9.
An Kleonidas.

[66] Der Komödiendichter, nach welchem du dich so angelegen erkundigest, lieber Kleonidas, ist hier eine so allgemein bekannte Person, daß es mir nicht schwer fallen kann, dein Verlangen zu befriedigen, zumal da ich (wie du mit Recht voraussetzest) Gelegenheiten genug gefunden habe, öfters in seiner Gesellschaft zu seyn, und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen. Ungeachtet er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende Ernsthaftigkeit affectiert, wovon sich der Beweggrund leicht errathen läßt, wird er doch, der witzigen Einfälle wegen, die ihm ohne Anspruch und Absicht gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen, für einen der angenehmsten Tischgesellschafter (einer in Athen sehr zahlreichen Classe) gehalten, und man findet ihn gewöhnlich bei allen großen Gastmählern, die in vornehmern Häusern gegeben werden. Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 (die sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben) sehr übel empfohlen hat, so wird mir's nicht zum Besten ausgelegt, daß ich kein Bedenken trage, mit einem so verworfenen Menschen umzugehen. Aber Sokrates selbst scheint davon keine Kenntniß zu nehmen, und spricht überhaupt weder Gutes noch Böses von ihm; wiewohl er, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet, seine Geringschätzung der Komödie, wie sie ehmals zu Athen beschaffen war und es zum Theil noch jetzt ist, mit seiner gewohnten Freimüthigkeit zu Tage[67] legt. Nicht als ob er das komische Drama überhaupt mißbilligte; denn ich hörte ihn einst von den Komödien des Epicharmus59 mit Achtung sprechen; sondern weil er den gränzenlosen Muthwillen, die leidenschaftlichen Anfälle auf einzelne Personen, und die pöbelhaften Späße, Unflätereien und unzüchtigen Darstellungen, womit die Stücke der neuern Athenischen Komiker besudelt sind, vermöge seiner Grundsätze und seines ganzen Charakters, unmöglich duldbar finden kann. Nichts ist gewisser, als daß diese Art von Komödie, worin Kratinus60, Aristophanes und Eupolis mit einander wetteiferten, schon lange auf immer abgeschafft worden wäre, wenn Sokrates eine entscheidende Stimme in Athen gehabt hätte: aber ohne allen Grund ist, was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute (die alles besser als andre wissen wollen) gehört habe: Sokrates und seine Freunde hätten das Gesetz bewirkt, wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komödie aufgehoben wurde, und dieser an der komischen Muse begangene Frevel sey die wahre Ursache des Hasses, den die Komödienschreiber auf den Sokrates geworfen, und der Rache, welche Aristophanes, im Namen der ganzen Gilde, an ihrem gemeinschaftlichen Feinde genommen habe. Ich sage, dieses Vorgeben ist ohne allen Grund; denn der Sohn des Sophroniskus, der im ersten Jahre der fünfundachtzigsten Olympiade, als jenes Gesetz gegeben wurde, erst achtundzwanzig Jahre zählte, war damals noch ein unbekannter Steinmetz, und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen Namen und Rang zu haben. Das Wahre ist, daß Perikles selbst der unsichtbare Urheber jenes Gesetzes war, aber es doch mit allem seinem Einfluß[68] nicht länger als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte, weil der pöbelhafte Theil des souveränen Volks sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht länger vorenthalten lassen wollte.

Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn, bei dieser Gelegenheit die Substanz einer Unterredung zu lesen, die zwischen Aristophanes und mir, nachdem wir bekannter mit einander geworden waren, vorfiel. Denn ich darf nicht vergessen, dir zu sagen, daß sein Satyr, ich weiß nicht warum, eine Art von Geschmack an meinem – weißen oder schwarzen Genius gefunden, und (da wir beide so ziemlich unter der Herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen) eine Art von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat, welches ich mir gleichwohl in meinen Verhältnissen weit weniger zu Nutze machen kann, als ich thun würde, wenn ich bloß dem Antrieb meines Dämons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte, der, sobald er will, der artigste und wohlgezogenste aller Bocksfüßler ist.

