten. Denn damit das Ganze seine gehörige Wirkung thue, muß es aus einem gewissen Standpunkt[33] betrachtet werden. Vielleicht wollte auch der kluge Künstler nicht, daß eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten Edelsteinen, Ebenholz, Perlenmutter und dergleichen, auf deren geschickte Zusammensetzung er zu Verstärkung des Haupteffects gerechnet hatte, zum Nachtheil desselben stückweise und in der Nähe besehen werden könnten. Denn bei einem Kunstwerke, wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie, und also auf Täuschung hinausläuft, muß man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu gelehrt werden lassen.

Indem ich überlese, was ich dir von dem größten und schönsten aller Menschenwerke geschrieben habe, dünkt mich ich habe nichts gesagt. Aber wenn ich einen Stachel in dein Gemüthe geworfen habe, der dir keine Ruhe läßt bis du selbst kommst und siehest, so hab' ich genug gethan; denn das ist alles was ich wollte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 29-34.
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