51.
Hippias an Aristipp.

[296] Man ist es an den Athenern zu sehr gewohnt, daß sie ihren größten und verdientesten Männern am übelsten mitspielen, als daß die gerichtliche Mordung des alten Sokrates sonderliches Aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte. Hätte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier, der ein eben so wackerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war, nicht bei Zeiten aus dem Staube gemacht, so würde dieser die Ehre nicht erhalten[296] haben, der erste zu seyn, den sie (sagt man) aus der Welt schafften weil er zu weise für sie war.

Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Athenern und der Weisheit mehr Böses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates141 hätte mit aller seiner Weisheit, die am Ende den Athenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch lange leben können, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Muthwillen, alle Leute die sich mit ihm einließen zu necken und in die Enge zu treiben, und durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhaßt, und durch seinen anscheinenden Müßiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein verächtlich gemacht hätte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten Classe entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben, oder der Republik unmittelbare Dienste thun. Sokrates that, ihrer Meinung nach, weder dieses noch jenes: denn daß er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen und zu hören war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute mit seinen Fragen und Subtilitäten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den höhern Classen, für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie gut er selbst es auch damit meinen mochte.

Wenn wir niemand Unrecht thun wollen, Aristipp, müssen wir billig seyn. Um die Schuld der Athener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können, müßten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten[297] Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer dieß untersuchen wollte, müßte sich völlig an ihren Platz stellen können.

Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urtheile über diese Tragödie, die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon überall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen seine Richter vertheidigte oder vielmehr nicht vertheidigen wollte, fast allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige schien, der sich für ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein, darin nämlich, daß er unrecht gethan habe, den Beistand zur Flucht, den ihm sein Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. Wenn er auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine Rücksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Bürgers, den Athenern die Nachreue über ein ungerechtes Urtheil und den Tadel aller übrigen Griechen zu ersparen. Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden. »Ich bin, sagte er, den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig; meine gesetzmäßigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum Tode verurtheilt; also bin ich schuldig das Urtheil an mir vollziehen zu lassen.« – Gleichwohl (wenden die anders Denkenden ein) war er selbst überzeugt, daß er unschuldig verurtheilt worden sey. Hatte dieß seine Richtigkeit, so war er nicht nach dem Gesetz verurtheilt;[298] denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen. – »Aber, sagte Sokrates, ich bin nicht zum Richter über meine Richter gesetzt; ich kann mich also ihrem Urtheil deßwegen, weil es ungerecht ist, nicht entziehen; denn dadurch würde ich mich eigenmächtig zu ihrem Richter setzen.« – Ich habe diesen Einwurf in seinem Namen öfters geltend gemacht, und es ist mir von niemand eine Antwort geworden, die ihn wirklich entkräftet hätte; auch gestehe ich, daß ich ihn, in der bürgerlichen Ordnung der Dinge, für unwiderleglich halte. Woher kam es also, daß jedermann, wenn er nicht weiter konnte, sich auf sein innerstes Gefühl berief, welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme? Wie kann die Vernunft mit unserm innern Gefühl dessen was recht ist in Widerspruch stehen? – Höre, wie ich mir dieses Problem auflöse, und sage mir deine Meinung davon. Das Gefühl, worauf sich meine Antisokratiker beriefen, ist nichts anders als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs, der zwischen dem nothwendigen Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft vorwaltet. Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten gemacht. Alle andern stehen unter dieser, und müssen ihr im Fall eines Zusammenstoßes weichen; denn um irgend eine Pflicht erfüllen zu können, muß ich da seyn. Da also dieses Naturgesetz allen bürgerlichen vorgeht, so konnte Sokrates den Satz, daß er sich keines Richteramtes über seine Richter anmaßen dürfe, nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen. Du wirst mir vielleicht einwenden: »wenn dieser Schluß gelte, so sey auch ein rechtmäßig Verurtheilter befugt, sich der verdienten[299] Strafe zu entziehen, wenn er könne« – und ich habe keine andere Antwort hierauf als – Ja!

Auch Dionysius scheint, trotz seinem Tyrannenthum, der Meinung zu seyn, daß Sokrates sich hätte retten sollen, da er es mit Sicherheit konnte. Als neulich in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde, sagte er: ich bedaure den alten Mann; er sollte willkommen gewesen seyn, wenn er sich zu mir hätte flüchten wollen; weder seine Philosophie noch sein Dämonion sollte ihm die mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben. – Doch genug von einer Sache, die nun nicht mehr zu ändern ist.