Die Rede war von seinen Wolken, die er noch immer für sein bestes Werk hält, wiewohl die Athener geschmacklos oder launisch genug waren, ihm die Weinflasche des neunzigjährigen Kratinus vorzuziehen. Es versteht sich, daß ich ihm so viel Schmeichelhaftes über das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte, als nöthig seyn mag, um einen Autor in gute Laune zu setzen; und so entspann sich denn folgender Dialog zwischen uns.

Ich. Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen, so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stücke bei uns aus einer Hand in die andere; und – abgerechnet, daß unsre Schuhflicker, Sackträger[69] und Bootsknechte über Werke der Musenkunst keine Stimme haben, – wird das, was die Wolken zum schönsten deiner Stücke macht, schwerlich in einer griechischen Stadt mehr Beifall gefunden haben, als bei uns. Um so viel größer war die Verwunderung, da man hörte, die Athener, deren Urtheil in solchen Dingen im Auslande einem Götterspruch gleich ist, hätten ganz anders dar über erkannt; und da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter die stärksten Naturtriebe des Menschen gehört, so war und ist noch jetzt die gemeine Meinung bei uns, das Schicksal, das die Wolken zu zweien Malen betroffen haben soll, könne von keiner andern Ursache herrühren, als weil dem weisen Sokrates so übel darin mitgespielt wird.

Er. Die Cyrener schließen, wie ich sehe, von sich auf die Athener, und glauben, weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen, so müßten wir, seine Mitbürger, die das Glück haben, von dieser Sonne täglich angestrahlt zu werden, nothwendig um so viel größer von ihm denken. Dieß ist aber keineswegs der Fall, und würde es vermuthlich auch in Cyrene nicht seyn, wenn er euer Mitbürger wäre. Gesetzt aber, Sokrates gälte zu Athen wirklich für das, wofür ihn die von seinem Chärephon befragte Pythia erklärt haben soll, so kennst du die Athener noch wenig, wenn du nicht auf den ersten Blick siehst, daß ich ihm in diesem Falle keinen größern Dienst hätte erweisen können, als ihn dadurch, daß ihn dem öffentlichen Gelächter preisgab, vom Ostracism61 oder einem vielleicht noch härtern Schicksal zu retten. Denn daß wir keine gar zu rechtschaffnen, gar zu klugen, gar zu vorzüglichen[70] Leute unter uns dulden können, ist, sollt' ich denken, durch unser Ver fahren gegen einen Miltiades, Aristides, Themistokles, Cimon, Anaxagoras, Diagoras, und so manche andre, schon lange außer allen Zweifel gesetzt. Indessen fehlt viel, daß der Sohn des Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phänarete den Athenern in einem eben so glänzenden Licht erscheinen sollte als Ausländern, die ihn nur dem Namen und Rufe nach kennen. Wir, die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln sehen, und mit unsern Ohren reden hören, wir kennen der Ehrenmänner gar viele, die eben so barfuß und spärlich gekleidet gehen wie er, ihren Bart eben so selten dem Barbier untergeben, eben so schlecht essen und wohnen, sich eben so ehrbar und genügsam mit ihrer Xantippe behelfen, und den ganzen langen Tag eben so geläufig, und ungefähr eben so gescheidt und witzig, Moral und Politik sprechen wie er. Natürlich können also alle, die nicht zu seinen besondern Freunden gehören, außer seinem silenenmäßigen Kopf und Bauch (hinter welchen man eben nicht die höchste Weisheit zu suchen pflegt) nicht viel mehr an ihm sehen, als was er mit hundert und tausend andern gemein hat. Was ihn aber von andern unterscheidet, sein Blick und Gang und Tragen des Kopfs, wodurch er sich gleich beim ersten Anblick als einen Mann ankündigt, der nichts bedarf, nichts fürchtet, und seinen Werth nicht erst von andern zu erfahren braucht, ingleichen die ihm eigene Art von Ironie, die ihm seine Verehrer sogar zum besondern Verdienst anrechnen; das alles ist gerade das, was ihn dem großen Haufen seiner Mitbürger entweder lächerlich, oder gewissermaßen verhaßt und furchtbar macht. Denn wie gesagt, der Athener[71] kann nicht leiden, daß jemand durch seine eigene Größe über ihn hervorrage, und er duldet seine Obern nur deßwegen, weil er ihnen die Kothurnen, worin sie um so viel größer als er sind, selbst angeschnallt hat, und sie, sobald es ihm beliebt, wieder auf ihre eigenen Füße stellen kann. Du siehst also, daß die Ursache, warum die Wolken nicht so gut als ich billig erwarten konnte, aufgenommen wurden, nicht darin zu suchen ist, daß sie die öffentliche Meinung von dem Manne, der darin verspottet wird, gegen sich gehabt hätten: auch hat derjenige, der euch sagte, daß sie von den Zuschauern übel aufgenommen worden, die Sache sehr übertrieben. Ich müßte meine guten Kechenäer gröblich verleumden, wenn ich nicht bekennte, daß bei weitem der größere Theil über die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste Vergnügen äußerte; und ohne den Einfluß des Alcibiades, und die Furcht, in welche sein Anhang (ein Haufen handfester verwegner Gesellen) den friedeliebenden Theil der Zuschauer setzte, würde mein Stück wenigstens den zweiten Preis erhalten haben, da doch einmal der gutherzige Entschluß dem alten halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit für ehmalige Verdienste vor seinem Ende noch eine Freude zu machen, von den Meisten schon vorausgefaßt war, bevor sie noch beide Stücke gehört hatten.

Ich. Bei dieser Bewandtniß der Sache muß man sich um so mehr verwundern, daß die Wolken (wie man sagt) bei der zweiten Aufführung keinen bessern Erfolg hatten, als bei der ersten.

Er. Auch hierin hat euch die Sage falsch berichtet. Die Wolken sind nicht zweimal aufgeführt worden. Anfangs hatte[72] ich zwar den Vorsatz, mein Glück an den nächsten Dionysien noch einmal zu versuchen. Ich machte zu diesem Ende einige wenig bedeutende Veränderungen, und schrieb eine Anrede an die Zuschauer, wodurch ich diese zweite Vorstellung gegen das Schicksal der ersten sicher zu stellen hoffte. Aber bei kälterm Blute hielt ich für besser, dem Rathe meiner Freunde zu folgen, denen es zu viel gewagt schien, den jungen Alcibiades, der damals eben auf der höchsten Stufe der Volksgunst stand, so geflissentlich zum Kampf herauszufordern. Denn daß Alcibiades, der ohnehin sich alles zu erlauben gewohnt war, sich des feurigsten seiner Liebhaber mit verdoppeltem Eifer annehmen würde, war leicht genug vorherzusehen.

Ich. Seiner Liebhaber? – Du willst doch damit nichts sagen, was einen zweideutigen Schein auf die Sitten des weisen Sokrates werfen könnte?

Er. Ich weiß nicht wie ihr andern Cyrener diese Dinge nehmt; zu Athen weiß jedermann genau, was er dabei zu denken hat, wenn sich jemand öffentlich als der Liebhaber eines so schönen und liederlichen Jünglings beträgt, wie der Sohn des Klinias damals war.

Ich. Mich dünkt das Verhältniß des Sokrates zu dem Sohn des Klinias lasse sich auf eine ganz ungezwungene Art so erklären, daß seine Freundschaft für einen der Republik so wichtigen jungen Mann, und der moralische Zauber, wodurch er den hoffärtigsten, muthwilligsten und verwegensten aller Griechischen Jünglinge an sich zu fesseln wußte, ihm bei einem unbefangenen Richter vielmehr zum Verdienst als zum Vorwurf gereichen muß. Aber, wenn du (wie es scheint)[73] anders dachtest, wie kam es, daß du von diesem Umstande keinen Gebrauch in den Wolken machtest?