Wenn euch Kleombrotus lieb ist, so verliert ihn ja nicht aus den Augen. Einem Schwärmer von dieser Stärke oder Schwäche (wie man's nehmen will) ist nicht über die Gasse zu trauen. Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat ihm unwiederbringlichen Schaden gethan. Es ist mit schwachen Köpfen, die sich an solche meteorische Menschen hängen, wie mit Leuten von mittelmäßigem Vermögen, die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich thun wollen; sie gehen bei Zeiten zu Grunde, wiewohl sie keinen größern Aufwand ma chen als den diese sehr wohl aushalten können. Plato ist ein weit größerer Schwärmer als Kleombrot; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft überlegen. Plato wird von seiner Schwärmerei, wie ein guter Reiter von seinem Pferd, immer Meister bleiben, oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen werden; mit dem armen Phaëthon Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch, und ich besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen.[300] Ich habe nicht gern mit solchen Menschen zu schaffen; dieß war die Ursache, warum ich mich deinem Gedanken, ihn mit uns nach Syrakus zu nehmen, so ernstlich widersetzte.

Kleonidas könnte mir auch bloß als dein Freund nicht gleichgültig seyn; um so mehr danke ich dir für seine Bekanntschaft, da ich mir viel Vergnügen von ihr verspreche. Der Zufall, daß seine aus der bloßen Phantasie gemalte Hebe der jungen Musarion so ähnlich sah, ist in der That (vorausgesetzt die Aehnlichkeit sey wirklich so groß als du sagst) ein artiger – Zufall, und weiter nichts. Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympathetische Ahnung? Ich kann mir nichts dabei denken. Ich weiß von keiner andern Sympathie, als von Uebereinstimmung der Gemüther aus Aehnlichkeit der Gefühle und Neigungen. Was hat aber diese mit Ahnungen zu thun? Wie käme der Mensch zu Ahnungen? Welches unsrer Organe sollte das Vehikel derselben seyn? Wenn ich Ahnungen zu geben müßte, so sehe ich nicht, warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare und Unglaubliche für möglich halten müßte, was unsre Mythologen aus Aegyptischen, Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmährchen in unsre Götter- und Heldengeschichte übergetragen haben. Alle diese Phantasmen gehören ins Gebiet der Dichter, und können unter ihren Händen zur Unterhaltung des großen Haufens, und, mit Geist und Geschmack behandelt, sogar zum Vergnügen der Verständigen dienen; aber in die Reihe der Ursachen, woraus die wirklichen Dinge erklärbar sind, sollen sie sich nicht stellen.

Dionysius, nach welchem du dich erkundigest, ist noch[301] immer mit den gewaltigen Zurüstungen beschäftiget, deren Anfang du gesehen hast. Syrakus sieht wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus, wo sich alle wiederaufgestandenen Kureten, Cyklopen, Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben hätten, mit allen Künstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu kommen, um alles Metall im Schooß der Erde und alles Holz auf ihren Bergrücken zu einer Unternehmung, wie die Welt noch keine gesehen hat, zu verarbeiten. Man muß gestehen, daß Dionysius alle mögliche Maßregeln nimmt um seiner Sache gewiß zu seyn, und daß die Kunst, große Dinge mit kleinen Mitteln zu thun, keinen Reiz für seinen Ehrgeiz zu haben scheint. Es ist nun kein Geheimniß mehr, daß alle diese Kriegszurüstungen den Carthagern gelten, und die Feindseligkeiten sind im Begriff auszubrechen.

Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr überzeuge ich mich, daß die Athener (mit Erlaubniß der schönen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu sehen, daß die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer seyn wird. Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen, und lauern Tag und Nacht, mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit, ihn entweder, wenn es mit Vortheil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in eine der Schlingen zu locken, die sie ihm überall zu legen beflissen sind. Ich möchte wohl wissen, wie es möglich wäre, daß ihn[302] dieß nicht mißtrauisch, argwöhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist. Man hört die bittersten Klagen, daß keine zwei oder drei Bürger aus den höhern Classen mit einander sprechen können, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob dieß eine andere Ursache hätte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, daß nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen, ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maßregeln, und schreien dann über seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit. Wäre er nicht immer von etlichen Freunden, die einerlei Interesse mit ihm verbindet, und von einer ausländischen Leibwache, auf die er sich gänzlich verlassen kann, umgeben, so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten seyn, er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu, ein Mann, dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte, von strenger Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanität und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten. Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft, dieß hängt zwar, dem Ansehen nach, ziemlich stark an ihm; aber es gibt nichts Veränderlichers, in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners, und Dionysius weiß recht gut, daß er sich auf seine Popularität bei den untern Classen eben so wenig verlassen kann, als er auf die Dankbarkeit eines Aristokraten zählen darf, dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten[303] Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat. Die arbeitsamen Classen hängen jetzt an ihm, weil er ihnen viel zu verdienen gibt, und weil die großen Zurüstungen, woran sie für ihn arbeiten, große, wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in ihnen erregen, auf deren Ausgang sie gespannt sind; aber ich stehe ihm nicht dafür, daß sie sich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen seyn wird, beim ersten widrigen Zufall von irgend einem stürmischen Demagogen durch eine einzige mit emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plötzlich umwenden, und dahin bringen lassen, die Waffen, an welchen sie jetzt arbeiten, anstatt gegen Carthago, gegen Dionysius zu gebrauchen. Auch versieht er sich keines Bessern zu ihnen, wiewohl er ihnen äußerlich das unbefangenste Vertrauen zeigt.