Er. Soll ich dir die reine Wahrheit gestehen? Ich wußte damals noch so wenig von dem ehrlichen Sokrates, daß mir sogar sein vertrauter Umgang mit dem jungen Alcibiades unbekannt war, bis mir der Fall meines Stücks Gelegenheit gab, gelehrter über diesen Punkt zu werden. Ich hatte ihn nur selten in der Nähe gesehen und nicht für bedeutend genug gehalten, ihm genauer nachzufragen; das meiste, was ich von ihm wußte, war von zufälligem Hörensagen. Aus seinem öftern Umgang mit den Sophisten, welche Perikles nach Athen gezogen hatte, schloß ich, daß er selbst von ihrer Kunst Profession mache. Ich glaubte damals wie viele andere, und glaub' es noch, daß diese kunstreichen Leute, die sich dafür ausgaben, daß sie Schwarz zu Weiß und Recht zu Unrecht machen könnten, einen schädlichen Einfluß auf unsre Jugend hätten, und also dem Staate selbst gefährlich wären. Nun gehört es, wie du weißt, zum Beruf eines Komödiendichters bei uns, Leute dieser Art dem Volke auf der Schaubühne in unsrer eignen Manier zu denunciren; und ich für meinen Theil hatte mir, von der Zeit an da ich mich der komischen Muse widmete, zu meinem besondern Zweck vorgesetzt, meinen Stücken eine politische Richtung auf die Verwaltung und den Zustand der Republik überhaupt zu geben, und mich dadurch von meinen Vorgängern zu unterscheiden, die ihren stolzesten Wunsch erfüllt sahen, wenn ihnen ein wieherndes Gelächter aus allen Bänken des Theaters entgegen schallte, und die ihre Pritschenhiebe den einzelnen Personen, denen sie zum Spaß[74] oder aus bösem Willen zu Leibe wollten, nur im Vorbeigehen auszutheilen pflegten. In der That war ich der erste, der den Muth hatte, nicht nur einen Mann des Volks, wie Kleon, in Person auf die Bühne zu stellen, und ohne alle Schonung und Barmherzigkeit zu behandeln, sondern sogar den Heliasten62, dem Senat, den Prytanen63, ja dem souveränen Volke selbst die derbesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Ich hatte dieß in den Rittern so weit getrieben, daß es mir aus mehr als Einem Grunde rathsam schien, in meinem nächsten Stücke einen andern Weg einzuschlagen, meine Geißel gegen eine andere, für mich weniger gefährliche Gattung von Menschen zu führen, und aus dem häuslichen Leben einen Stoff zu wählen, der mir Gelegenheit gäbe, die Nachtheile der neumodischen Erziehung und den verderblichen Einfluß der Sophisten auf die Denkart und Sitten der Alten und Jungen in Athen nach meiner Weise darzustellen. Dieß, Aristipp, war's im Grunde, was ich mit den Wolken beabsichtigte, und wer sie für eine Personalsatyre auf den guten Sokrates ansieht, hat meine Meinung und Absicht ganz unrecht gefaßt. Ich kannte den Mann, wie gesagt, zu wenig dazu, und er war keine so wichtige Person in meinen Augen, daß ich für nöthig gehalten hätte, nun auch an ihm zu thun, was ich ein Jahr zuvor an Kleon gethan hatte. Auch sollt' es, denke ich, aus der ganzen Anlage des Stücks in die Augen fallen, daß es mit der komischen Person, der ich seinen Namen gab, bloß darauf abgesehen war, aus den stärksten Charakterzügen eines abgeschmackten Pedanten, eines sophistischen Taschenspielers, und eines armen Schluckers, ein Zerrbild[75] zusammenzusetzen, womit ich die ganze löbliche Sophisten-In nung der unverdienten Achtung, worin sie bei den Unwissenden steht, verlustig machen könnte. Uebrigens läugne ich nicht, daß die Verachtung, welche Sokrates (wie mir gesagt wurde) bei allen Anlässen gegen die neuern Komödiendichter und ihre Werke äußerte, natürlicherweise mit ins Spiel kam, und daß ich es für meine Schuldigkeit hielt, ihm bei dieser Gelegenheit im Namen der ganzen Brüderschaft unsre Dankbarkeit zu beweisen.

Ich. Bei dem allen kann ich – verzeihe meiner Freimüthigkeit! – nicht anders als beklagen, daß, da es dir nur um ein Zerrbild zu thun war, gerade ein so tugendhafter und ehrwürdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf dazu hergeben mußte.

Er. Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen lindern, die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mögen. Ich finde sehr natürlich, daß dir Sokrates, den du erst in seinem sechs oder siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast, so ehrwürdig vorkommt. Aber bedenke, daß er seit der Zeit, da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische Bühne zu stellen, um ganze zweiundzwanzig Jahre älter, weiser und respektabler geworden ist. Man hält einem alten Manne manches zu gut, was man ihm vor zwanzig Jahren nicht zu übersehen schuldig war. Damals war man manches noch nicht an ihm gewohnt, und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt. Er trug z.B. die Nase immer höher als andere, schaute über die Leute weg ins Blaue hinaus, beunruhigte jeden, der ihm in[76] den Wurf kam, durch unerwartete kleine Fragen, und wenn sich einer in den Antworten, die er ihm treuherzig gab, zuletzt so verfangen hatte daß er sich nicht mehr zu helfen wußte, ging er lachend davon.

Ich. Das that er, um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen Jüngling zum Gefühl seiner Unwissenheit zu bringen. Ich weiß daß ihm dieses Mittel bei verschiedenen gelungen ist. Der schöne Euthydem64 z.B., den er dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte, ist jetzt einer seiner eifrigsten und lehrbegierigsten Anhänger.

Er. Das mag seyn. Aber dafür gibt es Hundert gegen Einen, denen diese neue Methode, die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen, nicht ansteht; und ich finde nichts natürlicher, als daß sie ihm den Ruf eines spitzfindigen, einbildischen, streitsüchtigen und beschwerlichen Menschen zuzog. Dazu kam denn noch, daß sein Aeußerliches und der kurze, öfters ziemlich schmutzige Mantel, der gewöhnlich seine ganze Garderobe ausmachte, wenig dazu beitragen konnte, denen die ihn nicht genauer kannten eine große Ehrfurcht für seine Person einzuflößen. Mit Einem Wort, er gab den Spöttern und Lachern, und das ist so viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochthonen65, zu vielerlei Blößen, als daß wir Komiker seiner hätten schonen dürfen; und du wirst mir daher auch keinen meiner Kunstverwandten nennen können, der sich nicht bei jeder Gelegenheit, mehr oder weniger, über ihn lustig gemacht hätte.

Ich (lachend). Ihr seyd in der That gefährliche Leute;[77] da ein Sokrates nicht sicher vor euch war, wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen?

Er. Das soll auch niemand hoffen. Man hört wohl, daß du ein Ausländer bist, Aristipp: du nimmst die Sache gar zu tragisch. Bei uns lachen die Getroffenen oft am lautesten; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein; ja, ich versichre dich, Hyperbolus und seines gleichen wußten es uns sogar Dank, daß wir ihnen eine Art von Celebrität verschafften, und bei unsern Matrosen, Abladern, Sackträgern, Wurstmachern und Salzfischhändlern die Meinung erregten, als ob sie Leute von Bedeutung wären, da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr, die gemeiniglich nur einem Perikles, Lamachus, Kleon, Nicias, Alcibiades und andern dieses Schlages erwiesen wurde. Ihr andern Fremden könnt euch nicht vorstellen, wie wenig die Satyre bei uns einem Manne, der nicht ohne allen Werth ist, Schaden thut; besonders hat unser Volk seine Freude daran, wenn seinen Günstlingen recht übel von den Komikern mitgespielt wird. Es ist ihnen gesund, denkt mein grillenhafter, griesgrämischer, kindischer alter Kauz von Demos66, es ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geißel immer über ihrem Rücken schweben sehen; und hab' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschädigen, wenn ihnen zu viel geschieht. So wurde z.B. der berüchtigte Kleon, bald darauf nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhörte Art mißhandelt hatten, zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwählt: und bedarf es wohl eines stärkern Beweises, wie unschädlich das Salz ist, womit wir unsre Mitbürger zu ihrem eigenen und dem gemeinen[78] Besten reiben, als daß Sokrates seit mehr als fünf Olympiaden ungestört sein Wesen unter uns treibt, und an Ansehn und Ruhm zu Athen, und allenthalben wo unsre Sprache gesprochen wird, von Jahr zu Jahr zugenommen hat? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen könnte, immer bleibt gewiß, daß die Wolken keine Schuld daran haben67, da ihm in einer so langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrümmt wurde.