In Ermangelung anderer Vorwürfe – und in der That sehe ich nicht, was an seiner Regierung mit Grund auszusetzen wäre – bemühen sich seine Feinde, ihn dem Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhaßt zu machen. Es gibt zwar schwerlich ein unmoralischeres, verderbteres, leichtfertigeres und ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner, alle Laster, wegen deren ehemals Sybaris, Krotona und Tarent143 berüchtigt waren, gehen unter ihnen ziemlich öffentlich im Schwang; Athen und Korinth haben dermalen nichts vor ihnen in diesem Punkte voraus: aber dafür sind sie eifrige Götzendiener, und halten scharf über gewisse gesetzliche Formen. Weder das eine noch das andere ist bei Dionysius der Fall; er denkt sehr frei, und erlaubt sich zu handeln wie er denkt. Bekanntermaßen nahm[304] er sich, als die Syrakusaner in ihrem ersten Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten, auf Einen Tag zwei andere (eine aus Lokri und die andere aus Syrakus) die mit ihm und unter sich selbst in dem besten Einverständnisse leben. Ich will die Freiheit, die er sich dadurch gegen die in Griechenland eingeführte Sitte herausnahm, keineswegs und am allerwenigsten aus politischen Gründen rechtfertigen; aber die Natur entsetzt sich doch nicht vor einer solchen That! Wenn die Bigamie gegen die Griechische Sitte ist, so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenländern allgemein; und am Ende, wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind (wie das wirklich der Fall ist), wem kann es nicht gleichgültig seyn, ob er nur Eine Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber, oder zwei Gemahlinnen144 und kein Kebsweib hat? Aber du solltest hören, was diese tugendhaften Syrakusaner, die, ohne alles Bedenken, ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie bestreiten können, für ein Aufhebens über diese Unthat des Tyrannen machen, und was ihre ehemaligen Volksredner, aus dieser Veranlassung, der Tyrannie für Lobreden halten! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit, die das tyrannische Ungeheuer begangen hat. Höre an und erstaune, daß die menschliche Natur eines solchen Gräuels fähig ist! Du erinnerst dich vermuthlich noch der großen Bildsäule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen massivgoldnen Barte, die in seinem Tempel zu Syrakus steht. Stelle dir vor, daß der Unmensch – der jetzt freilich zu seinen großen Ausgaben viel Geld nöthig hat – sich gottesvergessenerweise erfrechte, dem marmornen Aesculap145[305] seinen goldnen Bart – abscheren zu lassen, und den Frevel noch gar durch einen Scherz (der freilich in einer Aristophanischen Komödie den Athenern großen Spaß gemacht hätte) rechtfertigen zu wollen. Es sey gegen alle Zucht und Ordnung, sagte er lachend, daß der Sohn einen so großen Bart führe, da sein Vater Apollo gar keinen habe. Mit einem ähnlichen Vorwand ließ er Jupitern146 neulich seinen, ich weiß nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen. Was soll, sprach er, Jupitern ein goldner Mantel? Im Sommer ist er zu schwer, und im Winter zu kalt; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar, den ich besser brauchen kann, und ich gebe ihm dafür einen hübschen wollenen, der für Sommer und Winter taugt; so ist beiden geholfen. Du kannst dir kaum vorstellen, Aristipp, welchen Schaden Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern gethan hat, und was er sich nun alles nachsagen lassen muß, weil man einen Menschen, der so gottlose Dinge sagen und thun konnte, aller möglichen Abscheulichkeiten fähig hält.