Ich. Und was könnte denn dem besten aller Menschen, die ich kenne, noch Uebels begegnen? Wohin müßte es mit euch Athenern gekommen seyn, wenn das untadeligste Leben, die reinste Tugend, und die größten Verdienste um seine Mitbürger einem Manne von seinen Jahren kein ruhiges und glückliches Ende zusicherten?

Er. Mein guter Aristipp, Unschuld, Tugend und Verdienste schützen weder zu Athen noch irgendwo vor dem Hasse der Bösen, dem guten Willen der Thoren, und den Gruben, in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen macht. Ueberdieß denken nicht alle Athener so günstig von ihm wie du. Sokrates lebt, spricht, und beträgt sich in allem wie ein freier, aber nicht immer wie ein kluger Mann. Er hat sich durch seine Freimüthigkeit Feinde gemacht; er verachtet sie, und geht ruhig seinen Weg. Ich bin keiner von seinen Feinden; aber wenn ich einer seiner Freunde wäre, so würde ich ihn bitten auf seiner Hut zu seyn.

Diese Rede machte mich stutzen, wie du denken kannst: aber ich konnte meinen Mann nicht dahin bringen sich näher zu erklären; er wich mir immer durch allgemeine Formeln[79] aus, und ein Dritter und Vierter, die sich zu uns gesellten, lenkten das Gespräch auf andere Gegenstände.

Wie ich den Sokrates kenne, würde es zu nichts helfen, wenn ich ihm etwas von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker, den er weder liebt noch achtet, mittheilen wollte; und über eine Bitte, auf seiner Hut zu seyn, würde er lachen. Niemand weiß besser als er selbst, wie unzuverlässig die Gemüthsart der Athener ist, und daß es unter seinen Mitbürgern Leute gibt, die ihm übel wollen, wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann: Sokrates hat mir jemals Unrecht gethan. Er weiß daß er Feinde hat: aber (wie der Komiker sagte) er verachtet sie und geht seinen Weg. Ich erinnere mich, daß einst in einem kleinen vertrauten Kreise der unerschütterlichen Festigkeit erwähnt wurde, womit Sokrates, als damaliger Vorsteher der Prytanen68, sich der Wuth des Volks, bei dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen, entgegen gestellt hatte. Das Gespräch fiel unvermerkt auf die Unmöglichkeit, daß ein Staatsbeamter in einer Demokratie, bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf seiner Pflicht, dem Haß und der Verfolgung, die er sich dadurch zuzöge, nicht in kurzer Zeit unterliegen sollte. Es ist traurig, sagte Kriton, sich gegen seinen alten Freund wendend, sich's nur als möglich zu denken, daß ein rechtschaffner Mann, gerade deßwegen, weil er rechtschaffen ist, Feinde haben soll. Da es nun aber nicht anders ist, versetzte Sokrates, was soll es uns kümmern? Das ärgste, das sie uns zufügen können, ist doch nur, daß sie uns dahin versetzen, wo wir nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden.[80]

Gestehe, Kleonidas, Sokrates ist ein herrlicher Mann! Ich fühle dieß zuweilen so lebhaft, daß ich – Sokrates seyn möchte, wenn mir's möglich wäre etwas anders zu seyn als dein Aristipp.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 66-81.
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