Dionysius lacht dazu, und geht seinen Weg. Als ich ihm einsmals meine Verwunderung darüber zeigte, wie er noch Lust haben könne, ein Volk zu beherrschen, das nicht werth sey einen guten König zu haben, antwortete er mir: »Ich weiß nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt, das einen guten König werth ist. Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt; und das erste, worauf er zu sehen hat, ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu seyn. Hätte ich vor zwölf Jahren gewußt was ich jetzt weiß, so möchte ich vielleicht in der Dunkelheit geblieben seyn. Jetzt[306] habe ich keine Wahl mehr, und da ich nun einmal den König spielen muß, so hätte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte, und mir eine Art von Spaß aus dem närrischen Wettkampf machte, worin ich mit den Syrakusiern befangen bin. Denn wirklich ringen wir aus allen Kräften miteinander, ich, ob ich sie durch eine vernünftige Regierung zwingen könne gerecht gegen mich zu werden; sie, ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges Betragen dahin bringen können, ihre Vorwürfe und Verleumdungen zu verdienen. Aber es soll ihnen nicht gelingen. Ich werde sie immer regieren wie sie es nöthig haben: mit dem Hirtenstabe, wenn sie fromme Schafe sind, mit der Peitsche, wenn sie die Affen mit mir spielen wollen. Wer den Syrakusiern an meinem Platz Gutes thun will, muß es ihnen aufdringen, und auf ihren Undank rechnen. Ich mache mir nichts aus ihrem Haß, wenig aus ihrer Liebe, bin gegen alles Böse, was sie mir thun können, auf meiner Hut, und gedenke bei dieser Methode ruhig auf meinem Bette zu sterben, ungeachtet sie gegen mich complotiren werden, so lang' ich lebe.«

Da alle Anscheinungen vermuthen lassen, daß Sicilien der Schauplatz eines langwierigen Krieges werden dürfte, weil Carthago gewiß alle ihre Kräfte zusammennehmen wird, sich in einer für sie so wichtigen Insel zu erhalten; so ist es Zeit, daß ich zur Ausführung meines Vorhabens, mein übriges Leben in einer der lebhaftesten Städte des Griechischen Asiens zuzubringen, Anstalt mache. Es würde schon eher geschehen seyn, wenn ich mich nicht hätte bewegen lassen, einigen jungen Leuten aus den ersten Häusern dieser Stadt in[307] der Kunst zu reden Unterricht zu geben, und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen. Du wirst dich vielleicht wundern, daß ich mich, in dem Verhältniß, worin ich mit dem argwöhnischen Dionysius stehe, zu einem so verdächtigen Geschäft habe entschließen können. Er scheint aber wenig von den Rednern, die ich bilden werde, zu besorgen. »Das hätte ich dir nicht zugetraut, Freund Hippias, sagte er dieser Tage lachend zu mir, daß du meine Feinde eine so gefährliche Art von Waffen gegen mich gebrauchen lehren würdest.« – Sie sollen sie für dich gebrauchen, König Dionysius, nicht gegen dich. – »Darauf möcht' ich mich nicht verlassen, erwiederte er, aber so lange Zungen keine Dolche sind, hat es nichts zu sagen. Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst, und du wirst mir erlauben euern Uebungen zuweilen beizuwohnen.« – Wirklich kam er zwei- oder dreimal unversehens dazu, und setzte neulich, wie zum Scherz, einen Preis für die beste Lobrede auf den berüchtigten Tyrannen Busiris147. »Ich habe starke Vermuthungen, sagte er lächelnd, daß dieser Busiris, dem die Mythologen einen so bösen Namen gemacht haben, ein ganz guter Schlag von Fürsten gewesen ist.« – Meine jungen Eupatriden strengten sich nun in die Wette an, wer den Busiris am spitzfündigsten rechtfertigen und lobpreisen könne, und der Preis wurde vom Dionysius selbst dem, der es – am schlechtesten gemacht hatte, zuerkannt. – Das schwör' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der Einzige seyn, von dem ich mich ungern trenne.

Du siehst daß wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen; und daß ich kein Bedenken tragen[308] würde ihn, wenn es auf meine Stimme ankäme, zum Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen. Wenn du ihn aber zum Autokrator aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst, so möcht' ich dich wohl bitten, nur einen einzigen Freistaat von hinlänglicher Größe, um sich in der Unabhängigkeit erhalten zu können, übrig zu lassen, wär' es auch nur, damit wir und unsersgleichen nicht nöthig hätten unter den Garamanten148 oder Massageten Schutz zu suchen, wenn es unserm irdischen Jupiter etwa einfiele, den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer persönlichen Freiheit zuträglich seyn möchte. Ich stehe dir nicht dafür, daß nicht auch einem Dionysius so etwas – Tyrannisches begegnen könnte.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 296-309.
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